Wie verhält sich eine Besatzung, wenn die Notwasserung oder der Absturz über See droht? An der Marineoperationsschule lernen die Besatzungen von Luftfahrzeugen praxisnah das Überleben auf See.
Ditching-Ditching-Ditching!“ Während eines realen Fluges möchte dies wohl keine Luftfahrtbesatzung jemals über die Intercom ihres Hubschraubers oder Flugzeugs hören. Denn es bedeutet, dass ihr Flug in wenigen Sekunden in der kalten, nassen und keine Fehler verzeihenden See enden wird.
Dagegen hört man dies in der Wasserübungshalle der Inspektion Überleben auf See (ÜaS) der Marineoperationsschule in Bremerhaven, auch als Sea Survival bekannt, viele Male am Tag. Dann gleitet der Unterwasserausstiegstrainer langsam, aber dennoch Respekt einflößend, in das Wasser und dreht sich dabei um 180 Grad auf den Kopf. [ds_preview]In kontrollierter Umgebung werden bei der ÜaS alle Luftfahrzeugbesatzungsangehörige der gesamten Bundeswehr in verschiedenen Lehrgängen im Überleben auf See ausgebildet.
Hinzu kommen über See fliegende Luftfahrzeugbesatzungsangehörige der Bundespolizei, der schweizerischen Armee, des österreichischen Bundesheeres und verschiedener internationaler Partner sowie Spezial- und spezialisierte Kräfte der Bundeswehr und Bundespolizei.
In den Lehrgängen der Inspektion Überleben auf See werden in einem eng aufeinander abgestimmten modularen System die Lehrgangsteilnehmer auf den Fall einer Notwasserung vorbereitet. Auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrung trainieren bis zu 1600 Lehrgangsteilnehmer pro Jahr mit modernen Rettungsmitteln und
zeitgemäßer Ausrüstung den Ernstfall.
Den unterschiedlichen Arten von Luftfahrzeugen Rechnung tragend, werden die Lehrgangsteilnehmer auf drei Hörsäle aufgeteilt: Jet, Hubschrauber und Propellerflugzeuge. Darüber hinaus unterscheiden sich die Lehrgänge in deren Intensität: Der Grundlehrgang mit einer Dauer von vier Tagen vermittelt Kenntnisse über Umwelteinflüsse und deren Auswirkung auf den menschlichen Körper, aber auch grundlegendes Wissen über die persönliche sowie luftfahrzeuggebundene Überlebensausrüstung und die notwendigen Verfahren. Die Wiederholerlehrgänge mit einer Dauer von drei Tagen vertiefen diese Fertigkeiten bei nahezu identischen Inhalten, wobei lediglich im Theoriebereich Inhalte gekürzt werden. Eintägige Refresher-Lehrgänge werden nur von der Marine genutzt und bieten eine kurze Auffrischung bereits erlernter Fähig- und Fertigkeiten. In allen Lehrgangsformen liegt der Schwerpunkt beim praktischen Anteil der Ausbildung. Über die Vorgehensweise in einer Notsituation nicht nur zu lesen, sondern sie anschließend in der Realität auch zu beherrschen, erfordert ein hohes Maß an Erfahrung.
Sowohl Grund- als auch Wiederholerlehrgänge beinhalten jeweils das Open-Sea-Survival-Training (OSST) als Abschluss und Höhepunkt der Ausbildung. Im OSST wird in einer Übung unter Realbedingungen der komplette Ablauf der zuvor in Theorie und Hallentraining ausgebildeten Schritte von der Notwasserung oder dem Notausstieg über See über die Evakuierung des Luftfahrzeugs, den Eintritt ins Wasser sowie den Umgang mit den persönlichen Rettungsmitteln bis hin zur Bergung durch einen Hubschrauber trainiert.

Einsatz der Spiekeroog beim Open Sea Survival, Foto: Bw
Als Plattform für den Transport der Ausbilder und Lehrgangsteilnehmer in das Übungsgebiet dienen vorrangig die Seeschlepper WANGEROOGE und SPIEKEROOG. Beide Einheiten stehen momentan jedoch nicht zur Verfügung. Diese Fähigkeitslücke wird derzeit von einem zivilen Unternehmen, der Reederei Otto Wulf, kompensiert. Zwischen dem Aussetzen der Lehrgangsteilnehmer und ihrer Wiederaufnahme werden die Lehrgangsteilnehmer von Cuxhaven aus kontinuierlich überwacht. Durch das Marinefliegergeschwader 5 aus Nordholz oder die Bundespolizei werden die Teilnehmer schließlich am Übungsende mit einem Hubschrauber aus ihren Rettungsinseln oder Schlauchbooten wieder aufgewinscht und auf dem Achterdeck des Schleppers abgesetzt.
Ziel des OSST ist es, den Besatzungen die notwendige Handlungssicherheit und das Selbstvertrauen zu geben, um in dieser nicht vorhersehbaren und unter großem Stress ablaufenden Notsituation überleben zu können. Durch das verlässliche Funktionieren der Rettungsmittel soll darüber hinaus auch das Vertrauen in diese gesteigert werden.
Die regelmäßige Teilnahme der Luftfahrzeugbesatzungen an der Ausbildung Überleben auf See stellt sicher, dass im Worst Case, also einer Notwasserung mit einem Luftfahrzeug, alle Besatzungsmitglieder über das nötige Handwerkszeug verfügen, um diese Gefahrensituation zu überleben. Die Ausbildung der Inspektion Überleben auf See rettet Leben!
Oberstleutnant Mathias Himpler ist Hörsaalleiter Jet im Training Überleben auf See.
Mathias Himpler










0 Kommentare