Seit Jahren besteht eine enge Kooperation des deutschen Seebataillons mit dem Königlich niederländischen Korps Mariniers. Profitiert haben davon beide Seiten.
Die deutsch-niederländische Marinekooperation hat ihre Wurzeln in der frühen Einsicht einer wachsenden „Verantwortung der europäischen Bündnismitglieder, ihre besonderen Interessen [ggü. den USA] gemeinsam zu formulieren“ sowie der „Schere zwischen steigenden Verteidigungskosten und budgetären Begrenzungen“ durch militärische Zusammenarbeit zu begegnen. So stand es im Weißbuch des Jahres 1970 und dieses Rational erscheint heute aktueller denn je.
Die beiden Länder haben historisch gesehen ähnliche Interessen und Herausforderungen in Bezug auf ihre Seesicherheit und Verteidigung. Lange Jahre konzentrierte sich die Zusammenarbeit der Deutschen Marine und der Königlich Niederländischen Marine nahezu ausschließlich auf den Bereich der Schiffe und Boote und[ds_preview] dort insbesondere auf die Nutzung der besonderen niederländischen Expertise im Bereich der maritimen Luftverteidigung. Also im Schwerpunkt auf die Fähigkeit, feindliche Luftbedrohungen zu erkennen, zu identifizieren und zu bekämpfen.
Im Zuge der Verkleinerung der Bundeswehr nach Ende des Kalten Kriegs wurden die amphibischen Kräfte der Deutschen Marine abgebaut und die Strandmeisterkompanie mit ihren Amphibien- und Landungsfahrzeugen und den Mehrzwecklandungsbooten zum 31. März 1993 aufgelöst. Damit verlor die Deutsche Marine ihre amphibische Fähigkeit, konkret die Fähigkeit zu militärischen Landungsoperationen von See auf Land.

Anlandung deutscher Soldaten auf der niederländischen Insel Texel, Foto: Bw/Nico Theska
Das heutige Seebataillon wurde 2014 neu aufgestellt. Zu seinen Aufgaben gehören die weltweite Durchführung militärischer Evakuierungsoperationen und die Beteiligung an amphibischen Operationen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung. Dieser Anspruch spiegelt sich auch im Leitspruch des Seebataillons wider: „Vom Meer zum Land – vom Land zum Meer“. Unverändert blieb jedoch, dass die Deutsche Marine bis heute nicht über amphibische Schiffe oder Boote verfügt und so das Seebataillon amphibische Operationen weder mit eigenen Mitteln trainieren noch eigenständig durchführen kann. Eine Kooperation mit den Niederlanden sollte Abhilfe schaffen. Die Königlich Niederländische Marine ist nicht nur eine im europäischen Vergleich starke Marine, sie verfügt auch mit großen amphibischen Landungseinheiten und mit dem auf amphibische Operationen spezialisierten Korps Mariniers über eine hervorragende Expertise auf diesem Gebiet. Im Jahr 2016 unterzeichneten die damaligen Verteidigungsministerinnen der Niederlande und Deutschlands auf der niederländischen KAREL DOORMAN einen Vertrag über die Mitnutzung dieses niederländischen Joint Support Ships durch das deutsche Seebataillon. Zudem sollte das Seebataillon mit Hilfe des Korps Mariniers amphibische Grundfertigkeiten und Kenntnisse wiedererlernen und – so das ambitionierte Ziel – schlussendlich in das Korps integriert werden. Die Integration niederländischer Heereseinheiten in das Deutsche Heer war hier beispielgebend.

Maschinengewehrtrupp im simulierten Feuerkampf, Foto: Bw
Auf Grundlage dieser Vereinbarung besteht seit 2016 die enge Kooperation zwischen diesen beiden Einheiten. So schickt das Seebataillon jedes Jahr eine Einheit zum Gebirgs- und Winterkampftraining nach Norwegen, selbstverständlich integriert in das Korps Mariniers. Zunächst verfügten die deutschen Seesoldaten nicht über die richtige Ausrüstung, um in diesem klimatisch schwierigen Gebiet effektiv trainieren zu können. Anfangs musste daher vieles bei den niederländischen Kameraden geliehen werden. Die gesammelten Erfahrungen zahlten sich jedoch schnell aus, sodass nach und nach die notwendige Ausrüstung beschafft und damit die Kampfkraft des Seebataillons kontinuierlich gesteigert werden konnte. Diese Kooperation wurde währenddessen kontinuierlich weitergeführt und intensiviert. Verteidigungsminister Boris Pistorius und seine niederländische Kollegin Kajsa Ollongren bekräftigten im November 2023 mit einer neuen Absichtserklärung unter anderem die Absicht, die enge Zusammenarbeit der beiden Marineinfanterieeinheiten fortzuführen.

