Vivien-Marie Bettex, Foto: privat

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Die Chance ist Verpflichtung

Die Bundeswehr wird also kriegstüchtig. Angesagt ist die konsequente Fokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung im gesamtstaatlichen Kontext. Harte Ruderlage, darf man da wohl mal sagen. Dieses Mal ist unabdingbar, dass die breite Öffentlichkeit mitträgt, was sich in den Streitkräften verändert. Kommunikation ist von ausschlaggebender Bedeutung – im Kontext von Veränderungsmanagement gilt sie als zentraler Erfolgsfaktor.[ds_preview] Ehrlich, authentisch, stringent, nachvollziehbar und immer mit der gebotenen Ernsthaftigkeit – das muss die Bundeswehr mit ihrer Informationsarbeit jetzt leisten.

Allerdings: Die Lust an Klipp-und-klar-Kommunikation ist in den deutschen Streitkräften nicht gerade tief verwurzelt. Der Pressearbeit kommt eine neue Bedeutung zu. Die Konzentration auf eigene Informationsplattformen, wie die Bundeswehr sie seit einigen Jahren unternimmt, kann die Berichterstattung in unabhängigen Medien sehr gut ergänzen. Glaubwürdig ersetzen kann es sie nicht. Bloß: Die Pressearbeit war zuletzt eher festgefahren. Anteil daran trugen auch die Redaktionen. Viel zu lange stieß die Truppe dort auf viel zu wenig Resonanz. Das prägte. Das führte zu Rückzug. Meine Erfahrung: Geschichten über die Bundeswehr ins Blatt zu kriegen, sie bei Redaktionsleitern und Blattmachern durchzusetzen, kostete immer weit überdurchschnittlich viel Kraft und Ausdauer, von den großen Nachrichten, den echten und vermeintlichen Sensationen mal abgesehen.

Die Überzeugung, es bestehe eine journalistische Pflicht, auf die Truppe zu gucken, sie im Blick zu haben, kontinuierlich dranzubleiben, in Kontakt zu stehen, und das auch in der Fläche, war seit Langem nicht mehr die Regel. Sie war die ganz große Ausnahme. Die Art und Weise, mit der in weiten Teilen der Bundeswehr Presse- und Informationsarbeit betrieben wurde: leider ziemlich kontraproduktiv. Für das, was Gerät und Truppe ins beste Licht rückte, waren alle gern erreichbar. Sehr berechtigte Nachfragen zu sich hinschleppenden Rüstungsvorhaben? Zur deutschlandweit zusammengerafften Ausstattung für den Heeresanteil der Very High Readiness Joint Task Force? Schulterzucken und Nebelkerzen, selbst in Hintergrundgesprächen. Wer Journalisten verprellen will, macht es so. In Bezug auf den Istzustand der Bundeswehr wissen wir heute: Die gesamte Attitüde des Runterspielens – wer auch immer sie zu verantworten hatte, wer auch immer bloß meinte, eben mitschwimmen zu müssen –, es war fahrlässig.

Zur Deutschen Marine sei gesagt: Es gibt dort Menschen, die ganz gut gegen den Strom schwimmen. Aber: Das was war, ist jetzt egal. Russlands verbrecherischer Angriffskrieg in der Ukraine führt zu Umbrüchen, die alles verändern. In der öffentlichen Wahrnehmung hat die Bundeswehr wieder eine Berechtigung. Die Streitkräfte haben eine neue Relevanz, auch in den Redaktionskonferenzen. Und beim Thema Rüstung ist die Katze lange aus dem Sack. Kurzum: Eine bessere Gelegenheit, in Sachen Pressearbeit die Resettaste zu drücken, wird nicht kommen. Klipp und klar muss keine Überwindung mehr kosten.

Meine Einschätzung: Nicht die groß angelegten, mit viel Aufwand produzierten Geschichten sind jetzt wichtig. Spitzenmilitärs und Kommandeure sind dran, als militärische Führer nach vorn zu treten, als Soldat Gesicht zu zeigen – und ganz viel Haltung. Sei es im größeren oder im kleineren Rahmen, in den Abendnachrichten oder im Anzeigenblatt. Sie sind es, die durch Erfahrung und professionelle Gelassenheit zu Halt und Orientierung beitragen können. In einem Land, in dem ein großer Teil der Bevölkerung die Bedrohung des eigenen Lebensstils durch Krieg für ausgeschlossen hielt.
Erst vor wenigen Wochen porträtierte der Journalist Peter Carstens für die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Kommandeur des Multinationalen Korps Nord-Ost, Generalleutnant Jürgen-Joachim von Sandrart. Und wie! Jede Leserin, jeder Leser, der so den Eindruck gewinnen konnte, dass es in Reihen der Bundeswehr offenbar kantige, hochcharismatische Persönlichkeiten gibt, ist für das Ansehen der Streitkräfte ein Geschenk. Insbesondere in akademischen Kreisen vermutet man sie dort nämlich nicht. Die Karten sind neu gemischt. Putin hat es so herbeigebombt. Die Chance ist Verpflichtung.

Vivien-Marie Bettex ist Journalistin und im Bereich Unternehmenskommunikation tätig.

Vivien-Marie Bettex

12. Juni 2024 | 0 Kommentare

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