SS Stockholm after the collision in 1956, photo: US Coast Guard

SS Stockholm after the collision in 1956, photo: US Coast Guard

Dreamboat of the labourers

The STOCKHOLM made history with a collision off the American coast. After more than seven eventful decades at sea, the ship is now about to be scrapped.

Die heutige ASTORIA ist einer der letzten historischen Ozeanriesen und das älteste Hochseekreuzfahrtschiff der Welt. Die SEA CLOUD von 1931 ist zwar älter, hat jedoch eine Takelage mit Segeln. Die ASTORIA, deren Jungfernfahrt sich im Februar zum 75. Mal jährte, liegt seit Beginn der Pandemie vor drei Jahren in Rotterdam auf. [ds_preview]Makler berichteten davon, dass sie verkauft und abgewrackt werden solle. Ihre derzeitigen Eigentümer bestreiten dies allerdings. Der bevorstehende Verkauf markiert jedoch eine weitere Wendung in der langen und wechselvollen Geschichte des Schiffes, das durch einen tragischen Unfall weltbekannt wurde.

Die ASTORIA begann ihre lange Karriere als erstes neu gebautes, kombiniertes Fracht- und Passagierschiff 1948 für die Swedish American Line (SAL) unter dem Namen STOCKHOLM. Begrenzt durch die Materialknappheit der Kriegszeit und die eingeschränkten Möglichkeiten der skandinavischen Werften bestellte Swedish American bereits Ende 1944 ein 160 Meter langes Schiff als Arbeitstier für die gleichzeitige Beförderung von Fracht und Passagieren. Die Baunummer 611 der Götaverken in Göteborg war ausgelegt für 395 Gäste und damals das größte in Schweden gebaute Passagierschiff. Da es für den ganzjährigen Atlantikverkehr konzipiert war, erhielt es einen eisverstärkten Bug und aufgrund seiner besonders solide Bauweise eine erhöhte Eisklasse. Auch wenn die STOCKHOLM gemessen an der Größe heutiger Kreuzfahrtschiffe vergleichsweise klein erscheint, zieht sie aufgrund ihrer klassischen Schiffslinienführung noch immer bewundernde Blicke auf sich.

Aufgrund der hohen Nachfrage nach Passagierreisen wurden bereits 1952 die Unterbringungsmöglichkeiten erweitert. Swedish American kaufte 1953 ein weiteres modernes Linienschiff hinzu, sodass die STOCKHOLM nun, das Frachtgeschäft vernachlässigend, ausschließlich Kreuzfahrten unternehmen konnte.

Astoria 2018, Foto: Cavernia photo - CC BY-SA 4.0

Astoria 2018, Foto: Cavernia photo - CC BY-SA 4.0

Eine nächtliche Schiffskollision am 25. Juli 1956 erregte die öffentliche Aufmerksamkeit. Auf dem Weg von New York nach Skandinavien kollidierte die STOCKHOLM südlich von Boston nahe dem Nantucket-Feuerschiff kurz vor Mitternacht in einer Nebelbank mit dem doppelt so großen Luxusliner ANDREA DORIA. Sie traf das italienische Passagierschiff mit ihrem eisverstärkten Bug mittschiffs auf Steuerbordseite. Durch das eindringende Wasser entwickelte die ANDREA DORIA heftig Schlagseite, was die Evakuierung stark behinderte – die Hälfte der Rettungsboote war unerreichbar geworden – und das Schiff elf Stunden später sinken ließ. In dieser Nacht ließen 46 Menschen ihr Leben auf See, davon fünf Passagiere der STOCKHOLM. Sie nahm einen Teil der 545 geretteten Passagiere von der ANDREA DORIA auf und fuhr zurück nach New York. Dort wurde sie repariert und erhielt ein völlig neues Vorschiff. Korrekt eingestellte Radargeräte und die Interpretation des Radarbildes steckten zu der Zeit in der kommerziellen Schifffahrt noch in den Kinderschuhen.

Unter DDR-Flagge nach Kuba
Swedish American verkaufte das Schiff bereits vier Jahre später an die DDR. 1960 wurde es in VÖLKERFREUNDSCHAFT umbenannt und mit den Jahren zu einem Einklassenschiff für 568 Passagiere umgebaut. Es wurde dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) sowie Mitgliedern der Volkspartei für Kreuzfahrten zur Verfügung gestellt und damit zum „Traumschiff der werktätigen Bevölkerung“. „Früher sind Kapitalisten und reiche Geldsäcke auf solchen Schiffen gefahren, heute soll die Arbeiterklasse dies tun können“, soll einst ein Arbeiter der Wismarer Mathias Thesen Werft auf einem Parteitag der SED verkündet haben,

Die Bezeichnung Traumschiff kam nicht von ungefähr: Bereits 1953 hatte Herbert Warnke, Chef der DDR-Einheitsgewerkschaft, eine richtungsweisende Idee skizziert. Mit der Aussicht auf relativ luxuriöse Kreuzfahrten in exotische Länder sollte die teils noch nicht vollends überzeugte Arbeiterschaft zu höheren Leistungen angespornt werden und zu der Überzeugung gelangen, dass der Sozialismus tatsächlich das bessere System sei.

