Kommentar MarineForum 5-2021
Marcus Bredick
Bei meinem letzten Spaziergang ist mir „unter den Brücken von Bonn“ etwas aufgefallen. Dort lagen lauter Junkies, Abhängige, die, der Welt entrückt, in ganz eigenen Sphären schwebten. Der erste, dem ich begegnete, hieß Volkswagen und war abhängig von China. Das Ostasiatische Land ist mittlerweile nicht nur der größte Einzelmarkt des Konzerns, sondern auch existenzentscheidend. 42 Prozent aller Fahrzeuge des Konzerns wurden 2020 dort hergestellt. Während in Europa die Umsatzerlöse um 13 Prozent und in Nordamerika um 15 Prozent einbrachen, erholte sich die Region Asien-Pazifik schneller als gedacht und konnte sogar eine leichte Umsatzsteigerung auf 44,3 Milliarden Euro vermelden. Damit hat insbesondere die Konjunkturlokomotive China ihre Bedeutung für den Konzern noch einmal unterstrichen. So wie VW geht es vielen Firmen des (ehemaligen) Exportweltmeisters: Wachstum und Gewinne werden in China generiert. Ohne das Land läuft nichts mehr. Ich lernte: Deutschlands Industrie ist in stets größerem Maße abhängig von den Absatzmärkten in Ostasien.
Als nächstes fand ich die Stromerzeugung, sie war abhängig von den konventionellen Produktionskapazitäten in unseren Nachbarländern. Viele Kernkraftwerke sind schon abgeschaltet, die letzten werden gemäß dem Atomgesetz im nächsten Jahr diesen Weg gehen. Bundestag und Bundesrat haben 2020 den Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen. Bis 2038 wird kein einziges Kraftwerk mehr am Netz sein, das diesen fossilen Energieträger nutzt. Damit muss die Gewinnung von Strom durch Solar- und Windenergie massiv ausgeweitet werden. Im Falle einer sogenannten Dunkelflaute, also einer Windstille bei gleichzeitiger Dunkelheit, soll das Ausland mit seinen Kapazitäten einspringen. Mit Atomstrom aus Frankreich und Kohlestrom aus Polen. Ich lernte: Im Falle eines Falles greift Deutschland auf die verpönten Ressourcen der Anrainer zurück und macht sich von deren gutem Willen abhängig.
Wenige Schritte weiter kam ich zur äußeren Sicherheit. Sie basierte auf den Fähigkeiten und dem Einsatz unserer Partner. Während Russland an der Grenze zur Ukraine bis zu 150 000 Soldaten aus bislang ungeklärtem Grund aufmarschieren lässt und Teile des Schwarzen Meeres für ausländische Kriegsschiffe sperrt, versichert US-Präsident Joe Biden der Ukraine zumindest verbal Unterstützung. Über Jahre hinweg hat der russische Präsident Wladimir Putin die weitgehende Untätigkeit des Westens nach der Annexion der Krim 2014 zur Kenntnis genommen und als Schwäche ausgelegt. Sieht er nun auch die Gelegenheit gekommen, sich weitere Teile der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik einzuverleiben? Bedenken wir dabei, dass die Ukraine eine lange Grenze mit den EU-Staaten Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien besitzt. Der russische Bär wäre damit noch ein ganzes Stück näher an den Westen herangerückt.
Auf der anderen Seite der Erdhalbkugel liegt das Südchinesische Meer. Dort werden die Machtansprüche des chinesischen Präsidenten Xi Jinping immer deutlicher vorgetragen. Rund drei Viertel des Seegebiets beansprucht das Riesenreich für sich. China nutzt nicht nur seine immer stärker werdende Kriegsflotte, sondern auch mit Milizionären besetzte „Fischereiboote“ und über Nacht in „bewohnte Inseln“ und Militärstützpunkte umfunktionierte Atolle, um seine klar formulierten Forderungen im wahrsten Sinne des Wortes in Beton zu gießen. Während viele der direkten Nachbarn zu schwach sind, um diesem Auftreten etwas entgegenzusetzen, durchquert regelmäßig die amerikanische Marine mit ihren Schiffen das Südchinesische Meer. Auch Frankreich und Australien sind dort präsent, Großbritannien wird in der zweiten Jahreshälfte mit einer multinationalen Carrier Strike Group rund um die Queen Elizabeth ebenfalls dort Flagge zeigen. Immerhin hat sich nun auch Deutschland entschlossen, noch in diesem Jahr mit der Fregatte Bayern dieses strategisch wichtige Gebiet erstmals seit vielen Jahren anzusteuern. Ich lernte: Bei der Sicherung seiner Interessen in Europa und der internationalen Seewege ist Deutschland abhängig von den Verbündeten, die mit Diplomatie und militärischen Mitteln vor Ort sind.
Als ich wieder zu Hause war, stellte ich mir die Frage: Wie können diese Junkies sich von ihrer Abhängigkeit lösen? Und ich kam zum Schluss: Mit Vorsicht, Eigeninitiative und viel Geld. Als globale Wirtschaftsmacht sollten unser Schicksal nicht von wenigen Exportmärkten abhängig machen, die selbst immer stärker auf Unabhängigkeit und die Unterstützung der heimatlichen Industrie setzen. Als Industrienation müssen wir in die Verlässlichkeit unserer Energieversorgung investieren, in unterschiedliche Quellen und Versorgungswege. Und als militärisch im globalen Maßstab wenig bedeutsame Nation müssen wir viel Geld in die Hand nehmen, um zusammen mit unseren Partnern die Sicherheit zu erhalten, auf der Deutschlands Wohlstand basiert. Abhängigkeit lässt sich überwinden. Denn wer abhängig ist, ist ein Spielball – auch für vermeintliche Freunde.
Photo: private











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