zählt dieser Aspekt jedoch zu den wich- tigsten positiven Merkmalen der Marine überhaupt. Gerade dieses Ergebnis kann in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, wird doch in der Ma- rine auch eine Rückkehr zum Militärischen zunehmend diskutiert. ... und was zu echter Einsatz-Bereitschaft führt Gleichwohl zeigte sich im Ergebnis deutlich, dass die Behebung der vermeintlichen Defi- zite Material, Personal und Bürokratie noch nicht zu größerer Zufriedenheit und Moti- vation führen wird – jedenfalls nicht dau- erhaft. Ein Mehr an Personal oder Material wird nicht zwangsläufig auch ein Mehr an Zufriedenheit, Motivation und Professiona- lität mit sich bringen. Trendwenden bei Per- sonal, Material und Finanzen allein genügen nicht, um Einsatzbereitschaft, Stimmung und Zufriedenheit in der Marine zu verbes- sern und die Marine zu einem als attraktiv empfundenen Arbeitgeber zu entwickeln. Im Gegenteil: In der aktuellen Situation ist zu befürchten, dass sie sich möglicherwei- se sogar kontraproduktiv auswirken, wenn nicht auch in anderen Bereichen Fortschrit- te erzielt werden. Es sind zudem vielmehr eine Reihe von Kontentfaktoren, die die ge- genwärtige Lage der Marine ganz wesent- lich mitbestimmen – und die sie in Zukunft in noch viel stärkerem Ausmaß mitbestim- men werden. Und gerade diese Punkte soll- ten ernst genommen werden, sie sind al- les andere als emotionale Befindlichkeiten. Welche Schwerpunkte haben sich diesbe- züglich aus dem Projekt ergeben? Identitäten-Pluralität Zunächst einmal hat sich herausgestellt, dass die Marine derzeit über keine klar kon- turierte Identität verfügt, sondern dass es innerhalb der Marine im Wesentlichen drei Identitätsgruppen gibt, die einander wider- sprechen und in Konkurrenz zueinander ste- hen. Ohne im Detail hierauf einzugehen, können diese drei Identitäten vereinfacht dahingehend charakterisiert werden, dass sie sich über ein Spektrum von „historisch- militärisch geprägt“ über „seefahrtsdomi- niert“ bis „transformatorisch“ erstrecken. Das desintegrativ wirkende Nebeneinander dieser drei Identitäten schwächt das Zu- sammengehörigkeitsgefühl in der Marine und bringt es mit sich, dass sich die Mari- ne zu sehr mit sich selbst befasst und sich selbst blockiert. Lässt man sich einen Moment auf dieses Ergebnis ein, wird schnell klar, warum die Diskussion um das Tragen der Uniform in der Marine mit so viel Leidenschaft und Ve- hemenz geführt wird: Es geht hierbei eben MarineForum 7/8-2020 Der Beruf des Soldaten ist besonders e k c n ö r K l e c r a M / r h e w s e d n u B : o t o F nicht um die Uniform an sich – das wäre rational auch kaum erklärbar –, sondern um Identität und die Angst vor dem Verlust von Identität (z.B. Individualität gegenüber militärische Einheitlichkeit). Die Uniform ist, gerade in der Marine, eben ein extrem starkes Identifikationsmerkmal. Leistungs- fähigkeit und Attraktivität der Marine in den kommenden Jahren werden ganz we- sentlich davon abhängen, ob es gelingt, Bewegung in dieses erstarrte Identitäts- gefüge zu bringen und einen zeitgemäßen Identitätskonsens zu entwickeln. Bedeutung einer verbindenden Vision Von überragender Bedeutung auf dem Weg zu einer starken, zu Einsatzbereitschaft, Motivation und Zufriedenheit führenden Identität wird eine verbindende Vision sein: So gaben in den Fragebögen beispielsweise mehr als 60 Prozent der Teilnehmer an, dass eine klare, zukunftsführende und hand- lungsleitende Vision in der Marine fehlt. Drei von vier Soldaten fällt es schwer dar- zulegen, wofür sie arbeiten und worauf sie hinarbeiten, drei von vier Soldaten beklagen einen fehlenden Wertediskurs in der Mari- ne. Vielen erschließt sich nicht, wofür (für welches höhere Ziel) sie eigentlich arbeiten (dienen) und wünschen sich mehr Erklärung der und Teilhabe an den aktuellen Einsät- zen von Marine und Bundeswehr seitens der Politik. Doch es gehört zwingend zum Wesen einer modernen Berufsarmee, für das, was sie tut, für jeden Einsatz, ein ehr- liches und berührendes Rational zu finden und dieses Rational emotional und aktivie- rend zu vermitteln. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn Soldaten nicht wissen, wo- für sie kämpfen, warum sollten sie dann überhaupt kämpfen? Inhaltlich unterstreichen die Projekter- gebnisse, dass diese Vision über die bei- den Facetten Kampf und Seefahrt hinaus- gehen muss. Selbstverständlich gehören diese beiden Aspekte zur DNA einer Mari- neidentität. Das bestreitet niemand. Aber sie grenzen offenbar zu sehr ein und vor allem zu sehr aus, wirken also gerade nicht integrativ, und reichen allein nicht (mehr) aus, um innere Motivation zu erzeugen, Orientierung zu geben und die Gemein- schaft zu stärken. Berufsverständnis und Berufsbild Apropos Berufsarmee. Die viel diskutierte Frage, ob der Beruf des Soldaten ein Beruf wie jeder andere sei, wurde ebenfalls sehr klar beantwortet: Der Beruf des Soldaten ist ein besonderer Beruf – aber eben auch und in erster Linie ein Beruf! Ein Beruf, der sich auch wie ein Beruf anfühlen muss, der mit anderen Berufen auf dem Arbeitsmarkt konkurriert und der nur dann interessant ist, wenn er genauso attraktiv ist wie an- dere Berufe. Und dazu gehören ganz be- stimmte Rahmenbedingungen, bei denen es in der Marine offenbar noch eine Men- ge Aufholbedarf gibt: beispielsweise eine klare Grenzziehung zwischen Beruflichem und Privatem, Planungssicherheit, attrak- tive persönliche Entwicklungsmöglichkei- ten, lebensphasenorientierte Karrieremo- delle, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, faire, leistungsabhängige Aufstiegs- und Ausstiegsmöglichkeiten, ausbildungsgemä- ße Verwendung, ein ausgewogenes Ver- hältnis von Leistung und Gegenleistung, ein angemessener Arbeitsplatz, Sicherheit am Arbeitsplatz – die Liste der adressierten Punkte ist lang. Auffassungen, dass der Sol- datenberuf kein Beruf sei und die Bundes- wehr kein Arbeitgeber, dass Soldaten nicht arbeiten, sondern dienen und die Selbstver- ständlichkeiten anderer Berufe – und sei es nur eine geregelte Arbeitszeit – daher für 23