Scientists specialising in marine topics are in demand abroad. Here in Germany, however, they are fighting against disinterest and rejection.
Der 175. Geburtstag deutscher Marinen ruft vordergründig vor allem den Historiker auf den Plan, gilt es doch, die großen Linien zu spannen. Solch eine eher verengte Sichtweise aber hat gleich zwei wesentliche Probleme. Zum einen stützen sich Geschichtswissenschaftler auf Quellen wie Akten, Tagebücher und Fotos, deren Zugang meist reglementiert und üblicherweise jenseits der 30-Jahre-Marke liegt. Zu gegenwärtigen Entwicklungen rund um die Deutsche Marine sind Historiker weit weniger auskunftsfreudig und -fähig. Die nicht nur auf den deutschsprachigen Raum begrenzte ewige Faszination von Skagerrak-Schlacht und Scapa Flow, Tirpitz, Raeder und Dönitz, Schlachtschiff BISMARCK und Typ-VII-C-U-Booten tut ihr Übriges. [ds_preview]Zum anderen arbeiten viele Militärhistoriker eben Einzelaspekte äußerst detailliert und in großer Tiefe auf, während die Lehren für die Gegenwart häufiger in den Hintergrund treten. Und ist es nicht überzeugend zu fragen, welche Lehren man denn aus den oben kursorisch genannten Beispielen für das 21. Jahrhundert überhaupt ziehen kann? Ein vielbemühtes und irrtümlich Mark Twain zugeschriebenes Sprichwort sagt schließlich, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Hier kommen die Politikwissenschaftler ins Spiel, zumindest jene, die sich mit sicherheitspolitischen Fragen befassen. Ihre Disziplin ist es, Erkenntnisse und Erfahrungen zu den politischen Dimensionen der Sicherheitspolitik systematisch zu erweitern, zu sammeln, aufzubewahren, zu lehren und weiterzugeben. Auch sie sind gehalten, große Linien zu zeichnen und bisweilen als unabhängige Berater von politischen Entscheidern sowie zur Information von Öffentlichkeit und Medien zu wirken. Beiden Disziplinen, der Militärgeschichte und der Sicherheitspolitik, stand und steht die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit im Wege: Bildung ist Ländersache, Verteidigung Bundesangelegenheit. Die Förderung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Marinefragen ist also schon im Grundsatz dem Mittelgeber besonders überzeugungspflichtig. Darüber hinaus sind viele deutsche Universitäten ohnehin nicht gerade als Ort der abgewogenen Auseinandersetzung mit militär- und verteidigungspolitischen Fragen bekannt, wie die immer wieder aufkeimende Debatte über sogenannte Zivilklauseln sowie die Behinderung und Störung des wissenschaftlichen Betriebs belegen.

Maritime Präsenz muss erklärt werden, Foto: Michael Nitz
Nicht zuletzt ist aber gerade die Struktur einer hierarchischen Organisation wie die einer Marine potenziell abschreckend: Ihre Abkürzungen, Fachworte, Riten und Rituale entziehen sich zwar nicht der Faszination, wohl aber braucht es einen intellektuellen und oft auch persönlichen Zugang zu diesem Sujet. Der Rückzug der Bundeswehr aus der Fläche hat auch hier gravierende Folgen, denn weniger Bezüge zur Marine bedeuten letztlich auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs, dass man sich andere Themen sucht. Wenn es um die Neubeantragung des nächsten Projekts geht, ist manch anderer Forschungsgegenstand wesentlich einfacher, selbst wenn man dafür im Elfenbeinturm verbleibt. Denn: Die klassische Marinewissenschaftlerkarriere oder gar einen entsprechenden universitären Lehrstuhl, etwa eines Michael Salewski (Kiel) oder eines Jürgen Rohwer (Stuttgart), gibt es nicht mehr. Zwar haben sich an den Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München sowie am Kieler Institut für Sicherheitspolitik und an der Universität Bonn Einzelpersonen oder kleinere Zellen der maritimen Sache verschrieben, doch eine echte Zeitenwende hin zu einer strukturellen, verlässlichen und langfristigen Förderung der Marinewissenschaft ist noch nicht in Sicht. Die Deutsche Marine selbst hält zwei marinewissenschaftliche Dienstposten in Potsdam und Flensburg für ausreichend.
Das führt zum Subjekt des Interesses selbst. Seestreitkräfte sind aufgrund ihres Wesens, ihrer strategischen Kultur, ihrer Rolle am Rand der sicherheitspolitischen Community und mit Blick auf ihre Aufgaben überwiegend operativ orientiert. Sie müssen den Tagesbetrieb leisten, sie fahren zur See. Für die Deutsche Marine gilt: Drei Jahrzehnte mit Einsätzen niederer Intensität und institutionellem Schrumpfkurs bei gleichzeitig ausufernder Bürokratie haben auch das zivil-militärische Verhältnis verändert. Gerade als Teilstreitkraft der vielgerühmten Parlamentsarmee sollte die Marine eigentlich auch im Lastenheft haben, eine akademische Agenda – Forschungsinteressen mit Praxisbezug! – zu entwickeln und mit Politikwissenschaftlern und Zeithistorikern einen strukturierten Austausch zu pflegen.
Dabei ist die Ausgangslage noch halbwegs günstig, denn die letzten Jahre haben Nachwuchswissenschaftler immer wieder an die Themen Marine und maritime Sicherheit herangeführt, gerade weil es nicht um das Nietenzählen oder den Abgleich von Waffensystemen ging. Vielmehr haben die Meereswissenschaften, das Seerecht und die Themen maritimer Realität – darunter Piraterie, Klimawandelaspekte, Flüchtlingsbewegungen und der Aufstieg Chinas – an Prominenz gewonnen. Gleichwohl: Ohne eine strukturelle Forderung und Förderung verpuffen diese intellektuellen Investments. Die Abwanderung, der brain drain ins Ausland, ist auch im Bereich der Marinewissenschaft überaus deutlich. Schottland, Kanada, Dänemark, die USA, selbst Österreich bieten deutschsprachigen Wissenschaftlern mit maritimem Fokus offensichtlich bessere Bedingungen. Wir sollten nicht bis zum 200. Geburtstag deutscher Marinen warten, um dies zu ändern, zumal die wissenschaftsnahen Vorfeldorganisationen – etwa die Deutsche Gesellschaft für Schifffahrts- und Marinegeschichte, der Deutsche Marinebund oder das Deutsche Maritime Institut – vor signifikanten demografischen Herausforderungen stehen und sich ihrer Bedeutung an der Schnittstelle zwischen praxisnaher Wissenschaft, Publizistik, Nachwuchsgewinnung und Information der öffentlichen Debatte oftmals erst wieder gewahr werden müssen. Dazu gehört freilich auch, dass Universitäten, Ministerien, Nichtregierungsorganisationen und die Streitkräfte selbst unverkrampfter als in den letzten Jahrzehnten aufeinander zugehen, der Sache wegen!
Dr Sebastian Bruns is a Senior Researcher at the Institute for Security Policy at Kiel University (ISPK) and was previously a McCain-Fulbright Visiting Professor at the US Naval Academy in Annapolis, Maryland. Captain (ret.) Hans-Uwe Mergener is a naval journalist for the Tamm Media Group and has been a Senior Non-Resident Fellow at the Institute for Security Policy at Kiel University (ISPK) since March 2023.
Sebastian Bruns and Hans-Uwe Mergener












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