Kommentar
Im beginnenden 21. Jahrhundert hat sich das Wesen von Krieg und Gewalt gewandelt. Die Horrorvision eines Atomkriegs hat sich zum Glück und Dank einer funktionierenden Abschreckung bislang nicht erfüllt. Die Ära des klassischen Kriegs sowie der großen militärischen Auslandsinterventionen, wie zuletzt in Afghanistan, scheint beendet zu sein. Der Krieg hat inzwischen eine neue Gestalt angenommen. Davon zeugen nicht nur die weltweiten Krisen- und Konfliktherde, die endlosen „Kleinkriege“ bei der Terrorbekämpfung oder die Bürgerkriege in gescheiterten Staaten. Diese Konflikte weisen meist weder Kriegserklärungen noch Friedensschlüsse auf. Krieg und Frieden sind daher schwer zu unterscheiden. Dabei verwischen neue Waffen wie unbemannte Systeme oft die Unterscheidung von Kämpfern und Nichtkämpfern. Doch das vorherrschende sicherheitspolitische Geschehen in der Welt bestimmt heute der Konflikt zwischen der aufsteigenden Weltmacht China und der verblassenden Weltmacht USA. Beide befinden sich in einem neuenKalten Krieg, bei dem es um Handel- und Investitionen geht, der aber längst auch eine technologische Dimension besitzt.[ds_preview]
Neben den klassischen Domänen Land, Luft und See sind heute Cyberraum und Weltraum als weitere Operationsdomänen hinzugekommen. Das sind Dimensionen, an die Carl von Clausewitz nie gedacht hat. Im Cyberraum findet hybride Kriegführung mit und um Daten statt. Angreifer sind im Datenstrom nahezu unsichtbar und anonym. 2013 wurde beispielsweise das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel angezapft, um an Informationen zu gelangen. Cyberangriffe auf kritische Strukturen mit dauerhaften Schäden haben zugenommen. Je umfassender die Digitalisierung in Staat, Politik, Gesellschaft, Industrie, Wirtschaft und Militär voranschreitet, desto verwundbarer werden diese und desto größer werden die Sicherheitsanforderungen. Die US Navy will bis 2022 über 180 Schiffe ihrer Flotte mit Systemen ausrüsten, die sie gegen Cyberangriffe schützen. Vizeadmiral Kay-Achim Schöbach, Inspekteur der Deutschen Marine, verkündete, der Cyberraum sei auch für seine Teilstreitkraft ein Einsatzgebiet, das sich in die klassischen warfare areas einfügen werde.
Die USA halten China und Russland für die weltweit größten Quellen von Cyberangriffen, was beide Länder zurückweisen. Dazu erklärte US-Präsident Joe Biden: „Wenn wir in einem echten Krieg mit einer Großmacht enden, dann als Folge eines Cyberangriffs von großer Tragweite.“ Auf dem diesjährigen NATO-Gipfel im Juni wurde festgehalten, dass Cyberattacken als „bewaffnete Angriffe“ bewertet werden, die einen Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen könnten.
Auch der Weltraum ist heute als Domäne der Kriegführung fest in der Strategie verankert. So hat die NATO das All zu einer operativen Domäne für Verteidigung und Abschreckung erklärt. Die USA haben angesichts der zunehmenden Militarisierung des Weltraums durch Russland und China ihre Defense Space Strategy 2020 in Kraft gesetzt und ein Weltraumkommandos eingerichtet, um Dominanz im Weltraum zu erlangen. Zahlreiche andere Staaten sind diesem Schritt gefolgt, so auch die Bundeswehr, die seit dem vergangenen Jahr über das Weltraumkommando in Uedem verfügt. Zu den Waffen- und Sensorsystemen im All zählen heute Hypersonic Glide Vehicles (HGVs), Anti-Satelliten-Raketen, Aufklärungs- und Überwachungssatelliten, Waffensysteme, die Erdziele aus dem All bekämpfen können und Systeme, die von der Erde aus Satelliten durch Laser, Jammer oder Cyberattacken stören. Weltraumbasierte Systeme wie die satellitengestützte Zielaufklärung oder HGVs sowie eine zunehmende Informations- und Datendominanz als force multiplier deuten zudem auf eine beschleunigte Gefechtsführung in modernen Kriegsszenarien hin. Die Evolution der Kriegführung hat letztlich das System der konventionellen Abschreckung gestärkt. Künftig gilt es, hochriskante Krisen zu bewältigen, wie es der französische Philosoph und Soziologe Raymond Aron schon zur Zeit des Kalten Krieges formuliert hat: „Die Stunde der Wahrheit ist nicht mehr die Schlacht, sondern die Krise, wenn Absicht und Handlung, Bluff und Entschlossenheit unentwirrbar miteinander verstrickt sind.“
Dieter Stockfisch










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