Deutsche Fregatte Augsburg der Klasse 122

Deutsche Fregatte Augsburg der Klasse 122

Gemeinsam einen neuen Kurs einschlagen

In vielen Bereichen der Verteidigungsindustrie hat sich eine europäische Kooperation bewährt. Kann die deutsch-niederländische Zusammenarbeit zur Keimzelle für einen europäischen Marineschiffbau werden?

 

Christian Freiherr von Oldershausen und Marcel Hendriks

 

Im vergangenen Sommer unterzeichnete das Bundesministerium der Verteidigung den Vertrag über den Bau von vier Fregatten 126, dem bisherigen Mehrzweckkampfschiff 180 (MKS 180) mit Damen Schelde Naval Shipyards und Thales. Die Tatsache, dass das europaweit ausgeschriebene neue Marinekampfschiff unter niederländischer Federführung bei Blohm+Voss in Hamburg gebaut werden soll, sorgte für viele kontroverse Diskussionen in Politik und Wirtschaft. Verständlich, denn neben einem möglicherweise verletzten Nationalstolz gab es die Sorge, dass Wertschöpfung und Knowhow in Deutschland verloren gehen würden. Verstärkt wurde das Unbehagen durch die Tatsache, dass die Bundesregierung am 12. Februar 2020 im Kabinett das neue Strategiepapier der Bundesregierung zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie beschlossen hatte. Dieses definiert den Bau von Überwasser-Marineschiffen in Deutschland als Schlüsseltechnologie, wie im Übrigen in den Niederlanden auch. Technologie, die inhärent mit der Fähigkeit verbunden ist, die eigenen Streitkräfte mit dem besten verfügbaren militärischen Material ausstatten zu können.

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Das Bundesministerium der Verteidigung war jedoch gemäß einer Entscheidung vom 13. Januar 2020 der Ansicht, dass die europäische Beschaffung und die Vergabe des MKS-180-Auftrags an Damen nach Durchführung eines transparenten Vergabeverfahrens durch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) die geeignete Wahl sei, um der Deutschen Marine die besten Schiffe zu einem adäquaten Preis zur Verfügung zu stellen. Bei der Vertragsunterzeichnung vereinbarten die niederländische Verteidigungsministerin Barbara Visser und der im BMVg für Ausrüstung zuständige Staatssekretär Benedikt Zimmer weitere Konsultationen. Diese Absicht wurde kurzfristig umgesetzt, denn bereits am 17. Dezember 2020 unterzeichneten die beiden Länder ein Abkommen über eine weitere Zusammenarbeit. Beim zukünftigen Ersatz für die niederländischen Luftverteidigungs- und Kommandofregatten und die deutschen Fregatten der Sachsen-Klasse ist beabsichtigt, in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Beschaffung zusammenzuarbeiten. Die beiden Länder werden auch an gemeinsamen operativen Anforderungen arbeiten.

Deutschland und die Niederlande arbeiten seit langem militärisch zusammen. Dies zeigt sich besonders in der Kooperation zwischen der beiden Armeen. Es gibt integrierte und zusammengesetzte Einheiten, wie das gemeinsame Hauptquartier des deutsch-niederländischen Heereskorps in Münster. Außerdem setzt die Königlich Niederländische Armee in großem Maße deutsche oder deutsch-niederländische Ausrüstung ein, darunter den Kampfpanzer Leopard 2, die Panzerhaubitze 2000, den Radpanzer Boxer und den Spähwagen Fennek.  Auch die deutsche und die niederländische Marine haben in den letzten Jahren ihre operative Zusammenarbeit verstärkt. So setzen das Seebataillon und das Korps Mariniers seit 2018 gemeinsam die Amphibienschiffe der Königlich Niederländischen Marine ein. Aber die Zusammenarbeit im Bereich der Ausrüstung ist schon viel älter. Die Fregatten der Bremen-Klasse basieren weitgehend auf dem niederländischen Kortenaer-Design. Das letzte Schiff der deutschen Klasse 122, die Lübeck, ist noch heute, nach fast 32 Dienstjahren, in Betrieb. Die Sachsen-Klasse und die niederländischen Luftverteidigungs- und Kommandofregatten (LCF) verfügen über ein einzigartiges, deutsch-niederländisches Flugabwehrsystem.  Auf der Grundlage der „Naval Ship Cooperation“ treffen sich die beiden Ministerien seit 1990 regelmäßig, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen. Sie nutzen oft die gleichen Teststandorte und verfügen über ein gemeinsames Wissenszentrum: das „Centre for Ship Signature Management“ in Kiel.

