Was wäre die Hansestadt ohne ihre facettenreiche maritime Wirtschaft? Obwohl der Marineschiffbau mit seinen Zulieferern und Dienstleistern selten Beachtung findet, spielt er technologisch auf Weltklasseniveau.
Für die maritime Industrie und Wirtschaft ist der Großraum Hamburg traditionell ein Gravitationszentrum, sei es der innovative (Marine-)Schiffbau, die weltumspannende Seeschifffahrt, die vielfältigen Schiffsausrüster und Schiffbauzulieferer, die effektive maritime Logistik, die Hafenwirtschaft oder die weltweit führenden Technologieanbieter und Anwender von Meeres- und Offshore-Technik. Zusammen mit einem umfassenden maritimen Dienstleistungsangebot und weltbekannten maritimen Bildungs-, Forschungs- und Versuchseinrichtungen sowie maritimen Verbänden und Organisationen ist der Großraum Hamburg der Standort der maritimen Industrie und Wirtschaft in Europa. Als Gravitationszentrum für den Marineschiffbau ist Hamburg zugleich intensiv vernetzt und verbunden mit der wehrtechnischen Industrie in den Küstenländern Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern.
Die maritime Industrie hat sich in den letzten 30 Jahren häufig umstrukturiert und ist bemüht, mit neuen innovativen Produkten im In- und Ausland eine wettbewerbs-fähige Marktposition zu erhalten. Besonders die Schiffbauindustrie ist durch Chinas Wettbewerbsverzerrungen und auch durch die Coronapandemie in akute Bedrängnis geraten. Der Marineschiffbau und die maritime wehrtechnische Industrie konnten trotz schwieriger Marktbedingungen und restriktiver Rüstungsexportregeln ihre Flexibilität und Leistungsfähigkeit erhalten. [ds_preview]
Marineschiffbau-Hochtechnologie

Mit dem Dock 10 besitzt B+V eines der größten überdachten Schwimmdocks in Europa. Grafik: Lürssen/Sobek
Das traditionelle Herzstück im Marineschiffbau stellt in Hamburg die 1877 gegründete Werft Blohm+Voss (B+V) dar, die sich innerhalb von wenigen Jahren eine bedeutende Rolle beim Aufbau der Kaiserlichen Marine sichern konnte. Vor allem liefen Schlachtkreuzer vom Stapel. Auch die Hamburger Reedereien wie Hapag, Hamburg Süd oder Laeisz entdecken die Schiffsbaukompetenz vor ihrer Haustür und bestellen die modernsten Handelsschiffe ihrer Zeit. Rund 100 U-Boote baute B+V für die Kaiserliche Marine. Zwischen 1918 und 1933 lag der Marineschiffbau am Boden. Danach stiegen die Rüstungsaufträge wieder an. So wurde 1933 das Segelschulschiff GORCH FOCK gefertigt, und es begann der Bau von Wasserflugzeugen. 1939 lief das 53 000 Tonnen verdrängende Schlachtschiff BISMARCK vom Stapel. Auch wurden wieder U-Boote gebaut; allein vom Typ VII C waren es 171 U-Boote.
Nach Kriegsende 1945 beschlossen die Alliierten die Demontage der Werft. Die Zahl der Beschäftigten sank von 16 000 auf knapp 200. Aber 1951 gründeten Rudolf und Walther Blohm die Steinwerder Industrie AG, die wieder Schiffsreparaturen durchführen durfte. 1955 hieß die Werft wieder Blohm & Voss AG. Neben Handelsschiffen wurden auch wieder Marineschiffe gebaut, wie 1958 die neue GORCH FOCK für die Bundesmarine.
2005 entstand Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) aus der Fusion der ehemaligen Howaldtswerke Deutsche Werft (HDW) in Kiel und Blohm+Voss Naval in Hamburg und Emden. 2011 verkauft Thyssenkrupp die Werft an den britischen Fonds Star Capital Partners. 2016 hat die Lürssen-Gruppe aus Bremen, der in Hamburg bereits die Norderwerft gehört, das Hamburger Schiffbauunternehmen von den Briten übernommen. Der damalige Wirtschaftssenator nannte den Verkauf an Lürssen eine gute Entscheidung für den maritimen Standort Hamburg: „Damit wird der Werftbetrieb auf ein solides Fundament für die Zukunft gestellt. Blohm+Voss und der Schiffbau in Hamburg haben wieder eine Perspektive.“ Der Name Blohm+Voss werde fortgeführt, es bleibe ein eigenständiges Unternehmen mit eigener Ergebnisverantwortung und eigenem Management, hieß es bei Lürssen. Mit Blick auf den Marineschiffbau nutzt Lürssen neben dem strategisch günstig gelegenen Standort Hamburg die traditionellen Kompetenzen der Werft für den Neubau komplexer Marineschiffe.
