Und sie dreht sich doch, lieber Chefredakteur: Versuch einer optimistischen Gegenrede aus Fachleuten aus DMI und Co. zurückgreifen. Das ist et- was, um das uns unsere kontinentaleuropäischen Partner durchaus beneiden! Die Vielfalt an Konferenzen und Struk- turen könnte nach Meinung des Verfassers zwar zugunsten strukturierter strategiewissenschaftlicher Nachwuchsförde- rung von Stabsoffizierinnen und zivilen Wissenschaftlerinnen (Männer sind ausdrücklich mitgemeint!) verändert werden, aber das ist hiermit nur mal aufgeschrieben, zur späteren Beschäftigung. Denn der demografische Wandel trifft die Mitgliedsvereinigungen ebenso unerbittlich wie die Fest- stellung, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland aus ihrer eigenen Biographie heraus wenig bis gar keinen Bezug zur Marine und zum Militär hat. Sicher, you might not be interested in war, but war is certainly interested in you! Dem lässt sich aber nicht immer mit den stumpfen altklugen Methoden von gestern – Wehrpflicht, Vereinsmeierei, „man müsste mal …“ – begegnen. Es braucht neue Konzepte, Innovation, aber vor allem Zuversicht. Mehr Verbinden von Punkten statt Neuerfindung des Rads. Ich glaube, dass es viel weniger des Wehklagens über Seeblindheit bedarf, als klug vorhandene und entstehende Punkte miteinander zu verbinden, über den eigenen Tellerrand, also interdisziplinär und zivil-militärisch, hinaus. Seeblindheit? Nein. Vermindertes See-Vermögen, vielleicht. Es kann auch nicht Aufgabe sein, alle von der maritimen Sicherheit zu überzeugen – und bei Nichtgelingen schmollend in der Ecke zu sitzen, nur weil wir glauben zu wissen, was für den Rest der Republik wichtig ist. Und doch, anfangen müssen wir. Der angekratzte Satz „Wir schaffen das“, er ist ja nicht falsch. Unauflösbar? Sei es drum: Nicht klagen, wagen! Streitbar, konstruktiv und das auch und gerade hier, im marineforum. Dr. Sebastian Bruns ist Politikwissenschaftler am In- stitut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK). K P S I : o t o F In der März-Ausgabe des marineforums lesen wir den Leit- artikel aus der Feder von Holger Schlüter unter der program- matischen Überschrift „Es läuft nicht gut“. Und ja, die allge- genwärtige tiefe Erschöpfung aufgrund der Polykrisen des vergangenen Jahrzehnts – Russlands Kriege, ukrainisches Sterben, Corona, Inflation und Rezessionen, Chinas Aufstieg, Amerikas Abstieg, Europas Verzwergung, Klimawandel – sie ist nicht wegzudiskutieren. Die Herausforderungen sind epochal. Zu groß, zu komplex: für einen Staatenbund, eine zunehmend diversifizierte Republik samt den politischen Entscheidungsträgern, für ein Militärbündnis, das zwischen neuer alter Aufgabe und Auflösung zu oszillieren scheint. Viel zu monumental auch für den einzelnen Menschen oder eine lose, aber lesende Interessensgemeinschaft. Im marineforum und bei unseren Fachgesprächen kreisen wir häufig um ähnliche Problematiken. Wir legen den Fin- ger in die Wunde, wir problematisieren, wir gucken – viel- leicht auch kulturbedingt – auf das, was fehlt oder schlecht ist, statt uns auf das zu fokussieren, was (schon oder noch) läuft. Seesicherheitsgesetz, nationale Küstenwache, eini- ges mehr haben wir immer noch nicht – brauchen wir dies noch? Wir müssen uns häufiger prüfen und hinterfragen, ob Ziel-Mittel-Weg noch stimmen. Immerhin, am Ende solcher Debatten gibt es sie doch noch, die lakonische Marinekultur in Deutschland, wenn wieder einmal „die Marine verbessert wurde“. Man mag das für Fatalismus oder für Selbstverge- wisserung der bereits Konvertierten in schwierigen Zeiten halten. Es gibt aber da offenbar etwas, was Halt gibt: Ka- meradschaft für die einen, Kollegialität für die anderen. Das Wirken für die gute, gleiche oder wenigstens ähnliche Sache. Über den Weg mag man streiten, über das Ziel gibt es gro- ße Einigkeit. Hier hat sich viel getan, den Zeitenwenden und der Zeitgeschichte geschuldet. In die Konzepte, Papiere und Guidelines von Bundesregierung, Verteidigungsministerium und Wehrbeauftragter sind subjektiv mehr Realismus und auch mehr Meersalz eingezogen. An der Umsetzung aber hapert es: Prozesse zu lang und zu komplex, Weitblick oft nur bis zur Schreibtischkante – auch weil tausend andere Dinge gleichzeitig gefordert werden –, politische Sozialisati- on als „von Freunden umzingelt“. Aber die Familie von richtungsweisenden Strategien – für die Marine der Kompass Marine, mehr noch die Zielvor- stellung 2035+ – steht doch auf unserer Habenseite. Und die maritime Community hat sich drastisch zum Besse- ren verändert. Seeblindheit? Vor zehn Jahren noch gab es keine institutionell verankerten maritim-wissenschaftlichen Denkfabriken, weder in Kiel noch an den Universitäten der Bundeswehr noch an der Führungsakademie der Bundes- wehr. Der Kanon sicherheitspolitischer Literatur wächst. Di- gitale und klassische Medien verbreiten vielfältige maritime Expertise und können auf einen kleinen, aber feinen Pool 4 – 2025 marineforum 51