F o r u m Tod im Prozess-Labyrhinth Die Verwaltung hat sich in Prozessketten gelegt. Aus der guten Idee Arbeitstei- lung ist eine Hydra entstanden, die vor lauter Köpfen die Orientierung verloren hat. Zu viele Prozessschritte, zu wenig Mehrwert. Unendlich viele Zuständige, aber keine Verantwortung. Einst ging die Bundeswehr mutig voran. Mit dem Cyber Innovation Hub wurde 2016 eine Digitaleinheit geschaffen mit dem Ziel, genauso schnell und effektiv zu innovieren wie die besten Start-ups. Die Einheit sollte innerhalb geltenden Rechts alle Freiheiten erhalten, außerhalb der starren Verwaltungsprozesse zu arbeiten. Am Ende zählten wir in der Maßeinheit „Schreibtische“: Bis zu 100 Schreibtische mussten überquert werden, allein um ein Projekt starten zu können. Die Heranziehung von beorderten Reservedienstleistenden, also das einver- nehmliche Aktivieren der Reserve, erfordert jedes Mal die Überwindung von 20 bis 50 Schreibtischen. Dienstreiseanträge werden in der Bundeswehr von Vorgesetzten gebilligt, von Beauftragten für den Haushalt finanziell freigegeben und von der Leitung angeordnet. Nutzt man einen Dienstwagen, kommen zwei Schreibtische hinzu. Der Fahrauftrag ist dabei noch nicht mitgezählt. Auch in der funktionalen Prozessorganisation ist Innovation möglich. Verän- derung kostet aber viel Kraft und hierarchische Macht für wenig Fortschritt. Verwaltung wurde für Status Quo konzipiert, nicht für Veränderung. Doch nominaler Status Quo bedeutet realen Rückschritt. Verwaltung ist nicht so besonders, wie sie denkt. Die Privatwirtschaft hat die gleichen Herausforderungen. Agile Kultur ist nicht entstanden, um hö- here Risiken eingehen zu können, sondern um Risiken zu reduzieren. In der analogen Welt hat man sich mittels funktionaler Organisationsstrukturen und Prozessmanagement organisiert. In der volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Welt (VUKA) ist agile Kultur das herrschende Paradigma. Wer die Ursache für die surreale Welt der Verwaltung bei falschen Gesetzen oder unfähigen bis unwilligen Beschäftigten vermutet, macht es sich zu leicht. Die Funktionsweise der Verwaltung begünstigt diese Auswüchse. Vor allem aber erschwert das Primat der verteilten Zuständigkeit eine Änderung. Wenn eine Organisationslogik sich derart abhängig macht von einer kleinen Lähm- schicht, dann sind nicht die Menschen schuld, sondern die Organisationslogik ist nicht resilient gegen Unvollkommenheit. Zusammengefasst lassen sich vier wesentliche Punkte identifizieren: X Die Verwaltung erstickt an ihren Prozessen. Weder Gesetze noch Mitar- beitende sind das Problem. Allein das Verständnis, wie Strukturen, Ab- läufe und Zusammenarbeit sinnvoll gestaltet werden können, ist veraltet. X Verwaltung funktioniert in einer Logik der funktionalen Arbeitsteilung in Pro- zessketten, Dienstwegen und Zuständigkeiten. In der analogen Welt war dies hilfreich, um vorhandenes Können anzuwenden. In der VUKA-Welt zählen Anpassungsfähigkeit und Resilienz angesichts von Widersprüchen. X Agile Kultur bietet einen neuen Ordnungsrahmen: Strukturen dienen primär einer Mission, nicht einer funktionalen Expertise; Ergebnisverantwortung und Befähigung stechen Zuständigkeit und Kontrolle; Zusammenarbeit ist darauf ausgerichtet, als Organisation zu lernen, nicht nur Wissen abzurufen. X Behördenleitungen, Fachaufsichten und Rechnungshöfe werden sich mit dem neuen Paradigma auseinandersetzen müssen. Denn der tradierte Modus Operandi ist nicht mehr zweckmäßig und wirtschaftlich, und da- mit auch nicht mehr rechtmäßig. Marcel Yon berät Unternehmen und Behörden im Sicherheits- und Verteidigungsumfeld dabei, agile Strukturen zu implementieren, die Chancen der Transformation zu ergreifen und durch Innovation zu füh- ren. Er ist Vorstand von Staat-up e.V., einem Netzwerk für Beschäftigte des öffentlichen Sektors, die die Verwaltung von innen modernisieren. Der dreifache Start-up-Unternehmer war von 2016 bis 2019 im BMVg tätig und baute dort den Cyber Innovation Hub auf. 98. Jahrgang · 2023 Herausgeber: Deutsches Maritimes Institut e.V. (DMI) Deutsches Maritimes Institut e.V. (DMI) Jadeallee 102, 26382 Wilhelmshaven Tel.: +49 (0) 4421 500 47 - 0 Fax: +49 (0) 4421 500 47- 29 dmi@mov-moh.de Chefredakteur Holger Schlüter (hsc): Holger.Schlueter@mittler-report.de Redaktion Hans-Uwe Mergener (hum): Rüstung und Politik Dr. Michael Stehr (ms): See- und Völkerrecht Axel Stephenson (ajs): Marinen aus aller Welt Andreas Uhl (au): NATO und Projekte Dr. Heinrich Walle (HeiWa): Geschichte Jürgen Witthöft (hjw): Wirtschaft und Häfen Ständige Mitarbeiter Sidney E. 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