Mit der Indienststellung des Typschiffs der Sachsen-Klasse erhielt die Marine vor 20 Jahren eine auf Luftverteidigung ausgelegte Fregatte. Ihre Fähigkeiten sind bis heute herausragend.
Man sieht es ihr nicht an, aber tatsächlich feiert die "Sachsen", das Typschiff der Fregattenklasse 124, am 4. November ihren 20. Jahrestag im Dienst der Deutschen Marine.
Vor der Indienststellung war das Schiff bereits über drei Jahre zur Erprobung unterwegs gewesen. Von August 2001 bis Oktober 2002 tat sie dies unter der Werftflagge, anschließend bis zur Indienststellung unter der Ägide des damaligen Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), dem heutigen Bundesamts für Ausrüstung, Infrastruktur und Nutzung der Bundeswehr. Die Erprobung war ein eher eintöniges Unterfangen für die Einfahrbesatzung der Marine, fand sie doch im Schwerpunkt rund um Helgoland statt. Allerdings gab es zwei willkommene Ausbrüche aus der Nordsee: 2003 eine Erprobungsfahrt in die Biscaya mit im letzten Moment gestrichenem Hafenbesuch in Funchal auf Madeira. Und vom 13. Juni bis 4. Oktober 2004 sogar eine mehrmonatige Reise in den Pazifik zum Abnahmeschießen für die Flugkörperbewaffnung des Schiffes.
Auf dieser Pazifikreise bewies das Schiff in allen Bereichen seine Qualitäten: Auch wenn die Fahrt von Wilhelmshaven bis ins Schießgebiet Point Mugu vor der kalifornischen Küste durch den Panamakanal und wieder zurück ging, in der Summe der rund 21.000 zurückgelegten Seemeilen kam die Reise einer Weltumrundung gleich. Eine solche war ursprünglich für das Schiff geplant und sollte über Australien führen, das sich damals für einen Nachbau der Klasse 124 interessierte. Nachdem sich die australische Regierung aber kurzfristig für eine Aegis-Variante entschied, wurde die SACHSEN zurückbeordert. Dabei kam es zu keinen größeren Ausfällen von Antriebs- oder Schiffsbetriebstechnik, lediglich eine nicht ohne längeren Werftaufenthalt zu beseitigende Getriebeölleckage machte der Besatzung zu schaffen.

Fregatte "Sachsen" feuert Flugabwehr-FK SM-2. Foto: Bw/F.Plankenhorn
Beim Annahmeschießen wiesen Schiff und Besatzung die Funktion der Feuerleitketten und die enorme Kampfkraft der Klasse 124 erfolgreich nach. Viele der bekämpften Ziele waren Kormoran-Flugkörper, welche die acht Tornado-Jagdbomber der nach Kalifornien verlegten deutschen Marineflieger gegen die SACHSEN verschossen. Mit einem entsprechend optimierten Doktrinensatz zeigte das Waffensystem F 124 hier eine exzellente und dem amerikanischen Aegis-System weit überlegene Performance. Insgesamt wurden zehn Flugkörper SM-2 IIIA, elf Flugkörper ESSM und zwei Harpoon-Seezielflugkörper von der "Sachsen" verschossen. Die Marinejagdbomber setzten etwa 30 Kormoran-I-Flugkörper gegen das Schiff ein.
Die Reise und das Truppenschießen waren im Ergebnis ein großer Erfolg für Industrie, BWB und die Marine, damit war die "Sachsen" nun klar zur Indienststellung. Alles verlief planmäßig – bis auf den geplanten zweiten Versuch, Funchal auf der Rückreise anzulaufen. Hier zwang ein Hurrikan das Schiff auf eine nördlichere Route, ein ungeplantes Wochenende auf den Bermudas entschädigte dafür voll und ganz. Über den niederländischen Marinestützpunkt Den Helder ging es nach Hamburg zu einer dreiwöchigen Dockung bei der Bauwerft Blohm+Voss, um dem Schiff für die Indienststellung den letzten Schliff zu verpassen. Die Fregatte hatte ja zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 70.000 Seemeilen unter dem Kommando des Leiters der Einfahrbesatzung und späteren Kommandanten Volker Buller unter dem Kiel.
An einem sehr regnerischen 4. November, einem Freitag, wurde in Wilhelmshaven auf der "Sachsen" schließlich die Bundesdienstflagge gesetzt, der damalige Verteidigungsminister Peter Struck nahm die Indienststellung vor. Für manche kam sie wohl überraschend. Dies dokumentierte sich am darauffolgenden Montag eindrucksvoll durch die Tatsache, dass die "Sachsen" über das Wochenende die Betriebserlaubnis verloren hatte. Die Ausnahmegenehmigung des Präsidenten des BWB war nur für die Erprobung gültig, das Schiff lag jetzt erst einmal wochenlang an der Pier fest.
Kind des Kalten Kriegs
In den späten Achtzigerjahren wurde die Klasse 124 als Nachfolgeschiff für die drei Zerstörer der Lütjens-Klasse konzipiert. Das Vorhaben erwuchs zum Teil noch aus dem gescheiterten Programm "NATO Frigate Replacement of the Nineties", aus dem auch die Fregatten der Klasse 123 entstammten. Für die 124er wurde die Aufgabe des Verbandsschutzes abgeleitet. Sie sollten als Teil einer größeren Task Group NATO-Konvois im Nordatlantik gegen den Angriff der sowjetischen Bomberregimenter schützen. Die Bedrohung bestand aus Bombern der Typen TU-16 Badger und TU-22 Backfire mit Anti-Radiation-Flugkörpern AS-12 und Anti-Schiff-Flugkörpern AS-16. Mit diesen sollten Truppen- und Materialtransporte aus den USA und Kanada zur Verstärkung des europäischen Kriegsschauplatzes bekämpft werden. 1995 wurde bei der System Design Review die Entscheidung für das europäische Smart-L/APAR und damit gegen das amerikanische Aegis-System getroffen. 1996 wurde das Einsatzkonzept dem weltpolitischen Wandel angepasst zur Unterstützung der damals virulenten Südflankenoperationen.

