Gebaut wurde die "Polarstern" 1982 in Deutschland, Fotos: Phillipp Steiner

Gebaut wurde die "Polarstern" 1982 in Deutschland, Fotos: Phillipp Steiner

Eisbrecher auf dem Trockenen

In mehr als 40 Jahren hat das Forschungsschiff "Polarstern" knapp zwei Millionen Seemeilen zurückgelegt. Im Dock zeigt der Eisbrecher seine Beulen und sein Innenleben.

Temperaturen zweistellig unter null, meterdickes Eis, Tausende Seemeilen von der Heimat entfernt: Das bundeseigene Forschungsschiff "Polarstern" ist für Extreme gebaut. Immer wieder nimmt es Kurs auf Arktis und Antarktis, damit Wissenschaftler dort forschen können. Zwischen zwei Expeditionen musste die "Polarstern" im Frühjahr in Bremerhaven in die Werft. Dort zeigte sie ihre Beulen, doch auch, was in ihr steckt. Vier Maschinen mit zusammen rund 20 000 PS, ein Hubschrauberhangar, eine Fußbodenheizung für draußen und ein Swimmingpool – Rundgang über einen Eisbrecher, der auf dem Trockenen sitzt.

„Die "Polarstern" ist ein Forschungseisbrecher. Er wurde 1982 in Deutschland gebaut“,[ds_preview] erklärt Andreas Pluder beim Rundgang, der vom sogenannten Blauen Salon bis hoch auf die Brücke und runter bis unter den Rumpf führt. Das Schiff sei jetzt seit über 40 Jahren in Betrieb und für sein Alter in sehr gutem Zustand, urteilt Pluder. 1977 hat er mit der Seefahrt angefangen, ist von 1999 bis 2004 als Chief, also als Leitender Ingenieur, auf der "Polarstern" gefahren und heute Technischer Inspektor der Reederei F. Laeisz. „Ich sorge dafür, dass das Schiff pünktlich losfährt und die Technik unterwegs funktioniert.“

Ausgestattet ist die "Polarstern" mit Swimmingpool und Fußbodenheizung, Foto: Phillipp Steiner

Ausgestattet ist die "Polarstern" mit
Swimmingpool und Fußbodenheizung, Foto: Phillipp Steiner

Trotz des guten Zustands steuert der Eisbrecher regelmäßig die Lloyd Werft in Bremerhaven an. Dort wird er gewartet, repariert, geprüft und gepflegt. Auf dem Rundgang begegnen uns immer wieder Menschen in Arbeitskluft, mit Helm und Werkzeug. Zum Beispiel sei ein Signalhorn am Mast repariert worden, erläutert Pluder auf der Brücke. Viele Konsolen dort sind offen, Kabelbäume sichtbar. Durch die Scheibe erblickt man den großen Bordkran, an dem ein Bolzen zu erneuern ist. Auf ein neues Radar warten die Techniker noch, Lieferprobleme. Achtern wechselt eine Tischlerei Decksplanken aus Hartholz aus.

Die Zeit im Hafen dient ebenso dazu, die Forschungsausrüstung der letzten Fahrt zusammenzupacken und von Bord zu bringen, damit das Schiff für die nächste Fahrt vorbereitet werden kann. „Weil jede Expedition einen anderen wissenschaftlichen Arbeitsfokus hat“, wie Marius Hirsekorn erklärt. Hirsekorn ist am Alfred-Wegener-Institut (AWI) logistischer Koordinator für die "Polarstern" und weitere Forschungsschiffe. Gemeinsam mit Kollegen ist er dafür zuständig, „die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur rechten Zeit mit aller Ausrüstung aufs Schiff zu kriegen“.

Manche Forscher kümmern sich um chemische Analysen des Wassers, andere um Meerestiere. Auf der nächsten Fahrt in die Arktis sind unter anderem Messungen der Eisdicke geplant. Auf einem Deck liegt dafür ein Metallgerüst. Beim Zwischenstopp in Norwegen soll es montiert werden. Dann wird es über den Bug hinausragen und das darunter gehängte Gerät das Meereis messen. Weiter hinten werden während der Werftzeit Winden zum Einholen von Netzen positioniert, um Fische fangen zu können.

Die "Polarstern" pendelt zwischen Arktis und Antarktis, weiß Hirsekorn, wobei jede große Fahrt in mehrere Expeditionen aufgeteilt sein kann. Die Arktis auf der Nordhalbkugel, dort herrscht folglich dieselbe Jahreszeit wie bei uns. Im Sommer fährt die "Polarstern" daher in die Arktis. Ist bei uns Winter, herrscht in der Antarktis auf der Südhalbkugel Sommer, dann fährt die "Polarstern" dorthin.

