In 1982, an Exocet hit the British merchant ship ATLANTIC CONVEYOR during the Falklands War, photo: Royal Navy/Crown Copyright

In 1982, an Exocet hit the British merchant ship ATLANTIC CONVEYOR during the Falklands War, photo: Royal Navy/Crown Copyright

Finding the right balance

The world has not seen a high-intensity naval battle for decades. In the face of the Russian attack on Ukraine, the urgent question now arises as to how naval warfare must be rethought.

You would think that the Russian attack on Ukraine would have made life easier for the planners. After all, many uncertainties regarding Russian intentions have now been resolved, albeit painfully, and it is now possible to concentrate properly on adequate defence planning.

However, with new certainties came new questions. Did the West underestimate Putin's dangerousness, but at the same time overestimate the capabilities of his army? Were Russia's actions so specifically geared towards an underestimated Ukraine that nothing can be deduced for a conflict with NATO?

Die Herausforderungen für den maritimen Verteidigungsplaner bleiben damit unverändert. Er darf die Zukunft nicht auf einen bereits vergangenen Krieg ausrichten, darf aber auch keinesfalls die entscheidenden Lehren des Ukraine-Kriegs für den künftigen Seekrieg in einem multi-domain environment verpassen. [ds_preview] Er muss moderne Technologien in seine Überlegungen einbeziehen, ohne ihnen aber blind zu vertrauen. Schließlich muss er für Seestreitkräfte sorgen, die sowohl im Krisenmanagement wie auch Seekrieg Nutzen haben.

Was ist zu tun? Naheliegend wäre, mit der Analyse von unlängst abgeschlossenen Seekriegsoperationen zu beginnen. Doch hier beginnen bereits die Probleme – es gibt keine. Zumindest keine, die die Charakteristika eines Seekriegs hoher Intensität abbilden. Die Unternehmen der jüngeren Vergangenheit hätten entweder problemlos durch besser ausgestatte Küstenwachen durchgeführt werden können oder waren Strike-Operationen. Die letzte richtige „Marineoperation“ ist wohl immer noch der Falklandkrieg und daher unverändert prägend für die Ausbildung von Marinen weltweit. Um sich ein Bild des Seekriegs hoher Intensität auf taktischer Ebene zu machen, ist David Hard Dykes Bericht in seinem Buch „Four Weeks in May“ über das Schicksal seines Schiffs, der HMS COVENTRY, eine wichtige Quelle. Seine Darstellungen erinnern ebenso wie kürzlich das Schicksal des russischen Lenkwaffenzerstörers MOSKWA an das, worum es beim Seekrieg geht: das destruktive Potenzial des Kampfschiffs und seiner Besatzung zur Umsetzung zu bringen – zielgerichtet und bevor dies dem Gegner gelingt. Oder wie Wayne Hughes es beschrieben hätte: to attack effectively first.

FK-Start von der singapurischen Fregatte STALWART, Foto: US Navy

FK-Start von der singapurischen Fregatte STALWART, Foto: US Navy

Aber welchen Erkenntniswert hat der Falklandkrieg heute? Ein Krieg vor vierzig Jahren, in dem der Flugkörper MM 38 eine Neuheit und das Internet wirklich Neuland war? Letztlich kommt es darauf an, Informationen zu sammeln, zu organisieren, zu bewerten und darauf die richtigen Waffen einzusetzen. Darum ging es für Nelson und so wird es auch in Zukunft sein. Die Frage ist, durch wen, wo und wie diese Prozesse zukünftig kontrolliert werden. Der Sieger muss nicht notwendig alle Teile dieses Mechanismus dominieren. Die britische Flotte war nach Zahl der Schiffe und Breitseitengewicht der vereinten französisch-spanischen Flotte unterlegen, gleichwohl viel effektiver in der Nutzung ihrer Artillerie und vor allem deutlich überlegen in der Gefechtsführung. Die Reichweite des israelischen Flugkörpers Gabriel war der des sowjetischen Styx deutlich unterlegen, aber Aufklärung und Gefechtsführung konnten die Nachteile des Flugkörpers mehr als ausgleichen. Im Falklandkrieg machten effektive counter-fires der Royal Navy den Unterschied, begünstigt durch gute Aufklärung und eine effektive Gefechtsführung, die ein schnelles Zusammenziehen von Kräften für eine durchsetzungsfähige Verteidigung ermöglichte.

