Eindeutiges Statement der Ukraine in philatelistischer Form, Foto: Archiv marineforum

Eindeutiges Statement der Ukraine in philatelistischer Form, Foto: Archiv marineforum

Der Ukrainekrieg und das Schwarze Meer

Auf den ersten Blick scheint der russisch-ukrainische Krieg rein ausschließlich landseitig geführter Konflikt zu sein. Doch die epochale Auseinandersetzung besitzt auch eine maritime Dimension.

Als am 24. Februar 2022 der russische Präsident Putin den „Großen“ oder Staatenkrieg nach Europa zurückbrachte, begann eine neue Epoche nicht nur der europäischen Geschichte. Bundeskanzler Olaf Scholz´ Wort von der Zeitenwende in der Weltpolitik beschreibt dies in der Tat sehr treffend, auch wenn diese in manchen Köpfen noch immer nicht wirklich angekommen scheint. Bislang ist kein Ende des Ukrainekriegs absehbar, und daher gilt: Wir wissen nicht, wie es weitergeht und wie das Ende aussieht.[ds_preview] Niemand kann sicher sagen, ob es ein Triumph von Freiheit und Selbstbestimmung wird und mit einem Umbruch in Russland endet, eine Ermattung beider Seiten erfolgt oder dieser Krieg noch erheblich weitere Kreise ziehen wird.

Hier wird eine Skizze des bislang Beobachtbaren in der maritimen Dimension des Geschehens versucht. Und dieser weite Begriff ist auch der richtige, denn von Seekrieg kann man nicht sprechen. Schon vor den Ereignissen von 2014 war die ukrainische Marine der russischen nicht annähernd ebenbürtig, und infolge der Besetzung der Krim durch Russland verlor die Ukraine rund drei Viertel ihrer sowieso bereits stark verkleinerten Flotte und das Marinehauptquartier in Sewastopol noch dazu. Und mit Beginn der russischen Aggression im Februar 2022 wurde die überschaubare Marine Kiews noch weiter dezimiert. Das Flottenflaggschiff, die Fregatte HETMAN SAHAIDATSCHNYJ (ehemalige sowjetische KRIWAK-III-Klasse) wurde im Hafen von Mykolajiw selbst versenkt, um sie nicht dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Einsatzfähig waren acht bis zehn Patrouillenboote, von denen fünf bei Kriegsbeginn zerstört wurden oder in russische Hände fielen. Hinzu kamen ein Dutzend Luftfahrzeuge der Marineflieger, die aber zu keiner Form von Seekriegsführung befähigt waren. Insoweit hat diese Auseinandersetzung nichts an sich, was auf den ersten Blick als Seekrieg definiert werden könnte, ist aber keineswegs frei von einer maritimen Dimension, wie wir bald sehen werden. Zunächst aber lohnt es, sich die geostrategische Ausgangslage des Geschehens am Schwarzen Meer noch einmal zu verdeutlichen.

Das Schwarze Meer ist ein Randmeer, das sich zwischen Donaumündung im Westen und dem Anstieg des Kaukasus im Osten über etwa 1000 Kilometer am Nordrand der Türkei erstreckt. Weitere bedeutende Anliegerstaaten sind neben Russland die Ukraine, Bulgarien und Rumänien. Weit in das Schwarze Meer hinein ragt die von Russland annektierte Krimhalbinsel. Die Türkei kontrolliert als bedeutende Macht in der Region nicht nur den Übergang vom Schwarzen- zum Mittelmeer, sondern ist auch Mittelpunkt einer Übergangszone zwischen Europa und Asien mit der sich nach Süden anschließenden arabischen Halbinsel und dem durch den Grabenbruch des Roten Meeres abgetrennten afrikanischen Kontinent. Es ist kein Zufall, dass mit Byzanz und dem durch die Islamisierung nachfolgenden osmanischen Reich zwei langlebige Großreiche diese Region mit geografischer Basis insbesondere im Westen der heutigen Türkei dominierten und deren Macht primär maritim fundiert war. Heute schickt Ankara sich an, wieder in die Nachfolge der Osmanen einzutreten. Klar ist: Schwarzes Meer und die Meerengen sind auch heute noch Russlands wichtigstes Ausfallstor zu den warmen Meeren, und am Bosporus überkreuzen sich bedeutende sea lines of communication (SLOCs) der globalen Handelsverkehre und maritime Machtachsen fast aller Seemächte der Region wie auch der übergeordneten, weltweit agierenden Großmächte.

