Over the past few decades, America has paid little attention to the Arctic. However, the increased involvement of Russia and China is also driving the USA northwards again.
Die Vereinigten Staaten sind seit rund einem Jahrhundert die stärkste Großmacht der Welt, aber sind sie auch Arktismacht? Als Paul Kennedy mit seinem Beststeller vom „Aufstieg und Fall der Großen Mächte“ in den 1980er-Jahren Furore machte und den USA ihren schleichenden Niedergang voraussagte, war seine Diagnose noch deutlich verfrüht. Nur wenige Jahre später schied mit der Implosion und dem anschließenden territorialen Zerfall der Sowjetunion der einzige ernsthafte Machtkonkurrent aus dem Rennen. Die USA waren zur einzigen Supermacht geworden und standen für nahezu drei Jahrzehnte unangefochten an der Spitze der Staatenwelt. Nun aber deutet sich eine grundlegende Revision der Machtverteilung in der Welt an, die vor allem durch den pivot to Asia treffend beschrieben wird. Und mit der Volksrepublik China ist ein Konkurrent herangewachsen, der durchaus das Zeug zu haben scheint, die amerikanische Hegemonie erfolgreich in Frage zu stellen. Gleichzeitig ist das über ein Vierteljahrhundert schwächelnde Russland wieder erstarkt, und auch wenn die Russische Föderation mit ihren gut 140 Millionen Einwohnern nicht annähernd mit der ca. 270 Millionen Einwohner starken Sowjetunion von einst gleichgesetzt werden kann, ist sie in Eurasien und vor allem im Norden der „Weltinsel“ – Mackinders heartland – ohne Zweifel ein bedeutender Machtfaktor. Im hohen Norden hat weitgehend Moskau, und nicht Washington, das Sagen. [ds_preview]

Ein amerikanisches U-Boot durchbricht
das Eis der Arktis. Foto: US Navy
Russland hat die Arktis inzwischen relativ stark remilitarisiert, und auch China lässt zunehmend arktische Ambitionen erkennen, auch wenn diese noch unterhalb der Schwelle militärischer Aktivitäten verharren. Die USA dagegen wurden noch vor ganz wenigen Jahren in ihren arktischen Ambitionen von diversen Beobachtern völlig zutreffend als „bemerkenswert schwach“ beschrieben. Zur Überraschung vieler erwähnte selbst die jüngste National Defence Strategy vom Januar 2018, noch unter der Ägide des als oft als Strategen beschriebenen James Mattis erarbeitet, diese Region nicht einmal. Und tatsächlich haben die Amerikaner als Bewohner eines relativ weit südlich gelegenen Landes nie eine arktische Identität entwickelt – mit Ausnahme der Einwohner von Alaska. Die Gründe dafür sind offenkundig: Das innerhalb der USA schon sehr nördlich gelegene New York befindet sich auf der Breite von Madrid und Neapel. Doch der geringe Fokus ist nicht nur geografischen Fakten, sondern auch administrativ stark zersplitterten Zuständigkeiten und einer politischen Konfliktarmut in der Arktis seit dem Ende des Kalten Krieges geschuldet. Wenn nun seit den späteren 2010er-Jahren arktische Angelegenheiten nach und nach eine höhere Priorisierung in Washington genießen, dann war dies bis in die jüngste Zeit vor allem dem beharrlichen Wirken von Teilen der US-Ressortebenen geschuldet. Diese haben bei der Umsetzung ihrer Aufgaben in den Gebieten Umweltschutz und Ressourcenfragen, Transport, Heimatschutz, maritimer Sicherheit und anderen Handlungsfeldern graduell eine Erhöhung der Aufmerksamkeit für diese sonst in Washington so wenig beachtete Region bewirkt.
