Destroyer Bayern, whose deployment to monitor the UN embargo in the Adriatic Sea in 1992 triggered the constitutional complaint, the clarification of which has been the basis for the Bundeswehr's foreign deployments since 1994. (Source: Bundeswehr)

Destroyer Bayern, whose deployment to monitor the UN embargo in the Adriatic Sea in 1992 triggered the constitutional complaint, the clarification of which has been the basis for the Bundeswehr's foreign deployments since 1994. (Source: Bundeswehr)

Know thyself, German Navy!

There is no continuous and complete record of events in the navy. However, generational exchange and historical awareness form the foundation of our navy's resilience and ability to act.

Was als Aufruf zur Selbstreflexion und persönlichen Weiterentwicklung im persönlichen Leben gilt, gilt auch für die Marine: Erkenne Dich selbst! Mach‘ Dir ein Bild davon, was Dich ausmacht, was Deine Stärken und Schwächen sind, was Deine Geschichte Dir über Dich sagt. Dabei ist es nicht unbedingt ratsam – oder ein gutes Zeichen, wenn Selbstreflexion zu Selbstgesprächen führt. Für die Marine heißt das dennoch, dass sie nicht nur mit anderen in Dialog treten soll, sondern auch mit sich und ihrer eigenen Geschichte. Konkret geht es darum, [ds_preview]dass die Marine besser darin werden muss, ihre eigene Geschichte zu kennen und das Gespräch zwischen den Menschen zu fördern, die sie prägen, geprägt haben und prägen werden.

Es geht dabei um mehr als die Bewahrung des Erinnerungsschatzes, der gut verborgen in Aktenschränken und vor allem in den Erfahrungen und im persönlichen Fundus vieler Kameraden schlummert. Ziel ist ein echter, lebendiger Dialog, der Geschichte nicht vorrangig für Akademiker, sondern für Anwender greifbar macht. Das, was es braucht ist also eine Ausweitung des Gedankens der Historisch-Taktischen Tagung (HiTaTa), die einen echten Generationenaustausch und praktische Relevanz im Sinn hat. Denn jenseits dieses jährlichen „Klassentreffens“ der Marine(offiziere) ist die Marine bisher nicht sonderlich gut darin gewesen, ihre Erfahrungsschätze zugänglich zu machen.

Fregatte Bayern, 2002 als Flaggschiff der Deutschen Beteiligung an der Operation Enduring Freedom zur Terrorismusbekämpfung am Horn von Afrika. Die Besatzung kehrte damals erst nach 10 Monaten Abwesenheit nach Wilhelmshaven zurück.(Quelle: Bundeswehr)

Fregatte Bayern, 2002 als Flaggschiff der Deutschen Beteiligung an der Operation Enduring Freedom zur Terrorismusbekämpfung am Horn von Afrika. Die Besatzung kehrte damals erst nach 10 Monaten Abwesenheit nach Wilhelmshaven zurück.(Quelle: Bundeswehr)

Die Verschlossenheit im Umgang mit den eigenen Erfahrungen gilt, einzelne sehr lobenswerte Ausnahmen ausgenommen, viel zu oft auch für die Menschen in der Marine. Veröffentlichte Erinnerungen sind viel zu selten – und dann in aller Regel auf die wenigen Memoiren von Admirälen beschränkt. So hat es die erste Generation nach Gründung der Nachkriegsmarine immerhin gut begonnen: Die Admirale Friedrich Ruge, erster Inspekteur, und Rolf Johannesson, erster Befehlshaber der Flotte, haben beide äußerst lesenswerte Autobiographien vorgelegt. Allerdings muss man dann auch schon sehr aufmerksam suchen, um die weitere Entwicklung der Marine anhand von Lebenserfahrungen nachvollziehen zu können. Das marineforum kann hier zumindest etwas Abhilfe schaffen. Unter seinen Artikeln finden sich auch einige, auf spezielle Missionen ausgerichtete Erfahrungsberichte.

Ob in Buchform oder mit den heutigen Möglichkeiten als Online-Videoclips, Podcasts oder kurze Blog-Beiträge verfasst: Persönliche Marineerinnerungen sind schlicht zu selten. Wie wertvoll sie sein können, zeigen auch die in jüngerer Zeit veröffentlichten Memoiren der pensionierten Admirale Viktor Toyka und Dieter „Blue“ Braun. Letzterer ist leider schon verstorben. Umso wichtiger ist es für die nächsten Generationen, dass er sich vorher die Mühe gemacht hat, seine Erfahrungen niederzuschreiben. Dabei wird das vermittelte Bild auch dadurch reicher, dass es vermeintlich alltägliche Details oder Dinge enthält. Von den Herausforderungen bei der Führung eines Kriegsschiffes über die Vereinbarung von Familie und Dienst bis hin zu schwierigen Entscheidungen und Rückschlägen auf dem eigenen Lebensweg findet sich vieles, was sich zu lesen lohnt.