So lieferte B+V für die Deutsche Marine das Design für die vier Fregatten Klasse 123 und fertigte das Typschiff, die BRANDENBURG. Gleiches galt für die drei Fregatten Klasse 124 mit dem Typschiff SACHSEN. Von den fünf Korvetten der Klasse 130 wurden das Typschiff, die BRAUNSCHWEIG, und die OLDENBURG in Hamburg gebaut. Auch wurden vier Fregatten der Klasse 125 von der Arge F 125 (TKMS/Blohm+Voss und Fr. Lürssen Werft) gebaut und bei B+V in Hamburg zusammengebaut und endgefertigt. Ebenso werden die neuen Korvetten des zweiten Loses von der Arge K 130 (Fr. Lürssen Werft, TKMS und German Naval Yards Kiel) bei den Hamburgern fertiggestellt. Schließlich will die niederländische Damen Schelde Shipbuilding (DSNS) gemeinsam mit dem deutschen Partner Blohm+Voss als Teil der Fr. Lürssen-Gruppe unter Einbindung von German Naval Yards Kiel die neuen Fregatten 126 in Hamburg, Kiel und Wolgast bauen.

Gebaut wurde das Typschiff der deutschen Korvetten, die Braunschweig, von der Arge K 130 in Hamburg. Foto: Bw/Steve Back
Innovative Technologien
Neben der maritimen Großindustrie haben sich in Hamburg viele mittelständische Zulieferer für maritime Spitzentechnologien angesiedelt, die über ein breites Spektrum wehrtechnischer Schlüsseltechnologien und Kernfähigkeiten verfügen:
Siemens Marine produziert vor allem elektrische Antriebssysteme, Automatisierungssysteme und Schaltanlagen für U-Boote und Überwassereinheiten. Über 150 U-Boote weltweit wurden bislang mit elektrischen Antrieben (E-Motoren, Brennstoffzellen) ausgerüstet. Dazu zählen insbesondere die U-Boote der Klasse 212A und die Fregatten Klasse 125 der Deutschen Marine. E-Motoren von Siemens sind auch auf Fregatten, Offshore-Patrol Vessels, Minenjagdbooten und amphibischen Joint Support Ships mit Pod-Antrieb befreundeter Marinen eingerüstet.
Seit 142 Jahren ist Engie Axima Germany, vormals Noske-Kaeser Maritime Solutions, ein weltweit anerkannter Anbieter und Entwickler maritimer Spitzentechnologie in den Bereichen Klima und Lüftung, ABC-Schutz, Brandschutz, Kühltechnik, Rohrleitungen für Überwasserschiffe und U-Boote. So hat das Unternehmen die Fregatten der Klassen 123, 124 und 125 sowie die Korvetten der Klasse 130 mit diesen Technologien ausgerüstet. Auch die zukünftigen Fregatten der Klasse 126 sollen Anlagen aus diesem Haus erhalten. 2018 wurde Noske-Kaeser von der Engie-Axima-Gruppe übernommen.
Mit Becker Marine Systems hat der weltweit größte Ruderhersteller in Hamburg seinen Sitz. Neben Spezialrudern für alle Schiffstypen entwickelt das Unternehmen auch LNG-Hybrid-Technologien. Die größten Containerschiffe der Welt fahren mit Ruderanlagen von Becker. Auch für die Fregatten der Deutschen Marine hat Becker Marine Systems die Ruder gefertigt und ausgeliefert. 2021 ist das Hamburger Hightech-Unternehmen zu über 50 Prozent an das japanische Unternehme Nakashima Propeller gegangen. Beide Unternehmen behalten aber ihren Namen. Auch das Management verbleibt in Hamburg.
Das zentrale Entwurfs- und Planungsbüro für Marineschiffe in Deutschland ist die Marinetechnik GmbH (MTG). Es zeichnet sich für Entwürfe unkonventioneller und innovativer Überwasserschiffe aus und war an den Planungen für die Fregatten der Klassen 123 und 124, 126 und der Korvetten 130 maßgeblich beteiligt.
Im Jahr 1862 wurde mit der Plath GmbH in Hamburg ein international tätiges Unternehmen gegründet, das sich heute auf die militärische Funküberwachung und Funkortung spezialisiert hat. Plath entwickelt Kommunikationsaufklärungs-Systeme zur taktischen und strategischen Anwendung (Comint) und zur Elektronischen Kampfführung (Eloka).
im Bereich der Luftfahrt- und Militärtechnik ist die 1919 gegründete Autoflug GmbH tätig. Zu den innovativen Produkten zählen Rettungs- und Sicherheitssysteme, ABC-Schutz, Rettungsflöße für U-Boote, Fallschirme, Schleudersitze oder militärische Sonderfahrzeuge.

Entwurf der Fregatte 126. Grafik: Damen
Die Hamburger Niederlassung von Transas Marine GmbH entwickelt maritime Software- und Hardwarelösungen, Navigationssysteme und insbesondere Simulationssysteme für alle Bereiche der Schifffahrt. Über 5500 Transas-Simulationssysteme in 106 Ländern für die Handelsschifffahrt, für Küstenwachen und für Marinen wurden bislang installiert.
