Auslaufen der Baden-Württemberg in New York, Foto: Bw/Nico Theska

Auslaufen der Baden-Württemberg in New York, Foto: Bw/Nico Theska

Auf Bildungsreise

Bei ihrer Rückkehr im kommenden Jahr wird die Fregatte Baden-Württemberg anderthalb Jahre fern der Heimat operiert haben. Die dabei gemachten Erfahrungen werden das Projekt F 125 weiter nach vorn bringen.

Mit dem ersten Einsatz bei der Mission Unifil zwischen Oktober 2023 und April 2024 und dem aktuellen Indo-Pacific Deployment (IPD) steht die Fregatte Baden-Württemberg erneut in den Schlagzeilen. Seit Anfang Mai 2024 absolviert das Typschiff der Klasse F 125 gemeinsam mit dem Einsatzgruppenversorger Frankfurt am Main eine der seltenen Weltumrundungen deutscher Marineschiffe. Mit dem Durchfahren der Taiwanstraße hat der Verband dabei Mitte September auch außenpolitisch Wirkung entfaltet.

Voraussetzung für die Teilnahme an Einsätzen war das Erreichen der Einsatzreife. Dazu bedurfte es einer Vielzahl technischer und administrativer Maßnahmen nach Abnahme der Schiffe. Hinsichtlich des Betriebs und des Einsatzspektrums wurde mit der Fregatte 125 absolutes Neuland betreten. Entsprechend war die technische Umsetzung von einem hohen Innovationsgrad und zahlreichen Geräteneuentwicklungen geprägt. Dabei kam es zu technischen Herausforderungen, die dazu führten,[ds_preview] dass erst mit Abnahme des letzten Schiffes Anfang 2022, der Rheinland-Pfalz, sowie Nachbesserungen beim System Identification Friend or Foe (IFF) und der neuen Anlage zur elektronischen Kampfführung Kora 18 die Einsatzprüfung des Einsatzsystems durchgeführt werden konnte. Ein Meilenstein war dabei die erfolgreiche Flugkörper- und Rohrwaffenschießkampagne Heimdall im November 2022 vor Norwegen, bei der erstmalig der Verschuss der weitreichenden Vulcano-Munition des Kalibers 127 Millimeter mit beeindruckender Präzision erfolgte.

Um aber rechtzeitig vor dem Auslaufen aus Wilhelmshaven die Genehmigung zur Nutzung für Einsatzzwecke erteilen zu können, reichten diese Treffer bei Weitem nicht. Zwischen dem Ende ihrer planmäßigen Instandsetzungsphase im Oktober 2022 und dem Einsatzbeginn ein Jahr später waren vor allem im Einsatzsystem noch mehrere Hürden zu nehmen. Zur Anpassung an die aktuellen Regelungen der Informationssicherheit mussten alle IT-Systeme an Bord einer Härtung unterzogen und sämtliche Netzübergänge (Gateways und Datendioden) ersetzt werden. Darüber hinaus war der Funktionsnachweis der Kora 18 in der aktuellen Ausbaustufe zu erbringen. Diese Arbeitsliste konnte zwischenzeitlich auch auf den drei Schwesterschiffen erfolgreich abgeschlossen werden. Nach einer Abstrahlprüfung des gesamten Schiffes in der Wilhelmshavener Schleuse und der Überprüfung der Systeme an Bord erteilte die Deutsche militärische Security Accreditation Authority des Zentrums für Cyber-Sicherheit der Bundeswehr der Baden-Württemberg als erstem deutschen Kampfschiff eine Akkreditierung für Einsatzzwecke.

Nächtliche Durchquerung des Panamakanals, Foto: Bw/Nico Theska

Nächtliche Durchquerung des Panamakanals, Foto: Bw/Nico Theska

Neben der Abarbeitung der Restpunkte zum Erreichen der Einsatzreife wurden auch Maßnahmen zur Fähigkeitsverbesserung umgesetzt. Die Kommunikationsanlagen der Klasse 125 wurden bereits in den frühen 2010er-Jahren gebaut. Daher verwundert es nicht, dass die Bandbreiten für IP-basierte Kommunikation mittlerweile nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen.

