Deutschland baut mit der METEOR IV endlich wieder neues Forschungsschiff. Der Auftrag geht an ein ungewöhnliches Werftenkonsortium.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Werften Fassmer und Meyer beauftragt, ein neues Forschungsschiff zu bauen. Aus einer Pressemitteilung des Ministeriums vom 21. Januar geht hervor, dass schon Mitte Dezember 2021 die Bietergemeinschaft Meyer-Fassmer-Spezialschiffbau im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung den Zuschlag für den Bau des Forschungsschiffes METEOR IV erhielt. Die Arbeitsgemeinschaft vereint das Know-how von zwei renommierten deutschen Spezialwerften.[ds_preview]
Fassmer aus Berne an der Unterweser hat bereits mehrere Forschungs- und Vermessungsschiffe an unterschiedliche Auftraggeber, darunter Ministerien, Behörden und privatwirtschaftliche Unternehmen abgeliefert. Die durch den Bau riesiger Kreuzfahrtschiffe bekannt gewordene Meyer Werft in Papenburg betrat mit dem 2014 abgelieferten Tiefseeforschungsschiff SONNE das Terrain Forschungsschiffbau. Mit ihren 116 Metern Länge bei einer Vermessung von 8554 BRZ ist sie für die deutsche Wissenschaft die wichtigste Forschungseinheit im Pazifik und im Indischen Ozean. 40 Wissenschaftler finden neben 35 nautischen und technischen Crewmitgliedern Platz. Insider vermuten, dass der Rohbau bei Meyer-Neptun in Rostock-Warnemünde erfolgen wird, während Fassmer die Ausstattung übernimmt.
Die neue METEOR IV wird die aktuelle METEOR sowie die bereits außer Dienst gestellte POSEIDON ersetzen. Sie ist für den multifunktionalen und interdisziplinären Forschungseinsatz, schwerpunktmäßig im Atlantik, konzipiert. Das Aufgabenspektrum des Nachfolgebaus wird sich wohl an dem der aktuellen METEOR orientieren: Das noch in Fahrt befindliche Schiff steht Wissenschaftlern zahlreicher Forschungsgebiete, wie der maritimen Meteorologie und Aerologie, der physikalischen Ozeanographie, der angewandten Physik, der Meereschemie, der marinen Botanik, der Zoologie, der Bakteriologie und Mykologie, der Meeresgeologie, der Sedimentologie und der marinen Geophysik, zur Verfügung.
Das neue Forschungsschiff wird eine Länge von rund 125 Metern und eine Größe von 10 000 BRZ haben. An Bord werden 36 nautische und technische Besatzungsmitglieder die Arbeit von bis zu 35 Wissenschaftlern ermöglichen.
Derzeit sind sieben Forschungsschiffe für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Betrieb. Die deutsche Forschungsflotte ist jedoch in die Jahre gekommen. Probleme an Antriebs- und anderen Anlagen häufen sich mit zunehmendem Alter. Die Folge davon sind potenzielle Verkürzungen und Abbrüche von Expeditionen. Hinzu kommt, dass die Einheiten nicht den aktuellen Umweltstandards entsprechen. Das Durchschnittsalter der deutschen Forschungsschiffe wurde mit der Ausmusterung der POSEIDON im Dezember 2019 deutlich gesenkt.
Über die vergangenen Jahre wurden weitere Anstrengungen zur Erneuerung der Forschungsflotte unternommen. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung 2012 entwickelte Gesamtschiffstrategie sah eine zumindest teilweise Erneuerung der Forschungsflotte bis zum Jahr 2020 vor. Diese Planungs- und Handlungsgrundlage sah einen Ersatz der Forschungsschiffe SONNE (der Neubau ist bereits in Betrieb), POLARSTERN, POSEIDON und METEOR vor. 2015 entschied das Ministerium, für METEOR und POSEIDON einen gemeinsamen Nachfolger zu bauen.
