ALLIED COMMAND TRANSFORFORMATION (ACT) Impulsgeber und Brücke für zukünftige Fähigkeitsentwicklungen von NATO und Bundeswehr k c i d e r B : o t o F Die Marine-Offizier-Vereinigung e.V. und die Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V. konnten zu diesem Thema im Rahmen der Wintervor- träge im Waldhotel Rheinbach einen beson- ders prominenten Redner gewinnen. Admiral aD Manfred Nielson war bis vor wenigen Monaten der erste deutsche Flaggoffizier, dem die Aufgabe als Stellvertreter ACT übertragen wurde. Insgesamt verfügt ACT über 1.150 Dienstposten, von denen etwa die Hälfte in Europa (Brüssel/Mons, Bidgosz, Stavanger und Lissabon) angesiedelt sind. Admiral Nielson stellte zunächst die Struktur des Kommandos dar, um über die Bewertung der weltweiten Sicherheitslage Aufgaben und Ziele des ACT mit entsprechenden Schwer- punktsetzungen zu verdeutlichen. Der zweite Teil des Vortrages befasste sich mit der Qualität der transatlantischen Zusammenarbeit, insbe- sondere auch mit der Frage, wie die Amerikaner die Deutschen sehen. Admiral Nielson wies zunächst darauf hin, dass sich der Auftrag des ATC von Grund auf ändert. Das ACT wird zukünftig die „Entwick- lungsabteilung der NATO“. Derzeit wird dazu mit Hochdruck an der Erstellung eines NATO Warfare Capstone Concept (NWCC) gearbeitet. ACT wird dann die Verantwortung für alle NATO owned Capabilities übernehmen. Mit Blick auf die derzeitigen Konflikte, Bedro- hungsszenarien und auf die Herausforderungen der Zukunft stellte Admiral Nielson fest, dass die politischen Antworten vielfach fehlen. Weder die UN, noch die NATO oder EU und erst recht nicht unser Land hätten Strategien entwickelt und dies würde sich vermutlich zukünftig kaum ändern. Der demographische Wandel, Digitalisierung, Drohnen, neue Tech- nologien, Klimawandel und Migrationsströme fordern bereits heute unsere Aufmerksamkeit weit mehr, als militärische Bedrohungen. Hier setzt das ACT an. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt auf der Analyse und dem Ver- stehen von Trends und wie diese für die Streit- kräfte genutzt werden können. ACT schlägt dazu Brücken gerade in die Indus- trie, um die richtigen Fähigkeiten schneller als bislang verfügbar zu haben. Nielson.: „Wenn wir in der Vergangenheit über militärische Fähigkeiten gesprochen haben, meinten wir de facto die Plattformen Panzer, Flugzeuge und Schiffe. Vielfach waren wir gefangen im Nachfolgeden- ken. Es ging um das höher, weiter und schneller. Und es gehört auch zur Wahrheit, dass wir uns nicht darauf konzentriert haben, Bedarfe zu be- schreiben. Nein, wir haben gleich die Lösungen bis ins Detail mit auf den Tisch gelegt. Und wir haben exakt das bekommen, was wir bestellt hatten. Über alternative Lösungen wurde in der abge- schotteten Community nicht ernsthaft nach- gedacht. Aber die Zeiten haben sich geändert. Es ist Un- sinn zu glauben, präzise vorhersagen zu können, wie die Welt und speziell Panzer, Flugzeuge und Schiffe in 30 Jahren aussehen und was sie zu leisten imstande sein müssen. Viele Nationen haben dies in der Vergangenheit versucht und sind gescheitert…. Admiral aD Manfred Nielson und Vizeadmiral aD Wolfgang Nolting Um nicht missverstanden zu werden: Ich sage nicht, wir brauchen keine Panzer, Flugzeuge oder Schiffe mehr. Richtig ist, viele originär militärische Entwick- lungen im vergangenen Jahrhundert haben anschließend Eingang in eine zivile Nutzung gefunden (Luftfahrt, Computer etc.) Dies hat sich aber vielfach ins Gegenteil ver- kehrt. Die Trendsetter von heute und morgen sind Amazon, Alphabet, Google, Microsoft, Start-ups und viele andere mehr. Aber militä- risch nutzen wir die sich aus einer Zusammen- arbeit bietenden Chancen nur zögerlich. Und aus Unkenntnis sieht die kommerzielle Industrie Streitkräfte vielfach nicht als mögliche Kunden.