Scapa Flow - Minenkreuzer "SMS Bremse". Foto: Orkney Library and Archive

Scapa Flow - Minenkreuzer "SMS Bremse". Foto: Orkney Library and Archive

Deutsche Flotte auf dem Meeresgrund

Die Selbstversenkung der deutschen Flotte in Scapa Flow sollte auch der Wahrung der Ehre dienen. Der Stellenwert des Ereignisses in der deutschen Marinegeschichte ist umstritten.

Dem Auslande gegenüber haben wir unsere Ehre schon lange verloren und denen gegenüber, die noch etwas von uns [der Marine] hielten, sind wir durch Umsturz und Spartakus verächtlich geworden, weil der größte Teil des Volkes gar nicht hinter diesen Sachen steht; wiedergewinnen können wir diese ‚Ehre’ aber nur durch Taten, Wiederherstellung der Ordnung, Erwerbung von Ruhm.“

Scapa Flow - The German Fleet. Foto: Orkney Library and Archive

Als Friedrich Ruge, Leutnant zur See, Wachoffizier und Interims-Kommandant auf dem Torpedoboot B 110, dies am 19. Juni 1919 an seine Verlobte schrieb, wusste er, dass die in Scapa Flow internierte deutsche Flotte versenkt werden sollte. 60 Jahre später schrieb er über diese „die Ehre rettende Tat“: „Es war für mich ein Gefühl der Erleichterung, als das Boot kenterte und sank:[ds_preview] Die Versenkung war das größte Ereignis meines Lebens.“ Als 74 deutsche Linienschiffe und Schlachtkreuzer, Kleine Kreuzer und Torpedoboote am 21. Juni 1919 von den eigenen Besatzungen versenkt wurden, hatten sie sich auf den Tag genau sieben Monate unter britischer Kontrolle erst (21. bis 26.11.1918) im Firth of Forth, dann in Scapa Flow befunden. Bei Andreas Krause (Scapa Flow; Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte, Berlin 1999) ist nachzulesen, wie es dazu kam: Nach dem völlig unerwarteten Kriegsverlauf die unwirkliche, unverstandene Niederlage, die Abrüstung der Schiffe und Boote unter revolutionären Umständen, der beschämende „Spießrutenlauf der (deutschen) Kriegsschiffe“ (davon zeugt ein britisches Plakat im Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrum der Marineschule Mürwik) – die deutschen Einheiten waren umgeben von insgesamt 370 britischen Kriegsschiffen und einigen wenigen anderer Siegernationen, was dem Zeitzeugen Ruge „eine ungewollte Anerkennung für das zu (sein schien), was die Hochseeflotte gewesen war.“ Dieses „Schauspiel“ fand selbst auf britischer Seite kritische Stimmen: „Ich muß gestehen, es war ein makabres und mitleiderregendes Bild, fast ein wenig geschmacklos.“ oder: „Die Überführung der deutschen Flotte war für viele von uns ein höchst schmerzliches und dramatisches Ereignis.“ Alle Schiffe und Boote wurden peniblen Untersuchungen unterzogen, verbunden mit Plünderungen durch britische Kontrolleure. Anschließend prägte im unwirtlichen britischen Stützpunkt Scapa Flow eine strenge Überwachung das eintönige Leben der deutschen Besatzungen, ohne Landgang, bei erschwertem Kontakt zur Heimat aufgrund von Postzensur und fehlender Funkverbindung, unsicherer Lebensmittelversorgung aus Deutschland sowie knappen britischen Kohlelieferungen. Dazu die Auseinandersetzungen zwischen Offizieren und Soldatenräten, die durch Reduzierung der Mannschaften von anfänglich 20 000 auf knapp 5000 und zuletzt rund 2300 nur wenig eingedämmt werden konnten. Dies alles zerrte an den Nerven und der körperlichen Widerstandskraft aller Besatzungsangehörigen – und darüber stand die Ungewissheit der Zukunft der Flotte. Wofür wurden die Schiffe und Boote instand gehalten? Was sollte aus ihnen werden, sobald ein „demütigender“ Friedensvertrag in Kraft träte? War dann mit der Besetzung durch britische Wachkommandos zu rechnen? Da war zum unerwarteten Kriegsverlauf und -ende viel hinzugekommen, was erheblich am Selbstbewusstsein, am Selbstverständnis, am Ehrgefühl des Seeoffizierkorps nagte. Da half auch die Erinnerung an die siegreiche Skagerrakschlacht nur wenig. Aber immerhin: Am 21. Juni 1919 war die Selbstversenkung gelungen, und zwar unter wehenden kaiserlichen Kriegsflaggen! Damit hatten Mannschaften und Offiziere gemeinsam (!) den britischen Bewachern ein letztes Schnippchen geschlagen. Deren heftige Reaktionen fielen bei 16 Verwundeten neun deutsche Seeleute zum Opfer, darunter Korvettenkapitän Walter Schumann (Crew 1898), dessen im Seeoffizier-Ehrenmal in der Aula der Marineschule Mürwik gedacht wird. Das dortige „Nicht klagen, wieder wagen. Seefahrt ist not.“ sowie die Verheißung „Aus unseren Gebeinen soll dereinst ein Rächer erstehen“ sind durchaus auch als Reaktion auf Scapa Flow zu verstehen.

