Geschichtsträchtig. Traditionell. Altehrwürdig. Solche oder ähnliche Begriffe werden schnell mit der Alma Mater der Marineoffiziere, der Marineschule Mürwik (MSM), in Verbindung gebracht. Das „Rote Schloss am Meer“, zwischen 1907 und 1910 von Baurat Adalbert Kelm nach Vorstellungen von Kaiser Willhelm II. im Stil der Marienburg des Deutschen Ordens erbaut, blickt unbestritten auf eine lange, wenn auch sehr wechselvolle Geschichte zurück. Jede Fuge des roten Backsteinbaus, der im Osten der Stadt Flensburg über der Förde thront, strotzt nur so vor historischen Bezügen. Schließlich wurden nicht nur alle Offiziere der deutschen Marinen seit 1910 an dieser Ausbildungseinrichtung auf ihre Verwendung in den Seestreitkräften vorbereitet,[ds_preview] die zugehörige Sportschule war unter anderem auch Sitz der letzten Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz, die hier am 23. Mai 1945 durch die Alliierten verhaftet wurde.
Das Wehrgeschichtliche Ausbildungszentrum der Marineschule, untergebracht in der ehemaligen Kommandeursvilla, berichtet neben diesem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte aber auch von der gesamten 175-jährigen Geschichte der deutschen Marinen, in der diese Schule eine tragende Rolle spielt. Ein Rundgang durch dieses Museum wie auch die Besichtigung der Marineschule insgesamt mit ihrer holzgetäfelten Aula, dem Säulengang oder dem Speisesaal, der wie in einem alten Kloster „Remter“ genannt wird, lässt den Besucher die historische Bedeutung dieses Ortes mit jeder Faser spüren.
Modern. Interaktiv. Digital. Diese Worte wirken zunächst wie Fremdkörper in dieser scheinbar doch so traditionsbehafteten Kaderschmiede der Deutschen Marine. Kaum vorstellbar scheint es, dass Netzwerkkabel und Computerbildschirme die Blicke von den Ölgemälden der Seeschlachten des Ersten Weltkriegs und den Büsten der bedeutendsten Marineoffiziere abzulenken vermögen, um den Betrachter in die Welt der Nullen und Einsen zu ziehen.
Auf der anderen Seite dämmert es einem bei längerem Nachdenken aber doch, dass die reine Besinnung auf Traditionen und Werte vergangener Zeiten nicht ausreicht, um den modernen Offizier der Deutschen Marine zu prägen. Man wird den Führungsnachwuchs kaum auf die Komplexität heutiger und zukünftiger Aufgabenbereiche vorbereiten können, wenn man mit Methoden und Mitteln der Vergangenheit ausbildet.
„Moderne Ausbildung in historischen Mauern“ – so prangte es bereits 2010 zum 100-jährigen Jubiläum auf einem im Köllen-Verlag erschienenen Band, der die Offizierausbildung an der „Burg“ als ebenso vielfältig wie zeitgemäß beschreibt. Die Röhrenmonitore im 4:3-Format, die man beim Durchblättern zum Teil auf verschiedenen Bildern entdeckt, wirken aus heutiger Sicht nicht mehr modern. Dabei sind die Eindrücke gerade einmal 13 Jahre alt.
Auf der anderen Seite war die Marineschule tatsächlich bereits in den Achtzigerjahren alles andere als altmodisch. Mit der AANS, der Ausbildungsausstattung Nautische Schiffsführung, verfügte die MSM bereits seit 1986 über einen der modernsten Schiffssimulatoren Europas. Seither wurde ein großer Teil der nautischen Kompetenzen in der Simulation vermittelt und dadurch Seefahrt auch an Land erlebbar gemacht. Diese zwischenzeitlich in die Jahre gekommene Anlage wurde im Jahr 2018 durch eine neue ersetzt.
Bereits hier werden zwei Dinge deutlich:
1. Die Marineschule war schon immer bestrebt, modern auszubilden.
2. Was heute modern ist, ist morgen überholt.

Link and Learn vereint eine Vielzahl unterschiedlicher Dienste, Abbildung: Marvin Kretzschmar
Was ist moderne Ausbildung?
13:55 Uhr, Raum US 202 der Marineschule. Computer an, Beamer läuft. Die PowerPoint-Folie zeigt die Gliederung des heutigen Unterrichts. Der Trainingsteilnehmer erschrickt. Unten links steht geschrieben: Folie 2 von 78. Was folgt sind 90 Minuten Frontalvortrag, in denen sich der Teilnehmer sich zwar bemüht, dem Stoff des Dozenten zu folgen, seine Gedanken aber trotzdem immer wieder abschweifen lässt.
