A cruise through maritime history shows connecting lines to the present and future
Das Meer ist zurück. In den Köpfen. Zunächst brachte es sich ökologisch in Erinnerung – durch seine menschengemachte Verschmutzung. Dann gelangte es in die Schlagzeilen durch seine Rolle als Fluchtroute nach Europa. Und schließlich war und ist es das maritime Wettrüsten in Asien, das die Abhängigkeit der Weltwirtschaft und ihrer globalisierten Logistik von freien Wasserstraßen auf die geopolitische Tagesordnung bringt. Umso mehr lohnt die intensive Auseinandersetzung nicht nur mit Gegenwart und Zukunft, sondern auch mit der Geschichte der Ozeane. Denn vieles von dem, was sich dort in vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden findet, erinnert an heutige oder sich abzeichnende Gemengelagen. Da ist etwa die Bedrohung Taiwans von See her durch China. Wem in Europa ist bewusst, dass die Androhung und Anwendung maritimer Gewalt in Asien eine lange Tradition hat? Viel weiter zurückreichend als die großen Seeschlachten im Zweiten Weltkrieg zwischen Japanern und Amerikanern, die im kollektiven Gedächtnis der Europäer ebenfalls kaum verankert sind.[ds_preview]
Beschäftigt man sich aber grundlegend mit der Geschichte der Ozeane, werden die gewaltigen Dimensionen sichtbar, in denen bereits im 16. Jahrhundert um Macht und Einfluss in Asien gekämpft wurde. So interessierte sich der japanische Feldherr und Politiker Toyotomi Hideyoshi, der als einer der drei Reichseiniger des neuzeitlichen Japans gilt, für mehr als nur den Handel in Übersee. Sein Traum war die Eroberung von Korea und China. Seine Invasionsflotte soll in den Jahren 1592 und 1593 rund dreihunderttausend Mann transportiert haben.

Antwerpen gehört zu den bedeutendsten Häfen der Welt, Foto: PSA
Oder wer in Europa verfolgt wirklich ernsthaft die heute erneut ausgebrochene Rivalität der Großmächte um die Vorherrschaft in der Arktis? Um Bodenschätze und Schiffsrouten? Geschweige denn: Wer kennt die Vorgeschichte? Auch hier wird man in der Historie der Ozeane fündig. Sind es gegenwärtig nicht zuletzt die USA, China und Russland, die um arktische Räume und Passagen ringen, waren es im 16. Jahrhundert vor allem Engländer, Niederländer, Spanier und Portugiesen. Hier geht es nicht nur um die vielen Versuche, eine Route durch das damalige „ewige“ Eis, das im heutigen Klimawandel schmilzt, per Schiff zu finden, um die schon damals globalen Handelsströme zu beschleunigen. Hier spiegeln sich auch Verquickungen von ökonomischen und politischen Interessen, die im 21. Jahrhundert wiederkehren. So erhielt 1580 eine englische Handelsgesellschaft den Auftrag, einen Weg durch den Arktischen Ozean nach China zu suchen – als Export an Bord: englische Hüte, Handschuhe, Pantoffeln, Glaserzeugnisse und Eisenwaren. Als Import über die Rückreise wurden nicht allein Pflanzensamen chinesischer Kräuter für Europa, sondern auch eine Karte von China und Informationen über chinesische Befestigungsanlagen und Marine-Aktivitäten gewünscht.
Und schließlich: Antwerpen. Die belgische Stadt steht in der heutigen europäischen Wahrnehmung im Schatten von Rotterdam. Denn gemessen am Ladungsaufkommen beherbergt sie in der Gegenwart nur den zweitgrößten Hafen Europas. Dies soll sich nun durch eine Fusion der Häfen von Antwerpen und Zeebrügge ändern. Der offizielle Start des gemeinsamen Hafens ist für Ende April 2022 angekündigt. Er soll in Europa zum nach Tonnen führenden Containerumschlaghafen, zum größten Fahrzeugumschlaghafen und zu einem der bedeutendsten Stückguthäfen werden. Darüber hinaus sollen mehr als 15 Prozent des gesamten europäischen Transitverkehrs von Gas über den Port of Antwerp-Bruges laufen. Zugleich soll er eine wichtige Drehscheibe für Chemikalien in Europa bleiben.
Doch auch hier gilt: Wer weiß schon, dass Antwerpen bereits heute der größte Hafen der Welt für Stückgut ist? Und global zugleich den zweitgrößten Chemie-Industriepark bildet – nach Houston an der Südküste der Vereinigten Staaten? Diese Daten überraschen weniger, wenn man sich die Hafengeschichte Antwerpens erzählen lässt: Dort hatten bereits 1498 die Portugiesen eine Handelsvertretung gegründet, um an der Westküste Afrikas erworbene Güter zu verkaufen, vor allem Pfeffer und Zucker. Letzterer wurde in Raffinerien in der Nähe von Antwerpen verarbeitet. Den Portugiesen folgten bald Handelsniederlassungen anderer damals bedeutender Wirtschaftsmächte wie Genua und Florenz. Antwerpen erlebte sein Goldenes Zeitalter: Mitte des 16. Jahrhunderts lebten dort rund hunderttausend Menschen. Die Börse der Stadt diente als Vorbild für die Royal Exchange in London.
Wer angesichts der Rückkehr der Geschichte auch auf dem Wasser nach historischen Verbindungslinien in die maritime Gegenwart und Zukunft sucht, der wird etwa im neuen Opus magnum von David Abulafia fündig. Der Professor für die Geschichte des Mittelmeerraumes an der Universität Cambridge hat sich bereits mit seinem mehrfach preisgekrönten Bestseller zur Historie des Mittelmeeres international einen Namen gemacht. Nun hat er seinen Untersuchungsgegenstand deutlich ausgeweitet zu einer Globalgeschichte des Meeres. Sein Buch „Das unendliche Meer. Die große Weltgeschichte der Ozeane“ wurde inzwischen ausgezeichnet mit dem Wolfson History Prize.
Dieses neue, gewaltige Werk eignet sich weniger zum stringenten Durcharbeiten – dafür enthält es zu viele verschiedene und voneinander unabhängige Facetten. Sein eigentlicher Reiz besteht darin, es zum Nachschlagen und zur Recherche zu verwenden. So schließt sich am Ende dieser Kreuzfahrt durch die Weltgeschichte der Ozeane ein historischer Kreis – erneut in Asien: Der chinesische Perlfluss, lange Zeit Chinas Tor zur Welt, erscheint heute noch bedeutsamer als früher, und das nicht nur für China, sondern für die ganze Welt. Die Volksrepublik blickt inzwischen mit einer Begeisterung auf das Meer hinaus wie seit den Zeiten der Song-Dynastie im Kaiserreich und von Admiral Zheng He mit seinen großen Expeditionsflotten nicht mehr. Erneut geht es um die Kontrolle der globalen Seewege und ihrer Warenströme. Das Meer ist zurück. Nun auch in den Köpfen Chinas.
Dieser Beitrag schließt an einen Artikel an, der am 16. Januar 2022 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht wurde.
Thomas Speckmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Potsdam.
Thomas Speckmann












Thank you Mr Speckmann for your description.
Would only emphasise the end of the book myself. It says: "There is, however, a huge world heritage site that should also be recognised as such - the global sea, whose history is now entering a new phase. At the beginning of the 21st century, the maritime world of the last four millennia has ceased to exist."