Heute hätten die Planken der Staatsyacht Hohenzollern sicherlich viel zu erzählen. Unter ihren Kiel bekam das stolze Schiff allerdings nur recht wenige Seemeilen.
Die Staatsyacht Hohenzollern war als friedliches Schiff gedacht – gebaut, um die Pracht und den Machtanspruch des Deutschen Reiches und ihres Monarchen zu repräsentieren. Das tat sie auch auf vielen Reisen, und auf ihr trafen sich immer wieder die Mächtigen Europas in entspannter Atmosphäre. Doch auf einer ihrer Reisen sorgte das damals nagelneue Schiff für Ungemach. An Bord traf sich 1881, begleitet von seinem Kanzler Otto von Bismarck, Kaiser Wilhelm I. in der Danziger Bucht mit dem russischen Zaren Alexander III. Bei dieser Gelegenheit konnten die drei Männer ein Flottenmanöver der Kaiserlichen Marine beobachten. Damit der deutsche Kaiser auch aktiv werden konnte, ließen ihn seine Mariner eine Mine höchstpersönlich elektrisch zünden. Das war zwar erfolgreich, aber leider auch peinlich. Die Kaiserliche Marine hatte die Show schlecht vorbereitet. Denn auf Knopfdruck versenkte der Kaiser eine kleine Ruder-Kanonenschaluppe mit Mann und Maus. Von Glückwünschen für diesen Treffer ist nichts bekannt. Von der Standpauke an die Adresse der Admiralität allerdings auch nichts.
Die Hohenzollern war kein Kriegsschiff. [ds_preview]Sie gehörte zwar zur Kaiserlichen Marine und war unter anderem auch mit zwei Prunkgeschützen ausgestattet – nötig schon, um Salut bei Staatsbesuchen zu schießen - ein Geschenk des geschäftstüchtigen Friedrich Krupp. In erster Linie aber verkörperte sie das junge deutsche Kaiserreich, das 1871 nach dem für Preußen siegreichen deutsch-französischen Krieg gegründet wurde. Bis dato diente SMS Grille, das noch aus Zeiten der preußischen Marine stammte, als königliche Yacht. Das Schiff war aber bös in die Jahre gekommen und auch nicht besonders seetüchtig. Die Preußen hatten sie 1857 in Le Havre als Segelschiff mit einer Hilfsdampfmaschine bauen lassen, weil sie damals selbst keine Werft besaßen, die hierzu in der Lage gewesen wäre.
Das hatte sich inzwischen geändert. Im Reichskriegshafen Kiel hatte 1867 die Norddeutsche Schiffbau AG mit dem Eisenschiffbau begonnen. Ihr Chef war Georg Howaldt, ein studierter Maschinen- und Schiffbauer, der schon erfolgreich Eisenschiffe konstruiert und gebaut hatte. Ihm übertrug die Kaiserliche Marine die Aufgabe, eine neue Staatsyacht zu bauen, die das junge Kaiserreich würdig vertreten konnte. Für ihn dürfte dieser Auftrag eine Genugtuung und auch eine Art Wiedergutmachung gewesen sein. Denn er hatte schon 1865 in Kiel-Ellerbek seine erste Werft gegründet und dort sieben Schiffe von Stapel gelassen. Sein erstes, die Vorwärts, war – am Rande bemerkt – das erste Eisenschiff, das an den Ufern der Ostsee gebaut wurde. Doch schon zwei Jahre später musste er von dem nur gepachteten Gelände weichen, weil die Kaiserliche Marine dort ihre eigene Werft gründen wollte: Die kaiserliche Werft.

Kaiseradler
Georg Howaldt, Spross von August Ferdinand Howaldt, der 1838 zusammen mit dem Kieler Kaufmann Johann Schweffel die Eisengießerei und Maschinenfabrik Schweffel und Howaldt gegründet und Kiel damit zur Industriestadt gemacht hatte, fiel weich. Er wurde der erfolgreiche Direktor der Norddeutschen Schiffbau AG, die er zu einer modernen Werft umbaute. Aber er war auch die Seele des Geschäfts. Denn nachdem er die Werft 1875 verlassen und seine eigene Werft in Kiel-Dietrichsdorf gegründet hatte, aus der später die Howaldtswerke wurden, geriet die Norddeutsche Schiffbau AG prompt in Seenot.
Am 5. Juli 1876 lief nun also die neue Yacht vom Stapel. Der Direktor der Admiralität, Konteradmiral Ludwig Friedrich Wilhelm von Henk, taufte sie nach dem Stammhaus der Preußen feierlich auf den Namen Hohenzollern. Es dauerte aber noch fast vier Jahre, bis das Staatsschiff endlich am 10. April 1880 in Dienst gestellt wurde. Bei den folgenden Probefahrten zeigte sich, dass der Raddampfer durchaus seetüchtig war. Bei starkem Seegang nahm er zwar eine Menge Wasser über, wurde aber kaum langsamer. Bei Fahrt über das Heck war das Steuern per Ruder mit diesem Schiffstyp allerdings praktisch nicht möglich.
Mit einer Länge von 90,65 Metern, einer Breite von 10,36 Metern, einem Tiefgang von 4,66 Metern und einer Verdrängung von maximal 1962 Tonnen war die Hohenzollern ein stattliches Schiff mit bis zu 154 Mann Besatzung. Und es war für die damalige Zeit nicht langsam, denn die beiden Dampfmaschinen, versorgt durch sechs Kessel, leisteten 3180 PS und sorgten für eine Höchstgeschwindigkeit von über 15 Knoten. Aber nach wie vor besaß die als Schoner getakelte Zweimast-Yacht noch eine Hilfsbesegelung mit einer Segelfläche von 356 Quadratmetern.
Die Hohenzollern fährt zur See
Die Preußen waren knickerig. Sie nannten das Sparsamkeit. So wurde die Hohenzollern immer nur in Dienst gestellt, wenn sie gerade gebraucht wurde. In der Zwischenzeit dümpelte sie an ihrer Tonne im Hafen herum. So kam sie tatsächlich nur sechsmal zum Einsatz. Zuerst 1880. Im Juli beobachteten Kronprinz Friedrich und Prinz Wilhelm, beide künftige deutsche Kaiser, von Bord aus mehrere Manöver und im Herbst nahmen sie auf dem Schiff den Prinzen Adalbert im Empfang, der von einer zweijährigen Weltumsegelung zurückkehrte. Im Jahr darauf nutzte Kaiser Wilhelm I. sie für fast vier Wochen. Dabei kam es nicht nur zur Begegnung mit Zar Alexander III., sondern auch zu dem denkwürdigen Minenzwischenfall.