Infolge geänderter Prioritäten und „handwerklicher Mängel“ bei der Beauftragung kam es jedoch zu Verzögerungen. In seinem Bericht vom Januar 2020 kritisierte der Bundesrechnungshof, dass das BMBF die Entscheidung zum Neubau der METEOR IV ohne Nachweis einer Notwendigkeit und ohne Wirtschaftlichkeitsuntersuchung getroffen habe.
Im Februar 2020 sorgte die Aufhebung der 2016 begonnen Ausschreibung zur Neubeschaffung eines Polarforschungsschiffes, der POLARSTERN II, für Aufregung. Im Rahmen der Erneuerung der deutschen Forschungsflotte steht neben der nun getroffenen Vergabe für die METEOR IV der Ersatz des Forschungsschiffes POLARSTERN an. Die Neuausschreibung erfolgte im Februar 2021. In der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage gab der Parlamentarische Staatssekretär Michael Meister im Mai 2021 an, dass die Einsatzfähigkeit der POLARSTERN II bis Ende 2027 angestrebt wird.
Deutsche Forschungsflotte
Polarstern
Maße* 118 – 25,00, 12.500
Baujahr 1982
Besatzung** 43/54
Betreiber AWI
Reederei Laisz
Eigner BMBF
Sonne
Maße* 118,4 – 20,6, 8554
Baujahr 2014
Besatzung** 35/40
Betreiber LDF
Reederei Briese
Eigner BMBF
Meteor
Maße* 97,5 – 16,5, 4.280
Baujahr 1985/6
Besatzung** 33/28
Betreiber LDF
Reederei Briese
Eigner BMBF
Maria S.Merian
Maße* 94,8 – 19,2, 5.573
Baujahr 2003/5
Besatzung** 23/23
Betreiber LDF
Reederei Briese
Eigner Mecklenburg-Vorpommern
Alkor
Maße* 54,6 – 12,5, 1322
Baujahr 1990
Besatzung** 10-11/12
Betreiber GEOMAR
Reederei Briese
Eigner Schleswig-Holstein
Heincke
Maße* 54,6 – 12,5, 1322
Baujahr 1990
Besatzung** 10-11/12
Betreiber AWI
Reederei Briese
Eigner BMBF
Elisabeth Mann Borgese
Maße* 56,5 – 10,8, 850
Baujahr 1987/Umbau 2011
Besatzung** 11/12
Betreiber IOW
Reederei Briese
Eigner Mecklenburg-Vorpommern
*Maße (Länge-Breite in m, Verdrängung BRZ)
**Besatzung (Crew/Wissenschaftler)
Quellen: Portal deutsche Forschungsschiffe, Werften, BMBF, Bundesrechnungshof

Zukünftig wird die Meteor IV wichtige Arbeit bei der maritimen Forschung leisten, Grafik: Fassmer/Meyer
Neben dem BMBF unterhält das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung drei Schiffe zur Fischereiforschung. Darüber hinaus führen einzelne Forschungsinstitute Schiffe und Kutter. Insgesamt stehen in Deutschland 19 maritime Forschungseinheiten für wissenschaftliche Projekte zur Verfügung.
Haushalt
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert aus dem Einzelplan 30 sowohl den Bau als auch den Betrieb von Forschungsschiffen. Laut Vorwort des betreffenden Kapitels 3004 verpflichtet sich Ministerium zur Erneuerung der Forschungsschiffflotte. Für diesen Zweck sind dort 1,1 Milliarden Euro ausgewiesen.
In der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage gab die Bundesregierung im September 2021 an, zwischen 2013 bis 2020 bereits 12,72 Millionen Euro im Zusammenhang mit der Ausschreibung zum Bau der Polarstern II aufgewendet zu haben. Hinzu kommen zusätzliche, projektspezifische Ausgaben für Aufwendungen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI), des Betreibers des Schiffes. Als ungefährer Anhalt für die Gesamtkosten der Polarstern-Nachfolge kann die Sonne dienen, die von der Meyer Werft auf ihrer Internetseite mit 124,4 Millionen Euro angegeben werden.
