Editorial Das Jahr des Lernens t a v i r p : o t o F Holger Schlüter A ls ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle vor einem Jahr versprochen habe, dass wir das MarineForum weiterentwickeln werden, ahnte ich wie die meisten noch nicht, dass uns 2020 einen üblen Streich spielen würde. Dennoch: „marineforum.online“ ist entstanden und auch das Heft liegt dazu passend in frischem Design vor Ihnen. Danke an alle fleißigen Mitarbeiter! Mit dem Online-Auftritt wollen wir helfen, die Aktivitäten der Verbände zu bündeln, die Aufmerksamkeit zu konzentrieren und den Bedarf an schnelleren Nachrichten und moderner Kommunikation zu erfüllen. Ohne neue Medien würden wir Chancen verpassen, den maritimen Gedanken zu vermitteln. Nicht nur für den Nachwuchs in unseren Berufen, seien es Marineoffiziere, Nautiker, Ingenieure oder Kaufleute, ist so eine Plattform selbstverständlich. Ich lade Sie also ein, sich zu beteiligen: Schreiben Sie, tweeten Sie, vernetzen Sie sich, treffen Sie sich zu virtuellen Seemannssonntagen und gehören Sie unter dem Motto #meerverstehen zu uns! Werben Sie für Abonnements und Mitgliedschaften, teilen Sie mit uns Ihre Mei- nung und Ihr Wissen. Wer nach Inhalten und Fakten zu maritimen Fragen in Deutschland sucht, sollte bei uns Antworten finden. Und was wird aus dem guten alten gedruckten MarineForum? Es hat auch in Zukunft seinen sicheren Platz, denn seriöse und anspruchsvolle Fachartikel wollen gern im Sessel mit einem net- ten Gläschen zusammen genossen werden. Haptik und Komfort des Lesens waren ein Kriterium der behutsamen Anpassung. Wir bleiben die maritime Zeitschrift von Experten für Experten, die Referenz für die fachliche Meinungsbildung. „Print ist nicht tot, Print bleibt", zitiere ich meinen Buchhändler, der das mit Blick auf seine Umsätze und Kundenwünsche im vergangenen Jahr sagte. Und er ist nicht der Einzige. Das Analoge, das Gewohnte und einfach zuverlässig Bedienbare scheint Halt zu geben, wenn die Zeiten verunsichern und die Umstände unangenehm sind. Wie lauthals haben doch Digitalisierer und Virtualisierer die Zukunft angepriesen? Und was mussten wir lernen? Dass die Grenzen der Belastbarkeit von Mensch und Netzwerken sowohl psychisch als auch technisch schnell erreicht sind. Ist wohl so, dass wir in Deutschland das digitale Leben noch nicht besonders gut be- herrschen, aber wir mussten letztes Jahr auch lernen, dass eben nicht alles digital lösbar ist. Denn die Arbeit in Krankenhäusern, auf Schiffen, bei Blaulichtbehörden, in Schulen und überall dort, wo produziert, geschraubt und gemörtelt wird, wird immer noch durch den Mensch und seine Anwesenheit geprägt. Homeoffice und Online-Konferenzen haben uns zwar vieles gerettet, aber auch soziale Entzugserscheinungen beschert. Und wir wurden reichlich abgelenkt: von den Herausforderungen der Klimakrise, der Änderung der wirtschaftlichen und politischen Weltordnung und manchem Ereignis, was im Schatten von Corona nicht gebührend eingeordnet wurde. Europas humanitäres Versagen im östlichen Mittelmeer, ebenso Machtspiele um Rohstoffe und Einsätze, die von denen gestört werden, die eigentlich unsere Freunde sein sollten. Wurde wahrgenommen, dass sich Deutsch- land nicht zuletzt aufgrund der neuen Freihandelszone mehr in- dopazifisch ausrichten will? Oder hat sich das darauf beschränkt, dass man sich fragte, was denn eine deutsche Fregatte am anderen Ende der Welt zu suchen hätte? Es ist richtig, die Politik des Flaggezeigens zu üben, denn die Freiheit der Meere auch fernab unserer Küsten ist bedeutsam für unseren Wohlstand. Ebenso mussten wir langsam lernen, dass unsere Freunde an der Gegenküste unseres Lieblingsozeans nicht mehr die frühere Rolle einnehmen, die wir bequemerweise gerne hätten – nicht nur wegen eines verhaltensauffälligen Golfers. Wenn Deutschland seine maritime Rolle politisch verstanden hat, ist weitblickend eine starke maritime Wirtschaft und eine wirkungsvolle Marine nötig, das ist eine Binse. Wirklich? Oder besteht Sorge, dass die notwendigen Investitionen in Wehrhaftigkeit, Technologie und Schiffbau den Corona-Kosten geopfert wird? Einige Werften wanken, obwohl eine große Anzahl von Behördenfahrzeugen auf ihren Austausch wartet. Erkennt man in Berlin die Nöte der Küste, oder können sich andere Stimmen rund um den Platz der Republik leichter Gehör verschaffen als eine Werft oder ein maritimer Zulieferer? Ich bin gespannt, was die Nationale Maritime Konferenz 2021 bewirkt, so sie denn stattfinden kann. Und wir mussten auch verdutzt erkennen, dass es keine staatliche Vorsorge wie in Zeiten des Kalten Krieges mehr gibt. Unter manch Rathaustiefgarage lagerten Millionen medizinischer Hilfsgüter und Konserven, nun reichte es noch nicht einmal für wenige Zentimeter Stoff für einen Mundschutz. Und einige Bedenkenträger in diesem Land haben hoffentlich inzwischen auch gelernt, dass die Bundeswehr im Innern ein Helfer ist, dem man vertrauen kann. So wie auf der Welt derzeit andere Nationen auch. ≈ Im Namen der Redaktion wünsche ich Ihnen Zuversicht und Kraft für ein hoffentlich gesundes und wohltuendes Jahr 2021! 1/2 – 2021 marineforum 3