Ranghohe Vertreter aus Marine und Wirtschaft kamen zur diesjährigen Jubiläumsveranstaltung des Marineworkshops in die norddeutsche Provinz. Dabei wurde klar: Beschaffung hat Priorität – zumindest in naher Zukunft.
… war das Motto des 25. Marineworkshops der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik in Linstow. Auch wenn dieser Titel aus Sicht praktischer Seemannschaft eher gewagt schien, handelte es sich in vielerlei Hinsicht um ein besonderes Ereignis. Sowohl der Workshop selbst als auch der 175. Geburtstag der Deutschen Marine waren schon vorab Anlass für gute Stimmung. Besonders der Rekord von 625 Besuchern und die 60 Aussteller aus der Rüstungsindustrie waren eindeutig ein Grund zum Feiern. Oder war es die Aussicht darauf, für die zu erwartenden Rüstungsprojekte aus dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro einen Happen zu ergattern? [ds_preview]Na sicher doch, und die Gelegenheit, sich bei Getränken und Speisen im bereits zum wiederholten Male ausgewählten und als Top-Tagungsort bekannten Hotel in Linstow darüber auszutauschen, konnte nicht besser sein.
Nach der einleitenden Rede am Vorabend durch den Schirmherrn, Konteradmiral Christoph Müller-Meinhard, kam dann auch sehr schnell die aus Vor-Coronazeiten gewohnte lockere Atmosphäre auf. Dieser Spirit setzte sich bei den Einleitungen durch Generalmajor a.D. Wolfgang Döring, Vorsitzender und Geschäftsführer der DWT, sowie durch Guido Gerdemann, Leiter Arbeitskreis Marineworkshop, am ersten Tag fort. Auch das Einspielen der morgendlichen Nachrichten des Norddeutschen Rundfunks über die Tagung war geschickt und wirksam gewählt, denn dadurch wurde jedem Teilnehmer bewusst, dass eine Tagung wie diese nicht im Verborgenen „allein unter Rüstern“, sondern in öffentlicher Wahrnehmung stattfand. Weitere zum Thema rein zufällig, aber sehr gut passende Jubiläen des Tages waren der 75. Jahrestag des Verfassungskonvents vom Herrenchiemsee und der nahende erste Jahrestag der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Ein Thema, welches hinsichtlich materieller Ausrüstung wie strategischer Ausrichtung immer wieder aufkam.

Stand von Damen, Foto: hsc
Mit Spannung erwartet wurde die Keynote des Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack. Er begann mit guten Nachrichten: Die deutsch-norwegische U-Boot-Kooperation geht jetzt in die Produktionsphase. Kaack hob hervor, dass dieses erfreuliche Ergebnis auch auf der Basis von Freundschaft und tiefem Vertrauen mit den norwegischen Partnern entstanden sei. Dafür habe er dem norwegischen Inspekteur das Ehrenkreuz der Bundeswehr verliehen. Und zur Erinnerung an den Geburtstag der Deutschen Marine 1848 nannte er es Deutschlandtempo, dass im vorvorigen Jahrhundert binnen zwei Jahren Schiffe für die Flotte fertiggestellt wurden. Ein launiger Satz, aber beileibe nicht nur als Scherz gedacht.
Mit Blick auf die Ereignisse rund um die Nord-Stream-Pipelines leitete er seine Vorstellungen von Seabed Warfare ein und verdeutlichte, dass man zwar viel wisse, aber noch mehr machen könne. Das Ziel sei es, ein Unterwasser-Lagebild als spezielles Format der Dimension See durch die Zusammenarbeit vieler Behörden zu erstellen. Die zukünftige Bedrohung sehe er weiterhin durch die russischen Marine, die aus seiner Sicht gestärkt aus dem Ukrainekrieg hervorgehen wird. Daher sei eine Kaltstartfähigkeit der Bestandsflotte unabdingbar. Dafür brauche man Führungsfähigkeit sowie Ersatzteile und Munition, letzteres unterstrich er erneut im Plural. Er skizzierte den sogenannten Kurs 2035+ als konkretes Modernisierungsprogramm der Marine. Dazu gehören nicht nur Obsoleszenzbeseitigungen, sondern neue Einheiten und ein Beschaffungs- und Instandsetzungsprozess mit besserer Planbarkeit. Sicher wird man es im Saal gern gehört haben, dass der Inspekteur dafür warb, auch über „Linie statt Klasse“ nachzudenken, um Produktionslinien beizubehalten.
Vizeadmiral Carsten Stawitzki, bekannt für die geschickte Nutzung sprachlicher Stilmittel, enttäuschte auch diesmal nicht: Verbindlich und nobel im Ton, führte er seine Ansicht zum Faktor Zeit in Rüstung und Beschaffung aus. Es sei ein Wert, nicht nur ein Kriterium. Er prophezeite, dass das Bild der Flotte sich deutlich wandeln werde. Stawitzki zeigte die zukünftigen Projekte auf, die den Kurs Marine 2035+ als Zielrichtung für die Ausrüstung ausmachen – dies sei der Auftrag für die „Marinerüster“, so der Admiral wörtlich. Er führte auch die zulaufenden Projekte auf – die Betriebsstoffversorger für 2025, die Flottendienstboote ab 2029. Sein Bild der Bestandseinheiten bestätigte einen deutlichen Schulterschluss mit dem Inspekteur.
Überhaupt war augenfällig, wie die Admirale Einigkeit in Inhalt und Ansprache miteinander demonstrierten. Fast beschwörend sagte er: „Keine Germanisierung“ und keine Sonderwünsche bitte. Er nannte Schlepper und Seefernaufklärer als Beispiel, um Verzögerungen und Komplikationen aus dem Weg zu gehen. Am Rande: Jede Erwähnung der P-8A Poseidon scheint inzwischen auch ohne den Hinweis der Übergangslösung zur ursprünglich französisch-deutschen Lösung auszukommen. Er betonte die Erfolgsgeschichte Warnowwerft und lenkte den Blick auf das Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine in Neustadt. Senn auch die zu Unrecht nur Hulk genannte EX-KÖLN verdiene mehr Respekt als „einzigartiges Ausbildungsmittel“.
Die Keynote der Industrie sprach Oliver Burkhard, CEO von Thyssenkrupp Marine Systems. Gut zu hören, dass ein CEO Industriepolitik als Teil einer staatlichen Räson und nicht nur als profitable Sparte der Wirtschaft sieht. Nicht zu überhören auch sein Hinweis, dass nicht jedes Jubiläum Anlass zum Feiern sei, wenn man an das Alter der Schiffe denke. Mit anderen Worten: mehr Aufträge bitte. Die Podiumsdiskussion des sich gut verstehenden „Teils der Familie, die anderen seien nicht eingeladen“ – so Burkhard – fanden sich denn in einer lebendigen Gesprächsrunde wieder, moderiert von Thomas Wiegold, der Nummer eins der Militärblogger in Deutschland mit seiner Website „Augen geradeaus!“.
Generalmajor Wolfgang Gäbelein sprach über „Entwicklungsperspektiven der Marine aus gesamtplanerischer Sicht“ und tat dies im Kontext von Fähigkeitsprofil und Finanzrahmen. Der Amtschef des Planungsamts der Bundeswehr zeigte damit einen eher ernüchternden Realitätsabgleich an der Schnittlinie von Budget und Betriebskosten auf. Bereits 2027 werden die Betriebskosten den Einzelplan 14 wohl bereits „auffressen“. Somit gewährte er dem Publikum seinen Blick auf das Sondervermögen, dem ab 2027 eine neue Rolle zukommt. Wann nennt man es endlich Schulden? Nochmal am Rande, aber interessant: Bei seinem Vortrag über den Marinebestand kamen Minenabwehreinheiten im dargestellten Fähigkeitsprofil der Bundeswehr nicht vor. War das Absicht?

