Indischer Flottenverband mit den Flugzeugträgern VIKRAMADITYA und VIKRANT im Arabischen Meer, Foto: Indische Marine

Indischer Flottenverband mit den Flugzeugträgern VIKRAMADITYA und VIKRANT im Arabischen Meer, Foto: Indische Marine

Größe zählt

Indien fühlt sich als aufstrebende Nation und wird immer selbstbewusster. Das spiegelt sich auch in den maritimen Ambitionen des Landes wieder.

Die Atommacht Indien baut ihre Marine zielstrebig weiter aus. Das Rüstungs- und Modernisierungsprogramm umfasst neben Zerstörern, Fregatten, Korvetten und U-Booten auch Flugzeugträger und strategische U-Boote. Damit wächst Indiens Marine, die sich längst als starke blue water navy mit der Fähigkeit zu weitreichenden Operationen versteht, zu einer maritimen Regionalmacht in Südostasien auf und strebt die Vorherrschaft im Indischen Ozean an. [ds_preview]Hierfür hat sich Indien auch das derzeit dominierende Strategiekonzept des „freien und offenen Indopazifik“ in der Geopolitik zu eigen gemacht. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hatte bereits 2021 im UN-Sicherheitsrat beim Thema maritime Sicherheit angekündigt, Indien sei auf dem Wege „eine maritime Nation“ zu werden, die den Indik als mare nostrum betrachtet. Tage zuvor war mit der VIKRANT der erste in Indien gebaute Flugzeugträger zu Testfahrten in See gestochen.

Chakra II, ein Nuklear-U-Bootder Akula-Klasse, Foto: MoD Indien

Chakra II, ein Nuklear-U-Boot der Akula-Klasse, Foto: MoD Indien

Das aufstrebende Land will bis 2028 Japan und Deutschland wirtschaftlich überholt haben und nach den USA und China zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt herangereift sein. Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien wurde von Indien bereits von Platz fünf verdrängt. Ende 2023 wird Indien mit über 1,4 Milliarden Menschen den Erzrivalen China überrundet haben und so zum bevölkerungsreichsten Land der Welt werden. 2030 könnte der Subkontinent schon über 1,5 Milliarden Menschen zählen. Die Bevölkerung ist jung, ihr Durchschnittsalter beträgt 28 Jahre. Rund 600 Millionen Inder sind jünger als 25 Jahre. Bezeichnend ist, dass sich jüngst auf 40 000 neue Dienstposten in den Streitkräften 3,5 Millionen junge Menschen beworben haben. Bei der Eisenbahn bemühten sich zwölf Millionen junge Menschen um 35 000 Stellen. Indiens Streitkräfte umfassen 1,35 Millionen Soldaten, 1,17 Millionen Reservisten und 1,29 Millionen paramilitärische Kräfte. Damit unterhält Indien nach der Anzahl der Soldaten die zweitgrößte Streitmacht nach China in der Welt. Nach Schätzungen des Stockholmer Friedensinstituts Sipri lag das Land mit seinen Verteidigungsausgaben in Höhe von 81,4 Milliarden Dollar im Jahr 2022 weltweit an vierter Stelle nach den USA (877 Mrd.), China (292 Mrd.) und Russland (86,4 Mrd.).

Strategische Autonomie
In der Sicherheits- und Außenpolitik vertritt Indien als Teil der Blockfreien vornehmlich eigene nationale Interessen. Die gegenwärtige Weltordnung wird als vom Westen dominiert empfunden. Dennoch teilt Indien mit dem Westen nicht nur das demokratische System, sondern auch das tiefe rivalisierende Misstrauen gegen China. Indien, das seit Jahrzehnten einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat beansprucht, strebt mehr Multilateralismus und grundsätzlich eine multipolare Welt an, in der neben den USA und China auch Russland, Europa und die Länder des Südens ihre Interessen vertreten können. So versteht sich Indien im Verlauf des diesjährigen G-20-Vorsitzes als Vorreiter des globalen Südens, also der Schwellen- und Entwicklungsländer. Bei der Resolution der UN-Vollversammlung zu Russlands Krieg gegen die Ukraine enthielt sich das Land der Stimme, plädierte aber für ein Ende des Krieges. Da Indien von russischen Waffen- und Energielieferungen abhängig ist, hält es an seinem ehemaligen Verbündeten fest. Westlichen Aufforderungen, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen und den Kauf von verbilligtem russischen Öl einzustellen, verwies Indien auf das Millionenheer von Armen, das ernährt und vorangebracht werden müsse. Innerhalb von 15 Jahren konnten zwar über 400 Millionen Menschen aus der Armut befreit werden, doch immer noch leben 229 Millionen unter der Armutsgrenze. Ihre Versorgung sei nur möglich, wenn die Wirtschaft wachse. Seit Beginn des Ukrainekriegs importiert das Land daher mehr russisches Öl als je zuvor.