Death by PowerPoint – so der inoffizielle Fachbegriff für diese Form der Ausbildung – ist nicht modern, wenngleich in den Streitkräften immer noch weit verbreitet. Jeder Soldat kann sich an solche Lehrsituationen erinnern. Es ist auch keine Steigerung der Qualität, wenn der Beamer dabei durch ein hochmodernes interaktives Whiteboard ersetzt wird. In der Bundeswehr werden diese tatsächlich häufig zu reinen Darstellungsmedien für PowerPoint, obwohl sie durch ihren Touchscreen sowie etliche Stiftwerkzeuge das Niveau der Ausbildung auf ein neues Level heben könnten. Dass IT genutzt wird, ist also für sich kein Gütekriterium für zeitgemäße Ausbildung. Wie IT genutzt wird, ist entscheidend!
Das Ziel der Ausbildung ist nicht Wissen, sondern Handeln. Moderne Ausbildungstechnologie muss also im Rahmen erwachsenengerechter kompetenzorientierter Ausbildung zielgerichtet eingesetzt werden. Zusammengefasst bedeutet dies: Die Ausbildung muss sich von instruktiven Unterrichten ein stückweit lösen und stattdessen sogenannte Lernsituationen schaffen, die möglichst realistisch Anforderungen der zukünftigen Verwendungen abbilden. Ausbilder fungieren hierbei als Lernbegleiter, es sollen durch die Auszubildenden Fehler gemacht werden, um aus diesen für die Zukunft zu lernen.
IT dient dazu, das für die Handlungen nötige Wissen jederzeit und ortsunabhängig zur Verfügung zu stellen. Zudem müssen die klassischen Unterrichte sich von instruktiven Vorträgen in Richtung konstruktiver Ausbildungsverfahren bewegen. Die Inhalte sollen mehr gemeinsam erarbeitet und weniger vorgetragen werden. Die Hardware in Form von Laptops und interaktiven Whiteboards sowie die Software in Form von Lernmanagementsystemen bilden hierbei die Basis für moderne und interaktive Gestaltung der Ausbildung. In diesem Bereich geht die Marineschule mit ihrem Element Technologiegestützte Ausbildung (TA) voran.
Lernmanagementsysteme
Nicht erst seit der Coronapandemie wurden durch verschiedene Fachbereiche der Marineschule Lerninhalte in sogenannten Lernmanagementsystemen online bereitgestellt, um den Trainingsteilnehmenden zusätzlich zur Präsenzausbildung Lernangebote zur Verfügung zu stellen. Der Bedarf tatsächlicher Fernausbildung durch Covid-bedingte Abwesenheiten bedeutete für die Weiterentwicklung dieser Systeme einen Schub. Das Element TA wurde in diesem Zusammenhang bereits Ende 2021 auf die neue Ausbildungsplattform Link and Learn aufmerksam, die als offizielle Brückenlösung für eine zukünftige „virtuelle Lernplattform der Bundeswehr“ fungiert und den Vorteil mit sich bringt, dass nicht eingestufte Inhalte nicht nur im Intranet der Bundeswehr, sondern auch im Internet verfügbar gemacht werden können.
Da an der Marineschule Mürwik zu über 90 Prozent offene Inhalte von den Kollisionsverhütungsregeln auf See bis zum Führungsprozess der Landstreitkräfte vermittelt werden, ist dieser Vorteil ein echtes Pfrund. Link and Learn ermöglicht so, dass die Offizieranwärter und Offiziere in Ausbildung zu jeder Zeit und an jedem Ort auch mit privater IT auf ihre Lerninhalte zugreifen können. Zuvor war hierfür nur die Nutzung dienstlicher IT über einen sogenannten VPN-Tunnel notwendig, was alles andere als nutzerfreundlich war.
Als die Plattform, die als Pilotumgebung der Arbeitsgemeinschaft technologiegestützte Ausbildung im Streitkräfteamt verantwortet wird, Anfang 2022 für alle Bundeswehrangehörigen online ging, war die Marineschule Mürwik eine der ersten Dienststellen, die Lehrgangsinhalte auf Link and Learn bereitstellte. Die Teilnehmenden des Führungslehrgangs, die seinerzeit die ersten waren, die die neue Freiheit kennenlernten, waren begeistert!
