Konvois über den Atlantik zur Versorgung Europas sind eine Idee von gestern? Ein Interview mit Fregattenkapitän Steffen Lange, dem Leiter des Dezernats Marineschifffahrtleitung.
Es ist gute Tradition, dass der Tag der Maritime Convention auch der Erscheinungstag des Jahresberichts des Marinekommandos ist. Genauer gesagt: „Fakten und Zahlen zur maritimen Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland“. Und es passt zum Ziel des Deutschen Maritimen Instituts eben sehr gut, nicht nur Deutschlands maritime Seite zu beschwören, sondern auch zu belegen.[ds_preview] Daher hat sich der Bericht des Marinekommandos über die Jahre zu einem Referenzwerk entwickelt. Nicht alles in diesem Bericht stammt von der Marine selbst – und nicht alles entsteht auf blauen Tastaturen, aber als beschreibendes und bewertendes Kompendium des Jahresgeschehens ist es die Publikation mit der größten Außenwirkung für die Deutsche Marine. Nicht ohne Grund wird er vom Inspekteur höchstselbst veröffentlicht und begleitet.
Zeit, hinter die Kulissen zu schauen und einen der Fachleute zu besuchen, die dieses Werk verantworten: Fregattenkapitän Steffen Lange ist Leiter des Dezernats Marineschifffahrtleitung – oder Marinekommando OP 34 –, ansässig in der Hamburger Reichspräsident-Ebert-Kaserne in der Osdorfer Landstraße. Der 52-jährige Familienvater, dessen Tochter als Marineoffizierin in seine Fußstapfen trat, ist ein erfahrener Seemann, lernte das Handwerk einst noch bei der Deutschen Seerederei in Rostock. Inzwischen ist er längst Bürger der Stadt Hamburg – und zwar von ganzem Herzen und nicht nur, weil er der sechste Kommandant der Fregatte Hamburg war.
Die Frage, was er eigentlich hier macht, beantwortet er routiniert und nicht das erste Mal: „Wir sind das einzige Bindeglied zwischen der Bundeswehr und der Seeverkehrswirtschaft, uns gibt es seit Gründung der Bundeswehr, wir waren an verschiedenen Standorten, in verschiedenen Organisationen, aber unsere Aufgabe hat sich nie grundlegend geändert, nur die Schwerpunkte waren manchmal anders. Unsere Fähigkeit haben wir erhalten, und zum Glück hat die Marine auch nach Ende des Kalten Kriegs das nicht aufgegeben. Wir sind die Naval Coordination Guidance of Shipping und damit der erste Ansprechpartner und Berater für die Schifffahrt und Reedereien in Krisen und besonderen Lagen. Unser NATO-Pendant ist das Shipping Center Marcom im britischen Northwood und das weist darauf hin, dass wir unseren Gründungsauftrag, nämlich Konvois über den Atlantik zu begleiten und zu schützen, nie leichtfertig abgegeben haben, wie so vieles andere, was wir heute missen. Wir haben den Schutz der Handelsschiffe immer geübt und gelehrt, wie sich der zivile Kapitän darauf vorbereiten kann.“

Deutschland ist abhängig von freien Seewegen
Moment, Sie wollen sagen, dass das Konvoifahren noch en vogue ist? „Nein, es ist natürlich anders als im Kalten Krieg, aber der grundsätzliche Ansatz ist der Gleiche. Dass der zivile Kapitän in seinem Tresor einen versiegelten Umschlag bewahrt, um im Kriegsfall seine Aufgabe zu erfüllen, ist so simpel wie früher nicht mehr und auch nicht so einfach zu erklären – aber das Prinzip ist das Gleiche. Auch die gute alte Allied Tactical Procedure ATP-4, die wir als Marineoffiziere alle seit Generationen kennenlernen mussten, gibt es immer noch. Nur die Schwerpunkte der Unterstützung haben sich erheblich geändert. Da geht es um Beratung zu Seegebieten, um Ratschläge, wie man bei Piratenangriffen agiert und um Prävention und Lernen. Wir lehren ein Best Practice Management, indem wir hier Lehrgänge für Handelsschiffer – wie wir es nennen – anbieten, und wir haben auch eine große Anzahl an Reserveoffizieren unter zivilen Kapitänen, die bei uns beordert sind.“