Die europäische Ausschreibung für das Mehrzweckkampfschiff 180 und die neue deutsch-niederländische Vereinbarung zur Zusammenarbeit beim Bau neuer Fregatten sind Teil einer viel umfassenderen europäischen Anstrengung, die militärische Fähigkeit Europas zu stärken und ihre Verteidigungsindustrie effektiver zu machen. Die Notwendigkeit wird von allen verspürt, muss aber immer mit dem sich sofort einstellenden Reflex konkurrieren, die traditionell national ausgerichtete Verteidigungsindustrie auf Grundlage des EU-Artikels 346 zu unterstützen. Wo Europa und die einzelnen Mitgliedstaaten sich als zögerlich erweisen, eine effektivere Verteidigungsindustrie zu gestalten, ergreift diese oft schon von sich aus die Initiative. Schritt für Schritt wandeln sich nationale Unternehmen zu europäischen Verteidigungskonzernen. Airbus, MBDA, Nexter, Thales, Rheinmetall/BAE Land Systems haben eine große Anzahl von deutschen, französischen, italienischen, britischen, spanischen und niederländischen Rüstungsunternehmen integriert. Diese Schritte unterstützen den Übergang von unterschiedlichen Waffensystemen hin zu gemeinsamen europäischen Panzern, Kampfjets oder Betankungsflugzeugen. Darüber hinaus helfen sie der europäischen Verteidigungsindustrie, auf dem Exportmarkt schlagkräftiger zu werden.

Auch wenn diese Entwicklung bei den Heeres- und Luftwaffensystemen an Dynamik gewonnen hat, bleibt der Marineschiffbau zunächst national ausgerichtet und beschränkt sich höchstens auf gelegentliche Partnerschaften wie die Entwicklung der französisch-italienischen Fremm-Fregatten. Derzeit entwickeln Frankreich, Griechenland, Italien und Spanien mit Unterstützung des europäischen Instruments Pesco eine „Europäische Patrouillenkorvette“. Sollte sich die abzeichnende Zusammenarbeit strukturell stärker etablieren, muss mit einem nordeuropäischen und einem südeuropäisch geprägten Marineschiffbau gerechnet werden.

Niederländische Fregatte Kortenaer

Niederländische Fregatte Kortenaer

Trotz der erkannten Notwendigkeit des Erreichens einer stärkeren europäischen Zusammenarbeit im Marineschiffbau wird dies aus verschiedenen Gründen nicht kurzfristig geschehen. Auch Deutschland und die Niederlande setzen in ihrem jüngsten Abkommen nicht auf den Bau eines einzigen Schiffstyps. Das wäre ein Schritt zu weit, da Deutschland und die Niederlande im Marineschiffbau unterschiedliche Standards anwenden. Ein gutes Beispiel sind die Standards, die für die Unterbringung der Besatzung anzuwenden sind. Diese resultieren für deutsche Marineschiffe in deutlich größeren Längsgängen, Wohn- und Aufenthaltsräumen als in den Niederlanden. Das ist einer der Gründe, weshalb eine deutsche Fregatte größer als ihr niederländisches Pendant mit ähnlichem Kampfwert ist. Aber der Kampfwert eines Kriegsschiffes wird nicht durch Standards für die Unterkunft bestimmt, sondern durch seine Seetüchtigkeit, Kampfkraft, Antrieb und Überlebensfähigkeit. Insbesondere in diesen Asp ekten können die Deutsche Marine und die Koninklijke Marine zusammenarbeiten,
da sie sich gut kennen und weitgehend den gleichen NATO-Verfahren und Regeln folgen. Auch die Industrie, die in der Niederländischen Industriestiftung für Verteidigung und Sicherheit (NIDV) und im Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) organisiert ist, hat in der Praxis bewiesen, dass sie sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen kann. Die deutsche und die niederländische Industrie sind im hohen Maße komplementär und wären in der Lage, neue Fregatten mit gleichen Hauptkomponenten zu bauen, die weitgehend von Unternehmen der beiden Länder geliefert werden. Eine smarte deutsch-niederländische Auswahl von Hauptkomponenten bei Führungsmittel- und Waffensystemen sowie bei Plattformsystemen ist sicherlich nicht einfach, aber durchaus im Bereich des Möglichen. Bei einer gemeinsamen Vorgehensweise auf möglichst breiter Basis läge sowohl für beide Marinen als auch für die Industrie der größte Nutzen.

