1994 kaufte die chilenische Marine einen kanadischen Eisbrecher aus den späten Sechzigerjahren und stellte ihn als Almirante Óscar Viel in Dienst. Nun wird ein Nachfolger gebaut.
Sidney E. Dean
[ds_preview]
Der Stapellauf von Chiles neuem Eisbrecher ist für Ende dieses Jahres angesetzt. Das als Antarctica I bezeichnete Schiff löst den 1968 fertiggestellten Eisbrecher Almiránte Óscar Viel ab. Wie die Óscar Viel soll auch der neue Eisbrecher durch die chilenische Marine eingesetzt werden. Die Einführung eines modernen Eisbrechers besitzt für Chile einen hohen Stellenwert. Die Nation beansprucht den südlich der Drake Passage liegenden Abschnitt der Antarktis, von 53 Grad bis 90 Grad West und vom 60. Breitengrad Süd bis zum Südpol. Dieses Territorium überschneidet sich teilweise mit den von Argentinien und Großbritannien beanspruchten Gebieten und schließt unter anderem die Südshetland-Inseln sowie die Antarktische Halbinsel ein.
Chile unterhält in diesem Bereich insgesamt vier ganzjährig besetzte Standorte und fünf Forschungslager, die nur im antarktischen Sommer genutzt werden. Die beiden ältesten Außenposten wurden bereits Ende der 1940er-Jahre durch das chilenische Militär eingerichtet, vor allem um die eigenen Territorialansprüche zu untermauern. Heute werden auch diese Standorte primär durch wissenschaftliche Expeditionen genutzt. Sie dienen teilweise auch der internationalen Zusammenarbeit; so unterhält das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) seit 1991 eine Satellitenempfangsstation auf dem chilenischen Standort Bernardo O’Higgins an der Küste der antarktischen Trinity-Halbinsel (nördlicher Teil der Antarktischen Halbinsel). Die Armada übernimmt ferner seit 1995 die logistische Versorgung der tschechischen Polarstation Mendel auf der James-Ross-Insel.

Bau der Antarctica I auf der Werft in Talcahuano
Drei Hauptaufgaben
Der neue Eisbrecher wird drei Hauptaufgaben bewältigen:
- logistische Versorgung der chilenischen Arktisstationen sowie ausländische Stationen auf der Antarktischen Halbinsel: Die Nutzlastkapazität des neuen Eisbrechers in der Versorgungsrolle umfasst 510 Kubikmeter Containerfracht (für 20-Fuß-ISO-Container), 400 Kubikmeter Palettenfracht (Flugbenzinfässer mit 200 Liter Inhalt), sowie 400 Kubikmeter Heizöl in einem Nutzlasttank.
- Such- & Rettungsaufgaben (S&R) in den antarktischen Gewässern: Als Anrainerstaat ist Chile für die weiträumige Seenotrettung in den Gewässern beiderseits der Antarktischen Halbinsel zuständig, auch über die eigene 200-Meilen-Zone hinaus. Im Rahmen dieser Einsätze wird die Antarctica I havarierte Schiffe in Schlepptau nehmen können, und Schiffbrüchige an Bord versorgen. Analog zur Seenothilfe wird das Schiff auch – gemeinsam mit anderen Einheiten der Armada – Katastrophenhilfe auf den zwischen dem südamerikanischen Festland und der Antarktis liegenden Inseln leisten.
- schwimmende Forschungsstation: der Eisbrecher wird regelmäßig Physiker, Geologen, Meereswissenschaftler sowie Klimatologen an Bord nehmen. Das Schiff wird mit biologischen und chemischen Laboreinrichtungen ausgestattet. Um hydrografische Studien durchzuführen wird das Schiff ferner über rumpfmontierte hydroakustischen Sensoren verfügen.

