Mehr als 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs liegen in der Ostsee noch Tausende Tonnen unterschiedlichster Munition. Die Gefahr für Mensch und Umwelt ist weiter dramatisch.
Die Kiel Munition Clearance Week, eine kombinierte Präsenz- und Online-Konferenz, wurde von zahlreichen Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Fachexperten besucht. In- und ausländische Experten trafen sich, um hochinteressante Vorträge zu hören und, besonders wichtig, Fachgespräche zu führen. Die Frage, wie nahe die Konferenz am realen Problem Munition im Meer dran war, kann kurz und einfach beantwortet werden: Sehr nahe, teilweise nur einige Hundert Meter entfernt![ds_preview]
In der Kieler Bucht präsentiert sich die gesamte Bandbreite des Altlastenproblems Munition.
Die erste dokumentierte Minensperre, wenn auch nur ganz einfacher Bauart, wird 1848 während des deutsch-dänischen Kriegs gelegt. Werner von Siemens baute diese Barriere mit kontrollierter Zündung von Land aus, um die dänische Flotte am Einlaufen in Kiel zu hindern. Das Wissen über die Minensperre genügte, um ein Passieren dieser Linie zu verhindern. Im Anschluss an den Krieg wurde sie wieder entfernt und hinterließ keine Altlast. Nachdem Kiel im Kaiserreich zum Reichskriegshafen ernannt wurde, erfolgte eine Sicherung des Hafens und der Förde mittels Artillerie von beiden Ufern aus. Mehrere Geschützbatterien, einschließlich eines Panzerturms mit zwei 28-Zentimeter-Schiffsgeschützen, wurden errichtet. Diese Geschütze wurden zwar aus ihren Stellungen heraus eingeschossen, mussten aber bis zum Ende des Ersten Weltkriegs keinen scharfen Schuss abgeben. Munition für den Festungsbereich Kiel wurde aber ausreichend in den Depots eingelagert. Die in Kiel eingerichtete Torpedoversuchsanstalt, die nicht nur Torpedos entwickelte, sondern auch erprobte, wurde 1913 nach Eckernförde verlagert und nutzte die ruhigere Bucht dort als Erprobungsgebiet. Dass hierbei auch mal ein Torpedo verloren ging, haben die später von Fischern gemachten Funde gezeigt. Daher kann angenommen werden, dass nicht alle hier getesteten Gefechtsköpfe wieder zur Torpedoversuchsanstalt zurückkamen.
Minensperren
Ein gänzlich anderes Bild zeigte der Einsatz der sich gerade entwickelnden Minenwaffe ab 1914. In der Marineleitung wurde der Gedanke eines Einbruch der britischen oder französischen Flotten in die Ostsee und eine Vereinigung mit der neu entstehenden Baltischen Flotte Russlands, sehr ernst genommen. Da die Hochseeflotte bei Kriegsbeginn in der Nordsee stationiert wurde, blieben zur Verteidigung der Ostseeküste nur einige wenige kleine Einheiten, unter denen die Kleinen Kreuzer die kampfkräftigsten waren. Also mussten die Ostseezugänge mit Minensperren abgeriegelt und durch kleine Einheiten gesichert werden. Großer und Kleiner Belt wurden daher im August 1914 mit 880 von später insgesamt 1551 Ankertauminen abgesperrt. Hierbei handelte es sich nicht um die modernsten Minen, über die die kaiserliche Marine damals verfügte, sondern teilweise um ältere Modelle der Typen C 77 und C 06. Die Anker der Minen sowie die Ankerleinen und -drähte waren einer langen Standzeit nicht gewachsen. Bereits kurze Zeit nach Auslegung der Sperren wird von angeschwemmten Minen an der dänischen Küste aber auch von Treibminen entlang von Schwansen und dem Dänischen Wohld berichtet. Bei den Kontrollen der Minensperren wurde festgestellt, dass die Anzahl der angetriebenen Minen nicht mit den fehlenden Minen übereinstimmt. Somit ist davon auszugehen, dass sich ein Teil der Minen vom Anker losgerissen hat und dann in der Kieler Bucht an unbekannter Position sank.

Minensperren Großer Belt 1914 (RM 60II 39 u. RM 60 II 39(1)), Fotos: Autor
Zur Reserve im Angriffsfall wurden in Kiel etwa 1000 weitere Minen bevorratet. Da die Depotfläche dafür nicht ausreichte, wurden die Reserveminen auf Prähme geladen, die im Flemhuder See vor Anker lagen. Eine weitere Hafensperre mit Minen wurde direkt in der Kieler Förde angelegt. Diese Minensperre zeigte Funktion und Wirkungsweise, als ein deutsches Schiff am 13. Februar 1917 in diese Sperre fuhr und nach der Detonation einer Mine sank. Die Sperrlegung wurde bis Kriegsende aufrechterhalten und nach den bisher ausgewerteten Unterlagen auch vollständig wieder geräumt.
