Angehörige des Stabes Deu Marfor beim CRP. Foto: Bw/Steve Back

Angehörige des Stabes Deu Marfor beim CRP. Foto: Bw/Steve Back

Auf dem Weg in die Marfor-Familie

Der Führungsstab DEU MARFOR aus der Sicht eines jungen Truppenoffiziers

In einer tektonisch unruhigen Zone an der italienischen Küste befindet sich nicht nur der Vesuv als einer der gefährlichsten und berüchtigtsten Vulkane der Erde, sondern ein ebenso imposantes Gebäude der NATO. Mit seinen sechs Stockwerken und endlos langen Fluren, auf denen nahezu alle westlichen Sprachen vertreten sind, ist das Allied Joint Force Command (JFC) Naples bei einem ersten Besuch ebenso beeindruckend. Ich befinde mich dort als Teil der Maritime Component Command (MCC) Liaison Cell unter der Leitung unseres französischen Pendants FRMARFOR bei der Planungsarbeit der Übung Steadfast Jupiter. Gemeinsam mit Offizieren aus Italien, Großbritannien und der Türkei sind wir die direkten Ansprechpartner während des Crisis Response Planning (CRP) in den nächsten Tagen. [ds_preview]

Das CRP ist einer der vielen Teilabschnitte eines jeden NATO-Planungsprozesses für militärische Operationen. Der Auftrag lautet, innerhalb von 14 Tagen eine militärische Reaktion der NATO auf eine bevorstehende potenzielle Eskalation zu erarbeiten. Für uns heißt das, Vorgaben und Anforderungen der Führung auszuwerten und bei der konkreten Ausplanung in die maritime Domäne umzusetzen. Zusätzlich steht unsere Liaison-Zelle in dieser Zeit den verschiedenen Planungsgruppen in Neapel für alle maritimen Fragen zur Verfügung und sorgt für einen engen Austausch mit dem Planungsstab von FRMARFOR in Toulon.

Die Inhalte des Planungsprozesses sind dabei so volatil wie die Erdbebengegend, in der wir uns befinden. Die Lage ändert sich ständig und somit auch die Pläne. Die MCC-Liaison-Zelle unterstützt bei der täglichen vertikalen Übersetzung der Befehle der verschiedenen Ebenen und übernimmt die horizontale Abstimmung über alle Domänen. Nur so kann sichergestellt werden, dass überall der gleiche Informationsstand vorliegt.

Übungsteilnahmen, wie hier am JFC Naples, sind unser täglich Brot bei DEU MARFOR. Wir bündeln im Stab Expertise in der nahezu vollen Operationsbreite der maritimen Domäne und bringen diese bei der Operationsplanung auf der oberen taktischen Ebene ein. Bis wir als DEU MARFOR für eine Planungsphase allein verantwortlich sind, unterstützen wir andere MARFOR-Stäbe der Partnernationen schon jetzt regelmäßig mit unserem Know-how. Im Schnitt sind Teile des Stabes dafür zehn Wochen im Jahr in ganz Europa unterwegs, zum Beispiel bei Baltops, Dynamic Mariner und Steadfast Jupiter. Die so generierten Erfahrungen sollen in unser Kerngeschäft einfließen. Dafür ist nach jedem Übungszeitraum eine intensive Nachbereitung vorgesehen. Unter anderem werden neue Erkenntnisse bei internen Seminaren in die Bereiche weitergegeben. Zusätzlich werden Lehrgänge an den dafür vorgesehenen NATO-Schulen und Akademien der Partnernationen absolviert.

Zukünftig soll DEU MARFOR als deutscher Führungsstab mit multinationaler Beteiligung für maritime Operationen zur Verfügung stehen. Beispielsweise werden wir als MCC für die NATO das oben beschriebene Spannungsfeld zwischen dem sehr umfangreichen und breiten operativen Level und der unteren taktischen Ebene schließen. Das machen wir unter anderem, indem wir die Dokumente der operativen Planung für die taktische Umsetzung übersetzen und filtern.
Um aus dem übergeordneten Auftrag mit sehr großer Tragweite und einer Gültigkeitsdauer über die gesamte Operation hinweg ein Befehlswerk zu erstellen, ist ein hoher Arbeitsaufwand erforderlich. Die Zeit dafür ist allerdings endlich, sodass uns dafür in der Regel nur wenige Tage bleiben.

Für die Wahrnehmung dieser Aufgabe benötigt auch DEU MARFOR im Krisenfall mehr Personal als es im Moment zur Verfügung hat. Wir sprechen hier von Peacetime Establishment (PE) und Crisis Establishment (CE). Kommt es für die Allianz zu einem Spannungsfall und DEU MARFOR wird mit der Planung und Führung beauftragt, werden wir unseren Personalkörper nahezu verdoppeln. Bei dem Aufwuchs vom PE zum CE sind wir auf die zusätzliche Expertise der Deutschen Marine, aber auch der gesamten Bundeswehr und der Partnernationen angewiesen. In Zahlen bedeutet dies, dass wir von 93 auf bis zu 170 Personen aufwachsen.

