Vor 60 Jahren lief die OTTO HAHN vom Stapel. Das vielbeachtete Schiff trieb ein Kernreaktor an.
Deutschland ist aus der Atomkraft ausgestiegen. Das Thema scheint abgehakt. Eine andere Stimmung herrschte in den 1950er-Jahren, als die Bundesrepublik noch jung war. Die USA und die Sowjetunion standen sich als Atommächte gegenüber, zugleich hatte US-Präsident Dwight D. Eisenhower in einer berühmten Rede die friedliche Nutzung der Kernkraft beschworen. Dieser Zeitgeist erreichte auch Deutschland, weiß die Kulturwissenschaftlerin Katharina Bothe: „Die Technologie der Zukunft, das sollte die Kernenergie sein.“ Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß leitete das neugegründete Bundesministerium für Atomfragen, Geld floss in die Forschung, man wollte unter anderem Fahrzeuge verschiedenster Art nuklear antreiben.
Gleichzeitig erlebte Deutschland sein Wirtschaftswunder. In Schiffbau und Schifffahrt herrschte eine Boomphase, erklärt Bothe, die am Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven forscht.[ds_preview] Vor dem Hintergrund wurde 1956 die Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt (GKSS) gegründet. Die GKSS in Geesthacht bei Hamburg, deren größter Geldgeber der Bund wurde, war federführend beim Projekt des deutschen Atomschiffs.
Am Wochenende des 13. und 14. Juni 1964 lief es bei den Kieler Howaldtswerken vom Stapel. Nobelpreisträger und Namensgeber Otto Hahn war dabei. Der Chemiker hatte 1938 mit Fritz Straßmann die Kernspaltung entdeckt, die in Atomreaktoren wie in Atomwaffen die entscheidende Rolle spielt. Allerdings wurde der von den Firmen Babcock und Interatom gelieferte Reaktor erst Jahre später in das Schiff eingebaut, die erste Fahrt mit Nuklearantrieb absolvierte die OTTO HAHN im Oktober 1968.
Was für ein Schiff war das? Rund 172 Meter lang und gut 23 Meter breit, weiße Bordwände, die Brücke weit vorn, hinten ein zweiter großer Aufbau. Zeitgenössische Fotos zeigen einerseits ein „normales“ Schiff mit Bug und Heck, Schornstein und so weiter – andererseits Elemente, die aus Atomkraftwerken an Land bekannt sind: Einen futuristisch wirkenden Leitstand, Schilder wie „Kontrollbereich“ und „radioaktiv“, zudem den Bordkran beim Wechsel von Brennelementen.
Der Schiffskörper der OTTO HAHN war ausgeschrieben als „stinknormaler Massengutfrachter“, erläutert der Historiker Hajo Neumann. Wegen des Reaktors habe aber umfänglich nachkonstruiert werden müssen, etwa beim Rammschutz. Den Löwenanteil der Baukosten verschlang Neumann zufolge der Reaktor, obgleich auch dieser eher ein Standardmodell: „Das ist ein ganz konventioneller Reaktortyp gewesen, der schon im Kraftwerksbetrieb sich bewährt hatte.“
Nun sollte er sich auf See bewähren. Und technisch tat er das wohl. Weder Bothe noch Neumann wissen von Unfällen, Lecks oder gar einem GAU. Der Reaktor erzeugte Hitze, diese wiederum Dampf, der eine Turbine antrieb, die die Schiffsschraube in Gang setzte. „Der Antrieb, der funktionierte“, fasst Neumann den bekannten Stand zusammen. Rund zehn Jahre und Zehntausende Seemeilen weit. „Wenn man sich das vorstellt, dass das die ersten Bestrebungen waren, sowas überhaupt zu testen, kann man da auch durchaus stolz sein“, urteilt Bothe.

