Wiederholt waren maritime Datenkabel und Pipelines das Ziel von Anschlägen. Durch interdisziplinäre Kooperation könnte die Sicherheit Kritischer Unterwasserinfrastruktur deutlich verbessert werden.
Die zunehmende geopolitische Unsicherheit und wiederholte Zwischenfälle wie die kürzlich berichtete Spionage russischer Forschungsschiffe in europäischen Gewässern, haben die Verwundbarkeit kritischer Unterwasserinfrastrukturen verdeutlicht. Die Bedrohung für Pipelines, Offshore-Windparks und besonders Kommunikationskabel nimmt zu. Das verdeutlichen die Beschädigungen am C-Lion1-Kabel zwischen Finnland und Deutschland sowie am BCS East-West-Interlink, das Litauen mit der schwedischen Insel Gotland verbindet. Diese Infrastrukturen sind[ds_preview] jedoch von zentraler Bedeutung für die nationale Sicherheit und das wirtschaftliche Wohl Deutschlands und Europas. Verteidigungsminister Boris Pistorius sah daher unlängst im Nachrichtensender ntv ein „ständiges, umfassendes und klares Lagebild über die Kritische Unterwasserinfrastruktur […] als eine wichtige Voraussetzung dafür, sich schneller und besser schützen zu können“. Eine solche Informationsüberlegenheit erfordert einen umfassenden und kooperativen Ansatz, der sowohl zivile als auch militärische Akteure einbindet.
„Mit der Sprengung der Nord-Stream-2-Trassen wurde deutlich, wie verwundbar diese Infrastrukturen gegenüber staatlichen Akteuren in einem hybriden Seekrieg geworden sind. Die russischen Forschungsschiffe sammeln schon heute Daten für mögliche zukünftige Sabotageakte, was die Bedeutung eines integrativen und technologiebasierten Schutzkonzepts unterstreicht“, sagt Jann Wendt, CEO des auf Unterwasserdaten spezialisierten Kieler Unternehmens North.io.
Auch Vizeadmiral Jan C. Kaack, Inspekteur der Deutschen Marine, betonte bereits im vergangenen Jahr gegenüber der Deutschen Presse-Agentur die Notwendigkeit eines integrativen Ansatzes im Krisenfall: „Wir sollten jetzt festlegen, wer was zu tun hat, in welchem Fall. Wir müssen heute wissen, was machen Behörden mit ihren Fahrzeugen wie Tonnenlegern, der Zoll, die Bundespolizei, der Fischereischutz, wenn es knallt. Wir werden ja keine Dorsche zählen.“ Kaack sieht verstärkte Bemühungen um ein übergreifendes Lagebild als erforderlich an. Er verwies darauf, dass die Deutsche Marine heute mehr denn je auf die Zusammenarbeit mit der Industrie angewiesen sei, um Bedrohungen im maritimen Raum zu begegnen. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ betonte Kaack, dass die Sicherheit der Seewege und Offshore-Infrastrukturen eine nationale Aufgabe sei, die nur gemeinsam mit zivilen Partnern effektiv gelöst werden könne. Daher plädiert er für eine klarere Regelung der behördlichen Zusammenarbeit in Krisen- und Spannungsfällen.
Schutz für kritische Infrastrukturen
Gerade vor diesem Hintergrund wurde Mitte 2024 das Projekt Argus ins Leben gerufen, ein von North.io in Federführung entwickeltes Vorhaben mit den weiteren Partnern Geomar aus Kiel und Subsea Europe aus Rostock. Das Akronym Argus steht für Automated Recognition of Ghost ships and Underwater Surveillance. Im Gegensatz zu anderen Systemen adressiert Argus explizit die komplexe Unterwasserumgebung.