Obwohl die Minen-, Torpedo- und Artilleriedepots im Ersten Weltkrieg in Kiel gefüllt waren, konnten bisher keine dokumentierten Hinweise auf Munitionsversenkungen nach dem Krieg gefunden werden. Ebenso sind keine Munitionsfunde mit Munitionsarten aus der damaligen Zeit bekannt. Bis zum 1. September 1939 wurde die Kieler Bucht als Übungs- und Manövergebiet genutzt, in dem auch Artillerieschießen mit scharfer Munition erfolgte. Der Eintrag mit Sprengstoffen und die Belastung des Seegebietes waren aber vernachlässigbar klein.

Sperre Jägersberg
Dies änderte sich aber sofort mit Kriegsbeginn. Wie im Ersten Weltkrieg wurde die Gefahr des Eindringens gegnerischer Einheiten in die Ostsee als sehr hoch angesehen. Das einfache Abwehrmittel Mine kam als schnellste Möglichkeit daher sofort zum Tragen. 845 Ankertauminen, UMA und EMD Minen wurden in den ersten Septembertagen 1939 geworfen. Auch hier gingen einige Minen durch Losreißen vom Anker verloren, andere wurden durch die Strömung vertrieben oder durch Eispressung zerstört. Auch beim Minenräumen nach dem Krieg wurden geschnittene Minen nicht immer vernichtet, sondern trieben so lange, bis das Minengefäß sich mit Wasser gefüllt hatte. Eine dieser EMD Minen wurde 2005 auf halber Strecke zwischen Kiel Leuchtturm und Großer Belt gefunden und durch Sprengung vernichtet.
Gleichzeitig bezog die Marine-Flak um Kiel herum ihre Stellungen und griff in den Luftkrieg ein. Zur Ausbildung mit scharfer Munition wurde bei Dänisch Nienhof ein Schießplatz eingerichtet, bei der die Besatzungen mit den verschiedenen Geschützen in Richtung See schoss. In diesem Bereich ist vor der Küste auch heute noch mit Munition aus der damaligen Zeit zu rechnen.
Blindgänger
Bei aller verwendeten Munition muss mit einer Blindgängerrate gerechnet werden. Diese dürfte zu Kriegsbeginn bei etwa zwei bis drei Prozent gelegen haben, sich zur Mitte des Krieges auf fünf und zum Kriegsende auf etwa zehn Prozent gesteigert haben. Zur Veranschaulichung dienen die Daten des Kriegstagebuchs der Flugabwehr in Kiel aus dem Jahr 1942. Die schwere, mittlere und leichte Flak verschoss 87 686 Granaten. Bei drei Prozent Blindgängern sind dies 2636 Granaten, bei fünf Prozent 4393 nicht detonierte Geschosse. Sicherlich sind nicht alle Blindgänger im Wasser gelandet, sondern auch im Umland von Kiel, trotzdem zeigen diese Zahlen den potenziellen Umfang einer immer noch vorhandenen Bedrohung durch Altlasten.