Soweit ex post. Was können wir für den künftigen Seekrieg ableiten? Russische Flugkörper erreichen heute deutlich höhere Reichweiten als die organischen Sensoren der schießenden Plattformen. Leider gilt das auch für unsere Sensoren und Verteidigungssysteme. Auch wenn unsere Verteidigungssysteme nicht obsolet sind, ist die Effektivität unserer counter-fires mit einiger Skepsis zu bewerten. Allein die Trümmer eines zwar auf kurze Distanz bekämpften, jedoch 1,5 Tonnen schweren Flugkörpers mit Mach 3 bereiten ernste Probleme. Und die russische Marine verfügt schlechterdings über ein großes Portfolio dieser Flugkörper und Plattformen. Beobachter sprechen hier bereits von einem (zweiten) missile gap; überlappende Abdeckungen von land- und seebasierten Systemen erzeugen erst recht seit dem Februar 2022 große öffentliche Aufmerksamkeit – auch bei Laien. Die weit verbreiteten Karten dieser Reichweiten von Tartus und Kaliningrad, welche die gesamte Ostsee und das östliche Mittelmeer als kill zones darstellen, verleiten selbst Marineoffiziere zu der Folgerung, dass Seekriegsunternehmen hier nicht mehr erfolgreich sein können. Damit wird aber genau das Narrativ des Anti-Access/Area Denial (A2/AD) unterstützt, welches Russland beabsichtigt: die Postulierung westlicher Handlungsunfähigkeit in der selbst erklärten Einflusszone. Die Zerstörung der russischen MOSKWA scheint diese Perzeption ironischerweise zu stützen – oder eben gerade nicht?

Nun, hätte Nelson furchteinflößende Bögen um die überlegene spanisch-französische Flotte gemalt, wäre dieser Artikel zunächst auf Französisch und nicht auf Englisch geschrieben worden.

Die Führungsakademie der Bundeswehr begann im Jahr 2018 eine Kooperation mit dem US Naval War College, um operatives Denken zu schulen. Dabei wurde auch ein Szenario „2025 – Krieg im Pazifik“ getestet und auf den Nordatlantik umgeschrieben. Wie Clausewitz prophezeite, war alles in dieser Simulation einfach, aber das einfache manchmal eben sehr schwierig. Zu den wesentlichen Erkenntnissen gehörten zwei vermeintlich triviale Dinge. Erstens: Sobald eine Überwassereinheit in die Joint Operations Area eintritt, ist sie aufklärbar. Zweitens: Ist eine Einheit aufgeklärt, kann sie auch angegriffen werden. Die Herausforderung ist, aus „aufklärbar“ ein „Aufgeklärt“ zu machen – und dann einen Angriff effektiv zu führen.

Anstatt russischer Propaganda aufzusitzen, sollte durch Kriegsspiele und Übungen erprobt werden, wie sich die Vorteile der Herausforderer negieren lassen – so wie es Israel 1973 gelang. Der französische Militäranalytiker Guy Hubin fordert in „Perspectives Tactiques“, kleinere, locker verbundene, nicht-lineare Gruppierungen mit größtmöglicher Handlungsfreiheit und moderner Kommunikation zu bilden. Hubin ging von der Annahme aus, dass das moderne Gefechtsfeld nahezu transparent sei, indirekte Wirkung sehr präzise und Feuern aus konstanter Bewegung der Normalfall sei. Hubins Überlegungen wurden für den Landkrieg entwickelt, stehen jedoch im Einklang mit den Erkenntnissen der maritimen Kriegsspiele.