Der Standort Capitan Arturo Prat befindet sich auf Greenwich Island
Ausstattung
Antarctica I wird auf der Werft Asmar (Astilleros y Maestranzas de la Armada) in Talcahuano gebaut. Diese Anlage ist eine von drei Werften der 1895 gegründeten chilenischen Firma. Durchgeführt werden hier Wartung, Umrüstung, und Neubau ziviler wie militärischer Schiffe. Eine Vielzahl ausländischer Firmen tragen zu dem Projekt bei. Das Schiff entsteht auf der Grundlage des Eisbrechertyps Vard 9 203. Die kanadische Vard Marine, eine Tochter der italienischen Firma Fincantieri wurde 2016 beauftragt, einen auf die genauen Anforderungen Chiles zugeschnittenen Entwurf anzufertigen; dieser wurde 2017 vorgelegt. Das Schiff hat eine Gesamtlänge von 111 Metern und eine Breite von 21 Metern. Vom Kiel bis zum Oberdeck ist es 10,6 Meter hoch. Die Verdrängung beträgt 10 000 Tonnen (bei voller Beladung 13 000 Tonnen), wodurch das neue Schiff wesentlich größer als die 6.900 Tonnen schwere Óscar Viel ausfällt. Der Tiefgang liegt bei 7,2 Metern.
Die Brücken- und Führungssysteme weisen einen hohen Grad an Automatisierung auf. Unter anderem ist das Schiff mit dem General Electric SeaLyte Dynamic Positioning System ausgestattet, um in anspruchsvollen Gewässern wahlweise manuell oder automatisch zu fahren beziehungsweise Position zu halten. Die Navigationsausstattung umfasst Sonar, Echolot und GPS. Die finnische Firma Surma liefert das ECM/EMI-System (Electro Magnetic Compatibility/Electro Magnetic Interference), um die Auswirkung elektromagnetischer Strahlung auf die vielen drahtlosen Kommunikations- und Führungssysteme des Schiffes zu minimieren.
Das integrierte dieselelektrische Antriebssystem besteht aus zwei Dieselmotoren von General Electric Marine Solutions mit je 4500 Kilowatt Leistung, zwei Motoren mit je 1800 Kilowatt, zwei Schiffsschrauben, sowie einem Bugstrahlruder mit 2000 Kilowatt Leistung. Hinzu kommen Seitenstrahlruder, um ein sicheres Navigieren in der Nähe von Eisschollen zu gewährleisten. Lenkgetriebe und Steuerruder werden von Damen gestellt. Das Antriebssystem weist im Vergleich zum bisher eingesetzten Schiff eine Reduzierung des Schadstoffausstoßes um 70 Prozent auf. Unterbringungskapazität besteht für 120 Personen. Die Basiscrew, einschließlich Flug- und Wartungspersonal, umfasst 76 Personen. Hinzu kommen Spezialisten für die verschieden Aufgaben der jeweiligen Fahrt, etwa Logistiker und Sanitätspersonal. Bis zu 44 Wissenschaftler sollen ebenfalls pro Fahrt an Bord sein. Ferner wird das Schiff militärisches und ziviles Personal zwischen dem Festland und den verschiedenen antarktischen Außenposten transportieren. Der Eisbrecher verfügt sowohl über ein medizinisches wie ein zahnärztliches Lazarett und wird die medizinische Betreuung des Personals der antarktischen Standorte wahrnehmen.
Der am Flugdeck anschließende Hangar fasst zwei Helikopter von der Größe eines Airbus AS 332, die für SAR-Einsätze sowie für den Personen- und Frachttransport im Nahbereich dienen. Zur Be- und Entladung des Schiffes gibt es zwei auf dem Vorderdeck befindliche Deckkräne mit jeweils 20 Tonnen Tragfähigkeit und 20 Meter Reichweite; sie werden durch die italienische Firma Melcar gestellt. Hinzu kommen mehrere Winden mit einer Kapazität zwischen drei und zehn Tonnen, die unter anderem zum Schleppen von hydrografischen Sensoren eingesetzt werden. Zwei offene 7,4 Meter lange Einsatzboote sowie zwei geschlossene Rettungsboote für je 67 Personen werden in seitlichen Buchten der Decksaufbauten geführt.

Deutsche Antarktis-Bodenstation O´Higgins des DLR
Einsatzbereich
Die Kiellegung des seit 2015 geplanten Schiffes erfolgte im Juli 2019. Die Baukosten betragen 216 Millionen US-Dollar. Für dieses Geld erhält Chile ein hochmodernes Schiff, das jahrzehntelang bei der Flotte bleiben soll. Die Antarctica I kann pro Fahrt bis zu 60 Tage auf See verbringen. Bei zehn Knoten Fahrt hat das Schiff eine Reichweite von 14 000 Seemeilen. Die Höchstfahrt beträgt 15 Knoten. In vereisten Gewässern leistet das Schiff zwei bis drei Knoten Fahrt, und bewältigt dabei eine Eisdecke von einem Meter Durchmesser (plus 20 Zentimeter Neuschneee). Damit wird die Antarctica I als mittlerer Eisbrecher der Klassifikation PC 5 (ICAS-Polarklasse 5) eingestuft. Einheiten der PC-5-Klassifizierung können ganzjährig in mittlerem einjährigem Eis mit älteren Einschlüssen operieren. Dies entspricht den Gegebenheiten in den Gewässern um den nördlichen Teil der Antarktischen Halbinsel.
Das Schiff soll bis zum 72. Breitengrad eingesetzt werden. In diesen Gewässern soll das Schiff rund acht Monate im Jahr operieren können. Der Schiffsbetrieb ist bei Temperaturen bis zu minus dreißig Grad Celsius möglich. Die erste Einsatzfahrt der Antarctica I soll im Sommer 2023 in den antarktischen Polarkreis führen.
Fotos: Vard, Asmar, IMO, DLR










0 Kommentare