So, wie wir jetzt andere Nationen unterstützen, werden auch wir auf die Unterstützung der anderen zählen. Die vorhandene breite Expertise soll mit durchhaltefähiger Manpower unterstützt werden. Andere Bereiche, die nur in einem Krisenfall vorgesehen sind, können eingerichtet werden. Nur so kann ein 24/7-Rhythmus etabliert und einer ständigen Lageänderung mit verschiedenen Planungsgruppen begegnet werden.
Aktuell befindet sich DEU MARFOR noch in der Aufbauphase. Das Ziel klar vor Augen, müssen wir nun weitere Prozesse und Qualifikationen aufbauen, etablieren und erhalten, um zukünftig maritime Operationen zu planen und zu führen.

Stabsmitglieder von Deu Marfor während der Übung Baltops

Stabsmitglieder von Deu Marfor während der Übung Baltops. Foto: Lieutenant Yvonne Carapeter (POR-N), PAO SFN

Um die Rolle eines MCCs zu trainieren und zu evaluieren, wird Griffin Marker 2022 eine vom Inspekteur der Marine angeordnete Übung. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits seit Januar 2021 auf Hochtouren, um den geplanten Aufwuchs und die Koordination mit sämtlichen Stellen in der Bundeswehr, aber auch in der NATO auf den Prüfstand zu stellen. Durch diese Herausforderung, der sich die Deutsche Marine erstmals stellt, wollen wir Neues lernen, Etabliertes verbessern und Funktionierendes vertiefen. Der so entstehende Battle Rhythm soll zur Gewohnheit werden und alle Ebenen mit den nötigen Informationen versorgen. Das gegenseitige Verständnis bei der Planung, der gleiche Informationsstand, die Aufbereitung der Menge an Informationen und eine klare Kommunikation sind der Schlüssel zum Erfolg. 2023 sollen wir die Grundbefähigung (Initial Operational Capability, IOC) erlangen. Die volle Einsatzfähigkeit (Full Operational Capability, FOC) ist für das Jahr 2025 vorgesehen.

Vor meiner Tätigkeit bei DEU MARFOR fuhr ich auf Korvetten zur See. Auch deren Weg von der Kiellegung bis zum „Arbeitstier“ der Marine war lang. Nach dem Stapellauf folgten ausgiebige Erprobungen, die in der ersehnten Indienststellung gipfelten. Es folgten Ausbildung, Drill und Zertifizierungen, bis schließlich erstmals Einsatzaufgaben wahrgenommen werden konnten.
Die Ausbildung an Bord war das Fundament für meine Tätigkeit bei DEU MARFOR, denn sie hat für ein solides taktisches Grundverständnis gesorgt und bildet das Fundament für die operative Planung.
Persönlich bereichernd empfinde ich vor allem die internationale Zusammenarbeit bei DEU MARFOR. Mein nächster Vorgesetzter kommt aus Dänemark. Außerdem dienen hier Soldaten aus Finnland, Großbritannien, Litauen und Frankreich. Daher sind unsere tägliche Arbeitssprache, sämtlicher Schriftverkehr und auch die zu erarbeitenden Dokumente auf Englisch. Das sorgt für ein multinationales Grundverständnis und senkt von Tag zu Tag die Hürde, auch unter deutschen Kameraden in einer Fremdsprache zu kommunizieren. Zusätzlich müssen Strukturen und Abläufe im Stab entwickelt werden. Bis diese gefestigt sind, gibt es auf allen Ebenen Gestaltungsspielraum. Mich motiviert es, Teil dieses Entstehungsprozesses zu sein.

Als doch sehr junger Angehöriger bei DEU MARFOR bin ich letztlich von der für mich neuen Arbeitsebene fasziniert. Das liegt am strategischen Horizont und der Abhängigkeit von sicherheitspolitischen Themen und Entwicklungen, die DEU MARFOR ständig begleiten. Auch wenn wir unseren Ursprung schon 2014 hatten, ist die Frage „Wo soll es einmal hingehen?“ noch nicht abschließend geklärt. Manche der planerischen Dimensionen kann ich aus meiner dienstlichen Perspektive nicht beurteilen.

Für mich ist allerdings klar: Wir sind im jüngst erschienen Eckpunktepapier der Verteidigungsministerin und des Generalinspekteurs zur Zukunft der Bundeswehr genannt, und das bestätigt den Fokus und die Wichtigkeit von DEU MARFOR. Es bekräftigt mich, an dem jetzigen Ziel, in die MARFOR-Familie des Atlantikbündnisses zu gelangen, festzuhalten. Der Wille ist es, innerhalb der NATO sichtbarer zu werden und Führungsverantwortung zu übernehmen. Dafür müssen wir das obere taktische Level eines zertifizierten MCCs erreichen, um an die bereits fest etablierte NATO-Struktur anzuschließen.

Autor: Kapitänleutnant Maximilian Bellini ist Offizier im N3-Bereich bei DEU MARFOR

10. Sep. 2021 | 0 Kommentare

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