Spätestens die Angriffe die Nordstream-Pipelines hat die Verwundbarkeit der Infrastruktur unter Wasser aufgezeigt. Der Westen muss daher mehr in Schutz und Sicherung dieser lebenswichtigen Verbindungen investieren.
In einer Zeit geopolitischer Spannungen mit Anschlägen auf die kritische Unterwasserinfrastruktur ist die Meeresbodenkriegführung höchst aktuell geworden. Sie zielt auf den Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur wie Seekabel, Pipelines, Telefon- und Internetleitungen, Stromleitungen oder Bohrinseln – eine enorme Herausforderung angesichts riesiger Seegebiete und Verlegungstiefen. Bis zur Sprengung der Nordstream-Pipelines in der Ostsee 2022, der Beschädigung der Balticconnector-Gaspipeline und der Unterbrechung eines Datenkabels zwischen Estland und Finnland 2023 hat man sich kaum Gedanken um hybride Sabotageangriffe am Meeresboden gemacht. Doch auf der Berliner Sicherheitskonferenz im November 2022 haben Deutschland und Norwegen die NATO gebeten,[ds_preview] die Unterwasserinfrastruktur auf dem Meeresboden vor Angriffen zu schützen. Bundeskanzler Olaf Scholz stellte dabei fest: „Pipelines, Telefonkabel und Internetverbindungen sind Lebensadern für unsere Staaten und müssen ganz besonders geschützt werden.“ Auch die EU-Kommission hat den Schutz von Unterseekabeln gefordert.
Neben den Pipelines bildet das weltumspannende Netz an Unterseekabeln ein potenzielles Ziel für Sabotageakte. Über 97 Prozent des globalen Datenverkehrs läuft über Datenkabel, die die Kontinente miteinander verbinden. Dieses Nervensystem der Welt mit über 1,3 Millionen Kilometer Internetkabeln führt über den Boden der Weltmeere. Internetkabel übertragen Daten schneller als Funksignale. Die Übertragungszeit eines Informationspakets über Seekabel liegt bei rund 50 Millisekunden, bei einer Satellitenverbindung sind es 500 Millisekunden.
Ende Mai 2024 wurden bei einem Angriff der Huthi-Milizen auf ein Handelsschiff im Roten Meer gleich mehrere Unterseekabel, die für die weltweiten Internet- und Telefonverbindungen gelegt worden waren, gekappt. Das belegt, wie verwundbar die globale Dateninfrastruktur ist. Über 15 internationale Unterseekabel verlaufen vor der Küste des Jemen, durch sie werden 17 Prozent des globalen Datenverkehrs zwischen Europa und Asien geleitet.
Russlands Unterwasseraktionen
Russland agiert seit Jahren und seit dem Ukrainekrieg mit zunehmender Intensität gegen die Unterwasserinfrastruktur des Westens im Nordatlantik und in den angrenzenden Meeren. Im Fokus stehen Gaspipelines, Stromleitungen, Offshore-Windparks und Unterseekabel wie die Datenverbindungen von Europa nach den USA. Es sind die Nervenstränge der Energieversorgung und der Kommunikation des Westens. Russland setzt dazu reguläre Marineeinheiten, Aufklärungsschiffe und Spezial-U-Boote, aber auch vordergründig zivile Forschungsschiffe wie die ADMIRAL WLADIMIRSKY und die JANTAR ein. Die JANTAR verfügt über ferngelenkte Unterwasserdrohnen mit Spezialwerkzeug, die an die Unterwasserkabel auf dem Meeresgrund gelangen können. Immer wieder werden russische Schiffe in unmittelbarer Nähe westlicher Unterwasserinfrastruktur beobachtet, die die Netzwerke erkunden, kartographieren, ausspionieren und auch angreifen. So wurde dort ein russischer Fischtrawler entdeckt, der 20 Mal über einem Unterseekabel hin und her fuhr. Wenig später wurde vor Norwegen ein Seekabel durchtrennt.
Angriffe auf Unterwasserkabel hat es schon früher gegeben. Im Ersten Weltkrieg hat die Royal Navy das Telefonkabel zwischen Deutschland und den USA gekappt. In den 1970er-Jahren platzierten Taucher der US Navy Abhörgeräte an sowjetischen Unterwasser-Kommunikationskabeln im Pazifik. Die Sowjetunion und Russland haben darauf mit großen Investitionen in die Unterwasserspionage reagiert.
Sicherungsmaßnahmen der NATO
Nach dem Anschlag auf die Nordstream-Pipelines hat die NATO ihre Seestreitkräfte in Nord- und Ostsee verdoppelt, um entlang der westlichen Infrastruktur Präsenz zu zeigen. Beispielsweise hat Großbritannien dabei eine Task Force der Royal Navy mit Schiffen und Seefernaufklärern vom Typ P-8A Poseidon und Flugzeugen der Royal Air Force für Patrouilleneinsätze aufgestellt. Die Deutsche Marine
hat in Absprache mit Norwegen und nach Zusage des Bundeskanzlers einen Marineverband aus drei Fregatten, einem