Die Flak bekämpfte nicht nur die Kiel direkt angreifenden Flugzeuge, sondern auch diejenigen, welchen auf dem zum oder vom Einsatzort den Raum Kiel passierten. Zahlreiche Flugzeuge wurden so abgeschossen oder beschädigt und warfen ihre Bomben vor dem Absturz auf Land oder über See ab. Eine verlässliche Größenordnung dieser Abwürfe konnte bisher nicht ermittelt werden. Aber ab April 1940 ging die Royal Air Force (RAF) dazu über, die deutschen Seegebiete aus der Luft zu verminen. Die Planung der Minensperren lag bei der Royal Navy, die Ausführung übernahmen dann die Flugzeuge der RAF. Ein wichtiges Hauptziel war die Kieler Bucht, denn von hieraus war die östliche Einfahrt zum Nord- Ostsee- Kanal zu erreichen. Zusätzlich war Kiel Reichskriegshafen mit Werften, Arsenal, Depots und Fliegerhorst, also ein sehr wichtiges Zielobjekt. Insgesamt wurden von den Briten 3896 Grundminen über der Kieler Bucht abgeworfen. Mit einer Ladungsgröße zwischen 225 und 500 Kilogramm war dies eine für Kriegszeiten hohe Spengstoffeinbringung in das Seegebiet. Da die Briten durch die täglich fliegenden Aufklärer die Zwangswege der Ostsee sehr genau kannten – Tonnen und Wachschiffe zeigten diese deutlich an – wurden diese Räume intensiv vermint. Aber auch die Seegebiete beiderseits der Zwangswege wurden mit Minen belegt, um diese zu sperren und um Minensucheinheiten zu binden. Beispielhaft sei die Verminung am 15. Und 16. Februar 1944 genannt. Zu einem Großangriff auf Berlin stellte die RAF 891 Flugzeuge bereit. Der Ablenkungs- und Täuschangriff wurde durch vier Halifax- und 43 Sterling-Bomber mit einer umfassenden Verminung der Kieler Bucht und der Lübecker Bucht durchgeführt. Jeder Bomber konnte sechs Grundminen tragen und so wurden 282 Stück abgeworfen. Doch nicht alle Minen fielen in die See. Mindestens neun Grundminen wurden über Land abgeworfen, in den folgenden Tagen gefunden, untersucht, entschärft und geborgen. Eine Mine, die in das Abwurfraster dieser Nacht passte, wurde erst in den Siebzigerjahren in der Nähe der Ortschaft Thumby im Wald entdeckt und gesprengt.
Natürlich wurden im Krieg und auch in den folgenden Jahren intensiv Minenräumarbeiten durchgeführt und zahlreiche Minen beseitigt. Aber auch heute noch muss in diesem Seegebiet mit etwa 20 Prozent der ursprünglich gelegten Minen gerechnet werden, also etwa 800 Stück. Die seit 2013 laufenden Untersuchungs- und Räumarbeiten im Verkehrstrennungsgebiet vor Kiel und dem Kiel-Fehmarn-Weg und die Anzahl der dort aufgefundenen Grundminen spiegeln die Richtigkeit dieser Größenordnung wider.
Auch während der insgesamt 90 Bombenangriffe auf Kiel wurden Minen in die Innenförde geworfen, zahlreiche Bomben trafen zudem nicht das vorgesehene Landziel, sondern landeten ebenfalls in der Förde. Bei nahezu allen Wasserbauarbeiten wird der Kampfmittelräumdienst tätig, weil Munition oder Munitionsreste gefunden und beseitigt werden müssen.
Munitionsversenkungen
Doch erst in den Jahren nach dem Ende des Kriegs wurden die massiven Munitionsversenkungen vorgenommen. Kurzfristig planten die Alliierten, die Innenförde mit Munition zu verfüllen und zuzuschütten, kamen aber sehr schnell von diesem Plan ab. Selbst die beschädigten Werften waren wertvoller und wurden dringend gebraucht. Ein Zuschütten der Förde hätte diese Kapazität enorm eingeschränkt. Also suchte man nach alternativen Versenkungsplätzen. Sehr schnell wurde man fündig und noch vor der Potsdamer Konferenz wurden vier Gebiete an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste als Versenkungsplätze benannt: Flensburg Triangle (Versenkungsgebiet Falshöft), Kappeln Triangle (Schönhagen), Kiel (Kolberger Heide) und Lübeck Bay (Haffkrug).

Luftlage 15/16. Feb. 1944 (RL 14 169) und Auszug KTB LVK (RM45 I 175) Untersuchungsbericht
Bereits ab dem 1. Juni 1945 begannen die von den Alliierten angeordneten Versenkungen. Vor Falshöft sollte die Munition der Schiffe und Boote aus Schlei, Geltinger Bucht, Flensburger Förde und der nördlich der Schlei noch stehenden Wehrmachtseinheiten versenkt werden. Auf der Schlei waren bei Kriegsende nach der bisherigen Dokumentenlage 116 Kriegsschiffe vor Anker gegangen oder lagen in den kleinen Häfen. Diese Einheiten, vom Wachboot über Schnellboote, Minensucher bis hin zum Artillerieträger, verfügten über Artilleriemunition, Raketen, Wasserbomben und Infantriemunition. Bei der Annahme, dass bei Kriegsende noch 30 Prozent der Munition an Bord war, sind das immerhin 420 Tonnen. Auf dem Weg zu dem Versenkungsplatz ist dann in der Schlei Munition „verloren gegangen“ oder wurde bewusst direkt neben den Einheiten versenkt. Bis zum heutigen Tag wird solche Munition gefunden, die auf den damals dort liegenden Einheiten vorhanden war. Besonders aufwändig war eine Aktion vor Friedrichsort. Beim Neubau der Vermessungsanlage wurden nach Voruntersuchungen des Seegrunds alle Arten von Munition gefunden, darunter auch Raketen und Wasserbomben.
