With the EU-funded Miricle project, European navies will benefit from high interoperability and new capabilities in the field of mine defence. Naval Group Belgium plays a key role in this.
Das Projekt Mine Risk Clearance for Europe, kurz Miricle, das im Schatten des unerwarteten Angriffs Russlands auf die Ukraine weitergeführt wurde, ist jetzt noch wichtiger, da mittlerweile nicht nur die Küstenregionen des Schwarzen Meeres mit Seeminen unterschiedlicher Art übersät sind, darunter nicht verankerte, treibende Waffen aus der Sowjetära. Das Projekt Miricle, das den Trend weg von der traditionellen Minenbekämpfung mit Minenjägern hin zu einem Stand-off-Minenabwehrkonzept aufgreift, zielt auf die Entwicklung der wichtigsten Komponenten einer neuen Lösung für die Minenbekämpfung ab und hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Dieser Artikel wirft einen Blick auf das Projekt Miricle und seine Ziele. Dazu gehört eine Momentaufnahme der Fähigkeiten und des Fachwissens einiger beteiligter Firmen und ihrem Bestreben, eine Technologie und einen Fahrplan für die nächste Generation europäischer maritimer Minenabwehr-Fähigkeiten zu definieren und zu entwickeln.[ds_preview]

Miricle verfügt über autonome und semi-autonome Systeme für die Bekämpfung von Seeminen, Grafik: Naval Group

Wandel der Minenbekämpfung im Lauf der Zeit, Grafik: Naval Group
Die Interoperabilität zwischen den verbündeten europäischen und NATO-Streitkräften ist nach dem skrupellosen Einmarsch Russlands in die Ukraine in fast allen Operationsbereichen wichtiger denn je. Im Bereich des maritimen Minenabwehr (Mine Countermeasures, MCM) ist die Interoperabilität zwischen den europäischen Seestreitkräften eines der Hauptziele des Projekts Miricle. Zwar sind kooperative MCM-Operationen schon seit vielen Jahren Teil des maritimen Mixes von Europa und der NATO – die Standing NATO Mine Countermeasures Group 1 (SNMCMG 1) beispielsweise bietet den NATO-Verbündeten bereits seit den frühen 1970er-Jahren eine sofortige operative Reaktionsfähigkeit. Das Projekt Miricle unterstreicht jedoch die Notwendigkeit einer noch stärkeren Zusammenarbeit und Interoperabilität zwischen den Marinen der EU-Mitgliedstaaten in diesem Bereich und arbeitet mit verschiedenen NATO- und europäischen MCM-Marineeinheiten zusammen. Dies geschieht beispielsweise bei der Minenräumung in der Ostsee, wo bis heute rund 80 000 Seeminen aus dem Zweiten Weltkrieg den Seeverkehr gefährden. Die NATO wird das Projekt jedoch sehr genau beobachten, da es in Übereinstimmung mit den NATO-Empfehlungen durchgeführt wird.
Unter der Schirmherrschaft von Europäischer Kommission und acht EU-Mitgliedstaaten und mit zusätzlicher Finanzierung durch das Europäische Programm für industrielle Entwicklung im Verteidigungsbereich (EDIDP) wurden 19 Partnerunternehmen aus der Industrie zur Teilnahme ausgewählt. Alle Unternehmen des Konsortiums arbeiten nun an der Entwicklung von Technologien und Lösungen zur Stärkung der interoperablen und kooperativen MCM-Fähigkeiten der europäischen Marine für den Einsatz in schwierigsten Umgebungen und gegen alle neu auftretenden Bedrohungen. Dabei stützen sie sich auf ihre jeweiligen Fachgebiete und entwickeln ihr Wissen hier weiter. In einigen Fällen haben die Firmen bereits MCM-bezogene Arbeiten geleistet und verfügen über entsprechende Portfolios.
Die Europäische Kommission ist der Ansicht, dass die europäischen Marinen aufgrund des massiven Einsatzes von Seeminen in und um europäische Gewässer im Verlauf des 20. Jahrhunderts einzigartige Minenbekämpfungsfähigkeiten und ein hohes Maß an operativer Exzellenz entwickelt haben. Miricle wird auf diesen MCM-Fähigkeiten aufbauen, um mit einer sich ständig weiterentwickelnden, komplexen und allgegenwärtigen Minenbedrohung Schritt zu halten. Der zweijährige Zeitrahmen des Programms wird als die Zeit angesehen, die jeder Akteur benötigt, um die ersten technologischen Bausteine zu entwickeln, die schließlich zu einer endgültigen MCM-Lösung zusammengeführt werden.