Russisches U-BootMagadan der Klasse Kilo II, Foto: Michael Nitz

Russisches U-Boot Magadan der Klasse Kilo II, Foto: Michael Nitz

Die Türkei ist überaus wichtig im Geschehen, denn sie kontrolliert infolge des Vertrags von Montreux aus dem Jahr 1936 die Präsenz von Kriegsschiffen im Schwarzen Meer. Anrainer dürfen dort ihre Flotten selbstredend souverän unterhalten. Anders sieht es aus mit der Ein- oder Ausfahrt von Drittstaaten, also der Transit vom oder in das Mittelmeer durch Bosporus und Dardanellen. Ein Anrecht darauf haben in Form der innocent passage zwar auch Kriegsschiffe von Nichtanrainern, allerdings nur im Frieden. Davon ausgenommen sind Flugzeugträger und größere Tonnagen. U-Boote aller Staaten müssen aufgetaucht fahren. Im Kriegsfall sieht die Situation anders aus, und die Türkei hat – auf die Montreux-Statuten gestützt – schon wenige Tage nach Kriegsbeginn das Schwarze Meer für die Marineschiffe der kriegführenden Nationen Russland und Ukraine gesperrt. Erlaubt ist nur noch die Rückkehr von bereits vor Kriegsbeginn ausgelaufenen Einheiten, die in ihre Heimathäfen am Schwarzen Meer zurückkehren dürfen. Eine erneute Ausfahrt ist nicht mehr gestattet, was einen konsequenten und durchaus mutigen Schritt für die sehr auf Äquidistanz zu Russland und dem Westen bedachte türkische Regierung darstellt. Die russische Schwarzmeerflotte ist also zunächst „eingesperrt“, was freilich für Kiew zunächst eher bedrohlich klingt, denn so kann Moskau alle seine dortigen maritimen Kräfte gegen die Ukraine im Schwarzen Meer ungestört und gebündelt zur Geltung bringen. Davon machte Russland bei Kriegsbeginn auch sofort Gebrauch und beschoss mit weitreichenden Raketensystemen von See her allerlei Ziele in der Ukraine und wurde an einigen Küstenabschnitten auch offensiv tätig.

Welche Seekriegsmittel stehen Moskau im Schwarzen Meer zur Flankierung seines Angriffskriegs zur Verfügung? Grundsätzlich muss vorangestellt werden, dass die Schwarzmeerflotte noch vor den anderen Flotten Russlands in den letzten Jahren bevorzugt mit Material ausgestattet und erheblich modernisiert wurde, was aber in irgendeiner Weise unterhalb des westlichen Radars blieb. Einigen Fachleuten war dies zwar bekannt, es blieb aber ohne nennenswerte Konsequenzen auf militärstrategischer Ebene. Im Westen nämlich konzentrierte man sich seitens der NATO in den letzten Jahren stark auf den Ostseeraum und die Nordflanke, während dem Geschehen an der Südflanke selbst noch nach 2014 nur wenig Beachtung geschenkt wurde. Im Ostseeraum sah man die baltischen Republiken bedroht, und in der Arktis sorgte die konsequent ausgeführte russische Remilitarisierung nicht nur für größere Unruhe und viele Debatten, sondern auch für das zumindest langsame Anlaufen erster Gegenmaßnahmen.

