Am 24. Februar begannen russische Streitkräfte mit dem Einmarsch in die Ukraine – dieser völkerrechtswidrige Akt markiert eine Zäsur in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik der vergangenen Jahre.
Der Bundeskanzler sprach in diesem Zusammenhang auch von einer Zeitenwende. Was sind die militärischen Ableitungen daraus, was bedeutet das für die Bundeswehr und – ganz konkret – für die Ausbildung an der Marineoperationsschule?[ds_preview]
Zunächst muss die Bundeswehr nun die richtigen Schritte einleiten, um das für sie ausgewiesene Sondervermögen von 100 Milliarden Euro sinnvoll zu verwenden, sprich: mit dem Ziel, einsatzbereite Streitkräfte aufzustellen, die wirken können. Auch strukturelle Veränderungen wird es geben müssen, um über die Möglichkeit zu verfügen, den aktuellen Herausforderungen mit den richtigen Führungsstrukturen zu begegnen. Das Eckpunktepapier aus dem Jahr 2021 hat dafür bereits den nötigen Grundstein gelegt.
Dass wir uns mit der Bundeswehr wieder auf Landes- und Bündnisverteidigung einstellen müssen, ist spätestens seit der ebenfalls völkerrechtswidrigen russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 immer wieder Gegenstand militärischer Analysen gewesen. Stellt sich die Frage, ob wir dieser Erkenntnis in den vergangenen Jahren in der Ausbildung genug Rechnung getragen haben – bilden wir das Richtige richtig und zur richtigen Zeit aus, um gefechtsbereit zu sein?
Die Antwort auf diese Frage fällt aus Sicht der Marineoperationsschule ambivalent aus. In der Individualausbildung liegt der Schwerpunkt nachvollziehbarer Weise auf der Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten für den Dienst an Bord unserer Schiffe, Boote und Luftfahrzeuge. Aufgrund unserer Einstellungspraxis und den damit verbundenen Werdegängen können wir dabei auch in weiterführenden Lehrgängen nur noch bedingt auf Vorerfahrung setzen. Trainingsteilnehmer und -teilnehmerinnen kritisieren unisono fehlende praktische Erfahrung und eine mangelnde Bindung an die Marine. Nach jahrelangem Aufenthalt im Ausbildungssystem fällt ihnen der Weg auf ihre Einheiten schwer, zudem sei er von Unsicherheit geprägt.
Bei der Team- und Einsatzausbildung ist der Schwerpunkt klar an den vorherrschenden operativen Rahmenbedingungen ausgerichtet. Ausbildung muss eine Teilnahmefähigkeit der Einheiten an Einsätzen wie Unifil, Irini oder der NATO-Unterstützungsmission in der Ägäis sicherstellen. Der Einsatz im maritimen Wirkverbund ist nur eingeschränkt abgebildet. Ursächlich dafür sind fehlende Einsatz- und Ausbildungsverbände und wenige Hochwertmanöver, die das Wirken von See im Zusammenspiel aller Kräfte und Dimensionen abbilden.
Auf Basis dieser Erkenntnisse wurden und werden die Trainings der Marineoperationsschule angepasst. Beispielsweise wurde der sogenannte A-Lehrgang neu geordnet und mit dem Ziel verlängert, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wieder etwas breiter aufzustellen und ihnen mehr querschnittliches Wissen zu vermitteln. Praktische Übungen ergänzen die Ausbildung. Eine Idee, auch den B-Lehrgang neu zu strukturieren, wurde gemeinsam mit der Abteilung Personal, Ausbildung, Organisation im Marinekommando entwickelt, die Umsetzung wird noch geprüft.
Bei anderen Trainings wollen wir gemeinsam mit der Flotte Möglichkeiten schaffen, um Ausbildungsabschnitte an Bord zu verlegen und so einen stärkeren Praxisbezug und mehr Bindungswirkung zu erzielen. Dass damit große Herausforderungen im Zusammenhang mit Planung und Organisation verbunden sind, ist zweifelsohne richtig. Der Nutzen lohnt aus Sicht aller Beteiligten aber den Aufwand.
Am Taktikzentrum der Marine haben wir gemeinsam mit der Abteilung Operation im MarKdo ein Taktikseminar für Landes- und Bündnisverteidigung entwickelt. Auch die Entscheidung des Inspekteurs, an der Marineoperationsschule eine Lehrgruppe Seetaktik aufzustellen, wird entscheidend dazu beitragen, Taktikentwicklung und Ausbildung zu verzahnen und weiter zu verbessern.
Fazit: Die Marineoperationsschule hat den richtigen Weg eingeschlagen, um gefechtstauglich auszubilden. Im ganzheitlichen Ansatz müssen künftig Individual- und Einsatzausbildung im Rahmen der verfügbaren Ressourcen weiter verzahnt werden. Szenare müssen sich an der operativen Realität ausrichten und das gemeinsame operative Verständnis muss wieder gestärkt werden. Diesen Weg werden wir heute und in Zukunft mit der Flotte konsequent beschreiten.
Kapitän zur See Jens Grimm ist Kommandeur der Marineoperationsschule in Bremerhaven.
Jens Grimm










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