"Boat" exhibition. Photo: Author

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The reality of the submarine U96 - The "war correspondent"

Lange wurde der Roman „Das Boot“ als Friedensbuch gefeiert. Eine neue Dauerausstellung legt die Realität von U 96 und Autor Lothar-Günther Buchheim schonungslos offen.

Mit Ende der Kampfhandlungen im Mai 1945 kehrte Lothar-Günther Buchheim seiner Rolle als einer der vielseitigsten, erfolgreichsten und einflussreichsten Maler und Kriegsberichterstatter der Marine den Rücken zu. In den folgenden Jahren erfand er die Legende vom unbescholtenen Künstler. Den Blick auf seine NS-Zeit verstellte er mit emsig erarbeiteter Neuidentität als Sammler expressionistischer Kunst, Kunstbuch-Verleger und Kunstautor. So bewarb er im Dezember 1955 seinen jungen Feldafinger Verlag mit Anzeige und Porträtbild auch in der Wildente, einer Zeitschrift ehemaliger Angehöriger der Propagandakompanie (PK) der Wehrmacht. Um hier nicht als vormals namhafter PK-Kamerad wiedererkannt zu werden, drehte Buchheim dem Leser mit einem „porträtähnlichen“ Bild kurzerhand den Rücken zu. An der Hand hielt er Sohn Yves, der zum 100. Geburtstag seines Vaters 2018 in seinem Buch „Buchheim. Künstler, Sammler, Despot: Das Leben meines Vaters“ die durchaus vorhandene Vorderansicht des „porträtähnlichen“ Bildes veröffentlichte.
Endgültig war nun die Zeit gekommen, Licht in die „Blackbox“ U 96 zu bringen. Der Welterfolg des 1973 erschienenen Romans Das Boot, und die Verfilmung der Bavaria von 1981 durch Regisseur Wolfgang Petersen hatten eine eigene, scheinbar unverbrüchliche zeitgenössische Realität von U 96 geschaffen, die keine weiteren Fragen aufwarf und darum keine weiteren Antworten brauchte. Zwischen der siebten Feindfahrt des Sägefisch-Bootes im Herbst 1941 und der Romanveröffentlichung schien lediglich die Triumph-Schreibmaschine Buchheims zu stehen, Modell Standard 12, Herstellungszeitraum 1936 bis 1945. Genau diese Schreibmaschine steht nun in der neuen Dauerausstellung „Das Boot“ des Buchheim Museums der Phantasie in Bernried am Starnberger See. Und es zeigt sich, dass zwischen dem Kriegsmaler und „Kriegsberichter“ Lothar-Günther Buchheim und dessen spätem literarischen Welterfolg deutlich mehr als nur diese Schreibmaschine stand, nämlich: ein höchstpersönlicher Propagandaauftrag vom Befehlshaber der U-Boote, Karl Dönitz.

Zu letzterem gehört der ganze Themenkomplex um den Film "Das Boot" um das Buch "U96", erschienen im Mittler Verlag https://koehler-mittler-shop.de/shop/mittler/zeitgeschichte-programm-mittler/reichert-gerrit-u-96-dritte-ueberarbeitete-auflage/.