Die Möglichkeit, eigene Hardware zu nutzen, wird durch die junge Generation des Führungsnachwuchses dankbar angenommen. Zudem wird die Marineschule dem eigenen Anspruch, lebenslanges Lernen zu ermöglichen in einer nie dagewesenen Form gerecht. So behalten die Trainingsteilnehmer auch nach ihrem Lehrgang die Zugänge zur Plattform. Wurden in der Vergangenheit zum Lehrgangsende Handouts oder Lehrgangs-CDs ausgegeben, die dann schnell veraltet waren, verfügen die Absolventen nun während ihrer gesamten Bundeswehrzeit stets über die aktuellsten Lerninhalte.
Wo kommen wir denn da hin?
Diese Entwicklung führt bei Außenstehenden nicht selten zu Bedenken: Darf man die militärische Ausbildung darauf aufbauen, dass Offizieranwärter private Laptops, Tablets oder Smartphones nutzen? Eine berechtigte Frage. Andererseits kann man sich aber auch nicht davor verschließen, dass gerade die Kernzielgruppe – die im öffentlichen Diskurs oft gescholtene Generation Z – das Smartphone als selbstverständliche und stets verfügbare Quelle von Informationen kennt und schätzt. Dies ist nicht nur, wie oft angeführt, ein Nachteil der jungen Generation. Es ist auch ein echtes Potenzial, dass es durch eine Anpassung der vorhandenen Lerninfrastrukturen zu nutzen gilt.
Es geht also nicht darum, den Trainingsteilnehmern vorzuschreiben, private IT zu nutzen, was gemäß aller geltenden Vorschriften auch nicht statthaft wäre. Es handelt sich nicht um Zwang, sondern lediglich um ein zusätzliches Angebot. Denn jedem Offizieranwärter wird weiterhin ein dienstlicher Laptop zur Verfügung gestellt. Es besteht auch noch immer die Möglichkeit, diesen von zu Hause aus zu nutzen. Die Erfahrung zeigt aber: Die Auszubildenden wollen zum Teil lieber ihre eigenen Geräte nutzen. Und diese freie Entscheidung – zumindest bei allen nicht eingestuften Lerninhalten – kann ihnen durch die Nutzung von Link and Learn geboten werden.
Das Element TA hat den Auftrag, die Ausbildung an der Marineschule durch die Nutzung von moderner Ausbildungstechnologie zu professionalisieren. In der Digitalisierung der Ausbildung geht es dabei stets um die Schaffung von Möglichkeiten. Flexibilität ist entscheidend, dass möglichst wenige Vorgaben gemacht und möglichst breite Nutzungsmöglichkeiten offeriert werden.
Unter anderem wird gerade an einem Projekt gearbeitet, dass digitale Lerninhalte in die reale Umwelt bringen soll. Die Mitarbeiter schaffen über QR-Codes den Zugang zu virtuellen Lernorten, an denen die Schüler während ihrer praktischen Ausbildung zusätzliche Informationen und Lernmaterialien in der realen Situation bekommen. So erscheint beispielsweise beim Seeklarmachen eines Kraftboots auf dem Handy ein Ausbilder, der die einzelnen Schritte nachvollziehbar erklärt. Dabei stoppt das Video nach jedem Handgriff. Hat der Schüler diesen Schritt auch real vollzogen, bestätigt er dies und das Video wird fortgesetzt.
Es sind kleine Schritte, Bausteine, die als Ergänzung zu klassischen Ausbildungsmitteln im Gesamtbild der Ausbildung an der MSM einen großen Unterschied machen. Stellt man also die Frage „Wo kommen wir denn da hin?“, ist die einzige Antwort: „Schritt für Schritt Richtung Zukunft.“

Lernen in der Gruppe mit digitaler Unterstützung, Foto: Bw
Voneinander. Miteinander. Füreinander.
Bei aller Euphorie, die oft aufkommt, wenn neue, vielversprechende digitale Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, bleiben die Herausforderungen, die der professionelle Einsatz technologiegestützter Ausbildung mit sich bringt, riesengroß. Der wichtigste und schwierigste Part ist hierbei die Ausbildung des Ausbildungspersonals. Dabei bewegt sich in der Bundeswehr gerade einiges in die richtige Richtung. Fanden in der Vergangenheit Trainings für E-Trainer nur an der Schule für Stabsdienst und Feldjäger in Hannover statt, bilden mittlerweile viele Dienststellen Ausbilder aus.