Wappen des Zentrums für den Schutz kritischer Infrastruktur beim NATO Allied Maritime Command im britischen Northwood, Grafik: NATO
Einsatzgruppenversorger und einem Seefernaufklärer P-3C Orion in die entsprechenden Seegebiete im Nordflankenraum der NATO entsandt. Dort verlaufen durch die Nordsee beispielsweise die Pipelines Europipe 1 und 2, die Erdgas von Norwegen nach Deutschland leiten. Allein das norwegische Pipelinenetz erstreckt sich dort auf über 9000 Kilometer.
Inzwischen hat die NATO beim ihrem Allied Maritime Command im britischen Northwood ein neues Zentrum für den Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur eingerichtet. Dabei geht es um deren Schutz im Atlantik, in Nord- und Ostsee und im Schwarzen Meer. Die NATO ist alarmiert, Russland könnte die kritische Infrastruktur ins Visier nehmen, um die Lebensadern des Westens zu lähmen. Das Zentrum soll ein aktuelles Lagebild liefern, die Seeraumüberwachung koordinieren, die Präsenz auf See zur Beobachtung russischer Schiffe erhöhen und sofort Patrouillen in Seegebiete mit verdächtigen russischen Aktivitäten entsenden. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg betonte: „Das Zentrum wird unser Situationsbild verbessern und unsere Präsenz auf See zur Verteidigung und Abschreckung erhöhen.“
Zudem hat die NATO auf der Ebene der Verteidigungsminister in Brüssel eine Koordinierungszelle für die Entwicklung von Konzepten zum Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur errichtet. Angesichts der riesigen Seegebiete ist es trotzdem unmöglich, jeden Meter Datenkabel und jeden Kilometer Pipeline rund um die Uhr zu überwachen. Daher wird eine umfassende Datenbasis angestrebt, um das Monitoring durch verschiedene Sensoren so dicht zu gestalten, dass einem Angreifer ein Anschlag auf die Infrastruktur zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Die Industrie nutzt bereits technisch ausgereifte Systeme, die den Bruch von Kabeln oder auch die Annäherung von Objekten anzeigen.

RFA Proteus, Foto: Royal Navy
Schutzmaßnahmen von NATO-Staaten
Mehrere NATO-Staaten haben schon entsprechende Schutzmaßnahmen ergriffen. So setzt die US Navy Überwasser-Drohnen der Typen Explorer, Voyager und Surveyer zur Kartierung, Aufklärung und Überwachung des Meeresbodens bis in 7000 Meter Tiefe ein. Die Drohnen haben eine Einsatzdauer von mehreren Monaten. Sie sind mit Multibeam-Echoloten und Schallgeschwindigkeits-Sensoren ausgestattet. Gleichzeitig dienen sie der U-Jagd. Frankreichs Marine definiert den Meeresboden als strategischen Raum. Bis 2025 will sie unbemannte autonome Unterwasserfahrzeuge und ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge beschaffen, die bis in 6000 Meter Tiefe die kritische Infrastruktur auf dem Meeresboden überwachen, kontrollieren und schützen sollen. Zudem werden drei neue Forschungsschiffe beschafft, die auch der Meeresbodenüberwachung dienen sollen. Die Niederlande planen, zwei Schiffe mit Unterwasserüberwachungssystemen zum Schutz der Pipelines und Kabel vor der niederländischen Küste zu bauen. Großbritannien hat im Rahmen des Multi-Role Ocean Surveillance Program das speziell zur Unterwasserüberwachung gebaute Mehrzweckschiff PROTEUS im Einsatz. Ein zweites Schiff für diesen Zweck befindet sich im Bau. Die Schiffe sind mit modernen Unterwassersensoren und ferngesteuerten oder autonomen Tiefseefahrzeugen ausgerüstet, die den Unterwasserbereich bis zur Tiefe von 6000 Metern aufklären und überwachen können und dabei hochauflösende Bilder liefern. Die Royal Navy will zudem ihre U-Boote mit unbemannten und autonom operierenden Mini-U-Booten ausrüsten, um quasi in Teamarbeit den Unterwasserbereich überwachen zu können. Die italienische Marine hat ihr neues Unterwasserzentrum im italienischen La Spezia beauftragt, weiterführende Technologien für Unterwasserdrohnen zur Meeresbodenkriegführung entwickeln zu lassen. Auch die Deutsche Marine sieht in der hybriden Unterwasserkriegführung eine große Gefahr. Daher hat sie im Zielbild 2035 festgelegt, sich mit moderner Sensorik, Minenjagdbooten und Unterwasserdrohnen für diese Aufgabe auszurüsten.
Dieter Stockfisch










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