Mitte Februar verbreitet sich rasant eine Meldung, die russische Marine habe ein US-Unterseeboot aus ihren Gewässern vertrieben. Kaum jemand prüft die Nachricht.
In der heutigen Zeit fällt es zunehmend schwer, eine glaubhaft klingende Erfindung oder Verfälschung von sachlich richtiger Information zu unterscheiden. Wenn jedermann seine Wunschwahrheit ungehindert kundtun und diese ihm passende Erzählung vervielfältigen kann, dann wird journalistische Tätigkeit zum Wagnis. Recherche braucht Zeit – und Nachrichten können einfach nicht warten. Also wird publiziert, was Leserzahlen oder Zugriffe generiert, denn das ist die Währung der Medien.[ds_preview]
Am 12. Februar sorgte eine Meldung kurze Zeit für Schlagzeilen, die sich offensichtlich ausschließlich auf russische Medien stützte. Aber irgendwie wurde sie gierig aufgegriffen und weltweit durch die Presse getrieben, wohl ohne allzu viel Quellenverifikation – und meist ohne das mit Zeitverzug herausgegebene Dementi der Gegenseite in gleicher Weise zu würdigen. Mit zunehmender Kaskade wurde die Quelle immer undeutlicher. Nach kurzer Zeit verebbte das Interesse und die Nachricht wurde nicht wieder erwähnt. Rückwirkend betrachtet, handelte es sich dabei womöglich um ein gnadenlos konstruiertes Fake. Keiner kann es beweisen – nur fachliches Wissen und eine nüchterne Plausibilitätsprüfung erlauben hier eine Abschätzung. Und die kann auch immer nur ein subjektives Urteil sein.
Was war vorgefallen? Wenige Stunden vor einem angekündigten Telefonat zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation, Joe Biden und Wladimir Putin, meldete das russische Verteidigungsministerium, die zur Pazifik-Flotte gehörende U-Jagd-Fregatte Marschall Schaposchnikow (Udaloy-Klasse) habe während Übungen innerhalb „russischer Territorialgewässer“ nahe der südlichsten Kurilen-Insel Urup ein amerikanisches Angriffs-U-Boot der Virginia-Klasse entdeckt und zum Auftauchen aufgefordert. Der Kontakt habe nicht reagiert, sei trotz Einsatzes „entsprechender Mittel“ nicht aufgetaucht und habe nach gewisser Zeit das Gebiet fluchtartig unter Wasser verlassen. Die Folge: Pressemitteilung in Moskauer Medien, dann russische Beschwerde wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit und schwerer Verletzung des internationalen Rechts, anschließend formelle Vorladung des amerikanischen Attachés in Moskau. Später dann Dementi des zuständigen US Indo-Pacific Command mit der Versicherung, dass sich kein amerikanisches U-Boot in diesem Gebiet befunden habe. Das Ganze fand unmittelbar vor einem bedeutenden Telefonat statt, in dem der US-Präsident den befürchteten Einmarsch Russlands in die Ukraine abwenden wollte.

Marschall Schaposchnikow, Foto: Ehlers
Wie kann so etwas passieren? Die südlichen Kurilen stellen bekanntlich immer noch ein umstrittenes, durch Japan beanspruchtes und seit Ende des Zweiten Weltkriegs „russisch verwaltetes“ Gebiet dar, das noch eines endgültigen Territorialvertrags bedarf. Eine US-Fonops (freedom of navigation operation) in russisch proklamierten Territorialgewässern mit einem getauchten U-Boot durchzuführen, das hätte in dieser Situation schon gar keinen Sinn gemacht. Fonops als ein politisch gewolltes Statement soll ja gerade sichtbar sein. Dazu ein getauchtes U-Boot zu nutzen, wäre nicht schlüssig.
Bekannt ist natürlich auch, dass die groß angelegten weltweiten Übungen der russischen Marine auch im Zusammenhang mit der Russland-Ukraine-Krise von amerikanischer Seite beobachtet werden – gerne auch aus getauchter Perspektive in internationalen Gewässern. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass man in einer aktuellen Krisensituation durch verdeckte Operationen eigener U-Boote auch nur ansatzweise etwas unternimmt, das einen diplomatischen Erfolg zunichte machen könnte. Wenn dort wirklich ein amerikanisches U-Boot gewesen war, hätte Biden an diesem Tag kaum mehr einen sensiblen Telefonkontakt mit Putin herstellen können.
Oder war es eine Unterwasserdrohne auf Datensuche, eventuell auch ein Täuschziel mit der Signatur eines U-Boots der Virginia-Klasse? Vielleicht auch ein chinesisches UUV (unmanned underwater vehicle), wie es bereits verschiedentlich im indonesischen Archipel marodierend erfasst und auch geborgen wurde?
Natürlich legt kein Staat offen, wo seine U-Boote stehen. Selbstredend sind auch Kommandanten nicht davor geschützt, Fehler zu machen. Das wissen wir. Und wir wissen auch, dass man in Amerika sehr wohl weiß, was man mit Informationen alles anstellen kann. Aber wenn wirklich ein Virginia-Boot in der Zwölf-Meilen-Zone gewesen war, dann hätte Russland sicher nicht lockergelassen, und das Thema wäre lange nicht so schnell aus der Presse verschwunden – im Gegenteil.
Was war das also? Wahrheit oder Fiktion? Wie viele Nachrichten-Plattformen weltweit hatten diese Meldung ungebremst aufgenommen, Gefallen daran gefunden und sie weiter verbreitet? Alles „russisch-amerikanische“ war gerade angesagt und hatte journalistisches Potenzial. Das amerikanische Dementi wurde nach zwei Tagen kaum noch wahrgenommen – die Nachricht aber blieb im Raum stehen.
Axel Stephenson










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