Maritime Convention 2021
In seiner Begrüßung spannte der Präsident des Deutschen Maritimen Instituts, Konteradmiral a.D. Karsten Schneider, den Bogen von den Ereignissen des 11. September 2001 zum Motto der diesjährigen Maritime Convention „China! Maritimer Treiber für Europa?!“ Ursprünglich als Präsenzveranstaltung vorgesehen, wurde coronabedingt mit Unterstützung der DVV Media auf eine digitale Durchführung umgeschaltet. In gewohnter Manier führte das Deutsche Maritime Institut gemeinsam mit Griephan durch die Veranstaltung.
Die Leitfrage des ersten von Heinz Schulte geleiteten Panels „China ist Ostseeanrainer?“ beantwortete der Botschafter der Republik Singapur in Deutschland, Laurence Bay, mit einer Umkehrung: Deutschland und die EU seien Anrainer am Südchinesischen Meer. Nicht nur in der Präsenz europäischer Handelsschiffe in diesem Seegebiet und in den zahlreichen Niederlassungen europäischer Firmen in dieser Region sieht er dafür einen Beweis. Immerhin passierten neun Prozent des deutschen Handelsvolumens das Südchinesische Meer. [ds_preview]Mit zahlreichen Sicherheitsinitiativen, gemeinsamen Aktivitäten gegen Piraten und der Bereitstellung von Covid-Vakzinen untermauerte er seine Position. Die südostasiatischen Staaten seien offen für eine Verstärkung dieser Zusammenarbeit. Bay verwies darauf, dass die Europäische Union und der Verbund Südostasiatischer Nationen (Asean) im Jahr 2020 ihre Beziehung zu einer strategischen Partnerschaft ausgebaut haben. Gleichzeitig sprach sich der Botschafter entschieden für die Selbstbestimmung der Asean-Staaten aus. Bei Fragen zur Zukunft der Region und der Suche nach einer Lösung des Konflikts um das Südchinesische Meer wollten die Mitgliedsstaaten das Heft selbst in der Hand behalten. Auch warnte er vor einem Engagement durch die Entsendung von Marineeinheiten in die Region. Zwischenfälle, die in einem ohnehin volatilen Teil der Welt leicht zu einer Explosion führen könnten, lägen nicht im Interesse der Anrainerstaaten. Vielmehr seien friedliche Lösungen anzustreben.
Kapitän zur See Sascha-Helge Rackwitz nahm zur Aufforderung „Strategisch-operative Planung neu denken!“ Stellung, sprach aber nicht als Vertreter des Verteidigungsministeriums oder der Marine. Im Kern seiner Ausführungen stützte er sich auf Julian Corbetts strategische Grundsätze. Der 1854 geborene britische Marinehistoriker postulierte unter anderem, dass mit der strategischen Isolierung eines „Schauplatzes“ ein Vorteil errungen wird. Dadurch wird Zeit gewonnen, um jene Ziele zu erreichen, deren Rückeroberung für die andere Seite operativ und politisch zu kostspielig wären. Ergo kann Abschreckung nur dann funktionieren, wenn man in dieses Set-up, insbesondere in den Zeitplan der anderen Seite, eingreift. Auf die heutige Zeit übertragen heißt das: Anti-Access/Area Denial ist nur durch eine frühzeitige Anwesenheit zu umgehen. Und dies nicht nur physisch, sondern auch virtuell. In diesem Licht gewinnen die oft abwertend betrachteten russischen Avancen im nördlichen Afrika und im Mittelmeerraum eine ganz andere Bedeutung. Gleiches gilt für die Dislozierung chinesischer Einheiten.
Folglich lässt sich mit Präsenz, Bereitschaft und Reaktionsfähigkeit vorbeugen, will man eine offene Auseinandersetzung vermeiden. Von Bedeutung seien dabei Einheiten, die zum Austausch von Informationen imstande sind. Bei der Beantwortung der Frage nach einer stärkeren maritimen Präsenz in der indopazifischen Region gehe es am Ende auch darum, ein konstanter Partner zu sein.
Im Panel „Abhängigkeiten, Werte & ökonomischer Erfolg: Handlungsdruck der Wirtschaft?“ kreuzten Hanna Müller, Referatsleiterin aus dem Bundesministerium des Innern, und Daniel Hosseus, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS), die argumentativen Klingen. Als Moderatorin stand Dr. Sarah Kirchberger, Vizepräsidentin des Deutsches Maritimes Instituts, zur Verfügung. In ihrem Austausch wurde das Schisma der deutschen Positionen zu China deutlich. Hier die Sinologin, eine langjährige Kennerin des Reichs der Mitte, die sich kritisch mit den von China ausgehenden Risiken auseinandersetzt. China sei eben kein Wertepartner, vielmehr ein Wettbewerber und ein systemischer Rivale. Demgegenüber unterliegen die Unternehmen wirtschaftlichem Erfolgsdruck. Denn anders ist nicht erklärbar, dass sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was um sie herum vorgeht. In der sich in Selbstverantwortung sehenden Wirtschaft wird die Risikoabschätzung dem Wettbewerbsdruck geopfert.
In der als Schlusspunkt gesetzten Keynote des Inspekteurs der Marine sprach Konteradmiral Jürgen zur Mühlen, Kommandeur Einsatzkräfte und Abteilungsleiter Operation im Marinekommando, zur Lage der Deutschen Marine.
Traditionell wurde auch auf der diesjährigen Maritime Convention der Jahresbericht des Marinekommandos zur maritimen Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht. Ausführliche Informationen zum Inhalt finden Sie in unserem Artikel auf Seite 22.
Die Veranstaltung unterstrich, dass China für Deutschland nicht nur wichtiger Handelspartner und strategischer Mitbewerber, sondern auch wachsende Hegemonialmacht ist, die mit Macht und Geld nach Europa drängt und die internationale Ordnung unter Druck setzt.
Autor: Hans Uwe Mergener










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