Bücher Wilfried Krusekopf: Segeln in Gezeitenge- wässern. Theorie und Praxis der Tiden- navigation, Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2017, 16,90 Euro, ISBN 978-3-667-10912-5 Springzeit, bas- se mer, seconda- ry port: Begriffe wie böhmische Dörfer für Ost- seesegler, die schon den An- stieg um ei- nen halben Me- ter als kleines H o c h w a s s e r empfinden und das bescheide- ne Grundlagen- wissen eines Segelscheins ge- danklich tief vergraben haben. Zu abwegig die Vorstellung eines Tidenhubs von drei Metern bei Helgoland, sechs Metern bei Brest oder zwölf Metern bei St. Malo. Was für Nordsee- Kanal- oder Biskayaseg- ler Normalzustand ist, erschließt sich interes- sierten tidenunerfahrenen Seglern mühsam beim Studium von Gezeitentafeln, Admirality Tide Tables, Bloc Marine oder Reeds Nautical Almanac, alles professionell, aber keine leichte Kost, von eventuellen Sprachbarrieren sogar noch abgesehen. Den Schritt in diese „neue“ Welt möchte der Autor erleichtern. Seine Qua- lifikation: Hochseesegler, Mathematikpädago- ge und Bretagne-Kenner. Mit im Vergleich zur zahlreich vorhandenen Fachliteratur erfrischen- der Leichtigkeit erläutert er physikalische Zu- sammenhänge, erklärt die in mehreren Spra- chen vorliegenden Informationsquellen und vier verschiedene Methoden zur Gezeitenbe- stimmung. Nur kurz geht er auf die elektronisch bereit- gestellten Informationen auf PC oder Smart- phone-App und die Risiken ihrer Verfügbarkeit ein, mehr wäre auch mit dem Hintergrundwis- sen dieses Buches überflüssig. Ausführliches Praxiswissen vermitteln Kapitel zur Tidennavi- gation in der Segelpraxis, zu Navigation in Ge- zeitenströmen, zum Trockenfallen, und ganz besonders die abschließenden Törnplanungs- hilfen für größere Reisen durch Gezeitengewäs- ser von Deutschland in den Atlantik. Für navigatorisch interessierte Wassersportler und den Nautik-Unterricht in der Marine eine vorzügliche Hilfe! Dieter Koppenhagen Hans Joachim Koerver (Hrsg.): Deutscher Ubootkrieg 1914–1918 in Zeitzeugenbe- richten, Edition Riviere, Eschweiler 2018, 68,50 Euro, ISBN 978-3-947615-00-1 Aus den Tiefen hundertjähriger Vergangenheit dringen Stimmen der Erinnerung an eine konflikt- und schlachtenreiche Zeit empor. Sie berichten 50 von jenem Gefechtsraum, der dem bloßen Au- ge gern verborgen blieb, weil er sich weit unter der Meeresoberfläche befand, im schier gren- zenlosen Weit der Ozeane, selbst doch so klar definiert und räumlich begrenzt. Gemeint sind jene U-Boote, die zwischen 1906 und 1918 mit unterschiedlichen Missionen versehen deutsche Interessen verfolgten und bewaffnete Ausei- nandersetzungen maßgeblich mit beeinflussten. Ihnen verleiht Hans Joachim Koerver ein sehr er- fahrungsreiches und authentisches Bild, indem er in seinem Sachbuch zahlreiche Zeitzeugenbe- richte zusammengetragen hat, die einen multi- perspektivischen Blick auf die Ereignisse an Bord eröffnen. Strukturell gliedert sich das Werk dabei in sechs Kapitel mit jeweils passend dazu ausge- wählten Dokumenten. Nach einer Einführung über die deutschen U- Boote zwischen 1906 und 1914, deren Funktion und Hierarchien, geht es um den Handelskrieg mit U-Booten von 1915 bis 1916, um, daran an- knüpfend, technische sowie alltägliche Beson- derheiten der Lebensumstände und Arbeitsbe- dingungen an Bord aufzuzeigen und so auch sehr persönli- che Einblicke zu gewähren. Es folgen Berich- te über den un- eingeschränk- ten U-Bootkrieg 1917 bis 1918 sowie dessen lebensbedrohli- che und oftmals auch tödliche Folgen für die Mannschaften. Im