Putin verfügte daher Anfang 2022 nicht nur über sehr ansehnliche maritime Machtmittel im Schwarzen Meer, sondern dies sogar geradezu außer Konkurrenz, denn die meist rotierenden Kräfte der NATO-Präsenz blieben überschaubar und sind auch keine Kriegspartei. Rund 50 Schiffseinheiten standen der russischen Flotte zur Verfügung, darunter ein Kreuzer, drei moderne Fregatten der ADMIRAL-GRIGOROWITSCH-Klasse, acht Flugkörper-Korvetten, sechs Landungsschiffe und sieben U-Boote, davon sechs der als sehr leistungsfähig und durchaus modern geltenden KILO-II-Klasse. Moskau verfügt also über eine gewaltige Flotte im überschaubar großen Schwarzen Meer, der es an nichts fehlt – außer einem Gegner. Doch wer daraus nun ableitet, dass Russland große Vorteile aus seiner maritimen Dominanz zu ziehen vermochte, wurde sehr schnell eines Besseren belehrt.

Wenn irgendwo das Bild vom erfolgreichen kleinen David im Kampf mit dem mächtigen Goliath wirklich passen sollte, dann hier. Nach nur wenigen Anfangserfolgen wie der frühen Besetzung der strategisch enorm wichtigen Schlangeninsel vor der Zufahrt nach Odessa, der Verminung ukrainischer SLOCs und der Inbesitznahme mehrerer ukrainischer Häfen am Schwarzen und am Asowschen Meer, endete die erhoffte maritime Erfolgsgeschichte Moskaus. Totale maritime Dominanz, aber offenbar fast ohne jeden militärstrategischen Wert, solange es nicht gelingt, die landgestützten ukrainischen Lebensandern in den Westen Europas zu kappen. Da wider Erwarten Russland auch die Erringung der Luftherrschaft oder gar der totalen Lufthoheit über der Ukraine nicht gelang – teilweise bleibt bis heute ein Rätsel, warum Moskau seine Luftwaffe nicht offensiv einzusetzen vermag oder es zumindest versucht – ist der Nutzen dieser maritimen Dominanz nahe null. Die einzige damit etwas strategischere Option, nämlich die Abschnürung des ukrainischen Dünger- und Getreideexports, ist bislang durch das von der Türkei vermittelte Getreide-Exportabkommen, das zuletzt im März 2023 wieder um zwei Monate verlängert worden war, ebenfalls leergelaufen.

Schlimmer noch für Putin: Die stolze MOSKAU, das Flottenflaggschiff der Schwarzmeerflotte, ging physisch und symbolträchtig nach den Treffern zweier ukrainischer Anti-Schiffsflugkörper des Typs Neptun bereits an Ostern 2022 unter. Auch ein Landungsschiff sank nach Treffern, wahrscheinlich durch ukrainische Drohnen, während ein weiteres im Hafen beschädigt wurde – eine schwere Blamage für die russische Marine. Ende Juli 2022 folgte dann noch die Rückeroberung der Schlangeninsel. All diese Ereignisse führten nicht nur dazu, dass Moskau die Voraussetzungen für die Durchführung erwarteter amphibischer Operationen, wie die monatelang befürchtete Besetzung des ukrainischen Primathafens Odessa, abhandenkamen. Schlimmer noch für Russland: Die inzwischen auch durch dänische landgestützte Harpoon-Flugkörper weiter gestärkte ukrainische Küstenverteidigung hat de facto eine Anti-Access/Area Denial-Zone (A2/AD-Zone) geschaffen, welche durch die Reichweite dieser landgestützten Systeme, also 280 Kilometer, definiert wird. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass Moskau keine Hochwertziele seiner Flotte näher als gut 300 Kilometer vor den ukrainischen (Rest-)Küsten zum Einsatz bringen kann. Damit sind die Infrastrukturen der Ukraine zwar noch immer dem Beschuss durch weitreichende Waffensysteme von See und hier vor allem durch die Kalibr-Marschflugkörper der Russen ausgesetzt. Alles andere an Flotteneinheiten mit Waffen unterhalb der Reichweite solcher Systeme aber generiert keinen Nutzen mehr für Moskau. Das ist für die russische Seite auch deswegen besonders schmerzhaft, weil gerade die neuen Fregatten das Rückgrat der seegestützten russischen Luftabwehr gegen ukrainische Drohneneinsaätze auch westlich der Krim bilden sollten, was sie jetzt nur noch eingeschränkt wahrnehmen können.