Verschiedene unbemannte Fahrzeuge bilden einen möglichen Beitrag von ECA, Grafik: ECA Group
Miricle im Blickpunkt
Naval Group Belgium wurde im Juli 2021 von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten für die Leitung des Projekts ausgewählt. Das Unternehmen war Gastgeber des ersten Treffens der 19 Teilnehmer Anfang Dezember 2021. Damit fiel der Startschuss für das 24-monatige Projekt, das in Anbetracht der zunehmenden Bedrohung durch Minen und improvisierte Sprengsätze in allen Konflikten, an denen Seestreitkräfte beteiligt sind, ins Leben gerufen wurde. Die Europäische Kommission hat erkannt, dass die europäischen Staaten den Schutz ihrer maritimen Gebiete verstärken müssen, um ihre Werte und die Freiheit der zivilen Schifffahrt in ihren Gewässern zu gewährleisten. Hier hat die Minenbekämpfung in den letzten Jahren einen bedeutenden operativen Wandel vollzogen, von der traditionellen Minenjagd hin zu einem MCM-Ökosystem, das unbemannte und autonome innovative Lösungen umfasst.
Die 19 Partner des Konsortiums stammen aus zehn Ländern: Belgien, Estland, Frankreich, Griechenland, Lettland, die Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien und Spanien. Naval Group Belgium koordiniert, verwaltet und sammelt alle Arbeiten und Ergebnisse der Konsortialpartner über ihr MCM-Labor (siehe Kasten). Dieses wurde im vergangenen Jahr in den Brüsseler Büros der Firma eingerichtet, um gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu unterstützen. Alle belgischen Mitglieder des Projekts sind gleichzeitig Teil des neuen MCM-Labors.

Erfahrungen aus dem aktuellen belgisch-niederländischen
MCM-Projekt werden bei Miricle eingebracht, Grafik: BNR
Ziele und Zielsetzungen
Miricle soll die derzeit bei MCM-Einsätzen genutzten Methoden erheblich verbessern. Insbesondere sollen die europäischen Seestreitkräfte in die Lage versetzt werden, von den neuesten derzeit in der Entwicklung befindlichen MCM-Fähigkeiten zu profitieren. Miricle wird den Empfehlungen der NATO folgen, seine Innovationen sollen die Hauptkomponenten der Minenbekämpfung ergänzen, die aus dem Minenabwehrschiff, der Toolbox mit unbemannten Fahrzeugen und Robotern, dem Einsatzmanagementsystem, dem Kommunikationsnetz und der auf künstlicher Intelligenz basierenden Entscheidungsfindung bestehen. Auf dem Treffen der Industrieteilnehmer im Dezember wurden drei Hauptziele für Miricle festgelegt, die nun umgesetzt werden:
- Bereitstellung einer umfassenden und zukunftsorientierten Definition und Bewertung von MCM-Technologien
- Ausarbeitung eines technologischen Entwicklungsplans für Gegenmaßnahmen der nächsten Generation, der mit den Beschaffungsplänen der einzelnen Mitgliedstaaten korreliert und den Weg für künftige Entwicklungen des Europäischen Verteidigungsfonds EEF ebnet
- Koordinierung der Entwicklung neuer Arten von interoperablen MCM-Mitteln, beispielsweise neue Schiffstypen und interoperable MCM-Toolbox-Mittel
Die Erreichung dieser Ziele umfasst die Entwicklung halbautonomer MCM-Schiffe, die Verbesserung von Interoperabilität und Standardisierung, die Entwicklung eines skalierbaren intelligenten Multi-Missionsmanagementsystems für Über- und Unterwasserdrohnen und eines innovativen Start- und Bergungssystems. Studien, Design, Prototyping und Tests sind Teil des Programms und werden dazu beitragen, die Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung sowie die technische Exzellenz im Bereich MCM zwischen den europäischen Partnerländern zu stärken. Dies wiederum führt dazu, dass die europäischen Marinen ihre MCM-Fähigkeiten mit den allerneuesten und optimal wirksamen interoperablen Systemen verstärken können, um mit den sich entwickelnden Bedrohungen Schritt zu halten.