Ob mit oder ohne Atomantrieb, die Otto Hahn fuhr
Jahrzehntelang sicher zur See, Foto: Hereon
Trotzdem blieb die OTTO HAHN das einzige deutsche Atomschiff. Die Probleme gingen früh los, weiß Neumann. Eigentlich habe das Schiff Erz aus Norwegen nach Deutschland bringen sollen. Solche Frachtfahrten gehörten zum Vorhaben, neben der technischen Seite die kommerziellen Chancen eines Atomschiffs auszuloten. Doch man bekam für den Hafen in Narvik keine Anlaufgenehmigung.
Zunächst sei die OTTO HAHN daher auf „Tingeltangeltour“ durch deutsche Häfen geschickt worden, sagt Neumann. Verzeichnet sind Erstanläufe in Hamburg am 7. Februar 1969, in Bremerhaven am 21. Februar 1969, ein paar Tage darauf Bremen, dann Wilhelmshaven und Cuxhaven, 1970 Emden, 1973 Nordenham und 1974 Lübeck.
Seit 1970 fuhr das Schiff auch ausländische Häfen an, zuerst Casablanca am Mittelmeer. Die Ankunft dort schildert Neumann im Buch „Vom Forschungsreaktor zum ‚Atomschiff‘ OTTO HAHN“ so: „Eine Sicherheitsüberprüfung durch marokkanische Fachleute hatte erst zu diesem Zeitpunkt an Bord stattgefunden und sich lediglich auf die Borddokumente bezogen. […] Am Abend wurde ein großer Empfang an Bord gegeben, an den folgenden beiden Tagen wurden Gästefahrten und Besichtigungen durchgeführt. Am 27. Februar fuhr das Schiff dann weiter zum nahen Hafen Safi, um eine Ladung Rohphosphat für Hamburg zu übernehmen.“ Es folgten unter anderem Dakar, Buenos Aires, Lissabon, Kapstadt und Halifax.

Leitstand auf der Otto Hahn, Foto: Hereon
Doch Anlaufrechte waren schwer zu bekommen und galten meist nur als Ausnahmegenehmigung, so Neumann. Sueskanal und Panamakanal durfte die OTTO HAHN gar nicht befahren.
Ein Faktor für das spätere Scheitern seien auch die umfangreichen staatlichen Genehmigungsverfahren gewesen, ferner die Haftung bei Unfällen. Ebenso die fehlende Infrastruktur zur Wartung des einzigartigen Fahrzeuges – Brennelemente seien in Hamburg gleichsam unter freiem Himmel gewechselt worden. All das schränkte neben den hohen Kosten für das Schiff selbst den wirtschaftlichen Betrieb möglicher Nachfolger ein.
Das Helmholtz-Zentrum Hereon, die frühere GKSS, teilt heute mit: „Die OTTO HAHN fuhr von 1968 bis 1979 störungsfrei mit nuklearem Antrieb. Mitte der 70er-Jahre führten Studien zu dem Ergebnis, dass ein wirtschaftlicher Einsatz nuklear betriebener Frachtschiffe jedoch nicht möglich ist.“
Auf der Habenseite des Projekts verbucht Historiker Neumann den Prestigegewinn. Weltweit hatte nicht einmal eine Handvoll Länder zivile Atomschiffe aufs Wasser gebracht: die USA mit der SAVANNAH, Japan mit der MUTSU, nicht zu reden von der Sowjetunion mit dem Eisbrecher LENIN. Und auch für die deutsche Wirtschaft habe sich das Schiff gelohnt. Es sei „Botschafter“ der Bundesrepublik und seiner Atomindustrie gewesen, so Neumann. Ferner bildete die OTTO HAHN Fachpersonal aus, das an Land weiterarbeiten konnte.
1979 wurde das Atomschiff stillgelegt. Nachdem der nukleare Antrieb aus- und ein gewöhnlicher Antrieb eingebaut war, fuhr das Schiff bis zum Abwracken noch jahrzehntelang als normaler Frachter, wie DSM-Forscherin Bothe erklärt.