Selten hat sich in der Militärgeschichte eine so große Flotte als so wirkungslos angesichts einer durch den Gegner mit minimalen Mittel begründeten A2/AD-Zone erwiesen, wie hier die russische, welche sich auf See und außerhalb des Schutzbereiches der mit besonders starker Luftabwehr versehenen Krim gleichsam in weit entfernte Teile des Schwarzen Meeres „verkrümeln“ muß, um dort verschont zu bleiben vor neuen Verlusten. Es erinnert ein wenig an die starke deutsche Hochseeflotte des Ersten Weltkriegs, deren Einsatz aus Sorge vor zu großen Verlusten der prestigeträchtigen Schiffe auch nur tastend gegen die Grand Fleet gewagt wurde und nie die ihr zugedachte strategische Rolle wirksam ausfüllen konnte. Dies ist mithin ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie eine Nicht-Seemacht mit Mitteln, die man unschwer dem Gedankengebäude der jeune ecole zuordnen könnte, sich gegenüber dem klassisch und für green and blue water aufgestellten Platzhirsch durchsetzen kann, insbesondere wenn dieser ungeschickt und fehlerhaft agiert. Im alten Wettstreit der maritimen Denkschulen zeigt sich einmal mehr, dass die jeune ecole unter entsprechenden technischen Voraussetzungen durchaus die Nase vorn haben kann, sofern man selbst – wie hier die Ukraine – strategisch auf eine offensiv ausgeübte Kontrolle des umstrittenen Seeraums gar nicht angewiesen ist, sondern mangelnden Zugang anderweitig kompensieren kann.

Zurück zum konkreten Geschehen im bisherigen Kriegsverlauf: Angesichts der russischen Übermacht in nach wie vor fast allen Dimensionen der Kriegführung – mit Ausnahme von Drohneneinsätzen und dem Cyberraum – hat es keine offensiven Einsätze von Einheiten der ukrainischen „Moskito-Marine“ gegeben, so die strukturelle Zielsetzung der nach dem Schock von 2014 mühsam konsolidieren und in Wiederaufbau und Modernisierung befindlich gewesenen Seestreitkräfte Kiews. Übrigens hat es auch bislang keine klassischen Luftangriffe der ukrainischen Luftwaffe auf die russischen Stützpunkte auf der Krim gegeben, welche angesichts der dort starken russischen Flugabwehr auch fast Selbstmordversuchen gleichkämen. Es haben seitens Kiews Marine defensive Mineneinsätze stattgefunden, es hat Küstenverteidigung stattgefunden. Und dennoch hat man es geschafft, die Russen immer wieder auch von Luft und See her offensiv unter Druck zu halten, und zwar durch Drohneneinsatz in zwei Dimensionen: Im August 2022 griffen ukrainische Drohnen den russischen Fliegerhorst Saki auf der Krim an, wobei es gelang, acht russische Luftfahrzeuge zu zerstören. Dies war ein spektakulärer Erfolg, der materiell wie propagandistisch hoch wirksam war und überdies Moskau veranlasste, weitere Teile seiner hochwertigen Luftkriegsmittel von der Krim abzuziehen und weiter in das Hinterland zu verlegen.