Die taktische und operative Ebene hat die strategische vielerorts überholt und damit den strategischen Prozess ein Stück weit auf den Kopf gestellt. Zwar gab es auf strategischer Ebene bereits im letzten Jahr der Administration von George W. Bush mit der National Security Presidential Directive ein frühes Bekenntnis zur Bedeutung des Nordens. Darin wurden die USA erstmals als arktische Nation bezeichnet und US-Interessen in diesem Gebiet mit der nationalen Sicherheit begründet. Es folgten daraus jedoch keine erkennbaren Ableitungen oder Umsetzungen. Mit einem ähnlichen Schwerpunkt wurde dann unter der Obama-Administration immerhin erstmals eine National Strategy for the Arctic Region entwickelt, der wiederum relativ bald auch ein Plan zur Implementierung folgte. Doch danach geschah nicht mehr viel und dies wäre vermutlich auch auf absehbare Zeit so geblieben, wenn nicht im östlichen Europa und in Nahost die politischen Interessen der westlichen Staatengemeinschaft mit denen der Russischen Föderation in Konflikt geraten wären.

Arbeiten im Eis – auch unter Wasser. Foto: US Navy
Inzwischen hat sich die Situation auch im hohen Norden grundlegend verändert. Vereinfachend gesagt, kann zur Rolle der Vereinigten Staaten in der Arktis festgestellt werden, dass die USA nach langer Abstinenz gegenwärtig so etwas wie ein arktisches Erwachen erleben, wenn auch auf insgesamt moderatem Niveau. Dies spiegelt sich auch in den Analysen der Think Tanks, und es ist bemerkenswert, wenn die USA vor nicht allzu langer Zeit in einem Papier der Stiftung Wissenschaft und Politik als „widerwillige Arktismacht“ charakterisiert wurden, ein Nachfolgepapier dann aber wenig später unter dem nicht minder vielsagenden Titel „Mit Volldampf in die Arktis“ erschien; was gleichwohl etwas übertrieben erscheint, denn so gewaltig sind die Taten Washingtons bislang dann doch nicht. Man sollte eher von „halber Fahrt“ gen Norden sprechen, wenn man das Tempo der amerikanischen Ambitionen richtig beschreiben wollte. Die Krisen und Kriege um die Ukraine und in Syrien und weitere Konflikte zwischen dem Westen und Russland seit 2014 können vor dem Hintergrund des bis dahin mäßigen Interesses der USA an der Arktis wohl als Hauptursache, in jedem Fall aber auch als massive Beschleuniger eines arktischen Sinneswandels in den Vereinigten Staaten verstanden werden, der seit wenigen Jahren an Dynamik gewinnt. Belege dafür sind nicht nur die Flut der Medienberichte im englischsprachigen Raum oder die beharrlichen Bemühungen prominenter US-Ressortverantwortlicher um den arktischen Diskurs. Auch die zunehmende Präsenz des Themas auf der Agenda einschlägiger Foren und Institutionen, beispielsweise dem 2018 von der US Navy neu eingerichteten Arctic Maritime Symposium oder der im Herbst 2017 aufgelegten internationalen Arktis-Konferenzserie des George C. Marshall Centers in Garmisch, deren Ergebnisse auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz einsteuert werden.
Schon mehr als nur Indizien dieses Sinneswandels sind inzwischen nicht mehr nur Worte und Diskurse, die freilich allen Handlungsvollzügen voranzugehen scheinen, sondern es sind auch immer mehr Aktionen, die allgemein sichtbar werden. Dazu zählt etwa die rotierende, wenngleich eher symbolische, aber in der Wirkung eben doch permanente Entsendung von US Marines nach Norwegen. Daneben gibt es auch zweifellos gewichtigere Handlungen, wie die erst mit großer Verspätung beschlossene Entscheidung zum Bau neuer Eisbrecher, einer Schiffsklasse, die in den USA bei der im Department of Homeland Security aufgehängten Küstenwache angesiedelt ist. Der Auftrag für die Konstruktion eines ersten von voraussichtlich sechs dieser neuen Polar Security Cutters war gegen Ende April 2019 an die (damit völlig unerfahrene) Werft VT Halter Marine vergeben worden, der Bau soll noch im Lauf dieses Jahres beginnen und für das Typschiff bis 2026 abgeschlossen sein. Ein Unterfangen, das weder nach Tempo noch nach Umfang mit den diesbezüglichen russischen Aktivitäten auch nur annähernd vergleichbar wäre, aber immerhin arktische Absichten klar erkennen lässt. Auch die US Navy versucht inzwischen, neben einer Präsenz bis in die Barentssee hinein, erst einmal das Operieren in arktischen Gewässern wieder zu erlernen, einer Fähigkeit, die – ausgenommen im Bereich der U-Boote – über drei Jahrzehnte schlichtweg verloren gegangen war. Inzwischen erproben die USA ganz offenkundig eine Erweiterung ihrer Möglichkeiten zur power projection im Norden und senden dabei gleichzeitig politische Signale. So wurde das NATO-Manöver Trident Juncture, die größte Übung der Allianz seit Ende des Kalten Krieges, Ende Oktober 2018 an der Nordflanke des Bündnisses in und um Norwegen durchgeführt. Dabei wurde mit der Carrier Strike Group 8 erstmals nach 1990 ein solcher Verband wieder nördlich des Polarkreises eingesetzt. Schon im August 2018 war die (Wieder-)Gründung des für den gesamten Nordatlantik zuständigen 2nd Fleet Regional Commands in Norfolk erfolgt. Für die Zerstörer der ARLEIGH-BURKE-Klasse, die seither regelmäßig im hohen Norden patrouillieren, wurde die Eistauglichkeit eingängig geprüft und einzelne konstruktive Verstärkungen eingeplant.
