Entwicklung des DM-3 Block IIA

Entwicklung des DM-3 Block IIA

Deutschlands bescheidener Beitrag

27. Apr. 2021 | Magazin, Technologie | 0 Kommentare

BMD-Testschuss in den USA, Stagnation in Deutschland

 Andreas Uhl

Am 16. November 2020 berichtete die amerikanische Missile Defense Agency von einem spektakulären Erfolg bei einem Testschiessen im Seegebiet vor Hawaii: „Wir haben demonstriert, dass ein Aegis-BMD-System – ausgerüstet mit Flugkörpern vom Typ SM-3 Block IIA – ein ICBM-Ziel [Intercontinental Ballistic Missile] besiegen kann. Das ist ein Schritt im Prozess der Untersuchungen zur Machbarkeit als Teil einer Architektur für eine gestaffelte Verteidigung der Heimat“, erklärte Vizeadmiral Jon Hill, Direktor der Behörde. „Dies war ein unglaublicher Erfolg und ein kritischer Meilenstein für das Programm Aegis BMD SM-3 Block IIA.“

[ds_preview]

Es handelte sich bei dem Schuss vor Hawaii um Flight Test Mission 44, einen von mehreren Tests mit dem neuen Standard Missile 3 Block IIA, der dritten Ausbaustufe dieses Abwehrflugkörpers gegen ballistische Raketen. Der Test wurde von einem der derzeit fast 50 verfügbaren Aegis-BMD-Schiffe der US Navy durchgeführt. BMD steht für Ballistic Missile Defence, also die Abwehr ballistischer Raketen.

Seit mehr als 15 Jahren entwickeln und erproben die USA den SM-3 erfolgreich in seinen verschiedenen Ausbaustufen gegen unterschiedliche Ziele. Beim jüngsten Test des neuen Block IIA wurde auch erstmals ein Ziel bekämpft, welches eine simple Interkontinentalrakete darstellte.

Die Variante Block II wurde gemeinsam mit Japan entwickelt. Das Inselreich besitzt sechs Aegis-Zerstörer, die zur BMD befähigt sind. Im Fokus der Entwicklung standen die Steigerung von Reichweite, Brennschlussgeschwindigkeit und Zielgenauigkeit sowie eine Erhöhung der kinetischen Zerstörungskraft gegen weiterreichende ballistische Raketen. Der Brennschluss bezeichnet den Zeitpunkt des Abstellens der Triebwerke einer Rakete oder Raketenstufe. Nach Brennschluss folgt die ballistische Flugphase, in der die Geschwindigkeit bis zum Scheitelpunkt kontinuierlich abnimmt und anschließend wieder zunimmt. Die genannten Leistungssteigerungen werden erreicht durch eine verbesserte Ausnutzung des vollen Raketendurchmessers sowie durch ein größeres Kill-Vehicle mit einem entsprechend verbesserten Infrarotsensor.

Schutz auch für Europa ?

Tatsächlich sind die SM-3 Block IIA auch für die beiden Aegis-Ashore-Anlagen in Rumänien und Polen geplant, wo derzeit SM-3 Block IA und IB stationiert sind oder, im Falle Polens, ab 2022 stationiert werden sollen. Diese beiden Landanlagen sind Teil des amerikanischen Beitrags zur Raketenabwehr in NATO-Europa.

Es bleibt jedoch die Frage, wie sinnvoll eine solche Stationierung in Europa ist. Die Anschaffung von zwei Dutzend der pro Stück 25 Millionen Dollar teuren Abwehrraketen allein genügt nicht. Deren Wirksamkeit ist nämlich in entscheidendem Maß abhängig von Sensornetzwerken und einem entsprechend befähigten Gefechtsführungssystem. Und genau das bleiben die Europäer seit der Gründung der NATO-Raketenabwehr vor elf Jahren schuldig. Einzig die Niederlande rüsten derzeit vier Fregatten mit Sensoren zur Frühwarnung vor und Zieleinweisung von Abwehrraketen gegen ballistische Ziele aus. Ein erster Funktionsnachweis in See soll dazu im Mai 2021 im Rahmen der Übung Formidable Shield im Nordatlantik erfolgen. Hier soll der neue niederländische Sensor Smart-L ELR die Frühwarnung und Zielvoreinweisung für einen amerikanischen Zerstörer übernehmen, dessen Abfangflugkörper ein ballistisches Ziel im Weltraum zerstören soll.

Und was macht Deutschland ?

Ein entsprechender deutscher Sensorbeitrag wird auch diesmal wieder nicht dabei sein, obwohl die Deutsche Marine bereits 2006 und 2013 entsprechende Initiativen vorgelegt hat und laut einer Fähigkeitsforderung des Verteidigungsministeriums eine solche erweiterte Sensorfähigkeit auf deutschen Fregatten der Klasse 124 seit 2019 gegeben sein soll. Trotz klarer politischer Vorgaben – so ist die Raketenabwehr eine Dauereinsatzaufgabe der Bundeswehr – scheinen Planungsamt und Rüstungsbehörde das Thema „maritimer Sensorbeitrag“ wenig ernsthaft zu forcieren. Und obwohl 2019 bereits 350 Millionen Euro für das Projekt „Obsoleszenzbeseitigung und Fähigkeitserweiterung in der Luftverteidigung der Fregatten F 124“ eingestellt wurden, wurde bislang kein Vertrag geschlossen. Somit wird vermutlich vor dem Ende der Dekade kein BMD-Sensor auf diesen Fregatten zur Verfügung stehen.

Damit würde Deutschland auch beim maritimen Sensorbeitrag zur BMD gegenüber der NATO zugesagte Zeitlinien verpassen – und eine Gelegenheit, mit relativ geringem finanziellem Aufwand dem Bündnis solidarisch eine signifikante strategische Fähigkeit bereitzustellen. Ein Beitrag, der bereits auf dem NATO-Gipfel in Lissabon 2010 durch Deutschland als „freiwillig“ (Voluntary National Contribution) zugesagt wurde. Nichts tun ist jedenfalls kein Beitrag.

 

Fregattenkapitän Andreas Uhl ist Teil des Warfare Development Fusion Teams im NATO Supreme Allied Command Transformation in Norfolk, USA.

27. Apr. 2021 | 0 Kommentare

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

de_DEGerman