Die Straße von Hormus ist ein bedeutendes Nadelöhr im weltweiten Handel mit Rohöl. Mehrfach haben die iranischen Streitkräfte bewiesen, dass sie den Seeverkehr mit einfachen Mitteln stören können.
Die Islamische Republik Iran und ihre Seestreitkräfte stellen einen Machtfaktor im Nahen Osten dar. Aus diesem Grund lohnt sich ein Blick auf diesen maritimen Akteur, der in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach als Gegner der Freunde und Verbündeten Deutschlands aufgetreten ist. In den Medien reicht das Bild von den iranischen Seestreitkräften als übermächtigem Gegner mit der Fähigkeit, die Straße von Hormus zu sperren, bis hin zur „Gurkentruppe“ mit Hang zu Unfällen und übertriebener Selbstdarstellung. Gelegenheit also, eine nüchterne Bewertung vorzunehmen. In diesem Artikel werden die iranischen Seestreitkräfte dargestellt, wobei insbesondere untersucht werden soll, welche Optionen sie in Krise und Krieg haben, um ihren Auftrag zu erfüllen.
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Auftrag
Einer Untersuchung über die iranischen Seestreitkräfte zufolge haben diese den Kernauftrag, einen Angriff von außen abzuwehren. Hier sind die USA der angenommene Hauptgegner. Die übrigen Gegner Irans in der Region, also Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, haben nicht die Fähigkeit zu einem erfolgversprechenden Angriff gegen das Land. Über ihre Stellvertreter stehen sie sich aber im Jemen militärisch und im Libanon politisch gegenüber. Für die Seestreitkräfte bedeutet dies, dass sie in der Lage sein müssen, dem Gegner die Nutzung der See für Angriffe gegen das Staatsgebiet des Iran zu verwehren. Darüber hinaus sollen die iranischen Seestreitkräfte ein glaubhaftes Abschreckungspotenzial gegen Angriffe von außen aufbauen.
Die Bemühungen um die Fähigkeit zur Sperrung der Straße von Hormus spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Ziel ist es, ein Bedrohungspotenzial aufrecht zu halten, das einen Krieg gegen den Iran zu einem Wagnis mit unkalkulierbarem Risiko macht. Nicht zuletzt sollen die iranischen Seestreitkräfte zudem die politischen und militärischen Ambitionen in der Region sichern. Hierzu dienen Unterstützungsleistungen für Verbündete in der Region, etwa für den Irak, die Hisbollah, die Hamas, oder Huthi-Rebellen), aber auch Flottenbesuche und Anti-Piraterie-Einsätze.

Maritime Einheiten der iranischen Streitkräfte
Struktur/Dislozierung
Die Seestreitkräfte Irans bestehen aus der Marine der regulären Armee (iranisch: Artesch) und dem maritimen Anteil der Revolutionsgarden (iranisch: Pasdaran). Die Pasdaran wurden nach der Islamischen Revolution 1979 gegründet und stellten ein Gegengewicht zu den regulären Streitkräften dar, die vor der Revolution dem gestürzten Schah treu ergeben waren. Sie verfügen über Land-, Luft- und Seestreitkräfte, strategische Raketentruppen und Spezialkräfte.
Die maritimen Anteile von Artesh und Pasdaran haben unterschiedliche geografische Verantwortungsbereiche. Die Pasdaran sind verantwortlich für das Seegebiet des Persischen Golfs. Die Gewässer außerhalb des Golfs sind Verantwortungsbereich der regulären Marine. Das Seegebiet um die Straße von Hormus teilen sich beide Organisationen. Die Revolutionsgarden bestehen grundsätzlich aus leichten Einheiten, die in der NATO als Spezialkräfte bezeichnet werden würden. Eine Ausnahme von dieser Regel stellen die strategischen Raketentruppen der Pasdaran dar.
Die seegehenden Einheiten der iranischen Seestreitkräfte werden durch Helikopter und P-3C Orion der Marineflieger unterstützt. Auch verfügt der Iran über umfangreiche Erfahrungen mit unbemannten Flugsystemen (Unmanned Aerial Vehicles, UAVs) zur Aufklärung und zum Einsatz gegen Ziele am Boden. Iranische Truppen und ihre Verbündeten setzen diese UAVs seit Jahren erfolgreich ein. Es kann daher angenommen werden, dass derartige Systeme zur Zieldatengenerierung gegen Seeziele auf größere Entfernungen eingesetzt werden können.