Bereits drei Monate nach der ersten Fahrt der VÖLKERFREUNDSCHAFT in der Ostsee kam jedoch der Mauerbau. Fortan bestand für DDR-Bürger die einzige Möglichkeit, in Länder wie Norwegen, ins Mittelmeer oder gar die Karibik zu gelangen darin, an Bord der FDGB-Traumschiffe zu gehen. Landgang gab es allerdings nur noch in den sozialistischen Bruderstaaten. Trotzdem gelang es in knapp über 25 Jahren weit mehr als 200 Urlaubern und Besatzungsmitgliedern, via Kreuzfahrtschiff in den Westen zu gelangen. Mittel zum Zweck war oft ein beherzter Sprung über Bord in die Ostsee im Vertrauen auf den Bundesgrenzschutz See, im Ärmelkanal auf eines der reichlich vorhandenen Schiffe oder im Bosporus auf ein nahegelegenes Ufer. Diese Blamagen ließen sich nur durch gezielte Auswahl der Passagiere vermeiden – bevorzugt waren ältere Semester und gestandene Funktionäre der SED.

Azores 2014, oto: Tvabutzku1234, CC0, via Wikimedia Commons

Azores 2014, Foto: Tvabutzku1234, CCO 1.0, gemeinfrei

Der maritime Wink Richtung Westen nach dem Motto „... unser Wohlstand wächst!" war jedoch nicht billig. „Ich sympathisiere durchaus mit den Mittelmeerreisen, das ist gar nicht die Frage, aber die Frage ist doch: Wer zahlt es?“, äußerte sich einst SED-Chef Walter Ulbricht, für den sich die volkseigenen Streicheleinheiten irgendwie auch amortisieren mussten. Das jedoch tat die Traumschiffflotte der DDR zu keiner Zeit. Auch nach deutlicher Verteuerung der Tickets verschlang die VÖLKERFREUNDSCHAFT hohe Subventionen. Erich Honecker sah das wiederum anders und ließ sich nicht bange machen. Kreuzfahrtschiffe waren für ihn Ausdruck einer erfolgreichen „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Und so befuhren die markanten, schneeweiß gestrichenen „Schwäne“, bereedert durch die staatliche Deutsche Seereederei Rostock (DSR), die Weltmeere bis zum Ende der DDR – irgendwie ein Vorläufer von Aida Cruises.

Übrigens: Während der Kubakrise im Oktober 1962 durchfuhr das mit Urlaubern besetzte Schiff die amerikanische Blockadelinie und erreichte unversehrt Kuba.

Ergrauter TV-Star
Die Geschichte des Schiffs ist seit 1985 gekennzeichnet durch mehrfachen Weiterverkauf sowie stetige Namens- und Nutzungswechsel. Ohne den Aufschwung in der Kreuzfahrtindustrie wäre ihre Karriere wahrscheinlich zu Ende gegangen. Das Schiff wurde 1989 an eine italienische Reederei verkauft und bis auf die Stahlhülle entkernt. Es wurden eine neue Antriebsdieselanlage sowie zusätzliche Schwalbennester eingebaut. Kaum wiederzuerkennen, wurde sie 1994 als Kreuzfahrtschiff erneut in Dienst gestellt und fuhr unter verschiedenen Namen.

Gerade als es so aussah, als sei ihre Karriere erneut zu Ende, wurde sie von der portugiesischen Gesellschaft Classic International Cruises erworben, die sie als ATHENA weiter umrüstete. Im Jahr 2013 kaufte die portugiesische Nachfolgegesellschaft Portuscale Cruises das Schiff und benannte sie in AZORES um. Ab 2016 wurde sie an die britische Cruise & Maritime Voyages (CMV) unter ihrem heutigen Namen ASTORIA verchartert. In dieser Zeit fanden an Bord auch Dreharbeiten für eine Staffel von Germany's Next Topmodel statt. CMV plante noch verschiedene Kreuzfahrten mit der ASTORIA bis zum Ende der Saison 2020, als die Pandemie ihre Karriere im Frühjahr vorzeitig beendete.

Eine Investmentgruppe erwarb letztendlich die ASTORIA, verwarf jedoch einen geplanten Umbau aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters. Sie ist seit 2021 zum Verkauf ausgeschrieben, aber ohne visionären Käufer. Damit dürfte dieses Schiff, das mit zwölf Namen über die Jahrzehnte Geschichte geschrieben hat, seinem traurigen Ende entgegen sehen.

Klaus Klages und Axel Stephenson

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