Alle Elemente der maritimen Infrastruktur bedürfen eines verstärkten Schutzes, Foto: Bw
Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer umfassenden Plattform zur Überwachung und Analyse kritischer Infrastrukturen auf etwaige Anomalien und daraus abzuleitende Handlungen für autonome Systeme. Das vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr geförderte, millionenschwere Projekt setzt modernste Technologien zur Integration von Daten aus verschiedensten Quellen ein und ermöglicht so zukünftig nicht nur eine kontinuierliche Überwachung der maritimen Umgebung, sondern auch forensische Analysen. Denn eine Strategie zur systematischen Echtzeitüberprüfung kritischer Infrastrukturen im Meer fehlt bislang.
TrueOcean, die von North.io entwickelte Geo- und Ozeandatenplattform, bildet das technologische Herzstück von Argus. Die Plattform, bildhaft ein ocean data warehouse, wurde in über 150 000 Entwicklungsstunden vervollständigt. Sie sammelt und standardisiert enorme Mengen an Daten aus verschiedenen Quellen wie Unterwassersensoren und Satelliten und bietet ein flexibles, skalierbares System für zivile und militärische Nutzer. Argus ermöglicht eine bessere Zusammenarbeit beteiligter Organisationen – von Militär über Behörden bis hin zu Forschungsinstituten und Industrie – und verfolgt das Ziel eines „gläsernen Ozeans“.
Die zentrale Überwachungsplattform von Argus umfasst mehrere, auf künstliche Intelligenz gestützte Werkzeuge, darunter:
- ein System zur Detektion von Anomalien auf Basis von Unterwasserdaten,
- ein Modul zur automatisierten Planung von Überwachungsaktivitäten durch autonome Systeme,
- eine Vorhersageanwendung für Schallgeschwindigkeiten sowie
- ein System zur hochautomatisierten Verarbeitung hydroakustischer Daten.
Was bedeutet das? Die kontinuierliche Überwachung der Unterwasserumgebung mithilfe fortschrittlicher Sensoren und unbemannter Unterwasser- und Oberflächenfahrzeuge hilft dabei, potenzielle Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und Handlungen abzuleiten. Die Integration von Daten von verschiedenen Quellen wie Sonar, Satelliten und Unterwasserdrohnen liefert ein umfassendes Bild des Meeresbodens und der Unterwasserinfrastruktur. Mit genauen und zeitnahen Informationen können Behörden und Infrastrukturbetreiber schnelle Entscheidungen treffen, um Bedrohungen für die Unterwasserinfrastruktur zu begegnen. Mit Blick auf die Zukunft können umfangreichere Big-Data-Analysen genutzt werden, um potenzielle Bedrohungen früher vorherzusagen, sodass vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden können.
Zivile und militärische Zusammenarbeit
Wie oben erläutert, erfordert die Sicherung kritischer Infrastrukturen auf See die Zusammenarbeit zahlreicher Akteure. Das Bundesverkehrsministerium hat daher in der Projektbeschreibung die Einbindung der Deutschen Marine, der Bundespolizei See und des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie als wichtige Partner vorgeschlagen.
Insbesondere militärische und behördliche Einrichtungen mit maritimen Lagebildern, darunter das Marineoperationszentrum und das Maritime Sicherheitszentrum in Cuxhaven, spielen eine zentrale Rolle. Das Marineoperationszentrum ist bislang aber nicht Teil des Projekts Argus.
Sebastian Bruns vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel unterstreicht die Bedeutung internationaler Kooperationen: „Genau wie die Kommunikationswege auf See, sind auch die kritischen Offshore-Infrastrukturen über Ozeane, Grenzen und Gerichtsbarkeiten hinweg verteilt. Um diese Assets zu schützen, ist es notwendig, alle relevanten Datenquellen zu kombinieren, um ein besseres gemeinsames Lagebild zu schaffen.“
Die TrueOcean-Technologie hat bereits erste erfolgreiche Tests in Zusammenarbeit mit der Undersea Infrastructure Coordination Cell der NATO durchlaufen. In einem proof of concept während eines Planspiels konnte die Plattform Daten direkt auf das NATO-Dashboard übertragen und so eine grenzübergreifende Überwachung unterstützen. Auch beim diesjährigen portugiesischen Manöver Repmus wurde die Plattform zusammen mit dem IT-Unternehmen IBM erfolgreich getestet. Diese Einsätze zeigen die Effektivität eines integrierten Datenansatzes, der sowohl zivilen als auch militärischen Anforderungen gerecht werden kann. Mittlerweile testen zwei europäische Marinen das System TrueOcean – auch als cloudbasierte Lösung. TrueOcean nimmt dabei die zentrale Funktionalität eines ocean data warehouse ein, welches in der Lage ist, enorme Datenmenge zu verwalten, zu verarbeiten und für Lagebild- und Geoinformationssysteme in aufbereiteter Form bereitzustellen.