Was für die persönlichen Erfahrungen gilt, gilt auch für die Institution Marine: Es gibt kein einfach online zugängliches Archiv der wichtigsten Quellen zur Geschichte der Marine der Bundesrepublik Deutschland. Dabei muss vieles nur aus den jeweiligen Verstecken gezogen werden und möglichst einfach nach modernsten Methoden durchsuchbar und einsehbar gemacht werden. Alte Organigramme der Marine, Budgets, Truppenstärken, Schiffslisten, Meinungsumfragen, Berichte zu Einsätzen und Manövern, alle Vorträge der bisherigen HiTaTas, Denkschriften und Reden der früheren Inspekteure, Befehlshaber und Kommandeure ließen sich wahrscheinlich leicht gesammelt bereitstellen, wenn bisher separat und in Eigenregie gefahrene Datensammlungen in Dienststellen daraufhin durchforstet würden. Diese Dinge waren alle irgendwann einmal öffentlich und unterliegen keinen Einstufungen. Bisweilen sind sie sogar schon digital verfügbar.

Besser ist da immerhin das Archiv des Bundestags und die Bundesregierung. Beide stellen gut nach Themen und Zeitfenstern durchsuchbare Datenbanken im Netz zur Verfügung. Wenn man weiß, wonach man sucht, finden sich die Reden von Bundesministern, mehr als 30 Jahre alte Kabinettsprotokolle, Presseerklärungen und die kompletten Bundestagsdebatten online. Auch die Mandatstexte zu den Missionen der Marine, seit es dazu Bundestagsmandate gibt, sind dort abrufbar. Aber auch hier wäre es von Wert, diese Dinge unter dem Schwerpunkt Marine besonders zu erfassen und übersichtlich verfügbar zu machen. Während beispielsweise die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) immer wieder mal Listen mit relevanten Mandaten Deutschlands, der EU und UN zu Einsätzen der Bundeswehr erstellte, gibt es so etwas nicht umfassend für vergangene und gegenwärtige Einsätze der Marine.
Es hilft dabei auch nicht, dass die Internetseiten des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) zu den Einsätzen der Bundeswehr in den letzten Jahren zwar besser wurden, bisher aber leider wenig Kontinuität und Tiefe boten. Speziell für die Marine stellt sich zusätzlich als Problem dar, dass in der sehr am Heer ausgerichteten Bundeswehr oftmals die Einsätze der Marine vergessen werden. Als Beispiel dienen hier die regelmäßig durch das BMVg ausgeführten Antworten der Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen: Ohne erkennbares Muster fehlen immer wieder frühere Einsätze der Marine, wenn es um Personalzahlen, Einsatzmedaillen oder Kosten der Einsätze geht. Die Operation Südflanke von 1991, erster Auslandseinsatz der Bundeswehr überhaupt, ist als „Einsatz ohne Einsatzstatus“ (s. MF 9-2021) in dieser Hinsicht ein ganz eigenes Thema.

Als Inspiration und Partner für eine marinespezifische Wissens- und Erfahrungssammlung im Netz könnten die Onlinepräsenz des marineforums und des Blogs MeerVerstehen des Deutschen Maritimen Instituts dienen. Beide sind miteinander vernetzt, zeitgemäß und attraktiv gestaltet und bieten gut recherchierbare Beiträge jüngeren Datums. Außerdem können hier Kameradinnen und Kameraden Kommentare hinterlassen, was zusätzliche Möglichkeiten des Austauschs und Bewahrens von Erfahrungsschätzen eröffnet. Hier könnten sich auch recht einfach diejenigen eine Leserschaft erschließen und ihre Erkenntnisse teilen, denen eine Autobiografie in Buchform vielleicht als noch zu frühes oder zu umfangreiches Projekt erscheint. Analog zu den wertvollen Erfahrungsberichten aus einzelnen Missionen oder Aufgabenbereichen der Marine, die im marineforum immer wieder erscheinen, könnten hier auch noch mehr Erinnerungen persönlicher Art ihren Platz finden. Allerdings fehlen auch hier die Schätze an Quellenmaterial, die vor allem die Marine selbst bereitstellen kann. Dabei wäre auch ein Bereich für in persönlichem Besitz befindliche alte Originalquellen ein riesiger Gewinn: Denn wo finden sich heute im Netz die alten Papiere, die mal zu Sinn und Zukunft unserer Marine, oder zu den unterschiedlichsten Aspekten des Dienstes verfasst worden sind? Vieles an hilfreichem Wissen ist zwar offen, aber eben nicht allgemein zugänglich, und anderes kann nach vielen Jahren freigegeben werden.

