The NewNew Polar Bear probably damaged the pipeline and lost an anchor in the process, photo: Finnish Borderguard/H.Saukkomaa

The NewNew Polar Bear probably damaged the pipeline and lost an anchor in the process. lost an anchor, photo: Finnish Borderguard/H.Saukkomaa

It was just an accident - wasn't it?

The destruction of the Balticconnector gas pipeline still raises questions a year later. And China is preventing clarification with just a few words.

Über ein Jahr ist es her, dass am 8. Oktober 2023 ein plötzlicher Druckabfall in der Gaspipeline Balticconnector zwischen Finnland und Estland registriert wurde. Auch parallel verlaufende Datenkabel – im Abstand von 60 und 20 Meilen – wurden in einem korrespondierenden Zeitfenster beschädigt. Ein Jahr zuvor waren bereits die Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 weiter westlich in der Ostsee vor Bornholm gesprengt worden. Wie bei Nord Stream 2022, so erhärtete sich auch 2023 der aufkommende Verdacht auf Sabotage, dieses Mal durch das Auffinden meilenlanger Schleifspuren am Ostseegrund und eines abgerissenen Ankers in der Nähe der Schadstelle. Auch der mögliche Verursacher ließ sich[ds_preview] – neben einem anderen verdächtigen Schiff – recht schnell ermitteln: Der unter der Flagge von Hongkong fahrende chinesische Frachter NEWNEW POLAR BEAR passierte die Koordinaten der Gasleckage auf seinem Weg von Kaliningrad nach Sankt Petersburg zum gleichen Zeitpunkt, als der Druckabfall beidseits des Finnischen Meerbusens Alarm auslöste. Für finnische und estnische Ermittlungsbehörden eine ziemlich eindeutige Sachlage – nur kontaktieren ließ sich der ausgemachte Verursacher nicht, weder in Russland, noch anderswo auf seinem anschließenden Weg um Westeuropa, auch nicht über chinesische Behörden. Denn ohne ein Befragen der Schiffsführung und einen Einblick in Logbuch und Datenaufzeichnungen seien alle weiteren Maßnahmen zur Ermittlung eines Schuldigen zum Scheitern verurteilt – wie die estnische Staatsanwaltschaft bekräftigte. Und auf die Rechtshilfeersuchen der beiden nationalen Behörden Finnlands und Estlands mit der Bitte um Aufklärung des Sachverhalts durch Institutionen in China gab es bekanntlich lange Zeit keine Antwort.

The NewNew Polar Bear probably damaged the pipeline and lost an anchor in the process, photo: Finnish Borderguard/H.Saukkomaa

The NewNew Polar Bear probably damaged the pipeline and lost an anchor in the process, photo: Finnish Borderguard/H.Saukkomaa

Die NEWNEW POLAR BEAR soll sich im Eigentum der Reederei Hainan Yangpu Shuojia International (HYSI) befinden, als deren Besitzer zwei chinesische Staatsbürger gelten, die mit dem chinesisch-russischen Logistikunternehmen Torgmoll im Juli 2023 eine Frachtroute von Schanghai nach Sankt Petersburg eröffnet haben. Es ist nicht zu verbergen, dass der Frachtverkehr der NEWNEW POLAR BEAR auf der von China umfassend propagierten Neuen Seidenstraße verläuft. Die Belt-and-Road-Initiative ist ein mehrere Hundert Milliarden Dollar schweres Prestigeprojekt des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, um über staatlich hoch subventionierte Handelswege den politischen und wirtschaftlichen Einfluss der Volksrepublik China vor allem in Europa konsequent auszubauen.

Schadstelle der Pipeline Balticconnector, Foto: National Board of Investigation Finland

Schadstelle der Pipeline Balticconnector, Foto: National Board of Investigation Finland

Lange passierte wenig – außer dass die Indizien immer klarer und erdrückender wurden, ohne jedoch Helsinki und Tallinn aus ihrer faktischen Ohnmacht zu befreien. Nun hat sich doch etwas Unerwartetes getan: Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ Mitte August recherchierte, sollen laut der in Hongkong erscheinenden „South China Morning Post“ chinesische Behörden in einer mittlerweile durchgeführten internen Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen sein, dass tatsächlich der Frachter NEWNEW POLAR BEAR die Beschädigung an der Gaspipeline verursacht hat. Weil aber zum fraglichen Datum angeblich ein heftiger Sturm in der östlichen Ostsee wetterprägend gewesen sein soll, muss es sich folglich um einen Unfall gehandelt haben. Ein Unfall eben – Schluss und aus!

