Boeing hat den Auftrag zum Bau von drei weiteren Poseidon erhalten. Die zukünftige Flotte der neuen Seefernaufklärer für die Deutsche Marine wächst damit auf acht Einheiten.
Die deutsche Marine ersetzt ihre Seefernaufklärer P-3C Orion durch Flugzeuge vom Typ P-8A Poseidon. Wie der Hersteller Boeing am 29. Februar meldete, hat die US Navy nun im Rahmen des Foreign-Military-Sales-Programms drei weitere Maschinen zur Lieferung an die Bundeswehr in Auftrag gegeben. Die Gesamtzahl der zu beschaffenden Maschinen steigt somit von fünf auf acht Flugzeuge.[ds_preview]
Der Erwerb von acht P-8A ermöglicht die Ablösung der P-3C im Verhältnis eins zu eins. Die 2006 von den niederländischen Streitkräften übernommenen P-3C werden aufgrund des hohen Wartungsbedarfs ausgemustert. Nach Einschätzung der Bundeswehr stellt die P-8A – sowohl hinsichtlich des Fähigkeitsspektrums wie auch der Verfügbarkeit – die beste Lösung dar. Der Flugzeugtyp wurde 2013 bei der US Navy in Dienst gestellt. Mittlerweile sind 166 Maschinen bei den Streitkräften von sechs Nationen im Einsatz. Mit rund 600 000 Flugstunden ist das Einsatzsystem bewährt. Flugzeugabstürze oder Unfälle aus technischen Gründen blieben bislang aus. Der einzige nennenswerte Zwischenfall ereignete sich im November 2023, als eine Maschine aufgrund eines Pilotenfehlers über die Landebahn hinausschoss und im Wasser landete.
Der Seefernaufklärer hat eine neunköpfige Besatzung bestehend aus zwei – bei längeren Flügen auch drei – Piloten sowie sieben Missionsspezialisten und Bordtechniker zur Bedienung der Sensorenkonsolen. Die P-8A besitzt eine Maximalgeschwindigkeit von 490 Knoten, ihre Dienstgipfelhöhe beträgt 12 500 Meter, die Reiseflughöhe in der Regel rund 10 000 Meter. Am anderen Ende des Spektrums kann die Poseidon im Niedrigflug 30 Meter über dem Meeresspiegel fliegen. Die Einsatzreichweite beträgt 1200 Seemeilen bei einer vierstündigen Verweildauer über dem eigentlichen Zielgebiet. Reichweite und Einsatzausdauer können durch Luftbetankung deutlich gesteigert werden.
Das Flugzeug hat fünf interne sowie vier externe Halterungen für Seezielflugkörper des Typs Harpoon, U-Jagd-Torpedos Mk 54 sowie Präzisionsraketen AGM-88 zur Bekämpfung von Radarsystemen. Auch Seeminen können mitgeführt werden. Als weitere abwerfbare Nutzlast führt das Flugzeug intern Uni-Pac-III-Kanister. Diese beinhalten automatisch aufblasende Schlauchboote sowie eine breite Palette weiterer Ausrüstung für das Überleben im Wasser oder auf Land. Hinzu kommen 129 Sonarbojen die abwurfbereit in der umgerüsteten Passagierkabine geführt werden.