Doch auch von See her fanden Attacken statt, die unter Verwendung von flachen, unbemannten Fernlenkbooten, also Schwimmdrohnen mit einem Wasserstrahlantrieb, erfolgten. Eines der Boote war im September 2022 an der Küste der Krim angeschwemmt worden und den Russen in die Hände gefallen, sodass diese offenkundig gewarnt waren. Es war für sie dennoch eine große Überraschung, als ein Schwarm von acht dieser Drohnen Ende Oktober 2022, über 300 Kilometer von nächstgelegenen ukrainischen Militärstützpunkt entfernt, in den Hafen von Sewastopol einsteuerte und bei diesem Angriff offenkundig russische Schiffe traf. Die im Netz eingestellten Bilder zeigten mit der bordeigenen Kamera rasche Annäherung an ihre Ziele, im letzten Moment vor Erreichen der Bordwand bricht das Bild ab. Aus den Bildern geht aber hervor, dass die 125 Meter lange Fregatte ADMIRAL MAKAROW, neues Flaggschiff der Schwarzmeerflotte, ein Ziel des Angriffs war. Satellitenbilder in den folgenden Tagen zeigten die wohl getroffenen Schiffe weiter an ihren Liegeplätzen. Ob und in welchem Ausmaß diese beschädigt werden konnten, ist daher unklar. Moskau räumte immerhin die Beschädigung eines Minenabwehrschiffs ein. Im März 2023 wurde der Angriff auf russische Marineeinheiten in Sewastopol offensichtlich ein weiteres Mal versucht, nach Moskaus Angaben wurden die in die Bucht von Sewastopol einfahrenden Drohnen dabei aber rechtzeitig entdeckt und zerstört, was allerdings nach den Vorerfahrungen auch nicht unwahrscheinlich klingt. Kiew äußert sich regelmäßig nicht konkreter zu solchen Geschehnissen. Konstatieren lässt sich schon jetzt, dass dem relativ neuen Einsatzmittel Drohne eine erhebliche Bedeutung für den Kampf in allen Dimensionen, von der Aufklärung bis zum offensiven Waffeneinsatz in den Konflikten der Gegenwart und der Zukunft zukommen dürfte, was sich allerdings bereits spätestens im Sommer 2020 bei der blitzartigen Rückeroberung von Berkarabach durch Aserbaidschans massiven Drohneneinsatz gezeigt hatte. Im Schwarzen Meer jedenfalls dürfte Russland durch diese Entwicklung tendenziell noch weiter in die Defensive geraten. Abzuwarten bleibt nun, wie dieser Krieg weitergeht, maritim wird er sicher nicht entschieden werden. Aber es steht fest, dass es noch viele Überraschungen geben wird, die für manche – oder alle? – beteiligten Seiten unangenehm werden könnten.

Damit ist aber noch nicht alles über die strategische Ebene der Geschehnisse am und um das Schwarze Meer gesagt. Über die maritime Dimension im engeren Sinne hinaus ist nicht uninteressant, den Blick auf die geopolitische Meta-Ebene zu richten und ein wenig strategische Vorausschau zu versuchen. Sollte dieser Krieg nicht wider Erwarten mit einem Triumph Moskaus enden oder sich gar in einem Krieg zwischen NATO und Russland fortsetzen, dann ist schon jetzt klar: Die geostrategischen Machtgewichte, ja die ganze Geopolitik des europäischen Raumes wird in den kommenden Jahren neu sortiert. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass in der NATO eine neue Machtachse entsteht, die von Washington über London nach Warschau reicht und sich von dort weiter nach Kiew fortsetzt. Dass die alte Allianz zwischen den USA und Großbritannien seit dem Brexit von beiden Seiten gezielt aktualisiert wird, verwundert nicht. Dass Paris etwas abseits steht wegen der Besonderheiten französischer Geopolitik, verwundert auch nicht sehr. Dass aber nicht nur Paris, sondern auch Berlin nicht auf dieser neuen NATO-Achse zu liegen scheinen, sollte hierzulande zu denken geben. Washington hat mit London und Warschau (und womöglich langfristig auch mit Kiew) nicht unbedeutende europäische Staaten auf seiner Seite, die ganz unverhohlen dem Prinzip einer Re-Nationalisierung politischer Macht in eigenen Händen den Vorzug vor der EU geben, und die dort, wo sie Dominanz nicht sicherstellen können, ihre Ziele in engster Anbindung an die Interessen Washingtons erreichen. Und am Potomac wie an der Themse ist man seit Längerem auf demselben Kurs der Re-Nationalsierung, und Washington wird genau mit denen arbeiten, die diese Kriterien erfüllen. Das stärkt vielleicht die NATO, geschieht aber unvermeidlich auf Kosten einer Konsolidierung europäischer außenpolitischer Handlungsfähigkeit und Macht, die sich bislang in nicht viel mehr als in den Brüsseler Lippenbekenntnissen zur „strategischen Autonomie Europas“ manifestierte. Und selbst dieses könnte in den kommenden Jahren unter die Räder kommen, gerade wenn Trump oder ein Trumpist nach der nächsten US-Wahl ins Weiße Haus einziehen würde.