Fundanker, Foto: National Board of Investigation Finland

Fundanker, Foto: National Board of Investigation Finland

Offensichtlich auch seitens China kein Wort von dieser Untersuchung und ihrem Ergebnis gegenüber den Behörden vor Ort – das offizielle finnisch-estnische Rechtshilfeersuchen zwecks Beweissicherung ist bis Ende August unbeantwortet geblieben. Tallinn und Helsinki erfuhren von chinesischen Untersuchungen aus den genannten Printmedien. Dort laufen aber noch die Ermittlungen, denn einige wesentliche Fragen stehen weiterhin offen im Raum.

Wie der Einwurf des estnischen Verteidigungsministers Hanno Pevkur: Es sei kaum zu verstehen, „wie ein Kapitän so lange nicht bemerkt haben soll, dass sein Anker auf dem Meeresboden schleift." Der gesamte Vorgang des Wegfierens, also eines kontrollierten Fallenlassen des Ankers, des Mitschleifens auf dem unebenen Grund über etwa 100 Seemeilen über mehrere Stunden, des Abreißens des Ankers an der Bruchstelle der Pipeline und des Wiedereinholens der Kette – all das hört man im ganzen Schiff und das bemerkt jeder an Bord. So etwas geschieht wissentlich und willentlich – ein unkontrolliertes Ausrauschen des Ankers verläuft nach einem gänzlich anderen Drehbuch und endet meist in einer Notlage. Sehr wahrscheinlich auch, dass über Wollen und Wissen bei diesem „Unfall“ in Peking entschieden wurde.

Und die Geschichte mit dem angeblich schweren Sturm in der Ostsee ist auch recht weit hergeholt: Im Tagesmittel war es am 8. Oktober 2023 nach Rostocker Aufzeichnungen nahezu windstill, zeitweise ging eine Brise aus nordwestlicher Richtung, allerdings noch mit abklingendem restlichem Wellenlauf aus Westen vom Vortag, an dem es bei Windstärke 4 bis 6, also einer Windgeschwindigkeit von im Schnitt 20 Stundenkilometern aus Nordwest geblasen hatte. Die wirklich unfallträchtigen Orkanböen aus Osten und heftigen Sturmfluten in der westlichen Ostsee kamen erst zehn Tage später.

Unter anderem ist auch die Frage noch unbeantwortet, wer denn für die 35 Millionen Euro Reparatur- und Ausfallkosten der über sechs Monate beschädigten Gasinfrastruktur in Regress genommen werden kann. Und ob denn die NEWNEW POLAR BEAR auch bei den beschädigten Telekommunikationskabeln als „Unfallverursacher“ angegeben werden kann.

Trotz aller Ungereimtheiten der chinesischen Untersuchung und ihrem „ferndiagnostischen“ Haftungsfreispruch als Ergebnis, sei man allerdings auf beiden Seiten des Finnischen Meerbusens darüber erfreut, dass China und seine Behörden – wenn auch abschlägig – sich nun erkennbar mit dem Hilfeersuchen befasst haben.

Das Schlusswort dazu aus Peking lässt jedoch nicht viel Entgegenkommen erwarten: „Wir hoffen, dass alle Parteien die Ermittlungen in professioneller, objektiver und kooperativer Weise vorantreiben und gemeinsam sicherstellen, dass der Vorfall richtig handgehabt wird.“ Wer zwischen den Zeilen liest, dem stockt das Blut in den Adern: Eine vom fernen China verordnete Wahrheit – so richtig, so sachlich, unparteiisch und auf Zusammenarbeit ausgerichtet wie das Bisherige? Ein Vorgeschmack auf Kommendes.

Axel Stephenson

 

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