Exakt bekannt ist die Anzahl der Geschosse am 15. Mai 1945 in den Flak-Batterien entlang der Küste. So hatten die zehn Batterien, die von Waabs, Bookniseck bis Kiel-Schilksee die kürzeste Entfernung zum Ostseeufer hatten, noch 60 697 Granaten in ihren Stellungen. Die Spur der beim Abtransport „verlorenen“ Granaten verläuft von den Stellungen zu den nächstgelegenen Anlegemöglichkeiten kleiner Boote und von dort aus zu den Versenkungsgebieten.
Im großen Stil wurde von Kiel aus die Munition, die per Bahn von den Alliierten herangebracht wurde, auf Schuten und Prähme verladen, zur Kolberger Heide gebracht und dort versenkt. Diese Munition, die die gesamte Bandbreite der deutschen Munition im Zweiten Weltkrieg umfasste, wurde nicht nur in den Munitionsanstalten der Wehrmacht gefunden, sondern geriet teilweise beim Vorrücken der Alliierten in deren Besitz. So waren die auf Schleswig-Holstein zurückgedrängten Truppenteile sicherlich nicht mehr vollwertig ausgerüstete Divisionen, sondern eher zusammengestellte Einheiten mit leichterer Bewaffnung und Munitionsausstattung. Aber auch diese Einheiten führten noch große Mengen Munition mit. Ein interessanter Aspekt ist die Ansammlung von V1-Flugkörpern. Zwischen Flensburger Außenförde und Geltinger Bucht versenkten die deutschen Truppen noch vor Kriegsende etwa 200 Exemplare. Weitere Flugkörper erbeuteten die Briten bei der Besetzung der Flugplätze nördlich des Kanals.
Aus Sicht der Siegermächte war die Versenkung der Munition die sicherste Methode, um weiteren Schaden und Nutzung gegen die Alliierten im Rahmen befürchteter „Werwolf“-Aktionen, abzuwenden. Sogar die Frage, ob die Munitionsversenkungen die Fischerei beeinflussen könnten, wurde damals gestellt, aber als aktuell unrelevant nicht weiterverfolgt. Somit gab es keine Hindernisse, die Munition im Meer zu versenken und Kiel und Lübeck wurden als Hauptumschlagsplatz für hierfür betrieben. Darüber hinaus wurden kleinere Häfen genutzt, um örtliche Munitionsansammlungen ins Meer zu verbringen. Munitionsfunde vor Schilksee, Strande und Eckernförde bestätigen dieses Bild.
Die vier genannten Versenkungsgebiete wurden um ein fünftes Gebiet erweitert. Es kam der Versenkungsplatz Pelzerhaken dazu, da von Lübeck aus mehr Munition verschifft wurde als man 1945 angenommen hatte.
Neben dem Bestand der Munitionsarsenale aus Kiel und Trappenkamp, den Torpedodepots Flensburg, Eckernförde (TVA) und weiteren externen Lagerstätten, in denen hauptsächlich Großsprengkörper gelagert waren, kam Heeres- und Luftwaffenmunition ins Versenkungsgebiet Kolberger Heide. Insgesamt dürften nach den ausgewerteten Unterlagen zwischen 30 000 und 35 000 Tonnen Munition dort versenkt worden sein.
Die Ende der Fünfzigerjahre tagende Sicherheitskonferenz des Landes Schleswig-Holstein beziffert die Versenkungstonnage in Falshöft mit 120 Tonnen, in Schönhagen mit 4000 Tonnen, im Gebiet Kolberger Heide mit 30 bis 35000 Tonnen, in Haffkrug mit 15 000 Tonnen und in Pelzerhaken mit 50 000 Tonnen. Bis auf Falshöfr, wo der Wert viel zu niedrig angesetzt wurde, erscheinen die Daten aus heutiger Perspektive realistisch.
Aktuelle Untersuchungen mit modernen Systemen in den Versenkungsgebieten und Munitionsverdachtsstellen zeigen eine Vielzahl unterschiedlicher Munitionsteile, teilweise sogar von freiliegendem Sprengstoff. Hierdurch können die Gefahren stets besser eingeschätzt werden. Die Kiel Munition Clearance Week stellte damit am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt einen wichtigen Meilenstein bei der Bekämpfung von Altlasten dar.
Uwe Wichert










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