Operative Effektivität
Durch die Umsetzung der Forschungsergebnisse sollen die Lösungen in der Lage sein, verschiedene spezifische Minenszenarien zu bewältigen. Dazu gehören vergrabene, verdeckte, treibende und tiefe Minen. Gleichzeitig muss effizient und sicher gearbeitet werden, um den Zeit- und Personalaufwand für die Durchführung von Gegenmaßnahmen zu verringern und im Idealfall den Menschen vollständig aus dem Minenfeld zu eliminieren. Gleichzeitig soll das Risiko für Marineschiffe drastisch reduziert werden. Zudem müssen die aus dem Projekt abgeleiteten Lösungen äußerst vielseitig sein, damit sie an verschiedenen geografischen Standorten und unter allen Bedingungen eingesetzt werden können. So können sie allen operativen, organisatorischen und militärischen Ansätzen und Strategien für die Durchführung künftiger MCM-Aktivitäten der europäischen Nationen entsprechen.
Das Projekt soll nicht nur vielseitige, interoperable Lösungen liefern. Ziel ist auch die Entwicklung hochgradig skalierbarer Systeme, die für die Durchführung gemeinsamer Operationen mehrerer Staaten verwendet werden können und auf einer europäischen Material- und Informationsversorgung basieren. Es wird erwartet, dass sich durch Miricle auch ein Trend zu neuen, von Europa etablierten Standards in diesem Bereich entwickelt.
Die Koordinatorin des Miricle-Projekts der Naval Group Belgium, Géraldine Dupin, erklärte, das „einzigartige“ Konsortium habe sich verpflichtet, die europäischen Marinen bei der Entwicklung einer „bahnbrechenden Minenbekämpfungsfähigkeit“ zu unterstützen und sich dabei auf die komplementären technologischen Fähigkeiten und innovativen Ansätze der verschiedenen Industriepartner zu stützen. Gemeinsam will das Team MCM-Instrumente verbessern, um sie auf einen höheren Level zu bringen. Hierfür sollen Instrumente zur Optimierung von Navigation und Kommunikation entwickelt werden, die eine Detektion, Identifizierung und schließlich Neutralisierung von Minen selbst in sehr großen Tiefen ermöglichen wird.
Zu den 19 Miricle-Partnern gehören vier führende Forschungseinrichtungen sowie fünf große, zwei mittlere und acht kleinere Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie:
- Belgien: DotOcean, ECA Group, Naval Group Belgium (Leitung), Space Applications Services, Vlaams Instituut voor de Zee
- Estland: Cafa Tech
- Frankreich : ECA Robotics, Elwave, Naval Group, Office National d'Etudes et de Recherches Aérospatiales, Thales
- Griechenland: Terra Spatium
- Lettland: Belss
- Niederlande: TNO, Forceapp
- Polen: Ośrodek Badawczo-Rozwojowy, Centrum Techniki Morskiej, (CTM)
- Portugal: Sistrade Software Consulting
- Spanien: Sociedad Anónima de Electrónica, Submarina
- Rumänien: Agenţia de Cercetare pentru Tehnică şi Tehnologii Militare (Forschungsagentur für militärische Ausrüstung und Technologien)
Erfahrung ist Trumpf
Das große Fachwissen der Konsortiumsmitglieder ist Garant für die Qualität des Miricle-Projekts. Die federführende belgische Naval Group hat Mitte Juni 2022 den Kiel gelegt für die zweite der zwölf MCM-Plattformen des belgisch-niederländischen rMCM-Programms, die für die Königlich Niederländische Marine bestimmte Vlissingen, und damit ihre Kompetenz unterstrichen. Diese spezialisierten MCM-Plattformen sind die ersten, die in der Lage sind, eine Kombination aus Überwasserdrohnen (12 m Länge, 20 t Verdrängung), Unterwasserdrohnen und Luftdrohnen an Bord zu nehmen und zu starten. Die Plattformen werden ein weitgehend autonomes System zur Detektion, Klassifizierung und Neutralisierung von Minen verwenden; sie können Unterwasserexplosionen standhalten und haben sehr geringe akustische, elektrische und magnetische Signaturen, die den Anforderungen der Mission entsprechen. Der Mitauftragnehmer ECA Group, ein weiterer Miricle-Teilnehmer, ist für das unbemannte Drohnensystem verantwortlich. Dabei spielt das unbemannte System Umis von ECA eine Schlüsselrolle, ebenso wie das Fachwissen der Firma für Miricle von entscheidender Bedeutung sein wird.