Je zwei Hauptmaschinen können eine Schiffsschraube antreiben, Foto: Phillipp Steiner

Je zwei Hauptmaschinen können
eine Schiffsschraube antreiben, Foto: Phillipp Steiner

Doch sommerliche Gefilde sind Arktis und Antarktis nicht, das Schiff hat hier wie dort mit Eis zu kämpfen. Dafür ist es mit einer Elefantenhaut gerüstet. „Vorne haben wir Stahlstärken von knapp 60 Millimeter, das ist schon sehr ordentlich“, sagt Pluder. Weiter hinten sei das Unterwasserschiff mindestens 40 Millimeter dick.

Damit kann die "Polarstern" laut AWI bis eineinhalb Meter dickes Eis langsam durchfahren. Kommt es noch dicker, wird gerammt: Der Eisbrecher fährt aufs Eis, bleibt irgendwann stecken, setzt zurück und nimmt den nächsten Anlauf. „Bis er durch ist“, so Pluder. Für die Schwerarbeit besitzt das Schiff vier Hauptmaschinen, jede etwa 5000 PS stark. Bei solchen Eisfahrten verbrauche sie über 50 000 Liter sogenanntes Marine Gasöl pro Tag.

Die Eisfahrt erklärt Pluder auf dem Boden des Kaiserdock II, des großen Trockendocks der Lloyd Werft, das man sich als riesige Wanne vorstellen kann. Rund 70 Treppenstufen führen hinunter. Der Eisbrecher ist ins Dock gefahren, als es noch voll Wasser war. Dann wurde es geschlossen und das Wasser rausgepumpt, dabei senkte sich das Schiff auf sogenannte Pallen aus Beton, Stahl und Holz.

Auf ihnen ruht es nun, sodass man sich dazwischen, teils aufrecht und teils gebückt, unter dem mächtigen Schiffskörper bewegen kann. AWI-Logistiker Hirsekorn weist immer wieder auf diese oder jene interessante Stelle hin, wo sich zum Beispiel ein Messgerät für die Schallgeschwindigkeit unter Wasser befindet. Oder der Moonpool: Eine Öffnung im Rumpf, durch die aus dem Schiffsinnern Instrumente ins Meer gelassen werden.

Andreas Pluder, Foto: Phillipp Steiner

Andreas Pluder, Foto: Phillipp Steiner

Im Dock werden auch Beulen der "Polarstern" sichtbar, besser noch kann man sie auf der glatten Stahlhaut fühlen. Denn das Eis werde vorne runtergedrückt und komme mit Wucht hinten wieder hoch, so Pluder. Die Beulen würden sogar in einem „Beulenplan“ festgehalten und der Klassifikationsgesellschaft DNV vorgestellt. Die entscheide dann, ob eine Stelle ausgebessert werden müsse.

Mit anderen Blessuren hat Petra Gößmann-Lange zu tun. Sie ist die Bordärztin auf der "Polarstern" und zeigt das Hospital mit Röntgengerät und OP-Tisch, auch eine Zahnarzt-Ausrüstung hat die Chirurgin für die Expeditionen im Schrank.

Patienten können im Notfall sogar per Helikopter an oder von Bord gebracht werden. Denn die "Polarstern" führt auf Expeditionen zwei Hubschrauber mit, erklärt Logistiker Hirsekorn im leeren Hangar. Normalerweise dienten die Hubschrauber zur Eisaufklärung. Aus der Luft kann die Besatzung den besten Weg durchs Eis ausmachen. „Und die wichtige Nutzung für die Wissenschaft ist halt, dass man sich auch vom Schiff entfernen kann mit wissenschaftlichen Teams, um dann an Land oder auf dem Eis wissenschaftliche Arbeiten durchzuführen.“

Marius Hirsekorn, Foto: Phillipp Steiner

Marius Hirsekorn, Foto: Phillipp Steiner

Eis ist überall Thema an Bord. Damit sich bei tiefen Temperaturen kein Eis auf dem Arbeitsdeck des Schiffes ausbreitet, werden dessen Holzplanken von unten mit einem Gemisch aus Wasser und Glykol erwärmt, erklärt Techniker Pluder achtern. Also eine Fußbodenheizung für draußen.

Richtig aufwärmen von ihrer Arbeit können Forscher und Seeleute sich zum Beispiel im Blauen oder im Roten Salon oder in der Sauna. Austoben im Wasser ist auch möglich: Die "Polarstern" verfügt über einen Swimmingpool, an dessen Wänden Körbe für Wasserbasketball hängen. Doch auch dieses Becken ist beim Rundgang leer – sogar ein Eisbrecher sitzt eben manchmal auf dem Trockenen.

Dr. Phillipp Steiner ist Fachjournalist für Meer und Schifffahrt.

Phillipp Steiner

27. Nov. 2024 | 0 Kommentare

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