50 Mitarbeiter der Rohde & Schwarz Vertriebs GmbH (R&S) sind in der Hansestadt für die Bereiche maritime Sicherheit und Verteidigung vertreten. R&S liefert Seestreitkräften in aller Welt sichere Kommunikationslösungen, die Interoperabilität und nationale Informationshoheit gleichermaßen ermöglichen. Als Projektbeauftragter hat R&S die Streitkräftegemeinsame Verbundfähige Funkausstattung (SVFuA) für die Bundeswehr entwickelt. Die Fregatten der Klasse 125 rüstet R&S mit Fernmeldeaufklärungssystemen und ESM-Anlagen aus.
Im Hamburger Vorort Wedel befindet sich die Betriebsstätte von Atlas Elektronik. Atlas gilt seit über 45 Jahren als führend in der Torpedo-Technologie. Über 150 U-Boote in über 20 Marinen der Welt sind mit mehr als 1700 Torpedos dieses Unternehmens ausgerüstet.
Für klimatechnische Systeme ist die Firma Aerius Marine GmbH in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Indien bekannt. Das Unternehmen hat die Fregatten der Klassen 124 und 125 sowie den Einsatzgruppenversorger Bonn damit ausgestattet. Zudem ist Aerius in internationale Marineprogramme eingebunden. So rüstet das Unternehmen die beiden Flugzeugträger der QUEEN-ELIZABETH-Klasse und die Fregatten des Typs 26 der Royal Navy klimatechnisch aus und installiert Brandschutz-Systeme auf den in Kiel gebauten israelischen Korvetten.
Konzentrierte maritime Expertise
Mit seinen zahlreichen maritimen Dienstleistungsanbietern, Forschungs-einrichtungen, Verbänden, Organisationen und Instituten verfügt Hamburg über eine weltweit anerkannte maritime Kompetenz. Dazu zählt das Center of Maritime Technologies (CMT), das sich auf die konzeptionelle und strategische Weiterentwicklung der maritimen Industrie in all ihren Bereichen in Deutschland und Europa konzentriert. Das Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen (CML) fühlt sich insbesondere für die Optimierung und Weiterentwicklung von Prozessen und Systemen in der Schifffahrt und in den Hafenbetrieben verantwortlich. Das Maritime Cluster Norddeutschland (MCN) fördert die Zusammenarbeit der fünf norddeutschen Küstenländer in der maritimen Branche, verschafft der maritimen Wirtschaft eine Stimme, ermöglicht Plattformen des Dialogs der einschlägigen Akteure und intensiviert die Schnittstellen zu anderen maritimen Branchen. Die Schiffbautechnische Gesellschaft (STG) bildet ein internationales Forum für den Schiffbau und die Meerestechnik.
Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) ist Sprachrohr und Interessenvertretung der Werften und maritimen Zulieferer. Schiffbau und Meerestechnik sollen künftig in Deutschland von Hamburg aus vorangetrieben werden. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) ist der Bundesspitzenverband der deutschen Seeschifffahrt seit 1913, der weltweit die Interessen der deutschen Reeder vertritt.
Nach dem Vorbild des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wurde 2017 das Deutsche Maritime Zentrum (DMZ) gegründet. Es soll die gesamte maritime Wertschöpfungskette miteinander vernetzen, stärken und voranbringen.
Bereits im Jahr 1867 wurde in Hamburg der Germanische Lloyd gegründet. Nach der 2013 vollzogenen Fusion mit Det Norske Veritas erfolgte in diesem Jahr die Umbenennung in DNV. Das international tätige Unternehmen wurde mit der Klassifizierung der künftigen Fregatten 126 beauftragt. Die Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA), in der Werften aus aller Welt die Entwürfe von Schiffsrümpfen erproben, gibt es seit 1913. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) ist der maritime Dienstleister für Schifffahrt, Wirtschaft und Meeresumwelt. Als Bundesbehörde gehört es zum Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Es verfügt über eigene Vermessungs- und Forschungsschiffe. Hamburg ist seit 1996 auch Sitz des Internationalen Seegerichtshofs (ISGH), der auf der Grundlage des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen 1982 gegründet wurde. Ebenfalls in Hamburg vertreten ist die Deutsche Marine mit dem Dezernat Handelsschifffahrt/Marineschifffahrtleitung als Schnittstelle zwischen militärischer und ziviler Seefahrt. Dort werden die jährlich publizierten Fakten und Zahlen zur maritimen Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland erarbeitet. Schließlich präsentiert sich Hamburg alle zwei Jahre mit der Leitmesse der maritimen Industrie und Wirtschaft SMM als Hauptstadt der maritimen Welt.
Autor: Dieter Stockfisch










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