Scapa Flow - Großer Kreuzer "SMS Hindenburg". Foto: Orkney Library and Archive

In ihrer isolierten Abgeschiedenheit hatten die Internierten nur wenig von den Auseinandersetzungen um den Friedensvertrag sowie über das Schicksal des Verbands auf deutscher und auf alliierter Seite erfahren. So kam es zur Selbstversenkung an jenem Tag, an dem nach Kenntnis des Verbandsführers, Konteradmiral Ludwig von Reuter (1869– 1943), der Friedensvertrag unterzeichnet werden sollte. Umstritten ist der Zeitpunkt des Entschlusses zur Selbstversenkung – bekam Reuter einen entsprechenden Auftrag mit in die Internierung, war ein Schreiben des Chefs der Admiralität, Adolf von Trotha, vom 9. Mai 1919 entscheidend oder handelte Reuter gänzlich aus eigenem Entschluss? Wie dem auch sei: Unter den Überschriften „Cui bono?“ und „England erleichtert“ schildert Krause die Reaktionen von Politik, Marine und Öffentlichkeit in Großbritannien. So war in der britischen Presse von einer „letzten Heldentat der deutschen Marine“ die Rede, und ein britischer Admiral betrachtete „die Versenkung [...] als einen wahren Segen. Sie enthebt uns ein für allemal der haarigen Verteilungsfrage und erspart uns gewaltige Probleme.“  Auch wurde die Selbstversenkung durchaus als „ehrenhaft“ verstanden. Krause zitiert eine britische Stimme, wonach von britischer Seite die Selbstversenkung nicht nur erwünscht, sondern sogar dem deutschen Verbandsführer nahegelegt wurde. Admiral von Reuter nahm für sein Handeln die Anweisungen für Schiffskommandanten in außerheimischen Gewässern in Anspruch – die Schiffe durften keinesfalls in Feindeshand fallen. Er handelte also nach „in jeder Marine anerkannten Grundsätzen“, weshalb, so Werner Rahn, „die Marineführung […] in der vollbrachten Tat vor allem den moralischen Erfolg als geistige Grundlage für den Wiederaufbau einer Flotte ...“ sah. Die deutsche Regierung hielt erst am 27. November 1919 die Sieger für verantwortlich für die Selbstversenkung, da sie entgegen den Waffenstillstandsbedingungen die deutschen Schiffe nicht in einem neutralen Hafen interniert hatten. Alles in allem sorgte „die Selbstversenkung auf keiner Seite [für] eine nennenswerte Trauerstimmung“. Allerdings trafen die Forderungen der Siegermächte nach Ersatz das Deutsche Reich schwer, betrafen sie doch beispielsweise die verbliebenen fünf Kleinen Kreuzer, Schwimmdocks, Kräne, Bagger und Schlepper.

Den sieben Internierungsmonaten folgten sechs Monate Gefangenschaft. Am 31. Januar 1920 kehrten die Besatzungen nach Deutschland zurück. Der triumphale Empfang war eine „feierliche Begrüßung von Kriegshelden“ – mit Ehrenformation, Kriegervereinen und viel Marineprominenz. Dies war auch Ausdruck des zeitgenössischen, verknappten Narrativs über Gewinn (Skagerrak 1916), Verlust (Oktober/November 1918) und Wiedergewinn der Ehre (Scapa Flow 1919). Auch wenn es zeitgenössisch in Abrede gestellt wurde, könnte man Scapa Flow in Beziehung setzen zum „Ehren- und Existenz“-Motiv für einen letzten Flottenvorstoß: Mit der Selbstversenkung war erreicht, was mit dem Flottenvorstoß angestrebt worden war. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied einer unvergleichlich geringeren Zahl an Toten! Dieses „hohe Lied“ erstarb aber schnell. In Memoiren von Marineoffizieren wird Scapa Flow, stellt Krause fest, eher nebensächlich erwähnt. Eine Ausnahme ist Ruges „Scapa Flow 1919. Das Ende der deutschen Flotte“ aus dem Jahr 1969.