Betrieb
Die Forschungsschiffe unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ihrer Eigner- und Betreiberstruktur als auch hinsichtlich ihrer Finanzierung. So ist das BMBF Eigentümer der Forschungsschiffe Polarstern, Sonne, Meteor und Heincke. Die übrigen Forschungsschiffe stehen im Eigentum von Mecklenburg-Vorpommern (Maria S. Merian, Elisabeth Mann Borgese) und Schleswig-Holstein (Poseidon, Alkor). Betreiber der Schiffe sind entweder verschiedene Forschungsinstitute oder die Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg.
Die Betriebskosten für die Forschungsschiffe werden in der Regel aus den Institutshaushalten der Betreiber (so bei AWI, Geomar und Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW)) mit den jeweils unterschiedlichen Bundesanteilen gezahlt. Die Betriebskosten für Meteor und Maria S. Merian kommen aus dem Haushalt der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie aus dem Bundeshaushalt. Die Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg (LDF) betreibt die Schiffe Meteor und Maria S. Merian innerhalb eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Betriebskosten für die Sonne kommen aus dem Bundeshaushalt und fließen an den Projektträger Jülich. Die LDF betreibt die Sonne in einem Projekt des BMBF. Im Bundeshaushaltplan 2022 sind 21,5 Millionen Euro für den Betrieb der Forschungsschiffe Meteor, Sonne und Merian vorgesehen.
Die kaufmännische und technische Betriebsführung der Forschungsschiffe ist an externe Dienstleister vergeben und verteilt sich auf zwei Reedereien. Die Bereederung der neuen Meteor wird der Briese Schiffahrt GmbH obliegen. Die Firma im ostfriesischen Leer managt bereits acht andere deutsche Forschungsschiffe.
Mehr als ein Forschungsschiff
Mit der nun erfolgten Beauftragung für den Nachfolgebau der Meteor erfüllt sich nicht nur die überfällige Ersatzgestellung und entspricht den Erwartungen auf dem Bereich der maritimen Forschung Deutschlands. Leider verkennt die Öffentlichkeit deren Bedeutung in ihrem Beitrag für eine fortschritts- und lösungsorientierte Klima- und Umweltpolitik.
Werften und Schiffbau sollten in der Coronakrise nicht allein gelassen werden: Das – und andere Maßnahmen – versprach die „Bazooka“ des damaligen Bundesfinanzministers Olaf Scholz. In Deutschland ist die Schiffbaubranche in Deutschland im Umbruch, viele Werften haben investiert. Allein, es mangelte an Aufträgen, nicht nur für Neubauprojekte, sondern auch für Wartungsaufträge und Instandsetzungen. Da halfen auch Konstrukte wie die Definition des (Marine-)Schiffbaus als Schlüsseltechnologie wenig. Mit Corona verschlimmerte sich die Situation auch in der Schiffbauindustrie in Deutschland. Immerhin konnte sich der Bundestag in der letzten Sitzung vor der Sommerpause und gleichzeitig vor der Bundestagswahl im Herbst 2021 zur Freigabe von knapp 5,8 Milliarden Euro für vier Schiffbauprojekte für die Marine durchringen. Zu diesen Projekten gehörte auch die Beschaffung von zwei Erprobungsbooten für den Seeversuch Küste, Finanzbedarf 95 Millionen Euro. Die deutsche Marineschiffbauindustrie und ihre Zulieferer können Investitionen in Höhe von mehr als zehn Milliarden Euro einfahren, da die vier norwegischen U-Boote, die in Abhängigkeit zur Beschaffungsentscheidung der beiden deutschen U-Boote zu sehen sind, zu berücksichtigen sind.
Hans-Uwe Mergener










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