„Wilhelmshaven und Tsingtau – Von Kolonie zu Kolonie“ – Eine Sonderausstellung im Küstenmuseum Wilhelmshaven n e v a h s m e h l l i W m u e s u m n e t s ü K : s o t o F „Die Ankunft eines kleinen Kolonisten zeigen hocherfreut an: Mari- nebaumeister Troschel und Frau. Tsingtau, den 11. Februar 1904.“ – Nachrichten aus einer versunkenen Welt, mit einer auf Büttenpapier fein gedruckten Geburtsanzeige, die anschaulich zeigt, dass die Ver- bindung der Marine- und Hafenstadt Wilhelmshaven zu China deut- lich älter ist als die Ankünfte chinesischer Mega-Containerschiffe im JadeWeserPort. Von Wilhelmshaven, Preußens Tor zum Atlantik, gingen schon Ende des 19. Jahrhunderts Schiffe ab in die Bucht von Kiautschou an der chinesischen Ostküste, mit Soldaten, ‚Kolonisten‘ und Baumaterial. Hatte doch das Deutsche Reich dieses ca. 560 qkm umfassende Terrain 1897 nach der Ermordung zweier deutscher Missionare kur- zerhand durch das Landungskorps der Ostasiatischen Kreuzerdivi- sion besetzt, im März 1898 für 99 Jahre ‚gepachtet‘ und mitsamt der Hauptstadt Tsingtau (‚grüne Insel‘), dem heutigen Qingdao, als Marinestützpunkt, Handelsplatz und Verschiffungshafen für Boden- schätze, namentlich Kohle und Eisenerz, im April 1898 zum ‚Schutz- gebiet‘ erklärt. Viele der in Tsingtau stationierten Soldaten stammten aus Wilhelms- haven und beide Städte entwickelten sich gleichsam parallel – und dies ist auch das Thema der Sonderausstellung ‚Wilhelmshaven und Tsingtau – Von Kolonie zu Kolonie‘ im Küstenmuseum Wilhelms- haven, eröffnet am 25. September 2020 und kurz darauf bis zum Ende des Lockdown wieder geschlossen, wird aber danach verlän- gert. Die illustren Exponate stammen aus der eigenen Sammlung, als Leihgaben z.B. vom Deutschen Marinemuseum oder auch von Reiner Binder vom Robert von Zeppelin- und Fliegermuseum in Witt- mund. Der erblickte auf einem Ausstellungsplakat den Soldaten mit Fahrrad aus dem Fotostudio in Tsingtau und brachte umgehend ein Originalfahrrad wie auf dem Plakat aus seiner Ausstellung in die des Küstenmuseums – ein Modell der Marke ‚Pfeil‘, das schon 1906 beim ersten Bremer Sechstagerennen unter den Augen Kaiser Wil- helms II. seine Runden drehte, samt Karbidlampe, Fahrradhand- schuhen und Fahrradbrief, Siegermedaille und Hosenspannern. Tsingtao-Bier Flugs wurde in der Ausstellung das Fotostudio nachgebaut, mit Fo- totapete, das Fahrrad darin positioniert, und nun können Besucher der Ausstellung Urlaubsfotos aus exotischen Gefilden verschicken – vor der ‚malerischen‘ Strandkulisse der Auguste-Viktoria-Bucht. Mit einer Vielzahl von Fotos, Gemälden, einem ‚Vogelschauplan‘ auf Tsingtau aus dem Jahre 1901 und einem Stadtplan für zukünftige ‚Kolonisten‘, der auch die jeweiligen Grundstückspreise enthält, wird die Verwandtschaft von Tsingtau und Wilhelmshaven (‚Schlicktau‘), die zum Teil von den gleichen Architekten, Ingenieuren, Arbeitern 14 marineforum Nachrichten 1/2 – 2021 Reiner Binder (r.) rekonstruiert das Motiv des alten Fotos aus Tsingtau und Handwerkern erbaut wurden, multimedial frappierend illustriert. So taucht der Besucher in zugleich fremde wie bekannte Welten ein, mit Hörstationen unter einem chinesischen Baldachin und der Lesung aus den Lebenserinnerungen der Wilhelmshavener Medizi- nerin Dr. med. Elise Troschel, Frau des Marinebaurates Ernst Tro- schel und Mutter des ‚kleinen Kolonisten‘, flankiert von Plakaten in chinesischer und deutscher Sprache, die in Tsingtauer Arztpraxen zu „Pockenimpfung“ und „Vorsicht vor Cholera!“ aufriefen bis hin zur Geschichtsschreibung aus erster Hand in den Notizbüchern des Seesoldaten Andreas Drechsler (‚Meine Dienstzeit‘). All dies umrahmt von Souvenirartikeln, die aus Tsingtau mit zurück nach ‚Schlicktau‘ gebracht wurden, wie die opulenten Seidensti- ckereien, auf denen sich jeder Soldat, z.B. der „Gefr. Zimmermann 5te beritten. III. Seebataillon“ mit Foto, dem chinesischen Drachen neben dem preußischen Adler und der Abbildung seines Schiffes verewigen konnte. Dazu Mützenbänder von SMS TSINGTAU bis zu den Kleinen Kreuzern LEIPZIG, DRESDEN und EMDEN, Postkarten, Me- daillen, Schnitzarbeiten, Wandteppichen, Teegeschirr, einem Bam- bus-Spazierstock mit Silbergriff oder einer Opiumpfeife (ohne Inhalt, dafür aber mit Holzständer). Dann geht’s durch den ‚Kurort Tsingtau‘ mit seinen eigens angelegten Badestränden, den Restaurants, Ca- fés und Kureinrichtungen und weiter zum ‚Stand‘ der Tsingtao-Brau- erei mit Dosen-und Flaschenbier, in Sixpacks, 20er-Schachteln oder als „beer in a bag“ im Plastikbeutel. 1903 als ‚Germania-Brauerei‘ gegründet, ist sie heute die zweitgrößte Brauerei Chinas und eine der umsatzstärksten weltweit – ‚kulinarischer‘ Teil eines Ausflugs in die deutsche Kolonial- und Marinegeschichte, der nicht nur exotisch und bunt schillernd daherkommt, sondern auch durchaus ambiva- lent. Denn, und dies verschweigen die Ausstellungsmacher nicht, das glänzende Bild einer ‚Musterkolonie‘, das man sich in Deutsch- land von Tsingtau machte, entsprach keineswegs auch immer der chinesischen Wahrnehmung – Stichworte: strikte Trennung von chinesischem und europäischem Viertel, Aufstände gegen die Ar- beitsbedingungen beim Bau der Shandong-Bahn und, so ist in der Ausstellung zu lesen, auch zuweilen „arrogantes, demütigendes und rücksichtsloses Verhalten gegenüber der einheimischen Bevölke- rung.“ Angesichts der damaligen infrastrukturellen Entwicklung des ‚Schutzgebietes‘, dem Bau von Fabriken, Schulen, Elektrizitätswer-