Eine wichtige Rolle spielen auch landgestützte Seeziel-Lenkflugkörper, von denen der Iran mehrere Hundert Stück in verschiedenen Versionen selber produziert hat. Sowohl die Pasdaran als auch die Artesh verfügen über mehrere Hundert auf Lkw montierte Lenkflugkörpersysteme. Aufgrund der großen Reichweiten der FKs (je nach Typ beträgt diese etwa 100 bis 300 Kilometer) stellen diese eine ernstzunehmende Bedrohung für Schiffe im Persischen Golf dar. Wegen der Beweglichkeit der Lkw und der Reichweite der FKs verfügen diese Systeme über eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit in einem Krieg, da die Zone, aus der heraus die FKs verschossen werden können, sehr groß ist. Mit Hilfe der schon erwähnten UAVs ist der Iran vermutlich in der Lage, die Reichweite seiner FKs auch ausnutzen zu können, da entsprechende Zieldaten verfügbar sein dürften.
Operationen
In den Konflikten der letzten zehn Jahre setzte der Iran im Ausland vornehmlich Einheiten der Revolutionsgarden ein. Diese kämpften im Irak und in Syrien und sind vermutlich auch im Libanon sowie im Jemen im Einsatz gewesen. In all diesen Operationsgebieten konnten die von den Pasdaran unterstützten Verbündeten des Iran Erfolge erringen, was oftmals mit der iranischen Hilfe in Verbindung gebracht wird. Eine explizit maritime Komponente hatte der Konflikt der jemenitischen Huthi-Rebellen mit der von Saudi-Arabien angeführten Militärallianz. Hierbei setzten die Huthi erfolgreich auf eine asymmetrische Kriegsführung, bei der sie konventionelle Waffensysteme wie Seeminen und Flugkörper, aber auch Kleinkampfmittel, beispielsweise ferngesteuerte Sprengboote, effektiv einsetzten. Die saudische Militärallianz verlor durch die Angriffe der Huthi mehrere Schiffe und Boote und schaffte es erst durch eine Eroberung des Küstenstreifens vom Bab-El Mandeb bis Hudaidah, dieser Gefahr Herr zu werden. In mehreren Fällen wurden iranische Waffen von vorrückenden Einheiten der saudischen Militärallianz geborgen. Hierbei handelte es sich um iranische Nachbauten der italienischen Manta-Seemine sowie um die erwähnten ferngesteuerten Sprengboote. Eine iranische Beteiligung an den Operationen der Huthi darf daher angenommen werden. Es ist also wahrscheinlich, dass die iranischen Revolutionsgarden im Jemen gelernt haben, Angriffe im maritimen Umfeld unter den Bedingungen gegnerischer Überlegenheit erfolgreich durchzuführen.
Neben den Erfahrungen in den „kleinen“ Kriegen der letzten Jahre verfügen die iranischen Streitkräfte auch über Kampferfahrungen aus dem ersten Golfkrieg (1980–1988) und aus Gefechten gegen die US Navy in dieser Zeit. Insbesondere im sogenannten „Tankerkrieg“ (1987–1988) kam es mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen iranischen und amerikanischen Einheiten. Wenngleich diese Gefechte für die iranische Seite verlustreich waren, darf angenommen werden, dass die iranischen Seestreitkräfte hierbei Erfahrungen sammeln konnten. Insgesamt kann daher angenommen werden, dass die Seestreitkräfte Irans über vielfältige Kampferfahrungen in verschiedenen Konflikttypen verfügen, auch wenn diese teilweise lange zurückliegen. Auch ist bekannt, dass der Iran die Konflikte der USA im Irak und in Afghanistan intensiv studiert und analysiert hat. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass die iranischen Seestreitkräfte auf einen Konflikt mit westlichen Gegnern vorbereitet sind.
Neben den verschiedenen Kampfeinsätzen führt die reguläre iranische Marine seit Jahren regelmäßig Anti-Piraterie-Einsätze in den Gewässern um Somalia durch. Hierzu wird meistens ein kleiner Verband, bestehend aus ein bis zwei Fregatten oder Korvetten sowie einem Versorgungsschiff, zusammengestellt, der dann für drei bis vier Monate in See steht. Neben dem Kernauftrag des Schutzes der Seewege vor Somalia wird der Verband auch als „Botschafter in Blau“ eingesetzt. In dieser Rolle haben iranische Anti-Piraterie-Verbände Häfen zwischen Südafrika und Indonesien angelaufen. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass der Iran seit mehreren Jahren ein Handelsschiff im südlichen Roten Meer unterhält, welches als Mutterschiff für bewaffnete Eskorten von passierenden Frachtern dient. Iranische Handelsschiffe nehmen bei Reisen durch die Gewässer vor Somalia regelmäßig derartige Eskorten an Bord. Der Iran folgt damit einer international gängigen Praxis.

