Die kürzlich stattgefundene SMM-Messe war ein globaler Treffpunkt für maritime Technik und Kommerz. Auf der Konferenz MS&D, Maritime Security and Defence, wurden wichtige geopolitische Themen behandelt, die in der maritimen Wirtschaft von großer Bedeutung sind.
Bislang war der Auf- und Abstieg großer Schiffbaunationen – von Großbritannien über Kontinentaleuropa und Japan bis zu Korea – stark mit industrie- und handelspolitischen Rahmenbedingungen und Einflussnahme verbunden. Im Fall von China zeigt sich ein differenziertes Bild.
Der Einsatz enormer staatlicher Finanzmittel, die Schätzungen sprechen von rund 200 Milliarden Dollar in gut einem Jahrzehnt, lassen sich nur mit geostrategischen Aspekten schlüssig erklären:[ds_preview] Die Schiffbauindustrie ist das Rückgrat der chinesischen Sicherheitspolitik, denn die Marine ist der Schlüssel für die Dominanz im südchinesischen Meer und damit auch für den globalen Zugang ihrer U-Boot-Flotte.
Innerhalb einer Dekade stieg die Schiffbauproduktion in China von 1,4 Millionen auf 20,3 Millionen Compensated Gross Tons. Der rasante Ausbau der Schiffbauproduktion machte China als Zielmarkt für die weltweite Zulieferindustrie hoch attraktiv. Über den zivilen Markt gelang es, viel Know-how, das auch für den Marineschiffbau benötigt wird, ins Land zu holen. Erst dies ermöglichte es China, die größte Marineflotte der Welt aufzubauen. Und die chinesische Marine wächst weiter in atemberaubender Geschwindigkeit: China baut alle zwei Jahre das Äquivalent der gesamten Royal Navy hinzu.
2023 hat China 62 Prozent aller zivilen Neubauaufträge eingefahren und damit fast dreimal so viel wie Korea. Der Vergleich zu Europa ist in dieser Momentaufnahme niederschmetternd: 48 Millionen Compensated Gross Tons für China versus 1 Million für ganz Europa inklusive Norwegen und Großbritannien. Auch der Auftragseingang in den USA sei hier erwähnt: 0,05 Millionen Compensated Gross Tons. Die chinesischen Marine hat dabei schon vor rund zehn Jahren die USA übertroffen. Dennoch gilt die amerikanische Marine weiterhin als die kampfstärkste der Welt.
Während die US Navy also quasi im Alleingang die gesamte US-Schiffbauindustrie unterhalten muss, werden Chinas gewaltige Schiffbaukapazitäten zu großen Teilen mit zivilen Schiffbauaufträgen für Kunden aus aller Welt gefüttert. China könnte damit aber jederzeit Marineschiffe in großer Stückzahl nachliefern. Die Amerikaner könnten das nicht mal ansatzweise.
Den Reedern ist hier kein Vorwurf zu machen. Betriebswirtschaftlich gesehen bleiben ihnen nur wenig Optionen. Dennoch wäre es fatal, sich nicht ernsthaft mit dieser Problemlage auseinanderzusetzen. China bereitet sich auf einen Krieg vor. Das ist die schlichte Wahrheit.
Leider dringen diese Erkenntnisse nur allmählich in das politische Bewusstsein des sogenannten Westens. Das Schlagwort Resilienz und die Diskussion um eine open strategic autonomy nehmen erst seit wenigen Jahren Fahrt auf.
Europa muss darum mit Hochdruck eine ernsthafte Problemanalyse vornehmen und schnell wirksame Gegenmittel entwickeln. Die industrielle und die militärische Seite müssen gemeinsam betrachtet werden. Auch die Wirtschaft muss sich ihrer Verantwortung stellen und ohne Vorbehalte konstruktiv nach Lösungen suchen, die sowohl Produktion also auch Betrieb von Schiffen und maritimen Anlagen in Europa stärkt. Ein gemeinsamer europäischer Kabotageraum, der entsprechende Anreizstrukturen ermöglicht, und insbesondere eigenkapitalstärkende Finanzierungsinstrumente könnten dabei im Vordergrund stehen. Und gute Technik, aber die haben wir drauf!
Dr. Reinhard Lüken ist Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik.
Reinhard Lüken










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