Sebastian Bruns, Foto: Privat

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Achtung, Zeitzeugen!

Zur Historisch-Taktischen Tagung der Marine (HiTaTa) gehören allerlei eingeübte Abläufe. Dazu zählt, dass die Aussprache nach den Vorträgen von den ganz vorn im Saal platzierten ehemaligen Flaggoffizieren eröffnet und bestimmt wird. Das Gros der lebens- und dienstgradjüngeren Teilnehmerinnen und Teilnehmer scheint sich derweil an Bernard Wickis Lektion zu halten, nach der es wie im Kino vorne zwar flimmert, aber hinten die besten Plätze sind. Und tatsächlich, so mancher Referent auf dem Podium wird sich mit Zeitzeugenerinnerungen konfrontiert oder gar übertrumpft sehen, zumal, wenn diese mit der Verve eines Bescheidwissers und im Duktus höchster Seniorität vortragen werden. Ein beliebtes, wenn auch verkürzendes Bonmot behauptet nicht ganz zu Unrecht, dass der Zeitzeuge der natürliche Feind des Wissenschaftlers, zumindest aber des Historikers sei. Und auch manch Offizier von heute erträgt mal mehr, mal weniger gelassen, wenn er oder sie von einem Zeitzeugen in die Mangel genommen wird.[ds_preview]

Dieses Freund-Feind-Denken wird der Erlebnisgeneration freilich nicht ganz gerecht, zumal der einer Marine. Diese lebt schließlich von einer eigenen strategischen Kultur und pflegt penible Traditionen und Brauchtümer. Diese werden tradiert und von Soldatinnen und Soldaten gelebt, kritisiert, gepflegt und weiterentwickelt. Gerade bei der Selbstvergewisserung in Zeiten geo- und verteidigungspolitischer Umwälzungen kommt der „alten Garde“ eine besondere Bedeutung zu. Wer in den 1980er-Jahren zur See fuhr, kann wichtige Aspekte über die Begegnung mit den russischen Seestreitkräften einbringen und vom Warfighting-Mindset berichten. Es braucht dazu aber Formate, in denen diese subjektiven Beurteilungen sinnstiftend weitergegeben werden. Nach dem einen oder anderen Bier in der Messe steigt der Seemannsgarn-Anteil üblicherweise drastisch an und auch der Tonfall wird bisweilen ruppig. „Früher“ war eben doch alles besser, ausnahmelos, na klar. Die einschlägigen Zusammenkünfte von MOV, DMI, DMB und anderen sind leider nur bedingt geeignet. Ein Nebeneffekt der demografischen Entwicklung ist schließlich, dass all diese Marinevereinigungen von fortgeschrittenen Semestern dominiert sind. Jüngere Menschen wägen ganz genau ab, ob sie ihre kostbare Zeit für Veranstaltungen aufwenden, in denen sie bisweilen von oben herab belehrt werden, was früher perfekt und heute umfassend schlecht läuft.

Für Marinewissenschaftler, aber auch für diensttuende Offiziere ist diese Art von Quelle ein großes Problem. Denn Zeitzeugen berichten nicht von dem, was sie erlebt haben, sondern – so beschreibt es der Historiker Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam – erzählen das, woran sie sich erinnern, oder eben das, was sie letztes Mal erzählt haben. Und so würden sich Lebenserinnerungen, wie es Sabrow zugespitzt formuliert, wie „stille Post“ verändern. Schließlich wolle der Zeitzeuge auch eine gute Story verkaufen, so wie man es selbst kennt, wenn man Anekdoten aus seinem eigenen Leben erzählt. Zeitzeugen berichten häufig bruchstückhaft, verzetteln sich häufig in Details, im zunehmenden Alter werden Dinge hinzugedichtet, auch weil Erinnerungsfetzen verblassen oder verwechselt und durcheinandergebracht werden. Wesentlich zielführender und notwendiger ist es, die Berufserfahrung niederzuschreiben und zu kontextualisieren. Denn Zeitzeugenerlebnisse könne Akten, Dokumente und vorhandene wissenschaftliche Analysen ergänzen, aber niemals ersetzen. Folgt man dieser Überlegung, verwundert es zum einen, dass nicht wesentlich mehr Ressourcen in die historisch-politische Kontextualisierung von neuer und neuester Marinegeschichte investiert werden. Ein einzelner Dienstposten in Potsdam oder die vage Hoffnung, dass zivile Thinktanks sich Marinethemen aus Eigenantrieb annehmen, reichen bei weitem nicht aus. Zum anderen erstaunt, dass sich nur ganz wenige Marineoffiziere selbst an die Niederschrift ihrer Erfahrungen machen. Victor Toyka und der leider bereits verstorbene Dieter „Blue“ Braun gehören zu den ganz wenigen ehemaligen Flaggoffizieren, die ihre Erinnerungen in Buchform vorgelegt haben und so einen ganz wichtigen Abgangspunkt und Lesestoff bieten. Man muss dazu übrigens nicht mal zur Ruhe gesetzt werden. Schließlich ist der Kommandant oder Kommandeur von heute der Zeitzeuge von morgen. Übrigens: Der Anteil von Büchern mit Lebenserinnerungen von Angehörigen der ehemaligen Volksmarine der DDR ist proportional höher, wenn auch in unterschiedlicher publizistischer Qualität. Immerhin, die Einbindung von Zeitzeugen und Themen der anderen deutschen Marine, übrigens auch bei der HiTaTa, war ein Schritt in die richtige Richtung, sich besser spät als nie auch diese Schattierung von Zeitzeugenschaft aufzuschließen. Wir müssen konstruktiv mit Zeitzeugenerinnerungen aller Couleur umgehen, denn sonst bleibt es beim einem ergebnislosem „Jetzt mal ohne Scheiß …“ – „OK, Boomer.“

Sebastian Bruns

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