Abschlusska- pitel geht es dann um das Ende der deutschen Kampfhandlungen und die Kapitulation. Insgesamt ist es Koerver damit gelungen, auf der Basis von Zeitzeugenaussagen einen Über- blick über die Aufgaben und den Aktionsradi- us der deutschen U-Boote zwischen 1906 und 1918 zu liefern und dabei zugleich durch die Augen jener zu blicken, die all das hautnah er- lebten. Deshalb wird sein Buch zu einer sowohl spannenden als auch informativen Lektüre, die durch zahlreiche Abbildungen und Fotografien noch an Anschaulichkeit gewinnt. Alles in allem ist ein Stück erlebbare Geschichte entstanden, die durch ein geschicktes Arrangement Struktur und Ordnung in eine bewegte Zeit bringt. Da gilt es, kleine Schwächen zu verzeihen. So werden etwa nur manche Unterkapitel durch einen In- fo-Kasten eingeleitet, andere ohne ersichtlichen Grund jedoch nicht, weshalb Stringenz verloren geht. Auch die Hauptkapitel sind nur teilweise mit einer Einleitung versehen. Der Leser aber, der ansprechende Archivarbeit in Buchform mit fes- selnden Berichten und Bildmaterial zu schätzen weiß, wird auf seine Kosten kommen. Dirk Sieg Norman Polmar, Thomas A. Brook, George.E. Fedoroff: Admiral Gorshkov. The Man Who Challenged the U.S. Navy, U.S. Naval Insti- tute Press, Annapolis 2019, ca. 37 Euro, ISBN 978-1682473306 Im Mittelpunkt der Arbeit des amerikanischen Autorentrios steht eine „große historische Per- sönlichkeit“ (Burckhardt), und zwar die des jahr- zehntelangen Chefs der Sowjetmarine, Admiral Sergej Gorschkow. „The man who challenged the U.S. Navy“, so der treffende Untertitel, ist aber weit mehr als nur eine Biographie des Sow- jetadmirals. Die Darstellung seines Lebenswe- ges (1910–1988) ist eingebettet in eine brillante, auf sorgfältiger Analyse beruhende Erzählung der russisch-sowjetischen Geschichte aus mari- timer Perspektive von der Zeit des Ersten Welt- krieges bis zum Ende der Sowjetunion. Vieles davon dürfte auch dem informierten mitteleu- ropäischen Publikum fremd sein und manches selbst bei Fachleuten für Überraschung sorgen. Phasen werden periodisiert, so von Plänen aus der Stalin-Ära mit dem Wunsch des Staatschefs nach einer großen ozeanischen (Überwasser-) Flotte, die in zwei Anläufen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, zunächst scheiterten. Mit dem Tod des Diktators 1953 setzte die neue Sow- jetführung primär auf Raketen und Nuklearwaf- fen, dagegen maritim (fast) nur noch auf das U-Boot. Es bedurfte der Persönlichkeit eines un- beirrt entschlossenen, gut vernetzten Mannes wie Gorschkow, dies grundlegend zu ändern. Nachdem die Kubakrise 1962 Moskau seine ma- ritime Ohnmacht deutlich vor Augen geführt hatte, schuf Gorschkow mit viel Geschick ab den 1960er-Jahren eine Sowjetmarine in neuen Di- mensionen. Die Landmacht Russland wurde zur Seemacht Sowjetunion. Was war das Ziel? Stra- tegische Parität mit den USA, aber nicht im Sin- ne einer überall global ebenbürtig aufgestellten Marine, sondern in Form einer Anti-US-Navy. Das Fazit der Autoren: Konventionell den USA wahr- scheinlich doch nicht gewachsen, wäre diese bei einer Auseinandersetzung unter Einschluss nu- klearer Waffen klar überlegen gewesen. Dann brach das rote Riesenreich an seinen inneren Widersprüchen z u s a m m e n und die Flotte verfiel. Die Ma- rine des heuti- gen Russland ist noch weit entfernt von der einstigen Größe. Das Buch ist an- regend erzählte Geschichte, vol- ler Einsichten und unbedingt der Lektüre wert. Schade, dass so etwas fast nur noch auf Englisch erscheint. Dieter Koppenhagen MarineForum 5-2020