“ Am Ende des ersten Teils stellt Admiral Nielson fest, dass seit Gründung der NATO vor rund 70 Jahren die technologische Überlegenheit maß- gebliches Fundament für die militärische Stärke der Allianz war: „Wenn dies auch zukünftig der Anspruch ist, heißt die simple Formel: Wir müssen mit dem vorhandenen Ist in den aktuellen Einsätzen bestehen und zugleich wil- lens sein, neue innovative Wege zu beschreiten. (to operate and adapt at the same time).“ Der zweite Teil des Vortrages war für die Zuhörer mindestens von gleichem Interesse wie der erste Teil, vielleicht sogar für einige Zuhörer ausschlag- gebender Grund für den Besuch der Veranstal- tung. Wann hat man schon Gelegenheit, zu den transatlantischen Beziehungen von der obersten militärischen Führung im Bündnis zu hören. Ad- miral Nielson zeichnete zunächst ein positives Bild des Blickes der amerikanischen Staatsbürger auf Deutschland und die Deutschen: • „Als Deutscher genießt man unvermindert große Sympathie und Wertschätzung. Unser Land wird in vielfältiger Weise bewundert. (Verkehrsinfrastruktur, Autobahnen, Land- schaften, Kultur und Essen). • Der deutsche Ingenieur hat einen unglaubli- chen Status. Aber: Berlin International, Stutt- gart 21, Elbphilharmonie, Dieselaffäre, Flug- bereitschaft. Was wird aus Made in Germany? • Exzellente Zusammenarbeit auf militärischer Ebene. Amerikaner schätzen deutsche Solda- ten und deren Standards. (Fregatte Hessen, Spezialkräfte, etc.) • Dass wir Deutsche anders und bisweilen widersprüchlich sind, akzeptieren viele Ame- rikaner. Dass sechs Ameisenhaufen aber bedeutsamer sein könnten als 10.000 neue Jobs, wäre aber eine neue Dimension. Gott sei Dank darf Tesla bauen.“ Leider – so Admiral Nielson – ist das Bild der Deutschen auf die USA in der Öffentlichkeit na- hezu ausschließlich mit der Person des derzeiti- gen Präsidenten verknüpft. Dabei wird häufig in den Vordergrund gestellt, wie Trump agiert. Vor Jahren hat ein USA-Kenner dem Redakteur ge- raten, die USA nicht stets auf Präsident George Busch jr. zu reduzieren. Die meisten Deutschen würden auch nicht gerne mit Helmut Kohl ver- glichen. Ähnlich stellte Admiral Nielson diese Einstellung dar und verwies zugleich darauf, dass heute wie morgen die transatlantischen Beziehungen das Rückgrat für unsere Sicherheit sind und bleiben: „Ich würde mir wirklich wünschen, dass das po- litische Deutschland bisweilen die Unverzicht- barkeit eines engen transatlantischen Bandes herausstellt und würdigt. Und dies losgelöst vom persönlichen Verhältnis von Kanzlerin und Präsident. Denn bei all seiner Widersprüchlich- keit hat Trump auch einiges positiv bewegt.“ Nielson weiter: „Es gibt sichtbare Unterschiede zwischen populistischen Ankündigungen und realer Politik (JFC Norfolk, Brig in Osteuropa, Defender Europe 2020). Die USA sehen ACT als Link zu Europa.“ Abschließend stellte Admiral Nielson fest: „Die USA sind wirtschaftlich, politisch und technologisch so stark, dass wir uns eine Ab- kopplung nicht leisten können. Wir brauchen sie auch weiterhin dringend militärisch in Europa.“ Die etwas über 100 Teilnehmer der Veranstal- tung, davon ca. 15 angehende Bundespolizis- ten, „klebten Admiral Nielson an den Lippen“ und spendeten begeistert Beifall. Die anschlie- ßende Diskussion war entsprechend angeregt und musste aus Zeitgründen nach ca. 30 Mi- nuten beendet werden bzw. wurde an der Bar fortgesetzt. Die Redaktion ist sicher, dass dies nicht der letzte Vortrag Admiral Nielsons zu diesem Thema war und dass unsere Regional- beauftragten nunmehr „alarmiert“ sind. Der Vorsitzende der Marine-Offizier-Vereinigung, Vizeadmiral a.D. Nolting dankte Admiral a.D. Nielson und überreichte einen guten Tropfen, den der Pensionär ja nun annehmen darf. Ottmar Becher MarineForum-Nachrichten 4-2020 · 33