Cockpit einer P-8A, Foto: US Navy
Die Sensorenausstattung umfasst unter anderem Radar mit synthetischer Apertur (Synthetic Aperture Radar, SAR), Radar mit inverser synthetischen Apertur (Inverted SAR, ISAR), Sensoren zur Erfassung gegnerischer Radar- und Funksignale, elektrooptische und Infrarotkameras sowie eine mit den Sonarbojen verbundene akustische Sensorenausrüstung. Die Sensorenauflösung reicht aus, um Objekte von der Größe eines Periskops zu erfassen. Bis zu 256 Ziele können gleichzeitig verfolgt werden.
Die verschiedenen Daten der Sensoren werden an Bord ausgewertet, um erfasste Schiffe, Objekte und elektronische Strahlungsquellen zu identifizieren und zu orten. Daten können über Link 11 und Link 16 im Direktfunk oder über Satellit mit anderen Flugzeugen sowie Schiffen und Bodenstationen ausgetauscht werden. Die nahtlose Integration des Flugzeugs mit Aufklärungs- oder U-Jagdeinheiten von Verbündeten und Partnern ist gewährleistet.
Das primäre Aufgabenspektrum umfasst U-Jagd und Seezielbekämpfung, einschließlich Erfassung, Klassifizierung, Ortung, Verfolgung sowie gegebenenfalls der direkten Bekämpfung der Ziele. Hinzu kommen allgemeine Aufklärung und die Überwachung weiträumiger Meeresareale. Sekundär kann die P-8A Aufklärungseinsätze über Land durchführen, als fliegende Einsatzzentrale auch für Landkräfte fungieren, Einsätze mit verbündeten Streitkräften koordinieren sowie Such- und Rettungseinsätze über Wasser und über Land durchführen.
Beschaffung und Indienststellung
Die P-8 wird derzeit von den Streitkräften der USA, Großbritanniens, Australiens, Neuseelands, Norwegens und Indiens eingesetzt. Deutschland, Kanada und Südkorea führen diesen Typ gegenwärtig ein. Deutschland wird folglich eine lückenlose Interoperabilität mit den für Meeresüberwachung wichtigsten NATO-Partnern sowie weiteren Nationen im indopazifischen Raum erhalten. Im Rahmen globaler Einsätze haben die Seefernaufklärer der deutsche Marine auch Zugang zu einer gut ausgebauten Wartungsinfrastruktur und einem Ersatzteilliefernetzwerk. In puncto Wartung und Ersatzteilverfügbarkeit profitiert die Marine auch von der Tatsache, dass die P-8A zu 86 Prozent mit dem zivilen Verkehrsflugzeug Boeing 737NG identisch ist.
Die Beschaffungsentscheidung zugunsten der P-8A erfolgte 2021. Dabei wurden zunächst fünf Flugzeuge im Gesamtwert von 1,4 Milliarden Euro in Auftrag gegeben. In dieser Summe enthalten sind sowohl die Flugzeuge als auch die erforderliche Missionsausstattung und ein Simulator für die Ausbildung der Flugbesatzungen. Im November 2023 bewilligte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags dann den Erwerb von drei weiteren Maschinen im Wert von 1,1 Milliarden Euro. Die Zusatzbeschaffung wird aus Mitteln des Sondervermögens Bundeswehr finanziert.
Für Systemintegration, Ausbildung und Instandhaltung der Maschinen vereinbarte Boeing bereits 2021 die Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen Firmen. Hierzu gehören vor allem die Elektroniksystem- und Logistik-GmbH (ESG) und die Lufthansa Technik. Ferner wird ein Teil der Komponenten sämtlicher P-8A von deutschen Firmen geliefert, darunter die Aircraft Philipp Group, Aljo Aluminium-Bau Jonuscheit und Nord-Micro.
Sämtliche Flugzeuge sollen dem Marinefliegergeschwader 3 Graf Zeppelin in Nordholz unterstellt werden, das derzeit auch die P-3C einsetzt. Die ersten Poseidon werden 2025 nach Deutschland ausgeliefert, die letzten Einheiten dürften bis Ende 2026 in Nordholz ankommen.

Offiziere der philippinischen Marine besichtigen eine P-8A der US Navy, Foto: US Navy
Immer noch Übergangslösung?
Trotz des beeindruckenden Leistungsprofils gilt die deutsche Beschaffung der P-8A allerdings als Übergangslösung. Ab 2035 soll die Seefernaufklärung durch das gemeinsam mit Frankreich zu entwickelnde luftgestützte maritime Kampfsystem Maritime Airborne Warfare System (MAWS) übernommen werden. Diese Absicht wurde am 17. November 2023 auch in einer Pressemeldung des Bundesverteidigungsministeriums unterstrichen.
Nichtsdestotrotz führt die Aufstockung des Beschaffungsauftrags für die P-8A zu Spekulationen, dass das 2018 eingeleitete Projekt MAWS letztendlich zugunsten von zwei getrennten, auf nationale Ebene beschränkte Lösungen für die französische und die deutsche Marine eingestellt wird. Diese Frage wurde bereits 2021 anlässlich der ersten Beschaffung des ersten Poseidon-Loses erhoben. Die französische Entscheidung Anfang 2023, „neben“ MAWS noch ein davon unabhängiges Entwicklungsprogramm für ein maritimes Aufklärungsflugzeug (Patrouille Maritime, PatMar) einzuleiten, bestärkte viele Beobachter in dieser Überzeugung.

Die P-8A führt bis zu 129 Sonarbojen, Foto: US Navy
Tatsächlich ist fraglich, ob der Betrieb von zwei verschiedenen Flugzeugtypen bei der einen oder der anderen Streitkraft – sowohl aufgrund der logistischen Belastung als auch angesichts der angespannten Personallage – sinnvoll wäre. Falls MAWS innerhalb des geplanten Zeitrahmens Mitte der 2030er-Jahre eingeführt werden sollte, hätten die Poseidon-Flugzeuge der deutschen Marine lediglich zehn Jahre Dienst geleistet. Ausgerichtet ist die Poseidon jedoch für 25 Dienstjahre. Zu dem genannten Zeitpunkt um das Jahr 2035 herum wäre der Betrieb vermutlich gut eingespielt. Die Investitionen von 2,5 Milliarden Euro hätten sich jedoch noch nicht amortisiert. Eine vorzeitige Ausmusterung zugunsten eines noch unbewährten Typs könnte sowohl aus politischen wie aus operativen Gründen lediglich gerechtfertigt werden, falls MAWS eine wesentliche technologische Modernisierung und Leistungssteigerung aufweist. Dies ist noch nicht ersichtlich. Zu prüfen wäre auch, inwiefern die Systemarchitektur von MAWS die vollständige technologische und operative Integration in den Sensor- und Datenverbund der mit P-8A ausgestatteten Luftflotten der Verbündeten erreicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass sowohl Berlin wie Paris letztendlich das Projekt MAWS neu bewerten, scheint derzeit größer zu werden.
Sidney E. Dean










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