Speziell wenn es um die Aufarbeitung und Sammlung der Erfahrungen der Auslandseinsätze geht, darf sich die Marine offensichtlich nicht einfach auf andere verlassen. So enthält zum Beispiel das 2021 erschienene monumentale Werk „Einsatz ohne Krieg?“ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), das sich zum Ziel gesetzt hatte, dreißig Jahre Auslandseinsätze seit 1990 in Analysen und persönlichen Erfahrungen abzudecken, keinen einzigen Beitrag zur Marine! Und das, obwohl die Marine 1991 mit dem Minenräumverband Südflanke den ersten dieser Einsätze geleistet hat und seitdem überproportional stark in Auslandseinsätzen vertreten war. Das Buch beschäftigt sich überwiegend mit Afghanistan und dem Kampf gegen den Terror, vergisst aber, dass schon im ersten Mandat der Operation Enduring Freedom vom 7. November 2001 von den 3900 eingesetzten Bundeswehrsoldaten 1800 in Marineuniform am Horn von Afrika patrouillierten. Das Heer stellte damals rund 1350 Soldaten des Gesamtkontingents, davon auch nur 100 als Kampftruppe im engeren Sinne. Dennoch dreht sich die Wahrnehmung der Historiker und breiteren Öffentlichkeit sehr viel stärker um Afghanistan. Zwar ist dies aufgrund der Opferzahlen nachvollziehbar, hilft der Marine aber nicht, wertvolle Lehren und eine Selbsterkenntnis aus den eigenen Einsätzen zu ziehen.

In der Marine braucht es das Wissen um die Vergangenheit, damit die Ungewissheiten der Zukunft möglichst gut angegangen werden können. Die Technik verändert sich zwar, aber die Ängste der Kameradinnen und Kameraden, der Handlungsdruck, die Unübersichtlichkeit, die hohe Verantwortung und die potenziell gravierenden Folgen des eigenen Handelns bleiben. Gute Führung dreht sich um Menschen, und man lernt sie mit und von Menschen. Dabei sind, wie schon Winston Churchill wusste, Bücher und das geschriebene Wort ein sehr einfacher Weg, mit Menschen „ins Gespräch zu kommen“, mit denen man anderweitig kein Wort wechseln könnte. Sei es der alte Thukydides vor 2500 Jahren oder der 2014 verstorbene Admiral Braun: In jedem Fall würde ein heutiger Marineangehöriger von einem Gespräch mit ihnen – oder Herrn Churchill – immens profitieren.

Es sind aber nicht nur Bücher, die diesen generationenübergreifenden Erfahrungsschatz zugänglich machen. Warum denkt man nicht auch mal in andereRichtungen und lässt sich von der HiTaTa inspirieren? Den auf Relevanz in der Gegenwart ausgerichteten Redebeiträgen jüngerer Offiziere gehen dabei Mentorenbegleitung, umfangreiche Recherchen und Gespräche mit älteren Kameraden voraus. Dies könnte man als Vorbild nehmen und die jüngere Generation einladen, mit ihren Vorgängern in Form von aufgezeichneten Interviews ins Gespräch zu kommen. Ein junger Boardingoffizier von heute könnte beispielsweise vor laufender Kamera oder als Tonmitschnitt einen der ersten Embargo Control and Liaison Officers aus dem Adria-Einsatz der Marine zu Beginn der 1990er-Jahre interviewen. Oder ein U-Bootkommandant von heute einen seiner Vorgänger, der in der Ostsee im Kalten Krieg im Einsatz war.

Die Idee eines aufgezeichneten Generationenaustauschs könnte auch größer gedacht werden: Eine Besatzung der heutigen Fregatte Bayern könnte Gespräche mit ihren Pendants der alten Bayern führen. Der Zerstörer war 1992 das erste deutsche Schiff im Embargoüberwachungseinsatz in der Adria und Mitauslöser der Verfassungsklage, deren Klärung bis heute Rechtsgrundlage unserer Auslandseinsätze ist. Die Netzwerke sind vorhanden, die alten Kameraden gibt es noch und sie teilen ihre Erfahrungen meist großzügig! Außerdem wären solche aufgezeichneten Gespräche auch dauerhaft der Flotte, der Wissenschaft und einer breiteren Öffentlichkeit verfügbar. Mit dem Marinemuseum in Wilhelmshaven und den Marinehistorikern des ZMSBw hat die Marine auch erstklassige Partner, die bei der Umsetzung unterstützen können. Den Rahmen für so ein langfristiges Projekt kann die Marine selbst bieten, aber auch das DMI oder das Marinemuseum – am besten alle gemeinsam!

Menschen profitieren davon, die Geschichten ihrer Großeltern zu kennen, die Erzählungen, die ihre Familie prägen. Ebenso profitierten heutige Marineangehörige davon, die Geschichten zu kennen, die ihre Vorgänger erlebten. Dabei muss die Rückschau keine „Heldengeschichte“ sein, denn auch die Momente der Sorge, der Angst und die Fehler, machen ihren Wert aus. So wie Selbsterkenntnis die Handlungsfähigkeit und Resilienz von Menschen stärkt, fördert sie dies auch für die Marine.

„Aus dieser Zeit haben nicht nur die Admiräle und ihre Offiziere spannendes zu berichten.“

Kapitänleutnant Moritz Brake ist Jugendoffizier und Doktorand am Department of War Studies am King’s College London.

Moritz Brake

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