Russian frigate "Admiral Gorshkov". Photo: Michael Nitz

Russian frigate "Admiral Gorshkov". Photo: Michael Nitz

Russian frigate Admiral Gorshkov - visiting strategic partners with a new long-range weapon

On the afternoon of 13 April 2023, the Russian frigate "Admiral Gorshkov" left the Suez Canal northwards with its support ship, the tanker "Kama". According to earlier Russian media reports, Tartus, Syria, is the next port of destination.

Beide Einheiten befinden sich seit dem 4. Januar auf einer Langstreckenfahrt. Vom 17. bis 26. Februar nahmen sie an der trilateralen Übung "Mosi II" teil. Mitte März folgte der „Maritime Sicherheitsgürtel 23“, eine Marineübung der Russischen Föderation, Chinas und des Iran im Seegebiet vor dem iranischen Tschahbahar. Nach einem Aufenthalt in Djibouti steuerte der russische Verband die saudische Stadt Jeddah an. Es war der erste Hafenbesuch russischer Einheiten in Saudi-Arabien seit zehn Jahren. [ds_preview]

In Tartus, Syrien, unterhält die russische Flotte einen Versorgungs- und Instandsetzungspunkt mit strategischem Wert. Über ihn wird der Nachschub für russische Truppen in Syrien abgewickelt und die im Mittelmeer operierenden Über- und Unterwassereinheiten versorgt.

Vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine kreuzten 16 russische Einheiten vor der syrischen Küste. Heute befinden sich noch sieben Einheiten der russischen Flotte im Mittelmeer.

Zirkonträger im Mittelmeer

Mit der Anwesenheit der „Admiral Gorshkov“ verändert sich das strategische Gleichgewicht im Mittelmeer. An sich ist die 135 Meter lange, 5.400 Tonnen verdrängende Fregatte keine Besonderheit. Wäre da nicht die einzigartige Bewaffnung. Denn neben dem Marschflugkörper Kalibr, der Standardbewaffnung der Baureihe, führt die „Admiral Gorshkov“ auf ihrer Reise auch den neueren Flugkörper Zirkon mit. Zirkon (russische Bezeichnung: 3M22 Tsirkon (Циркон), NATO-Bezeichnung: SS-N-33) soll neunfache Schallgeschwindigkeit (Mach 9) erreichen. Die Nutzlast beträgt 300 Kilogramm. Der Sprengkopf kann konventionell oder nuklear bestückt sein. Nach offiziellen Moskauer Verlautbarungen traf der Flugkörper bei Tests ein Seeziel in einer Entfernung von 1.000 Kilometern.

Der Flugkörper Kalibr 3M-54 (Калибр) (NATO-Bezeichnung SS-N-27 und SS-N-30A) existiert in fünf unterschiedlichen Varianten: als Seeziel- und Landzielflugkörper zum Verschuss von Überwassereinheiten als auch von U-Booten. Er kann einen Sprengkopf mit bis zu 500 Kilogramm Sprengstoff oder einen thermonuklearen Sprengkopf ins Ziel bringen. Über seine Reichweite gibt es unterschiedliche Angaben. Das Pentagon geht von 1.400 bis 2.500 Kilometern aus. Das russische Verteidigungsministerium bezifferte sie 2015 mit 2.000 Kilometern. Die neuere Version, Kalibr-M, soll bei größerem Gefechtskopf auf 4.500 Kilometern Reichweite kommen.

Russland hat mit der Entwicklung und dem Herstellen der Einsatzbereitschaft der Zirkon einen wichtigen Meilenstein erreicht. Hyperschallprogramme des Westens hinken russischen und chinesischen Entwicklungen hinterher. Trotz einiger Rückschläge, wie selbst von russischen Behörden eingeräumt wird, scheint die Einsatzreife erreicht. Demgegenüber steht die Schwäche des Westens bei der Entwicklung adäquater Gegenmaßnahmen und der Bekämpfung hyperschallschneller Flugkörper. Hyperschall-Marschflugkörper, insbesondere wenn sie über eine hohe Manövrierfähigkeit verfügen, sind nur sehr schwer abzufangen.

Die Einsatzfähigkeit des Gesamtsystems mag man skeptisch beurteilen. Allein die Anwesenheit der „Admiral Gorshkov“ im Mittelmeer stellt für die westliche Staatengemeinschaft eine zumindest mittelbare strategische Herausforderung dar. Bei einem Abschuss aus internationalen Gewässern sind einige europäische Entscheidungszentren innerhalb kurzer Zeit erreichbar. Zirkon legt bei Mach 9 ca. drei Kilometer pro Sekunde zurück. Womit 1.000 Kilometer in 5,5 Minuten überbrückt sind.

Bei einer Positionierung der „Admiral Gorshkov“ im östlichen Mittelmeer bliebe Kiew mit der Kalibr erreichbar, mit der weniger weit reichenden Zirkon wäre nur die Region an der ukrainischen Schwarzmeerküste bedroht. Dabei müssten die Flugkörper ein oder mehrere NATO-Länder überfliegen – in jedem Fall die Türkei. Für die Entscheider im Kreml ein Argument gegen den Einsatz der Zirkon? Vielleicht – von der Überlegung getrieben, dass eine der neuesten russischen Waffen oder Teile davon in die Hände westlicher Geheimdienste fallen könnten. Wobei die Türkei ein unsicherer Kandidat bei entsprechender Hilfestellung wäre.

Moskau bleibt unberechenbar. Der bisherige Kriegsverlauf zeigt zudem, dass der Kreml vor Ruchlosigkeit nicht zurückschreckt. Womit ein aktives Eingreifen der „Admiral Gorshkov“ in das Kriegsgeschehen nicht einfach vom Tisch gewischt werden kann.