Die VAGIR der KALVARI-Klasse wurde auf Basis der französischen SCORPENE-Klasse in Indien gefertigt,Foto: Indische Marine

Die VAGIR der KALVARI-Klasse wurde auf Basis der französischen SCORPENE-Klasse in Indien gefertigt, Foto: Indische Marine

Indien verfolgt mit seinem Prinzip der strategischen Autonomie, der Bündnis- und Blockfreiheit, einen eigenen Kurs. Dennoch gehört der Subkontinent dem maritimen Sicherheitsbündnis Quadrilateral Security Dialogue (Quad) an, zu dem sich die vier großen Demokratien der indopazifischen Region Indien, die USA, Australien und Japan zusammengeschlossen haben. Die Quad-Staaten begreifen sich primär als Wirtschaftspartnerschaft. Doch ihr eigentlicher Schwerpunkt liegt in der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, um gegen Chinas Vordringen im indopazifischen Raum ein Gegengewicht zu bilden. Dazu hat das Quad-Forum erklärt: „Der indopazifische Raum ist zugänglich und dynamisch, unterliegt dem Völkerrecht und grundlegenden Prinzipien, wie der Freiheit der Schifffahrt und der friedlichen Beilegung von Streitigkeiten. Alle Länder sind in der Lage, ihre eigenen politischen Entscheidungen ohne Zwang zu treffen. In den letzten Jahren ist diese Vision zunehmend (von China) auf die Probe gestellt worden.“ Indien agiert realistisch und hat erkannt, dass nur die USA mit ihren Verbündeten stark genug sind, um ein Gleichgewicht gegen China zu bilden und kooperiert daher mit den Quad-Staaten. Gilt es doch, das Prinzip der strategischen Autonomie mit sicherheitspolitischen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen.

Partner der Nachbarn
Indiens Marine ist dabei, zur viertgrößten der Welt aufzuwachsen. Die Personalstärke beträgt 68 000 Soldaten und 75 000 Reservisten. Bis 2027 soll die Flotte 150 Schiffe und 500 Luftfahrzeuge umfassen. Zum ihrem Kern gehören derzeit zwei Flugzeugträger (VIKRAMADITYA und VIKRANT), zwei Nuklear-U-Boote (CHAKRA II und ARIHANT), 16 konventionelle U-Boote, 11 Zerstörer, 16 Fregatten, 24 Korvetten, 10 Landungsschiffe, 32 Patrouillenboote, 4 Flottentanker und 7 Minenjagdboote. Zu den Marinefliegerkräften zählen Seefernaufklärer und Kampfflugzeuge vom Typ MiG-29K für die Flugzeugträger. Die großen Überwassereinheiten sind mit Hubschraubern der Typen Sea King, Ka-28 Helix und MH-90R ausgerüstet, die vor allem als U-Jagd-Hubschrauber fungieren. Zur Flotte der Maritime Patrol Aircraft gehören Flugzeuge der Typen Iljuschin Il-38, Tupolew Tu-22M und P-8A Poseidon sowie Do 228, die gemeinsam mit der Küstenwache zur Überwachung der Küstenregionen und zur Aufklärung eingesetzt werden. Zudem ist die Flotte mit über 30 Unmanned Aerial Vehicles (UAVs) der Typen Heron und Searcher II ausgerüstet.