Die Anti-Atomkraft-Bewegung hat für die Stilllegung laut Neumann übrigens keine Rolle gespielt. Im Gegenteil, bei den Open-Ship-Veranstaltungen in den Anfangsjahren seien Besucher interessiert an Bord gegangen. Später habe die Presse regelmäßig über die Fahrten berichtet. „Der Betrieb der OTTO HAHN ist nie ein Geheimnis gewesen.“
Ängste und Proteste seien erst aufgekommen, als das Schiff sich nicht mehr auf den Weltmeeren bewegte, sondern außer Dienst gestellt in Hamburg lag und der Reaktordruckbehälter zur GKSS in Geesthacht geschafft wurde, wo er weiter lagert. Erst da löste Deutschlands Atomschiff dem Historiker zufolge „dieselben Ängste aus und rief auch dieselben Proteste hervor“ wie Atomkraftwerke an Land.

Lediglich als Halter für das Positionslicht diente der heute noch existierende Schornstein der Otto Hahn, Foto: Autor
Kapitän aus dem Zweiten Weltkrieg
Das Atomschiff der Bundesrepublik Deutschland OTTO HAHN und das U-Boot U 96 der Kriegsmarine der Nationalsozialisten haben eines gemeinsam: Kapitän Heinrich Lehmann-Willenbrock. Lehmann-Willenbrock kommandierte während des Zweiten Weltkriegs das U-Boot U 96, das durch den Roman „Das Boot“ und den gleichnamigen Film bekannt wurde. Von den Nazis wurde er für seine Taten ausgezeichnet. Im Film „Das Boot“ spielt Jürgen Prochnow den Kapitän als eher regimekritischen, aber kämpferischen und sich um seine Leute kümmernden Seemann.
Ab 1969 kommandierte Lehmann-Willenbrock mehrere Jahre die OTTO HAHN, wie der Historiker Hajo Neumann schreibt. „Spekulationen über eine politische Entscheidung, einen berühmten Seehelden des Zweiten Weltkriegs als Kapitän für das Forschungsschiff zu gewinnen, konnten mit den Quellen jedoch nicht bestätigt werden“, so Neumann in einer wissenschaftlichen Untersuchung.
Autor von „Das Boot“ war Lothar-Günther Buchheim. Er war mit Lehmann-Willenbrock auf U 96 gefahren. Buchheim schrieb auch über eine gemeinsame Fahrt der beiden Männer auf der OTTO HAHN. Dieses Buch trägt den Titel „Der Abschied“.
Was vom Atomschiff übrigblieb
Das Atomschiff OTTO HAHN ist Geschichte, doch Teile von ihm leben fort – als Atommüll und als Museumsstücke. Nach rund zehn Jahren Fahrt war das Schiff 1979 stillgelegt und anschließend umgebaut worden. Der Reaktor wurde aus- und ein konventioneller Antrieb eingebaut. Danach war das Schiff als normaler Frachter unterwegs, bevor es 2009 zum Abwracken nach Bangladesch verkauft wurde, erklärt Katharina Bothe vom Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven.
Das DSM bewahrt wichtige Exponate aus der Zeit des Atomantriebs: Vor dem Museum steht der Schornstein mit Atomsymbol. In der neuen Dauerausstellung im Innern, die Mitte Juli 2024 eröffnet wird, ist der Leitstand zu sehen. Ferner führt das Museumsverzeichnis unter anderem eine Brennstabhalterung auf.
Der Reaktordruckbehälter wurde zur Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt (GKSS) nach Geesthacht bei Hamburg gebracht, dem heutigen Helmholtz-Zentrum Hereon. Pressesprecher Torsten Fischer teilt mit, dass der Druckbehälter samt ihn abschirmendem Schildtank „seit 1981 brennstofffrei in einem Senkschacht auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums Hereon“ lagert. Außerdem würden dort schwach- und mittelradioaktive Abfälle wie Filter, Verrohrungen und gebrauchte Schutzkleidung aufbewahrt. Der Reaktor solle in den kommenden Jahren zerlegt und entsorgt werden.
Phillipp Steiner










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