Womit die Karten im Mittelmeer neu gemischt werden. Dies zu einer Zeit, da die US Trägergruppe um die USS „George H.W. Bush“ am 12. April Gibraltar heimwärts passierte. Der Flugzeugträger verbrachte insgesamt 230 Tage im Mittelmeer. Mit ihrem Abzug wird zum ersten Mal seit Dezember 2021 kein amerikanischer Flugzeugträger mehr in der Region sein.

Die Reise der „Admiral Gorshkov“: ein Lehrstück über globale Politik

Das Maritime umfasst mehr als infolge der Klimaerwärmung steigende Meere, Rohstoffgewinnung und Waren- wie Datenströme. Meere trennen nicht nur, sie verbinden. Globalisierung wäre ohne die internationale Zusammenarbeit über Ozeane hinweg, nicht möglich geworden. Kooperationen zwischen Marinen werden zum Synonym für neu entstandene Konstellationen.

Russian tanker "Kama". Photo: Russian MoD

Die von der „Admiral Gorshkov“ gemachten Begegnungen und Hafenbesuche offenbaren einen strategischen Wandel. Er vollzieht sich schleichend und oftmals unbemerkt. Was Afrika betrifft, so vermerken regionale Beobachter beiderseits des Indischen Ozean eine Zunahme russischer und chinesischer Marinepräsenz. Russische Seestreitkräfte übten bereits häufiger zusammen mit chinesischen und iranischen Einheiten im nördlichen Indischen Ozean. Nun gemeinsam mit China in Südafrika. Der zu erwartende russische Militärstützpunkt in Bur Sudan am Roten Meer wird Moskaus strategische Reichweite und Präsenz in Afrika erhöhen, darüber hinaus bis in den Nahen und Mittleren Osten.

Gleiches gilt für die chinesische Präsenz in Djibouti. Peking unterhält seit 2017 einen Militärstützpunkt in Djibouti und pflegt enge Beziehungen zu Ländern im westlichen Indischen Ozean wie Kenia, Tansania und Madagaskar. Marineübungen mit Russland und Südafrika, der Ausbau der Beziehungen zum Iran wie auch zu Pakistan, die sich abzeichnende Errichtung einer Militärbasis im pakistanischen Gwadar, eine ständige Task Force im Golf von Aden und nicht zuletzt die Ankündigung vom Januar 2023, in Djibouti einen Weltraumbahnhof aufzubauen: Dies alles deutet nicht nur auf die wachsende chinesische Präsenz im Indischen Ozean hin. Es schafft auch Unruhe im strategischen Gleichgewicht im Gebiet und wirkt bis in den afrikanischen Kontinent hinein. So sehen indische Kommentatoren Übungen wie Mosi als ein Indiz, dass die Geopolitik im Indischen Ozean auf mehr Unsicherheit und Wandel zusteuert. Eine strategische chinesisch-russische Zusammenarbeit im Indischen Ozean hat geopolitische Auswirkungen nicht nur für Indien, sondern auch für Australien, Japan und die USA, die anderen Partner des quatrilateralen Sicherheitsdialogs – um nur eine der zahlreichen Foren anzuführen.

Von strategischer Kommunikation bis zur Kluft im Nord-Süd-Gefälle

Moskau und Peking nutzen die Entsendung von Marineeinheiten als Mittel strategischer Kommunikation. Für den Kreml ist die als Langstreckenerprobung deklarierte Reise der „Admiral Gorshkov“ nicht nur eine Waffenschau und Demonstration von Stärke. Sie ist der vorgebliche Beweis, dass Russland imstande ist, trotz der Belastung seiner Streitkräfte und seiner Wirtschaft, seine internationalen militärischen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Peking demonstriert, dass es seine eigenen Ziele verfolgt, dabei wenig wählerisch mit Partnern ist und seine Regeln selbst bestimmt.

‚Mosi II‘ wie ‚Maritimer Sicherheitsgürtel 23‘ können als ein Indiz verstanden werden, dass die von der westlichen Staatengemeinschaft erhoffte Isolierung Moskaus infolge der völkerrechtswidrigen Invasion in die Ukraine im globalen Süden nicht die erwarteten Früchte trägt. Die Friktion trat beim letzten G20-Aussenministertreffen in Indien offen zutage.

Im Gegensatz zu dem zwischen Brüssel und Washington herrschenden Verständnis wird China nicht als systemischer und ökonomischer Rivale empfunden. Auch, wenn Russland gegen das Völkerrecht verstößt, so sieht sich der ‚kollektive Westen‘ mit einer drastischen Wahrheit konfrontiert: der globale Süden sieht das Vorgehen des Westens kritischer. Das regelbasierte System wird in Frage gestellt, weil es gerade aus afrikanischer Sicht und den Erfahrungen, die der Schwarze Kontinent damit gemacht hat, nicht konsequent angewendet wird. Irak, Afghanistan, Syrien, die europäische Migrationspolitik sind Beispiele der empfundenen mangelnden Kohärenz. Der Erfolg der politischen Arbeit des kollektiven Westens wird gemessen an der konsequenten Anwendung des regelbasierten Wertesystems. Darüber stülpt sich die afrikanische Erwartung, dass von einer Geberhaltung auf eine echte Partnerschaft umgeschaltet werden sollte, bei der die Gemeinsamkeiten identifiziert und zu einer strategischen Agenda konkludiert werden.

Die Reise der „Admiral Gorshkov“ wird zu einem weitreichenden Lehrstück – über ihre militärischen oder operativen Erkenntnisse hinaus. Man darf gespannt sein, welche Erkenntnisse uns aus ihrer Mittelmeerpassage zuteilwerden.

Text: Hans-Uwe Mergener

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