Worum geht es denn aktuell, frage ich ihn – und da zögert Steffen Lange einen Moment, bevor er die Worte sorgsam wählt: „Nun, der Ukrainekrieg wird immer als Landkrieg gesehen, hat aber eine starke maritime Komponente. Und da geht es nicht nur um Weizentransporte. Wir beraten die Reedereien, wie man sich im Schwarzen Meer verhält und wie zum Beispiel mit festliegenden Schiffen umgegangen werden muss. Ein weiteres trauriges und aktuelles Thema ist der Gaza-Krieg, denn die Reedereien fragen uns, wie man vor der Küste agiert und welche Häfen man sicher anlaufen kann. Wir sind da im engen Austausch mit dem Verband Deutscher Reeder (VDR). Und um die Frage vorwegzunehmen, was wir weiter tun können, kann ich versichern, dass wir falls erforderlich auch Schiffe chartern könnten – ich bitte aber um Verständnis, dass ich zum Prepositioning nichts weiter sage.“
Ob Hamburg ein guter Standort sei, will ich wissen. „Ja ganz sicher, alle reden von der Drehscheibe Deutschland und inzwischen von gesamtstaatlicher Verteidigung. Dass dazu auch eine kräftige maritime Komponente gehört, eine starke Marine, die im Verbund mit Freunden und Alliierten Seewege schützen kann, scheint in einem Land, dessen Waren sich zu 90 Prozent über See bewegen, keiner richtig anzunehmen – und daher ist Hamburg der ideale Ort, hier wird dieser Gedanke unterstützt und verstanden.“ Und dann zitiert er den Reichskanzler Otto von Bismarck, der gesagt haben soll, dass Deutschland das Meer vom Strande aus liebe, also landlastig denke.
Das Dezernat Marineschifffahrtleitung hat derzeit elf Dienstposten, acht militärische und drei zivile Mitarbeiter. Es verfügt über 120 Reservisten, davon zwischen 30 und 40 Stabsoffiziere, die als Marineschifffahrtleitungs-Offizier einsetzbar sind. Von hier aus werden auch die Embargo Control Liaison Officers eingesetzt, die als zivile Kapitäne in einer Reservedienstleistung an Bord von Marineschiffen mitfahren. Eine enorm wichtige und fachlich sehr spezifische Bedeutung für eine professionell agierende Marine. „Leider wird die Fachexpertise hier zu wenig abgefragt, manchmal kommt man sich wie ein gallisches Dorf vor“, sagt Lange. Deshalb möchte er über den Jahresbericht hinaus mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben, weil man wissen sollte, dass hinter dem möglichen Schutz von Handelsschiffen eine Organisation steht, die das lehrt und organisiert und daher kein Zufallsprodukt sein darf. Vor dem Hintergrund sei besonders ärgerlich, dass die Beorderung der Spezialisten durch die Karrierecenter der Bundeswehr nicht überall gut funktioniert. Das war nach Aussage der Älteren früher, als die Marine das noch in eigener Hand hatte, reibungslos gewesen. Es würden Hinweise zur Verbesserung schlicht nicht angenommen.
„Und das unsere Offiziere nach Hamburg und nicht nach Rostock beordert werden und Nautiker sein müssen, ist glasklar. Da geht’s nicht bundeswehrgemeinsam, das ist Marinesache.“ Lange benennt es „Bockigkeit“ und kann dennoch darüber lächeln. Die anderen administrativen Hürden seien da noch gravierender: „Wenn Sicherheitsüberprüfungen des Militärischen Abschirmdienstes – im Ernst! – bis zu vier Jahre dauern oder eine ABC-Ausbildung nicht stattfinden kann, weil Ausrüstung fehlt, dann ist das nicht mehr ärgerlich, sondern lachhaft.“ Man spürt an diesen Worten, dass er aber nicht aufgibt, dass er ändern und vorangehen will. Es ist immer wieder bewegend, wenn man mit Menschen spricht, die ihren Job lieben und leben. Danke für die erhellenden Informationen und die Zeit!
Holger Schlüter










0 Kommentare