Scapa Flow - Großlinienschiff "SMS Bayern". Foto: Orkney Library and Archive

In allgemein- und marinehistorischen Darstellungen des Zeitalters der Weltkriege findet Scapa Flow gar keine oder nur eine nebensächliche Berücksichtigung – weder die „Deutschen Geschichte“ (Michael Freund) noch „Weimar; Deutschland 1917–1933 (Hagen Schule) erwähnen das Ereignis; in Gerhard Bidlingmaiers „Seegeltung in der deutschen Gescichte“ heißt es: „Für den Wiederaufbau der Marine erwies es sich als gut, daß Reuters Tat den Makel ausgelöscht hatte, der sich seit den Flottenmeutereien auf dem Ehrenschild der Marine befunden hatte. Aber auch für die Siegermächte war es ein Glück, daß die deutsche Flotte auf dem Meeresgrund lag; sie wären sich über ihre Verteilung sicher nicht einig geworden.“ Spät erfuhr Reuter auch noch Zustimmung durch Großadmiral Raeder mit dessen Kommentar zur Selbstversenkung der Admiral Graf Spee: „Das deutsche Kriegsschiff kämpft unter vollem Einsatz seiner Besatzung bis zur letzten Granate, bis es siegt oder mit wehender Flagge untergeht.“ Und das Beharren der wenigen Bismarck-Überleben, den Untergang ihres waidwund geschossenen Schiffs selbst – und natürlich unter wehender Flagge! – herbeigeführt zu haben, entspricht der aus Scapa Flow erwachsenen Selbstverpflichtung.

In den „Grundzügen der deutschen Militärgeschichte“ (MGFA, 1993) war Scapa Flow ein „nationales Fanal gegen die Alliierten“. Die Neuausgabe von 2007 nannte es „Den spektakulärsten Protest gegen die Annahme des Friedensvertrages, freilich nur mit symbolischem Charakter und die deutsche Position eher verschlechternd“.

Bleibt zuletzt die Frage: Ist eine „Selbstversenkung zur Wahrung der Ehre“ ein gedenkenswürdiges Ereignis? Und falls ja: Wie kann dies geschehen? Als stolzer Gedenktag in der deutschen Marinegeschichte wurde bis 1945 allein der 31. Mai 1916 als Skagerrak-Tag begangen. In der historischen Bildung der Marine ab 1956 bis in die 1970er-Jahre galt Skagerrak weiterhin als „ruhmreich“, wird aber inzwischen sachlicher, differenzierter und ausgewogener betrachtet. Zu „100 Jahre Skagerrakschlacht“ gab es von Deutscher Marine und Royal Navy eine gemeinsame Gedenkfahrt. Aber Scapa Flow? Darüber lag deutscherseits lange ein Schleier der Nicht-Erinnerung. Außer den erwähnten Büchern von Ruge und Krause ist noch Norbert Fred Sauermilchs „Scapa Flow im Wandel der Zeiten. Ein Jahrhundert britische und deutsche Marinegeschichte mit Bezug zu Orkney“ aus dem Jahr 2004 zu nennen.

Scapa Flow - Britische Wrackwache vor einem auf Grund gesetzten Torpedoboot. Foto: Orkney Library and Archive

Britischerseits konnten nicht nur Erinnerungen gepflegt werden, sondern es stand auch der Ort des Geschehens zur Verfügung. Bis 1956 betrieb die Royal Navy Scapa Flow weiterhin als Flottenstützpunkt. Nach 1977 wurde das Terrain zu einem Erinnerungsort mit einem Besucherzentrum und 1990 das Scapa Flow Visitor Centre eröffnet. 1995 wurden die verbliebenen Schiffswracks unter Denkmalschutz gestellt, seit 2002 dürfen nur noch die von den schottischen Behörden autorisierte Tauchbasen Tauchgänge zu den Wracks durchführen.

Zum hundertjährigen „Jubiläum“ der Selbstversenkung der kaiserlichen Flotte in Scapa Flow wurde vom 20. bis 23. Juni 2019 auf den Orkneys bei Scapa Flow eine britisch-deutsche Gedenkveranstaltung geplant. Daran nahmen außer offiziellen Marinedelegationen beider Seiten auch Nachfahren der Admirale Freemantle, Fisher und Jellicoe sowie von Reuter und Scheer teil; außerdem Marinehistoriker beider Nationen. Damit wurde Scapa Flow nach 100 Jahren, wie schon Skagerrak, zum Zeichen dafür, dass aus erbitterten Gegnern von einst Bündnispartner in gegenseitiger Wertschätzung und Hochachtung geworden sind. Man könnte auch sagen: Beide Marinen leben das Signal von 1914: „Friends in the past, friends forever.“

Fregattenkapitän a.D. Dr. Dieter Hartwig ist Publizist. Fregattenkapitän Dr. André Pecher ist Angehöriger des Kommandos Cyber- und Informationsraum.

Dieter Hartwig und André Pecher

14. März 2023 | 0 Kommentare

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