In der neuen Dauerausstellung gibt ein Zeitstrahl zunächst grobe Orientierung, all das zu verstehen. Er beginnt mit dem „sächsischen Wunderkind“ Lothar-Günther Buchheim, dem schon als Jugendlicher ein kleines Büchlein als künstlerischem Ausnahmetalent gewidmet war, und endet mit Gründung des Buchheim Museums 2001 und dem Tod seines Namensgebers 2007. Wichtigste Stationen auf dem Zeitstrahl sind seine Jahre zwischen 1940 und 1945 als Kriegsmaler und Kriegsberichterstatter, die Veröffentlichung seines Weltromans Das Boot und die gleichnamige Verfilmung durch Wolfgang Petersen. Leihgaben der Münchener Bavaria wie ein Torpedorohr, Bootsattrappen von U 96 für Trickfilmaufnahmen, eine Enigma-Verschlüsselungsmaschine oder der Original-Südwester, den Buchheim an Bord von U 96 getragen hat, ergänzen die zahlreichen Wandtexte und Bildtafeln. Viele der Exponate stammen bereits aus der 2018 eröffneten Jubiläumsausstellung Buchheim 100. In Zusammenarbeit mit dem Journalisten Gerrit Reichert hatte das Buchheim Museum damals zum ersten Mal die führende Rolle Lothar-Günther Buchheims im Apparat der NS-Kriegspropaganda sichtbar gemacht. Das Buch „U 96 – Realität und Mythos“, das Reichert im Nachgang der Ausstellung 2019 im Mittler-Verlag veröffentlichte, entwickelte sich zum Bestseller und ist im Mai dieses Jahres bereits in der dritten Auflage erschienen. Für die neue Ausstellung kooperierte das Buchheim Museum nun wiederum mit Gerrit Reichert als Co-Kurator.
Gänzlich neu wurde speziell die Genese der Stoffgeschichte des Romans Das Boot konzipiert. Aufgezeigt wird der Weg von dem, was in den sechs Wochen der siebten Feindfahrt von U 96 zwischen dem 27. Oktober und dem 6. Dezember 1941 wirklich geschah und dem, was zunächst der Kriegsberichterstatter und später der Kunstbuch-Verleger und international viel beachtete Expressionismus-Sammler Lothar-Günther Buchheim daraus formte. Im Miteinander von Visio und Audio verschwindet die Schreibmaschine und erschließt sich der überraschende Wesenskern seines Romans. Der Audioguide bewegt sich auf drei Ebenen: Auf der ersten Ebene werden zentrale Passagen aus dem Kriegstagebuch des Kommandanten von U 96, Heinrich Lehmann-Willenbrock („Der Alte“) sowie aus dem privaten Tagebuch des Leitenden Ingenieurs, Friedrich Grade, vorgelesen. Diese erste Ebene dokumentiert die „Echtzeit“ der siebten Feindfahrt von U 96 im Herbst 1941. Auf der zweiten Ebene erklingen Passagen aus Jäger im Weltmeer, jenem Kriegsbuch, das Lothar-Günther Buchheim im Anschluss an die diese Feindfahrt verfasste und das 1943/44 mit einem belobigenden Vorwort von Karl Dönitz als „Bildreportage“ veröffentlicht wurde. Schließlich, auf der dritten Ebene, kommen Passagen aus Das Boot zu Wort, drei Jahrzehnte und eine kulturelle Ewigkeit später. Was war, was folgte, was entstand? Im Nebeneinander der Tagebücher, des Kriegsbuches und des Bestsellers eröffnet sich der innere Zusammenhang von Krieg und Nachkrieg, von Kriegsberichterstatter und Kunstikone vom Starnberger See.
„Viele Textpassagen aus Jäger im Weltmeer verwendete Lothar-Günther Buchheim in Das Boot wieder“, so Museumsdirektor Daniel J. Schreiber. Zur Veranschaulichung ließ er große, thematisch differenzierte Bildtafeln ausarbeiten. Eine ist mit Funk, Führung und Frustration überschrieben und zeigt, wie Karl Dönitz in Jäger im Weltmeer vom „Rückhalt und Kraft“ spendenden Befehlshaber der U-Boote zum „Maulhelden“ in Das Boot mutiert. Eine andere Bildtafel trägt den Titel Fotografie, Propaganda und Realität. Das Bild der Sturmbegegnung von U 96 mit U 572 gehört bis heute zu den meistgedruckten Bildmotiven der Atlantikschlacht. Buchheim zweckentfremdete es, indem er es Monate später, im April 1942, zum Titelbild der auflagenstarken Wochenzeitung Das Reich unter der Schlagzeile U-Boote gegen USA machte. Faktisch hatte U 96 auf seiner siebten Feindfahrt niemals Kurs auf die USA genommen, im Gegenteil wurde Kurs auf Gibraltar und das Mittelmeer genommen. In Das Boot wird das beeindruckende Foto zum Sinnbild der Aussichtslosigkeit des U-Boot-Kriegs, indem sich eigene Boote begegnen, während der überlegene Gegner verschwunden scheint. Gleiche zeitgenössische Grundlage, ähnliche Handlungsmuster in Krieg und Nachkriegszeit, aber je nach Zeitgeist differenzierte Bedeutungszuweisungen. Die neue Ausstellung Das Boot schlussfolgert hier und generell: „Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Der als Friedensbuch wahrgenommene Weltbestseller Das Boot geht im Kern auf einen Auftrag von Karl Dönitz für ein Propagandabuch der Kriegsmarine zurück.“
Was also war, was wurde? Die Antwort erhält in Bernried, wer sich Zeit für die neue Dauerausstellung im Buchheim Museum der Phantasie nimmt.

Der Autor ist ein prominenter Publizist und der Redaktion bekannt.

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