Marine interessiert, Foto: hsc
Es folgten Vorträge der Vertreter von Rohde & Schwarz und der DLR sowie ein Vortrag über Schiffbau in Nordeuropa von Kapitän zur See Paul Flos, Vertreter der niederländischen Defensie Materieel Organisatie, der mit seiner Werbung für zentralisierte Zusammenarbeit einige Werftvertreter überrascht haben dürfte. Der mit Schwung vorgetragene Beitrag von Ludwig Eberle über die Airbus Eurodrone unterstrich die Absicht, sich nicht nur mit einem das Ausstellungsgelände dominierenden 1:1 Modell, sondern auch inhaltlich vor der ebenfalls anwesenden Konkurrenz aus den USA zu profilieren.
Favorit von Moderator Oberst a.D. Bernd Kögel waren die Postersessions, wie immer ein wichtiger und mit viel Hingabe vorbereiteter Teil des Austauschs. Am zweiten Tag wurde es ein bunter Mix aus Rüstungs- und Sicherheitspolitik. Es ging um die „Arktis im Wandel“, die „Einsatzreife der Fregatte F 125“, „Multidomain-fähige, kooperative Systeme“, um „Manned-Unmanned Teaming“, um Tender und um das Dreieck „Produktentwicklung, Beschaffung und Instandhaltung“ durch den Abteilungsleiter See im BAAINBw, Flottillenadmiral Andreas Czerwinski. Und die öffentliche Berichterstattung? Nun, der Folgetag brachte aufgrund des Vortrags von Oliver Burkhard die optimistischen NDR-Nachrichten, dass die Fregatten 127 in Mecklenburg-Vorpommern gebaut werden könnten. Es präsentierte sich dafür ein weiteres Unternehmen, das die F 127 gern für die Marine bauen würde: Damen Shipyards aus den Niederlanden – die Werft, die derzeit mit NVL die Fregatte 126 für die Deutsche Marine schweißt. Man ahnte in Linstow, dass sich eine Meinung gebildet hatte: Der Auftrag bleibt diesmal in Deutschland. Fazit: Eine sehr gute Veranstaltung mit Schulterschlusscharakter zwischen Auftraggeber und Industrie – ohne anwesende Politik – aber dem Dämpfer, dass der Auslöser für mehr Investitionen in die Rüstung auch gleichzeitig die inflationäre Bremse schlechthin ist: der Ukraine Krieg.
Holger Schlüter










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