Wilhelm II. in Marineuniform
Erst sieben Jahre später, 1888, kam die Hohenzollern für drei Monate wieder zum Einsatz. Der frischgebackene Kaiser Wilhelm II. machte auf einer Reise den Monarchen von Dänemark, Schweden und Russland in Kopenhagen, Stockholm und St. Petersburg seinen Antrittsbesuch. Und im Herbst schaute der marinebegeisterte Monarch die Flottenmanöver seiner Marine an.
Das Jahr darauf machte die Hohenzollern ordentlich Seemeilen. Kaiser Wilhelm II. unternahm im Juli erst eine ausgedehnte Nordlandreise bis zum Nordkap. Anschließend besuchte er im August seine Großmutter Queen Victoria per Schiff in England. Und schließlich schipperte er zusammen mit seiner Frau im Oktober und November nach Griechenland, um an der Hochzeit seiner Schwester teilzunehmen, besuchte den türkischen Sultan in Konstantinopel und dann auch noch die exzentrische österreichische Kaiserin Elisabeth – „Sissi“ – auf Korfu.
1890 stach Wilhelm II. wieder in See. Er besuchte den deutschfreundlichen König Oscar II. von Schweden und Norwegen und danach den belgischen König Leopold II. Am 8. August lag er mit seiner Yacht vor Helgoland, das an diesem Tag offiziell von Deutschland in Besitz genommen wurde. Dahinter stand ein Vertrag mit England, in dem Deutschland unter anderem auf Gebietsansprüche auf das Sultanat Sansibar verzichtete und im Gegenzug von England die heute wegen ihrer Zollfreiheit auch als „Fuselfelsen“ bekannte Insel Helgoland erhielt. Helgoland, das seit 1807 englische Kronkolonie war, lag für die kaiserliche Marine strategisch wichtig in der Deutschen Bucht, weil es von dort aus möglich war, die Einfahrten zu Elbe und Weser ebenso wie zu dem damals im Bau befindlichen Nord-Ostsee-Kanal zu kontrollieren. So baute die Marine nach dem Tausch Helgoland alsbald zum Marinestützpunkt und zur Seefestung aus. Daneben entwickelte sich dort ein munteres Badeleben, an dem Wilhelm II. jedoch nie teilnahm, obwohl er die Insel später wiederholt besuchte. Er hatte eben nur Augen für seine Marine.
Schließlich stand auch noch ein Besuch in Kronstadt auf des Kaisers Terminkalender. Dort traf er sich wieder einmal mit Zar Alexander III. – eine diplomatische Mission, bei der Wilhelm erfolglos versuchte, eine französisch-russische Annäherung zu verhindern, nachdem das Geheimabkommen zur gegenseitigen Neutralität zwischen Deutschland und Russland ausgelaufen war.

Hohenzollern 1912
Die Hohenzollern wird zum Kaiseradler
Am 27. Juni 1891 verlor die Hohenzollern ihren Namen und wurde zum Kaiseradler umgetauft. Denn inzwischen hatte Wilhelm II. sich in Stettin eine neue Staatsyacht bauen lassen, die an diesem Tag beim Stapellauf auf den Namen Hohenzollern getauft wurde. Zuvor hatte der Kaiser mit seiner alten Yacht wieder eine ausgedehnte Nordlandreise unternommen. Und nach der Taufe der neuen Hohenzollern ging der Kaiser noch einmal auf Seereise – eine zweite Tour nach Norwegen, ein Besuch bei Königin Emma der Niederlande und schließlich auch bei seiner Großmutter Queen Victoria. Mit der Indienststellung der neuen Hohenzollern im Jahr 1893 hatte die Kaiseradler endgültig als Staatsyacht ausgedient. Sie durfte nur noch einmal Staatsgäste – unter anderem König Albert von Sachsen, König Wilhelm II. von Württemberg sowie Prinzregent Luitpold von Bayern – transportieren: bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals am 21. Juni 1895. Danach gab es für sie keine Verwendung mehr. Sie lag jahrelang an der Kaiserlichen Werft in Danzig, eine Versteigerung scheiterte mangels Interesse und schließlich wurde sie 1912 in Danzig abgewrackt.
Dr. Jürgen Rohweder ist Historiker und Journalist. Zuvor war er Leiter der Konzernkommunikation bei HDW und Thyssenkrupp Marine Systems.
Jürgen Rohweder










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