Aus diesem Grund startete die Marine Ende 2022 eine Sofortinitiative für den Einsatz mit dem Ziel, die Übertragungsbandbreiten nicht nur für dienstliche Zwecke, sondern auch für die Betreuungskommunikation zu erhöhen. Ein wesentlicher Beitrag, um im Zeitalter des Smartphones die Attraktivität der Marine gerade auch für jüngere Menschen zu erhalten und die Verbindung in die Heimat wesentlich zu erleichtern.

Konkret wurden zur Erhöhung der Übertragungsleistung die beiden an Bord befindlichen Inmarsat-L-Band-Anlagen mit Bandbreiten von wenigen Hundert Kilobit pro Sekunde durch zwei neue Satcom-Anlagen ersetzt. Diese ermöglichen im Downlink-Bereich Bandbreiten bis in den zweistelligen Megabit-Bereich.

Obgleich die Erfahrungen mit den beiden neu eingerüsteten Satellitenanlagen in Bezug auf Verfügbarkeit und Verbindungsstabilität durchweg positiv waren, zeigten sich bei ihnen die funktionsbedingten Limitierungen aller geostationären Satellitensysteme. Die Position der Satelliten über dem Äquator verhindert den Betrieb in hohen Breitengraden, da der Satellit aus Sicht der Antenne „tief“ über dem Horizont steht. Zudem führt die große Höhe der Satellitenkreisbahn von rund 36.000 Kilometern zu hohen Latenzzeiten, was die technisch erzielbaren Datenübertragungsraten reduziert.

Aus diesem Grund erhielt die Baden-Württemberg für den Einsatz zusätzliche LEO-Übertragungsanlagen (Low Earth Orbit), deren Satelliten sich auf niedrigen Umlaufbahnen in 200 bis 2000 Kilometer Höhe um die Erde bewegen.

Leinen los

Der guten Zusammenarbeit zwischen allen Stellen der Marine, des Rüstungsbereichs und der Industrie ist es letztendlich zu verdanken, dass die Baden-Württemberg am 20. Oktober 2023 pünktlich Leinen los machen konnte zum ersten operativen Einsatz Unifil.

Besatzungswechsel auf der Baden-Württemberg während des Unifil-Einsatzes im Januar, Foto: Bw/Christian Gruber

Besatzungswechsel auf der Baden-Württemberg während des Unifil-Einsatzes im Januar, Foto: Bw/Christian Gruber

Im Einsatzgebiet hatte sich die sicherheitspolitische Lage vor Ort nach dem Terroranschlag der Hamas nur wenige Wochen zuvor deutlich verschärft. Die bis heute andauernden Kampfhandlungen im Gazastreifen und im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon waren bereits in vollem Gange. Der deutsche Kommandeur des maritimen Anteils der Unifil-Mission lernte die Fähigkeiten und die Leistungsfähigkeit der Klasse 125 sehr zu schätzen. Von See aus konnten die Sensoren einen wertvollen Beitrag zur Lagebilderstellung leisten. Auch die Flexibilität der vier Buster-Einsatzboote bot einen echten Mehrwert. Die Führung des maritimen Anteils des Unifil-Einsatzes verlegte während der Anwesenheit der Baden-Württemberg von Limassol in das südlibanesische Naqura. Da der dortige Hafen über keine geeignete Pier verfügt, waren die Boote unverzichtbar für den Personen- und Materialtransport.

Technische Problemstellungen konnten während der rund sechs Monate im Mittelmeer vor Ort gelöst werden. Das Projektteam im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und das Marinearsenal Wilhelmshaven arrangierten technische Unterstützung in den Bereichen Kommunikationsmanagementsystem und Großkalibergeschütz 127 Millimeter während der geplanten Hafenaufenthalte in der Türkei und auf Zypern. Das Projekt nutzt dafür Verträge mit der Arge F 125, dem Konsortium der Firmen TKMS und NVL, sowie der Firma Leonardo als Hersteller der Geschützes zur technisch-logistischen Betreuung der Schiffsklasse. Über Abrufe aus diesen Verträgen kann der Projektleiter im BAAINBw schnell und flexibel die benötigte Unterstützung bei der Industrie beauftragen – weltweit und in der Regel während der Hafenaufenthalte. Reibungslos verlief auch der erste Besatzungswechsel während eines operativen Einsatzes im türkischen Hafen Mersin.

„Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz“ war für viele Verbände der Bundeswehr in den letzten zwei Jahrzehnten eine gängige Planungsgrundlage. Im Fall der Baden-Württemberg war es im April 2024 ähnlich. Die Brandenburg löste die Baden-Württemberg bei Unifil ab, damit diese einen dreiwöchigen Zwischenstopp vor dem Beginn des Indo-Pacific Deployments 2024 (IPD 24) im spanischen Rota einlegen konnte.

Technische Probleme beim 127-Millimeter- Geschütz konnten durch BAAINBw und Marinearsenal gelöst werden, Foto: Bw/Nico Theska

Technische Probleme beim 127-Millimeter- Geschütz konnten durch BAAINBw und Marinearsenal gelöst werden, Foto: Bw/Nico Theska

Die Zeit dort wurde für weitere technische Maßnahmen genutzt. Die Marine konnte neben den geforderten jährlichen Prüfungen an Schiff und Anlagen auch die Einrüstung von weiteren IT- und Kommunikationssystemen umsetzen, die insbesondere für die Interoperabilität mit Marine- und Luftwaffeneinheiten bei den geplanten Manövern erforderlich waren. Unter anderem wurde die kurz zuvor auf dem Schwesterschiff Nordrhein-Westfalen nachgewiesene Link-16/22-Software auf der Baden-Württemberg aufgespielt. Somit kann zum Lagebildaustausch mit NATO-Partnern auch erstmalig Link 22 genutzt werden.

Die für das Zusammenwirken mit den NATO-Bündnispartnern geforderte Konformität des IFF-Systems mit dem aktuellen Mode 5 wurde in aufwändigen Kampagnen im Kieler Marinestützpunkt und auf See bis März 2024 nachgewiesen. Da die Baden-Württemberg bereits im Einsatzgebiet stand, nutzten das Projekt, die WTD 71 und die WTD 81 dazu erfolgreich die konfigurationsgleiche Rheinland-Pfalz. Die Konformität konnte so auf die Baden-Württemberg übertragen werden.

Logistische Vorbereitungen

Aufgrund der in Masse erst 2022 und 2023 zugelaufenen Materialdaten führten die Erkenntnisse der ersten drei Nutzungsjahre noch nicht zu nutzbaren Ergebnissen über den Ersatzteilbedarf.
Anfang 2023 wurde klar, dass für das Indo-Pacific Deployment eine separate Ersatzteilbedarfsanalyse notwendig war, basierend auf operativen Annahmen zur Betriebszeit der unterschiedlichen Anlagen sowie der verfügbaren Informationen über Ausfallwahrscheinlichkeiten und Beschaffungszeiten erforderlicher Ersatzteile.

Buster-Boote vor der Baden-Württemberg, Foto: Nico Theska

Buster-Boote vor der Baden-Württemberg, Foto: Nico Theska

Diese wurde bis Mai 2023 erstellt und anschließend in den Beschaffungsprozess gegeben, mit der Zielsetzung einer Verfügbarkeit bis Oktober 2023 zur Bevorratung an Bord beziehungsweise bis Januar 2024 zur Bevorratung auf dem Einsatzgruppenversorger Frankfurt am Main.

Verteidigungsminister Boris Pistorius zu Besuch an Bord der Baden-Württemberg, Foto: Bw/Tom Twardy

Verteidigungsminister Boris Pistorius zu Besuch an Bord der Baden-Württemberg, Foto: Bw/Tom Twardy

Seit Mai ist der IPD-Verband auf seiner Weltreise in Richtung Westen. Die aus Rota kommende Baden-Württemberg traf sich mit dem aus Wilhelmshaven kommenden Einsatzgruppenversorger Frankfurt am Main im Atlantik, und beide Schiffe nahmen Kurs über das kanadische Halifax nach New York City. Nach der Teilnahme des Verbands an der Fleet Week der US Navy vor der atemberaubenden Kulisse Manhattans ging es weiter durch das karibische Meer und den Panamakanal zum Pazifikstützpunkt der Navy in San Diego. Dort wechselte erneut die Besatzung.