CTM in Polen entwickelt Unterwassersysteme für die Detektion, Klassifizierung und Zerstörung von Seeminen, Foto: CTM
Umis ist eine modulare Lösung, die eine breite Palette unbemannter Fahrzeuge wie USVs, UUVs (AUVs, ROVs, MIDS), Schleppsysteme (Sonare, Sweeps) und UAVs umfasst. Es integriert die Umisoft-Software-Suite, die das Management des gesamten unbemannten Einsatzes von der Vorbereitung, Planung und Überwachung bis hin zur Datenerfassung, -verarbeitung und -analyse ermöglicht. All dies wird für den Erfolg von Miricle wichtig sein. Die ECA-Gruppe sieht Miricle als Chance für die Entwicklung neuer operativer Fähigkeiten.
Der polnische Industriepartner von Miricle, das Centrum Techniki Morskiej (CTM), entwickelt Unterwassersysteme zum Aufspüren, Klassifizieren und Zerstören von Seeminen. Zum Portfolio gehören magnetisch-akustische und ferngezündete Sprengladungen zur Zerstörung von verankerten und auf dem Meeresboden liegenden Minen sowie Mehrkanalzünder für berührungslose Minen. CTM hat sich auf die Lieferung von maßgeschneiderten Systemen zur Erkennung, Klassifizierung, Bekämpfung und Beseitigung von Unterwassergefahren spezialisiert. Das Unterwasser-Überwachungssystem basiert auf zwei Sonaren. Ein am Rumpf montiertes SHL-101/TM und ein SHL-300 für Unterwasserfahrzeuge suchen nach Minenfeldern und liefern dem Kommandosystem Daten über alle minenähnlichen Objekte. Die auf der Multifunktionskonsole für Unterwasserwaffen angezeigten Sonardaten – hydroakustische Bilder, die aus den von den Wandlereinheiten empfangenen Echolot-Signalen erzeugt werden – können zur Identifizierung der entdeckten Objekte analysiert werden. Neben den Sonaren und Minenräumern hat sich CTM in diesem Bereich auch mit seinen Toczek-Sprengladungen einen Namen auf diesem Gebiet gemacht.
MCM-Labor, Brüssel
Die Naval Group kündigte im November 2022 die Gründung des MCM F&E-Kompetenzzentrums innerhalb ihrer Tochtergesellschaft Naval Group Belgium an. Das Zentrum wird gemeinsam mit belgischen Partnern in einem Kooperationslabor namens MCM Lab arbeiten, das für das Miricle-Konsortium eine wichtige Rolle spielen wird. Beteiligt sind Naval Group, Naval Group Belgium, ECA Robotics, ECA Robotics Belgium, ABC (Anglo Belgian Corporation), BATS (Belgian Advanced Technology Systems), DotOcean, Space Applications Services, die Universität Gent, die Université Libre de Bruxelles und das Flanders Marine Institute (VLIZ). Eines der Hauptziele des MCM-Labors ist die Stärkung der belgischen Verteidigungsindustrie und ihrer Technologiebasis im Bereich strategischer Technologien wie Schiffsrobotik, Detektionsfähigkeiten und Anwendungen der künstlichen Intelligenz für ein breites Spektrum von MCM-Fähigkeiten. Das Labor bringt Partner mit komplementären technologischen Fähigkeiten und innovativen Ansätzen zusammen, um eine enge Zusammenarbeit zu fördern und anzuregen. Damit soll es das europäische Referenzzentrum für Forschung und Entwicklung im Bereich der Minenkriegsführung werden, und eine Schlüsselrolle bei europäischen Initiativen im MCM-Bereich spielen. Es ist eine der wichtigsten Komponenten der industriellen Zusammenarbeit beim bereits erwähnten belgisch-niederländischen rMCMV-Programm. Fünf der MCM-Lab-Partner sind gleichzeitig am Projekt Miricle beteiligt.
Tim Guest
Tim Guest ist freier Journalist und ehemaliger Offizier der britischen Streitkräfte.












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