Das Massieren von Kräften für die wechselseitige Verbandsverteidigung wird den Erfordernissen zukünftiger Kriegsführung vermutlich nicht mehr gerecht. Maxime sollte vielmehr sein, dem Gegner gar keine Angriffsoptionen zu bieten. Es muss das Ziel sein, kein Ziel zu werden. Um dies zu erreichen, sollten Seestreitkräfte von organischen Aufklärungs- und Wirkmitteln zu weitreichenden Über- und Unterwasser-Sensorverbünden übergehen. Diese Möglichkeit erschließt sich nur multi-domain unter Nutzung des Cyberspace. Wir müssen die vertraute maritime Dimension verlassen.

Ein Harpoon-FK startet von der USS MONTEREY, Foto: US Navy

Ein Harpoon-FK startet von der USS MONTEREY, Foto: US Navy

Sicherlich, multi-domain operations wird zunehmend zum Buzzword, dennoch: Der Seekrieg kann nicht mehr allein auf See gewonnen werden. Statt in einem tit-for-tat zu versuchen, in Sachen Flugkörper gleichzuziehen, müssen wir uns darauf fokussieren, den gegnerischen Entscheidungszyklus zu durchbrechen. Die Rolle von Drohnen sollte jenseits von ihrem Einsatz als Aufklärungs-, Überwachungs- und Effektorplattform stärker in diese Richtung untersucht werden, nämlich als Mittel der Täuschung und Ablenkung im elektromagnetischen Spektrum. Gegnerische Sensoren können durch Drohnenschwärme saturiert und fehlgeleitet, gegnerische Systeme stimuliert und damit erkennbar gemacht und deren FK-Silos geleert werden. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie wir vermeiden können, in einer Big-Data-Welt zum Ziel zu werden. Dies sind keine Fragen mehr nur für Informatiker, es sind Fragen für Seekriegstaktiker.

Wenn Wayne Hughes mit seinem vierten cornerstone Recht behält – the seat of purpose is on land – dann muss Seekriegführung wieder zunehmend zusammen mit dem Land- und Luftkrieg gedacht werden. Gerade für uns Ostsee-Anrainer muss dies klar sein. Insbesondere in den frühen Stunden eines Konflikts mit einem peer-competitor wird es vor allem darum gehen, die gegnerische Luftverteidigung auszuschalten, um den Kernvorteil der NATO auszuspielen: Luftüberlegenheit in Qualität und Quantität. Die Landstreitkräfte, aber vor allem die Marinen werden supporting sein – das muss unser Denken deutlich mehr prägen als bislang.

Seit dem Zeitalter griechischer Trieren wurde der Seekrieg durch Technologiefortschritte bestimmt. Inkrementelle Weiterentwicklungen der physischen Wirkmittel sind wichtig, werden hier aber nicht den größten Unterschied machen. Dominanz im Cyberraum jedoch durchaus. Hier muss der Schwerpunkt der Investition liegen – in gesicherter Kommunikation hoher Bandbreite, überlegener Aufklärung und moderner elektronischer Kriegsführung. Der Einwand „es gibt aber nie genug Bandbreite“ ist weniger Problembeschreibung als eher ein Armutszeugnis unserer zentralisierten Kommandostrukturen. Die Abhängigkeit von Weisungen und Informationen in Echtzeit macht uns vulnerabel. Was in den USA auf der Tagesordnung von Comptuex- und TFEX-Übungen steht, muss auch Teil unsere Ausbildungskultur werden: No-Space Days, also Zeiträume ohne Verbindung zu übergeordneten Stellen, zwingen zu einer Rückbesinnung auf Handwerk und alte Tugenden. Es zwingt vor allem Führer und Stäbe, mehr Zeit in das Formulieren der Absicht und weniger in detaillierte Aufträge zu investieren. Cyberzeitalter oder nicht, wir brauchen wieder deutlich mehr Nelson in unserem Denken.