Fregatte "Sachsen" einlaufend Djibouti, EU-Operation Atalanta 2012. Foto: Bw/Wolff
Das Bauprogramm F 124 war in die trilaterale Fregattenkooperation mit den Niederlanden und Spanien eingebunden und stellte mit einem Auftragswert von 1,5 Milliarden Euro zu diesem Zeitpunkt eines der größten Beschaffungsprogramme der Bundeswehr dar. Auch damals gab es schon eine Option auf ein viertes Schiff – die "Thüringen" –, welche nie gezogen wurde. Gleiches gilt für die bereits bei der Indienststellung kommunizierten Aufwuchsoptionen: Towed Array Sonar, Asroc in einer Vertikalstart-Version, ein 127-Millimeter-Geschütz und Theatre Ballistic Missile Defence.
Anders als man das von den nachfolgenden Schiffs- und Bootsklassen mittlerweile gewohnt ist, wurde die "Sachsen" einen Monat früher als geplant von der Industrie an den öffentlichen Auftraggeber übergeben. Dass sich die Indienststellung dann aber um ein Jahr verzögerte, lag sowohl an Problemen bei der hochkomplexen Softwareintegration durch gut ein Dutzend ver-schiedene Firmen als auch an der Tatsache, dass die USA das Schießgebiet Roosevelt Roads in der Karibik geschlossen hatten. Da der damalige Admiral Marinerüstung ein erfolgreiches Abnahmeschießen ausdrücklich zur Voraussetzung für eine Indienststellung machte, musste nun zeitaufwändig eine Alternative gefunden werden. Erst nach mehreren vergeblichen Erkundungen konnte mit der oben dargestellten Lösung vor der kalifornischen Küste eine Range gefunden werden, die der Komplexität der Aufgabenstellung gewachsen war.
Neue Fähigkeiten
Mit der Indienststellung der "Sachsen" und ihren Schwesterschiffen "Hamburg" und "Hessen" erhielt die Deutsche Marine erstmals eine vollwertige Verbandsflugabwehr sowie die Möglichkeit, in der integrierten Luftverteidigung einen echten Beitrag zum Gebietsschutz zu leisten. Für viele Jahre bildeten die Fregatten der Klasse 124 zusammen mit ihren niederländischen Verwandten, den Fregatten der De Zeven Provincien-Klasse, den höchsten Standard bei Luftverteidigungsschiffen in der NATO.
Ihre besonderen Fähigkeiten zur Führung von Einsatzverbänden wies die "Sachsen" 2005 während eines Desex als Flaggschiff des Kommandeurs 1. Fregattengeschwader, Kapitän zur See Michael Dirks, nach. Dieses Geschwader wurde ab dem Jahr 2000 in Wilhelmshaven aufgestellt, um die drei neuen Fregatten aufzunehmen. Mit der Umgliederung der Geschwader im Januar 2006 wurde das 1. Fregattengeschwader wieder aufgelöst und die Schiffe an das 2. Fregattengeschwader übergeben.

Fregatte "Sachsen", verunglückter FK-Schuss 2018. Screenshot: USNI
In die Schlagzeilen kam die "Sachsen" 2018, als bei einem Übungsschießen vor Nordnorwegen ein SM-2-Flugkörper im Senkrechtstarter ausbrannte. Dass es hier lediglich zwei Stressverletzte gab, mag ein starker Beleg sein für das Seemannsglück, welches der Fregatte und ihrer Besatzung auf ihren Erprobungsfahrten und während des 20-jährigen Diensts für die Marine auf allen Weltmeeren hold war – von besagtem Hafenbesuch in Madeira mal abgesehen. Inwieweit die Zukunft des Schiffs vor dem Hintergrund der signifikanten Obsoleszenzen weiterhin glücklich sein wird, bleibt abzuwarten. Die längst überfällige Midlife-Conversion lässt weiter auf sich warten. Und die Nachfolgeklasse F 127 steht auch schon in den Startblöcken. Quo vadis, F124?












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