Skijöring dient der Fortbewegung
per Ski und Kraftfahrzeug, Foto: Bw
Zusammenarbeit zahlt sich aus
Das Seebataillon hat seine amphibische Expertise erfolgreich aufgebaut. Es nimmt an kleinen und großen amphibischen Übungen von Partnerstaaten oder im NATO-Rahmen beispielsweise an Nordic Response teil – gemeinsam mit und oft als Teil des niederländischen Korps Mariniers. Im Jahr 2019 wurde das Seebataillon auf der JOHAN DE WITT zu einer gemeinsamen Übung in der Karibik eingeschifft. Was im September 2019 als Übung begann, mündete schließlich in einen gemeinsamen humanitären Hilfeeinsatz von niederländischen und deutschen Soldaten, nachdem Hurrikan Dorian die Bahamas heimgesucht und schwere Verwüstungen hinterlassen hatte. Die 2016 begonnene Zusammenarbeit und das gemeinsame Training zahlten sich aus. Gemeinsam versorgten die Soldaten die Bevölkerung mit dringend benötigten Nahrungsmitteln und Trinkwasser und erstellten ein Lagebild der Zerstörungen für die nachfolgenden Hilfsorganisationen.
Seit 2022 führt das Seebataillon an der Gebirgsjägerschule in Mittenwald ein eigenes Winterkampftraining durch. An dieser Ausbildung nimmt im Gegenzug zur deutschen Teilnahme in Norwegen regelmäßig das in das Seebataillon integrierte Korps Mariniers teil. So werden auch in diesem Herbst wieder rund 20 niederländische Marineinfanteristen den Winterkampf trainieren.
Nach dem Aufbau von Expertise erfolgt nun schrittweise eine Anpassung der materiellen Ausstattung für die amphibischen Fähigkeiten des Seebataillons. Mit der Beschaffung von schnellen Einsatzbooten wird ein weiterer Baustein Richtung Aufbau eigener amphibischer Kapazitäten in Deutschland gelegt.
Im Jahr 2023 schloss erstmals ein Offizier des Seebataillons die niederländische Zugführerausbildung, das sogenannte Potom (Praktische Opleiding tot Officier der Mariniers), erfolgreich ab. Das Potom gilt in den dortigen Streitkräften als die forderndste und anspruchvollste militärische Ausbildung überhaupt und setzt extreme körperliche und mentale Fitness voraus. Ziel der deutschen Teilnahme ist es, das militärische Selbstverständnis und die Führungskultur der Niederländer zu verstehen. Dabei soll die niederländische Führungskultur jedoch nicht kopiert werden. Das Selbstverständnis und das Führungsverhalten der beiden Einheiten sind weiterhin – und zwar gut begründet – unterschiedlich. Um die Zusammenarbeit weiter zu stärken und sicherzustellen, dass die niederländische Mariniers-DNA auch im Seebataillon abgebildet ist und um einen gegenseitigen Austausch zu den Fähigkeiten und Besonderheiten des Seebataillons auf niederländischer Seite zu fördern, wurde Anfang 2024 ein niederländischer Portepeeunteroffizier beim Seebataillon in Eckernförde stationiert. Beim niederländischen Korps Mariniers in Doorn befindet sich bereits seit mehreren Jahren ein deutscher Austauschoffizier.

Erstmals schloss ein deutscher Offizier die
niederländische Zugführerausbildung
erfolgreich ab, Foto: Bw/Kronenberg-Diercks
Neue Perspektiven
Beide Verbände orientieren sich derzeit neu. Die aus dem Ukrainekrieg gezogenen Lehren haben erneut vor Augen geführt, dass in zukünftigen Konflikten Flexibilität der Schlüssel ist, um im hochintensiven Gefecht mit einem technologisch gleichwertigen oder überlegenen Gegner bestehen zu können. Dafür müssen die derzeitigen Strukturen angepasst werden. Das Korps Mariniers plant ein neues sogenanntes Force Design, das darauf abzielt, in kleinen, sehr leistungsfähigen und hochspezialisierten Gruppen zukünftig überall auf der Welt kämpfen zu können und anschlussfähig an Spezialkräfte zu sein. Hierbei spielt die Zusammenarbeit zwischen britischen und niederländischen amphibischen Kräften eine wichtige Rolle. Die britischen und niederländischen Marineinfanteriekräfte haben ein vergleichbares Auftragsspektrum mit Blick auf die Überseegebiete beider Staaten und darüber hinaus ein ähnliches Kampf- und Führungsverständnis.
Gleichzeitig durchläuft auch das Seebataillon eine umfassende Revision und Strukturanpassung. Mit der Aufnahme von Finnland und Schweden in die NATO ergeben sich für das Seebataillon in der Ostsee neue Perspektiven der Kooperation. Ob mit Blick auf diese Entwicklungen das Ziel der gegenseitigen Unterstellung der deutsch-niederländischen Infanterieverbände nach dem Muster der Heereskräfte in naher Zukunft realisiert wird, ist derzeit unklar. Eines ist jedoch trotzdem sicher: Die internationale Zusammenarbeit wird weiterhin entscheidend sein für den Fähigkeitsaufbau und den Fähigkeitserhalt des Seebataillons der Deutschen Marine. Das niederländische Korps Mariniers wird mit seiner hervorragenden Expertise auch in Zukunft herausragender Partner für die Kooperation bleiben. Die Fragestellung, die nach Abschluss der jeweiligen Umstrukturierungen und laufenden Anpassungen die Entscheidungsträger auf beiden Seiten beschäftigen wird, ist, in welchen Bereichen die Zusammenarbeit bestehen bleibt und wo diese Zusammenarbeit möglicherweise noch ausgebaut und intensiviert werden kann.
Fregattenkapitän Christina Kronenberg-Diercks ist tätig im Marinekommando, Planung Internationale Kooperation. Fregattenkapitän Clemens Staffelt ist in der Gruppe Amphibischer Einsatz des Seebataillons tätig.
Christina Kronenberg-Diercks und Clemens Staffelt










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