Iranisches U-Boot der Kilo-Klasse
Optionen im Konflikt
Im Falle eines Angriffs von außen dienen die weiteichenden Lenkflugkörpersysteme dazu, den Gegner auf Distanz zu halten. Auf mittlere Distanz sollen zudem Minen, Schnellboote und Unterseeboote den Gegner abnutzen. Unmittelbar vor der Küste kommen dann Schwarmangriffe durch Sturmboote hinzu. Diese tiefgestaffelte Verteidigungsfähigkeit würde durch eine strategische Offensive ergänzt. Diese Offensive bestünde aus Angriffen gegen strategische Ziele des Gegners weltweit. Die Ölinfrastruktur der Region bietet hierfür ebenso lohnende Ziele wie Häfen im erweiterten Nahen Osten.
Im Falle eines Konfliktes kann die iranische Führung im Persischen Golf Druck auf ihre Gegner ausüben. Auch unterhalb der häufig in den Medien erwähnten „Sperrung“ der Straße von Hormus bieten die Geographie und die Fähigkeiten der iranischen Seestreitkräfte hierzu verschiedene Möglichkeiten. Da ein Teil der Schifffahrtsstraßen in der Straße von Hormus durch iranische Territorialgewässer verläuft, könnte Iran polizeiliche Maßnahmen ergreifen, um den Verkehr dort zu stören. Denkbar sind Kontrollen durch Polizei oder Küstenwache, um internationale Standards in Arbeits- und Umweltschutz durchzusetzen. Ein Schiff im Rahmen einer solchen Kontrolle festzuhalten, lässt sich vermutlich leicht begründen. Der Iran könnte zudem Auflagen erlassen, beispielsweise eine Lotsenpflicht oder Abgasregeln, und allen Schiffen die Einfahrt verweigern, wenn sie diese nicht erfüllen. Bei dieser Option ist es nicht erforderlich, dass die Auflagen einer gerichtlichen Überprüfung standhalten. Es ginge zunächst ja nur darum, durch eine Polizeiaktion den Verkehr zu behindern, um damit Druck aufzubauen. Je harmloser der Grund, desto schwieriger wäre es für Irans Gegner, die Durchfahrt militärisch zu erzwingen.
Da der Iran neben dem Festland auch verschiedene Inseln in der Straße von Hormus besitzt, hat er von verschiedenen Richtungen aus die Möglichkeit, auf den Schifffahrtsweg einzuwirken. Manöver der iranischen Seestreitkräfte könnten temporäre Sperrungen von Seegebieten begründen. Bei Schießabschnitten könnten „versehentlich“ unbeteiligte Handelsschiffe getroffen werden. Man könnte verkünden, dass man in Folge einer Havarie Seeminen „verloren“ habe, für deren Bergung ebenfalls Sperrungen notwendig sind.
Wäre man in Teheran bereit, ein größeres Risiko einzugehen, könnte man damit beginnen, verdeckt Seeminen zu legen. Auch wären verdeckte Angriffe gegen Tanker auf Reede oder in den Ölverladehäfen der Gegner Irans vorstellbar. Am 12. Mai 2019 wurden vier Supertanker auf Reede vor Fujaira zeitgleich mit einer Haftladung am Maschinenraum angesprengt. Auf allen vier Schiffen lief der Maschinenraum voll Wasser, ohne dass Öl austrat oder Schiffe verloren gingen. Am 13. Juni 2019 ereigneten sich auf der norwegischen Front Altair und der japanischen Kokuka Courageous Explosionen, die vermutlich von Haftminen stammten. Beide Tanker waren zuvor in einem saudischen Hafen beladen worden und befanden sich zum Zeitpunkt des Vorfalls im Golf von Oman. Einige Haftminen wurden kurz oberhalb der Wasserlinie entdeckt und konnten unschädlich gemacht werden. Am 26. Februar 2021 ereignete sich auf dem Handelsschiff Helios Ray eine Detonation. Das Schiff hat einen israelischen Eigner und in israelischen Medien wurde der Iran für die Detonation verantwortlich gemacht. Ein ähnlicher Fall ereignete sich einen Monat später auf der Mt Lori. Erneut kam es zu einer Detonation an Bord eines Schiffes mit israelischem Eigner.