Trotz der jüngsten Einigung zwischen dem niederländischen Verteidigungsministerium und dem Bundesministerium der Verteidigung und all den damit verbundenen guten Intentionen ist eine solche Zusammenarbeit nicht selbstverständlich. Beide Länder und ihre jeweiligen maritimen Industrien sind traditionell daran gewöhnt, ihre eigenen Marineschiffe zu bauen. Beide haben Werften und Technologieunternehmen mit einer langen Tradition und gewohnten Abläufen, alles mit dem Ziel, ihre jeweiligen Kunden nicht zu enttäuschen. Die Zusammenarbeit würde jedoch durch die Einbeziehung von Unternehmen, die bereits grenzüberschreitend organisiert sind und zusätzliches Wissen einbringen können, erheblich unterstützt, ohne traditionelle und vertrauenswürdige nationale Partner zu verdrängen.

DNV GL ist eine führende Klassifikationsgesellschaft im maritimen Sektor mit Niederlassungen in Norwegen, Deutschland und den Niederlanden. Das Unternehmen ist auch weltweit aktiv, wenn es um die Beratung des Energiesektors, der Unternehmens-Assurance, der Logistikketten- und Produkt-Assurance und Digitale Lösungen geht. All dies sind Wissens- und Kompetenzbereiche, die in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werden, weil der Wechsel von fossilen zu alternativen Brennstoffen und Technologien unvermeidlich ist. Eine große Herausforderung, bei der alle verfügbaren intellektuellen Kapazitäten mobilisiert werden müssen, sowohl national als auch international. DNV GL hat in dieser Hinsicht bereits viel Erfahrung im norwegischen Green Coastal Shipping Programme gesammelt und teilt diese gerne mit der deutschen und niederländischen Marine sowie dem unterstützenden maritimen Sektor.

Im Übrigen ist DNV GL bei der niederländischen Marine kein Unbekannter. Zum Beispiel wurden die Offshore-Patrouillenschiffe der Holland-Klasse und das Joint Logistic Support Ship Karel Doorman unter der DNV-GL-Klassifikation gebaut. Gleiches gilt für das zukünftige Versorgungsschiff Den Helder. Im Jahr 2016 führte DNV GL Energy mit Sitz in Arnheim die Untersuchung eines der defekten Hauptmotoren der Karel Doorman durch, was zu Ausbau, Reparatur, Modifikation und Wiedereinbau der beiden 85 Tonnen schweren Elektromotoren führte.

Worum geht es? Europa muss insbesondere unter Berücksichtigung der derzeitigen geopolitischen Entwicklung in naher Zukunft über Streitkräfte verfügen, um vielschichtiger werdenden Bedrohungen erfolgreich begegnen und eine Rolle auf der Weltbühne spielen zu können, die mit seiner wirtschaftlichen Bedeutung übereinstimmt. Neben einer weitreichenden militärischen Zusammenarbeit ist auch eine Konsolidierung der Verteidigungsindustrie erforderlich. Dies geht bei den Heeres- und Luftwaffensystemen in die richtige Richtung, der Marineschiffbau hinkt noch hinterher. Aus diesem Grund ist das Abkommen zwischen den Niederlanden und Deutschland hinsichtlich der Zusammenarbeit beim Ersatz von Fregatten von großer Bedeutung. Beide Länder verfügen bereits über die notwendige Erfahrung und haben bewiesen, dass sie Ergebnisse erzielen können. Aber die Herausforderungen sind groß und die Branche ist traditionell national ausgerichtet. Unternehmen, die bereits grenzüberschreitend in Deutschland und den Niederlanden tätig sind, können einen wichtigen Mehrwert bei der Schaffung eines „nordeuropäischen Marineschiffbaus“ liefern.

Christian Freiherr von Oldershausen ist Vice President und Segment Director Navy & Government Vessels bei DNV GL. Kapitän zur See a.D. Marcel Hendriks ist ehemaliger niederländischer Marineattaché in Berlin.

Fotos: Marine Nationale, US Navy

 

27. Apr. 2021 | 0 Kommentare

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