Sehr interessant ist dabei, wie die polnische Regierung agiert. Warschau baut derzeit die stärkste Militärmacht Kontinentaleuropas auf. Das Land mit seinen 38 Millionen Einwohnern wird, wenn die Pläne umgesetzt sind, über mehr als 1500 modernste Kampfpanzer, über mehr als 1000 Raketen- und Rohrartilleriesysteme verfügen, und für alle anderen Rüstungssektoren sind ähnlich ambitionierte Ziele gesetzt, die mit einem Militäretat von bald über vier Prozent des BIPs gar nicht unerreichbar scheinen. Deutschland mit seinen 83 Millionen Einwohnern bemüht sich derweil, mittelfristig 350 Kampfpanzer und langfristig bis zu 200 Artilleriesysteme funktionierend auf die Beine zu stellen. Dies wäre nicht sonderlich wichtig, wenn nicht bestimmte politische Entwicklungen die Rauchdetektoren zur Früherkennung anschlagen ließen. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine sind immer wieder maligne Töne aus Warschau zu vernehmen, nicht nur in Richtung Moskau, sondern auch in Richtung Berlin. Mehrfach wurde Deutschland gezielt vorgeführt: Bei Flugzeug- und Panzerlieferungen, beim Versuch von Ringtauschen und selbst noch beim bündnissolidarisch motivierten Angebot zum Schutz polnischen Luftraums durch deutsche Patriot-Systeme.

Diese polnischen Bemühungen sind nicht neu, aber bisher verschließt man in Deutschland die Augen. Im Rahmen der im August 2016 von Warschau initiierten Drei-Meeres-Initiative waren antideutsche Töne von Anfang an unüberhörbar gewesen. So ergriff beim zweiten Treffen in Warschau der eigens angereiste Donald Trump mit deutlichen Schmähungen gegen Berlin unwidersprochen das Wort. Als die deutsche Politik die Sprengkraft dieses als „mitteleuropäisch“ definierten Zusammenschlusses 2018 langsam erkannte und als größter Staat Mitteleuropas um Mitwirkung durch den eigens nach Bukarest angereisten damaligen Außenminister Heiko Maas ersuchte, wurde Berlin nur ein Konsultationsstatus ohne Stimmrecht zugestanden. Im Februar 2020 kündigte der damalige US-Außenminister Mike Pompeo die Unterstützung der weit jenseits der EU angesiedelten Drei-Meeres-Initiative mit einer Milliarde Dollar an. Als im Juni 2022 der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Aufnahme der Ukraine in die Initiative der selbst erklärten „Mitteleuropäer“ beantragte, erhielt er sie sofort. Hier tut sich eine künftige Bruchlinie auf: Es ist unschwer zu erkennen, dass diverse Akteure mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen an einer Neuverteilung europäischer und transatlantischer Machtinteressen arbeiten, die bereits begonnen hat.

Dr. Joachim Weber ist Senior Fellow am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel.

Joachim Weber

 

25. Juli 2023 | 0 Kommentare

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