Neben dem Projekt Argus hat North.io eine eigenständige Kooperation mit dem NATO Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters (COE CSW) in Kiel initiiert, um zusätzliche Sicherheitslücken bei der Überwachung kritischer Unterwasserinfrastrukturen zu adressieren. Diese Zusammenarbeit, die unabhängig von Argus erfolgt, zielt auf die Entwicklung eines verbesserten maritimen Lagebilds durch die Integration industrieller und militärischer Datenquellen. Dabei dient die TrueOcean-Plattform als zentrale Dateninfrastruktur, die in Kombination mit der Anwendungsebene Live Situational Picture des COE CSW eine sichere Umgebung für Echtzeitdatenanalysen schafft. Diese ergänzende Initiative unterstreicht die strategische Bedeutung von Kooperationen zwischen zivilen und militärischen Akteuren bei der Sicherung lebenswichtiger maritimer Anlagen.
Ziel operative Überlegenheit
Auch auf der Rüstungsmesse Euronaval 2024 in Paris wurde die Notwendigkeit einer Datenplattform erkannt und war Thema einer eigenen Podiumsdiskussion, an der auch ein Vertreter von North.io teilnahm. Konteradmiral Cédric Chetaille, leitender Offizier für die Kontrolle des Meeresbodens der französischen Marine, brachte dabei den Nutzen eines solchen Systems auf den Punkt: „Die Herausforderung besteht darin, wie man Informationsüberlegenheit erreicht, um operative Überlegenheit zu erreichen. Wie erhält man also die richtigen Daten, die richtigen Eigenschaften der Umgebung, wie verarbeitet man sie, um bessere und schnellere Entscheidungen zu treffen, um am Ende diese operative Überlegenheit zu erreichen?“
„Das Argus-Projekt zeigt deutlich, dass die Sicherheit unserer Unterwasser-infrastrukturen nicht isoliert gewährleistet werden kann“, betont CEO Wendt. Eine „Koalition der Willigen“, bestehend aus zivilen und militärischen Akteuren, könnte schon sehr kurzfristig notwendige Technologien bereitstellen um auf aktuelle Bedrohungen wie Spionage und Sabotage wirksam zu reagieren. „North.io, die TrueOcean-Plattform und die Kooperationspartner von Argus und weitere Technologiedienstleister bieten dafür schon heute genügend technologische Expertise, um diese Zusammenarbeit zu unterstützen und die maritime Sicherheitslandschaft in Europa zu stärken“, ergänzt er.
Die Zukunft des Schutzes der maritimen Infrastruktur wird sowohl durch technologische Innovationen als auch durch internationale und interdisziplinäre Kooperation bestimmt. Eine Einbindung aller relevanten zivilen und militärischen Akteure in das Projekt Argus und eine daraus resultierende Zusammenarbeit könnte die Sicherheitslage in Europa und insbesondere in der Ostsee erheblich verbessern. Gemeinsame Aktivitäten erlauben eine intensive und pragmatische Auseinandersetzung mit neuen Technologien und sind ein erster Schritt, um die Kooperation weiter zu erproben und auszubauen.
Fregattenkapitän a.D. Arne Björn Krüger war in seiner letzten Verwendung Stabsoffizier im NATO Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters.
Arne Björn Krüger










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