Ende März 2021 berichteten seriöse israelische Medien, dass sich Israel seit 2019 eine verdeckte Auseinandersetzung mit dem Iran um Schiffstransporte liefere. Demnach hätten israelische Spezialkräfte 2019 begonnen, iranische Handelsschiffe mit verdeckten Ladungen anzugreifen, was vom Iran nicht bekannt gemacht wurde. Ziel sei es, iranische Transporte – insbesondere nach Syrien – zu stören. Im Gegenzug hätten sich daraufhin mehrfach Detonationen auf Handelsschiffen ereignet, die mit Israel verbunden sind. Für diese Detonationen seien iranische Operationen verantwortlich. Die Urheber der hier genannten Angriffe sind bis heute nicht bekannt. An dieser Stelle soll auch nicht behauptet werden, dass der Iran für die hier genannten Angriffe verantwortlich ist. Vielmehr geht es darum, dass es dem Iran möglich ist, derartige Angriffe durchzuführen und dass sie für ihn eine Einsatzoption darstellen. Die bisher bekannt gewordenen Vorfälle illustrieren, mit welchen Mitteln der Iran Druck auf seine Gegner ausüben könnte, ohne offen angreifen zu müssen. Alle sechs Vorfälle illustrieren, mit welchen Mitteln der Iran Druck auf seine Gegner ausüben könnte, ohne offen angreifen zu müssen.
Bei allen Überlegungen zur Sperrung der Straße von Hormus gilt es aber zu bedenken, welchen Schaden eine tatsächliche Sperrung für die iranischen Ölexporte verursachen würde. Der Iran ist in größerem Maße von einer Ausfuhr durch die Straße von Hormus abhängig als seine arabischen Gegner. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben eine Pipeline nach Fujaira gebaut, Saudi-Arabien verfügt über Pipelines zum Roten Meer. Beide Länder haben also Alternativen zum Schiffstransport durch das iranisch beherrschte Nadelöhr, während der Iran seine Transporte sicher durch die Straße von Hormus bringen muss.
Zusammenfassung und Bewertung
Die iranischen Seestreitkräfte sind nach hiesiger Bewertung in der Lage, ihren Auftrag gut zu erfüllen. Sie verfügen über verschiedene Einsatzoptionen, welche die maritimen Einsatzplaner westlicher Länder vor erhebliche Herausforderungen stellen dürften. Am interessantesten sind dabei jene Optionen, die unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges liegen. Für derartige Operationen hat sich im angelsächsischen Sprachgebrauch der Begriff „Operations in the Grey Zone“ oder „Grey Zone Activities“ etabliert. Die Behinderung der Schifffahrt in der Straße von Hormus ist eine davon. Verdeckte Angriffe gegen gegnerische Schiffe und Infrastruktur wären eine weitere Option. Beide bieten die Möglichkeit, Druck aufzubauen, um dann später Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren. Bei einer vollen Sperrung der Wasserstraße würde die iranische Wirtschaft großen Schaden nehmen. Sie ist daher nach hiesiger Bewertung aus iranischer Sicht nicht unbedingt das Mittel der Wahl. Vielmehr wäre eine Behinderung der Schifffahrt durch Schikanen, flankiert durch wenige verdeckte Operationen gegen strategisch relevante Ziele der iranischen Gegner das beste Mittel, um über einen längeren Zeitraum Druck aufzubauen. Gegen derartige Szenarien gilt es, sich vorzubereiten.
Neben der Betrachtung der iranischen Seestreitkräfte als potenzieller Gegner darf nicht vergessen werden, welche legitimen Interessen der Iran mit seinen Seestreitkräften verfolgt. Der Kampf gegen die Piraterie in den Küstengewässern Somalias zählt dazu. Diese Aufgabe liegt im Interesse Irans als Ölexporteur. In diesem Feld gab es in der Vergangenheit erste Ansätze für Kooperationen mit internationalen Partnern, etwa durch Teilnahme von iranischen Vertretern an internationalen Konferenzen.
Fregattenkapitän Sebastian Hamann ist im Einsatzführungskommando der Bundeswehr tätig. Der Artikel gibt die persönliche Meinung des Verfassers wieder.










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