Trotz der Moderne sind konventionelle Übungen weiterhin notwendig. Nur rigoroses Training gewährleistet, dass eine Besatzung sich im Gefecht durchsetzen kann. Sicherlich, überlegenes Training wird den Flugkörper nicht von alleine bekämpfen. Aber spätestens dann, wenn die Abwehr eben nicht gelungen ist, ist es unverzichtbar. Drillmäßiges Üben wird immer notwendige Bedingung eines kampfstarken Verbands sein. Es ist überlegene Ausbildung und Übung, die es ermöglicht, mit den Unwägbarkeiten im Gefecht umgehen zu können – auch, um uneingelöste Versprechen neuer Technologien zu kompensieren und umgekehrt, sich daraus bietende Chancen ergreifen zu können.

RAM-Flugkörper dienen der Abwehr von Flugkörpern im Nahbereich, Foto: US Navy

RAM-Flugkörper dienen der Abwehr von Flugkörpern im Nahbereich, Foto: US Navy

Trent Hones Buch „Learning War“ ist ein weiteres Buch, das die Vergangenheit analysiert aber gleichzeitig in die Zukunft weist. Drill ist überlebensnotwendig. Doch das allein reicht nicht. Übungen müssen vor allem Wettbewerbscharakter haben, den Willen zum Sieg und Aggressivität fördern und den Akteuren den notwendigen kreativen Freiraum dafür bieten. Seekrieg ist ein Sport ohne Medaillen für den zweiten Platz. Nur wenn Improvisation und Fehler erlaubt sind, können Risiken besser abgeschätzt werden und kann Initiative gelehrt werden.

In den letzten Jahren ließen eine sinkende Anzahl von Plattformen und die gleichbleibende operative Belastung in Kriseneinsätzen aber oft nicht einmal Zeit für eine systematische Einsatzausbildung. Seit 2014 standen der Bedarf für einsatzbereite Kräfte mit kurzen Bereitschaftszeiten im Wettbewerb mit einem augenscheinlich unaufhörlichen Bedarf an Einheiten für Stabilisierungsmissionen. Wir müssen nüchtern feststellen, dass die hohe Anzahl von Einsätzen, die eigentlich den Aufgaben von Küstenwachen entsprechen, die Einsatzbereitschaft der Marine eklatant reduziert hat. Der russische Überfall auf die Ukraine mag hier die Gewichte endlich wieder verschieben.

Hoffnungen aber, dass die Marine endlich von allen Verpflichtungen in Einsätzen niedriger Intensität auf der ganzen Welt befreit werden, sind weder realistisch noch überhaupt empfehlenswert.
Krisenreaktionsoperationen werden auch zukünftig in einem Spannungsverhältnis mit den Forderungen nach einer Kriegsbereitschaft der Marine stehen: Es besteht kein Mangel an neuen Krisen und Herausforderungen. Darüber hinaus gibt es auch häufig keine akzeptable Antwort, wie laufende Missionen erfolgreich beendet werden können. Russland und China instrumentalisieren diese Konflikte und befeuern sie sogar im Dienst ihrer strategischen Ziele. Die Grenzlinien zwischen Einsätzen geringer und hoher Intensität verschwimmen zunehmend und werden schwammig. Beide konkurrieren letztlich um die Ressource Zeit, müssen aber viel mehr als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren zusammengedacht werden. Es muss hier ein Modus Operandi gefunden werden, der einen schnelleren Wechsel zwischen den stehenden Einsatzverbänden der NATO sowie laufenden und zukünftigen Stabilisierungsmissionen erlaubt.

Russlands Krieg in der Ukraine hat die Planung nicht erleichtert. Aber er zeigt eines deutlich: Wie tödlich die Konsequenzen sind, wenn wir nicht die richtige Balance finden.

Eine längere Version des Beitrags wurde im Dezember 2022 im Magazin „Proceedings“ des US Naval Institute veröffentlicht.

Kapitän z.S. Sascha H. Rackwitz. Fregattenkapitän Mark W. Baumert

Sascha H. Rackwitz und Mark W. Baumert

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