Im Juli 2024 nahm der IPD-Verband unter Führung des Kommandeurs der Einsatzflottille 2 von Hawaii aus an Rimpac 2024 teil, dem größten Marinemanöver der Welt. Auch diese Phase war von Maßnahmen des Projekts begleitet. Mitarbeiter der Rohrwaffenwerkstatt des Marinearsenals und der Industrie unterstützten in San Diego und während Rimpac bei der Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft des Geschützes. In Pearl Harbor wurden im Rahmen der technisch-logistischen Betreuung Verbesserungen der IP-Kommunikation vorgenommen.

Kurs Asien

Nach dem Übungsende von Rimpac ging es für den Verband weiter westwärts, um in Japan, Korea und auf den Philippinen die deutsche Flagge zu zeigen. Beim Transit vom südkoreanischen Hafen Incheon nach Manila auf den Philippinen durchquerte der Verband am 13. September die Taiwanstraße zwischen dem Inselstaat und der Volksrepublik China.

Der nächste Besatzungswechsel war für Anfang Oktober während des Aufenthalts in Singapur vorgesehen. Nach erfolgreichen Erprobungen auf der Rheinland-Pfalz war hier gleichzeitig die Ausrüstung der Baden-Württemberg mit einem neu eingeführten Drohnenabwehrsystem vorgesehen. Von Singapur aus nahm der Verband dann die letzte Etappe des Indo-Pacific Deployments über Indien und rund um den afrikanischen Kontinent in Angriff.

Der längste Einsatz eines deutschen Kriegsschiffs seit dem Zweiten Weltkrieg wird nach aktueller Planung im Mittelmeer nur pausieren. Die Baden-Württemberg soll einen weiteren Unifil-Einsatz fahren, bevor sie im April 2025 wieder in Wilhelmshaven zurückerwartet wird. Das ergäbe dann einen Einsatzzeitraum von etwa 18 Monaten mit vier verschiedenen Besatzungen an Bord. Genau für diese Szenarien wurden die Fregatten der Klasse 125 beschafft.

Die Baden-Württemberg ist bei den gefahrenen Seemeilen dann unter den 125ern der unangefochtene Spitzenreiter. Nach dieser intensiven Nutzung ist sie planmäßig für eine viermonatige Instandsetzungsphase über den Sommer 2025 hinweg vorgesehen. Die Schwesterschiffe Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt haben ihre Depotinstandsetzungen bereits beendet oder beenden diese zum Jahresbeginn 2025. Beide Schiffe stehen mittelfristig auch für Einsätze zur Verfügung.
Die Rheinland-Pfalz hat im September 2024 in das Marinearsenal Wilhelmshaven verlegt, um sie auf ihre Depotinstandsetzung im Jahr 2025 vorzubereiten.

Eine gute Figur machte die Baden-Württemberg auch am Cruise-Terminal in Tokio, Foto: Bw/Julia Kelm

Eine gute Figur machte die Baden-Württemberg auch am Cruise-Terminal in Tokio, Foto: Bw/Julia Kelm

Geplant sollen auf der Baden-Württemberg und der Rheinland-Pfalz während der kommenden Instandsetzungsphasen auch die schiffbaulichen Voraussetzungen für die Integration des auch als Sea Tiger bekannten Multi-Role Frigate Helicopters geschaffen werden – ein weiterer Meilenstein im Projekt F 125. Für die ab Herbst 2027 beginnende Phase der nächsten Depotinstandsetzungen wird bereits eine midlife conversion zum Ersatz obsoleter Komponenten und aus der Nutzung gehender Waffensysteme wie dem Marineleichtgeschütz geplant.

Leitender Technischer Regierungsdirektor Marc Steffens ist Projektleiter F 125, Fregattenkapitän Andreas Jedlicka ist Integrator Versorgungsreife F 125, Technischer Oberregierungsrat Andreas Groh ist Referent Einsatzsystem F 125 und Oberregierungsrat Robert Gruber ist verantwortlich für Risikomanagement und Terminplanung im Projekt F 125. Alle Autoren sind tätig im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr.

Marc Steffens, Andreas Jedlicka, Andreas Groh, Robert Gruber

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