Im Mai 2019 hatte für alle Welt sicht- und hörbar der damalige US-Außenminister Mike Pompeo auf dem Jahrestreffen des Arctic Council im finnischen Rovaniemi Russland und China entgegen den dort üblichen Usancen mit überaus scharfen Worten angegriffen und Widerstand gegen die zunehmende arktische Präsenz beider Mächte angekündigt. Und spätestens mit dem (diplomatisch wie bündnispolitisch vollkommen missglückten) Tweet von US-Präsident Donald Trump über einen Kauf Grönlands im Juli 2019 machte die damalige Administration vor aller Welt sichtbar, dass Washington inzwischen durchaus wieder arktische Interessen auf seiner Agenda hat.

USCGC Healy ist der grösste Eisbrecher der USA. Foto: US Coast Guard
Führt man diese Beobachtungen zusammen, wird man zum Beginn der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts nicht länger konstatieren können, dass die USA die Entwicklungen in der Arktis komplett verschlafen, wie es von einzelnen Beobachtern noch vor einiger Zeit behauptet wurde. Allerdings sind die Fähigkeiten, im arktischen Ozean tatsächlich Operationen durchzuführen, noch immer äußerst begrenzt. Allein der Blick auf die Zahl der vorhandenen Eisbrecher sagt fast alles: Die USA haben derzeit drei Stück im Bestand, von denen gegenwärtig noch einer als einsatzbereit gilt; die russische Föderation hat, je nach Quelle und Definition, über zwei Dutzend in Dienst und ein ehrgeiziges Neubauprogramm noch dazu. Hier und auf vielen anderen Vergleichsebenen muss man klar sagen, dass in Relation zu den russischen Kapazitäten in der Arktis noch ein erheblicher Rüstungsbedarf auf Seiten der USA besteht, sollte man ernsthaft mit Moskau gleichziehen wollen. Dass es dazu zumindest Ambitionen gibt, wird an einem Indiz immer deutlicher: Nahezu alle relevanten US-Einrichtungen haben in den vergangenen Jahren Arktis-Strategien entwickelt und vorgelegt, zuletzt das Department of Homeland Security. Vorausgegangen waren die Veröffentlichung der neuen Strategiepapiere des Pentagons und der Küstenwache im Jahr 2019. Im darauf folgenden Jahr war die US Air Force nachgezogen und hatte erstmals in ihrer Geschichte eine Strategy for the Arctic region vorgelegt, woraufhin im Januar 2021 die US Navy mit ihrem Strategic Blueprint for the Arctic nachgezogen war. Derzeit ist die US Army dabei, ihre Arktisstrategie zu formulieren. Dies alles zeigt deutlich, dass „von oben“ Druck im Kessel angeordnet wurde. All das hat Bedeutung in einem Land, in dem strategisches Denken erheblich weiter verbreitet ist als im heutigen Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass auf Strategiepapiere in absehbarer Zeit auch Umsetzungen folgen werden, nur der wirkliche Umfang bleibt noch einigermaßen unklar.
Autor: Dr. Joachim Weber ist Senior Fellow am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel












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