Die Marine nutzt das nationale Satellitensystem Insat für Kommunikation, Aufklärung, Überwachung und Datenübermittlung. Es steht in einem 4000 Kilometer breiten Streifen über dem Indischen Ozean, dem Arabischen Meer und der Bucht von Bengalen zur Verfügung. Im Indik kann sich die Marine auf Stützpunkte in Mosambik abstützen, denn zwischen Indien und dem afrikanischen Land besteht ein Militärabkommen, das Ankerrechte und die Versorgung von indischen Kriegsschiffen regelt. Auch mit Mauritius bestehen enge militärische Bindungen. Die indischen Luftstreitkräfte kontrollieren den mauritischen Luftraum und die Marine nutzt ein Atoll der mauritischen Inselkette als Horch- und Überwachungsstation. Auf Madagaskar wird ebenfalls eine Überwachungsstation unterhalten, im Oman und in Vietnam wurden Hafen-, Anker- und Abstützrechte gesichert. Auch ist Indiens Marine verantwortlich für die Sicherung der Ausschließlichen Wirtschaftszonen von Mauritius, den Malediven und den Seychellen durch kontinuierliche Patrouillen mit See- und Seeluftstreitkräften. In einem Joint Command Center in Port Blair auf den Andamanen- und Nicobar-Inseln, kooperieren Marine, Heer, Luftwaffe und Küstenwache.

Flaggschiff der indischen Marine ist die VIKRAMADITYAFoto: Indische Marine

Flaggschiff der indischen Marine ist die VIKRAMADITYA, Foto: Indische Marine

Aufbau einer Schiffbauindustrie
Indien ist der größte Waffenimporteur der Welt. Vier Fünftel der Rüstungsimporte kamen bislang aus Russland. Doch die Abhängigkeit von großen Nachbarn soll reduziert werden, weshalb verstärkt Rüstungsgüter global eingekauft werden. Indiens Marine pflegt beispielsweise eine intensive rüstungstechnische Zusammenarbeit mit Israel, um Flugabwehr-FK-Systeme, Anlagen zur Elektronischen Kampfführung und Drohnen zu beschaffen. Mit den USA hat Indien jüngst eine Rüstungskooperation vereinbart, bei der es um die Beschaffung von UAVs und Seefernaufklärern geht. Vor allem wird der Aufbau einer eigenen Marineschiffbauindustrie gefördert, um in diesem hochwertigen Segment unabhängig zu werden und um künftig Neubauten auf eigenen Werften fertigen zu können. Auf der Mazagon-Werft in Mumbai wurden bereits Zerstörer und Fregatten gebaut. Vier weitere Zerstörer und acht neue Minenjagdboote sind geplant. Auch sollen elf neue Offshore Patrol Vessel und sechs neue Raketenkorvetten auf einheimischen Werften entwickelt und gefertigt werden.

Inzwischen baut Indien sogar Flugzeugträger auf heimischen Werften. Die VIKRANT, der erste selbst entwickelte und für 3,8 Milliarden Euro gebaute Flugzeugträger, ist bei Cochin Shipyards vom Stapel gelaufen. Der Träger ist mit Kampfflugzeugen vom Typ MiG-29K ausgerüstet. „Heute gehört Indien zu den Ländern der Welt, die einen so großen Flugzeugträger von 45 000 Tonnen mit einheimischer Technologie herstellen können“, sagte Ministerpräsident Modi bei der Indienststellung des Schiffes 2022. Der Bau eines zweiten Flugzeugträgers, der 65 000 Tonnen verdrängenden VISHAL, ist bereits bewilligt. 2025 soll das Schiff in Dienst gestellt werden. Insgesamt sollen drei neue Flugzeugträger gebaut werden, langfristig sind sechs Stück vorgesehen.

Indien hat erstmals ein Nuklear-U-Boot, die 6500 Tonnen verdrängende ARIHANT, selbst entwickelt. Ein zweites U-Boot, die ARIDHAMAN befindet sich schon im Bau, drei weitere U-Boote sind bewilligt. Insgesamt ist der Bau von sechs Nuklear-U-Booten beabsichtigt. Geplant ist auch die Beschaffung von sechs neuen konventionellen U-Booten, dem Projekt 751. Sie sollen mit ausländischem Technologietransfer in Indien von Mazagon Dock Shipbuilders gefertigt werden. Um den Auftrag hat sich auch Thyssenkrupp Marine Systems mit Unterstützung der Bundesregierung beworben. Bereits seit Jahren kooperieren die Firmen miteinander.

Dieter Stockfisch

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