Auch an der Marineschule Mürwik werden entsprechende Lehrgänge durch das Element TA angeboten. Die Grundlagendokumente werden aktuell durch das Streitkräfteamt angepasst, sodass dieser Trend zur Dezentralisierung noch verstärkt wird. Allerdings reichen die bisherigen Angebote nicht aus. Für eine mehrwöchige Aus- und Weiterbildung des Ausbildungspersonals ist häufig zu wenig Raum, es fehlt schlicht häufig die Zeit, das Personal entsprechend freizustellen. Zudem ist die Welt der digitalen Ausbildung so schnelllebig, dass auch ausgebildete E-Trainer häufig von neuen Funktionen überrascht werden.
Link and Learn ist beispielsweise nicht einfach nur ein Lernmanagementsystem. Darin verbergen sich viele weitere Möglichkeiten wie virtuelle Klassenräume, gemeinsame cloudbasierte Ordnerstrukturen, ein eigenes soziales Netzwerk samt Newsfeed und Gruppen und eine Plattform für Ausbildungsvideos.
Um hier nicht den Anschluss zu verlieren, hat sich die Marineschule mit anderen Ausbildungseinrichtungen vernetzt und gemeinsam mit diesen den Anstoß zu einer bundeswehrweiten Community namens #TeachMeet gegeben. Gemeinsam mit der IT-Schule der Bundeswehr, der Sanitätsakademie und den Marinefliegern wurden seit Mitte 2022 jeden zweiten Freitag online sogenannte digital nuggets vorgestellt und mit allen Interessierten geteilt. Diese Tipps und Tricks aus der digitalen Ausbildungspraxis beinhalten neben methodisch-didaktischen Überlegungen auch immer wieder Anleitungen, wie bestimmte Tools in den Systemen genutzt werden können. Die Sitzungen werden aufgezeichnet und anschließend auf der Videoplattform von Link and Learn bereitgestellt.
Der Erfahrungsaustausch über alle Grenzen der militärischen Hierarchien und einer Zugehörigkeit zu Teilstreitkräften hinweg sprach sich herum und führte schnell zu einem erheblichen Mitgliederzuwachs. Mittlerweile gehören der Community mehr als 550 Mitglieder von über 100 Dienststellen der Bundeswehr an. Anfang Oktober trafen sich diese zum ersten Mal in Präsenz an der Marineschule Mürwik, um sich neben einzelnen Impulsen in Workshops und anderen offenen Formaten über die Herausforderungen der Digitalisierung in der Ausbildung auszutauschen. Über Link and Learn war auch die Online-Teilnahme am #TeachMeetLive sichergestellt für all diejenigen, die nicht persönlich anreisen konnten.
Neben vielen weiteren Erkenntnissen wurde eines besonders deutlich: Die Digitalisierung der Ausbildung in der Bundeswehr ist eine Mammutaufgabe, bei der sich Ausbilder häufig alleingelassen fühlen. Die Dienststellen stehen hier aufgrund von Personalmangel, fehlendem Know-how und zum Teil auch fehlender technischer Ausstattung vor erheblichen Herausforderungen. Da viele Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr vor denselben Problemen stehen, kann die Antwort auf diese Probleme nur sein, sich gegenseitig zu unterstützen, Erfahrungen auszutauschen und über ein großes Netzwerk Wissen zu teilen. Und #TeachMeet bietet mit dem Slogan „Voneinander. Miteinander. Füreinander.“ den passenden Rahmen dazu.
Outlook
Bei allem, was an der Marineschule und darüber hinaus gerade im Bereich Digitalisierung der Ausbildung passiert, ist eine Sache entscheidend: Die Weiterentwicklungen müssen vom Nutzer aus betrachtet und entsprechende Veränderungen gemeinsam vorangebracht werden, also über alle organisatorischen Grenzen und Hierarchieebenen hinweg. Es reicht nicht, neue Systeme zu entwickeln und bereitzustellen, wenn dabei nicht die Ausbilder und Auszubildenden mit ins Boot geholt werden.
Die verantwortlichen Stellen im Streitkräfteamt und in den Kommandos der Teilstreitkräfte sehen diese Notwendigkeit und nutzen unter anderem den Austausch über #TeachMeet, um die Erfahrungen der Ausbildungseinrichtungen in die Entscheidungsprozesse mit einfließen zu lassen. Gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten in allen Organisationsbereichen und auf verschiedensten Ebenen trägt die Marineschule Mürwik aktiv dazu bei, der Vision einer professionellen digitalen Lernumgebung für alle Angehörigen der Bundeswehr Stück für Stück näher zu kommen, damit auch im eigenen Hause weiterhin von „moderner Ausbildung in historischen Mauern“ gesprochen werden kann.
Marvin Kretzschmar ist Leiter Technologiegestützte Ausbildung an der Marineschule Mürwik.
Marvin Kretzschmar












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