Angesichts einer nach dem russischen Angriff in der Ukraine wieder möglichen Kriegssituation erschien das Konzept der Fregatte 125 vielen als überholt. Doch jüngst bewährte sich im Mittelmeer diese moderne Schiffsklasse.
Am 20. Oktober 2023, beinahe vier Jahre nach ihrer Indienststellung, stach die Fregatte Baden-Württemberg zu ihrem ersten Einsatz in See. Anderthalb Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und inmitten einer sich abzeichnenden geopolitischen und militärischen Umbruchphase, wurde das Konzept des Schiffes allerdings mancherorts als konzeptionell überholt angesehen. Die Ereignisse vom 22. Februar 2022 und die daraus resultierenden geopolitischen Verschiebungen deuteten auf das Ende des internationalen Krisenmanagements hin. Für die Besatzung Delta[ds_preview] unter der Führung von Fregattenkapitän Tilmann von der Lühe, die erstmals das Typschiff der sogenannten Stabilisierungsfregatten in den Unifil-Einsatz vor der Küste des Libanon führen sollte, waren dies keine ermutigenden Vorzeichen.
Die Baden-Württemberg-Klasse sollte ein Kriegsschiff mit dem Fokus Überwasserseekrieg werden, welches längere Einsatzzeiten fernab der heimischen Gewässer bewältigen sollte. Um diesem Konzept der Intensivnutzung entsprechend Transitzeiten zu verkürzen und Stehzeit im Einsatzgebiet zu erhöhen, wurde ein Mehrbesatzungsmodell entwickelt: Vier Schiffe mit insgesamt acht Besatzungen, wobei jeweils zwei Schiffe im Einsatz sind, während sich die anderen Einheiten in der Vorbereitungs- oder Nachbereitungsphase befinden.
Demografische Entwicklungen vorwegnehmend, wurde eine Standardgröße von 126 Besatzungsangehörigen ohne eingeschiffte Anteile festgelegt. Dies bedeutet im Vergleich zu früheren Klassen wie der Fregatte 123 oder der Fregatte 124 eine Halbierung der Besatzungsstärke bei erheblich größerer Tonnage. Gemäß Einsatzkonzept operiert die Besatzung standardmäßig in jeder Marschstufe außerhalb des Gefechts in einem Zweier-Wachsystem. Alle Seewächter besetzen somit zweimal am Tag ihre Seewachen für jeweils sechs Stunden und verbringen die restliche Zeit in Ruhe- und Nachbereitungszeit. Um dies zu ermöglichen, muss der Tagesdienst auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

Einlaufen auf Zypern, Foto: Bw
Ein hoher Grad an Automatisierung und Digitalisierung ist somit Grundvoraussetzung, um den Betrieb einer F 125 garantieren zu können. Gleichzeitig bestand die Herausforderung darin, neben einer geringeren Besatzungsstärke eine hohe Intensivnutzbarkeit im Einsatzgebiet zu gewährleisten, was einerseits eine Neuerung in der Marine darstellte und andererseits komplexe Problemstellungen mit sich brachte. Über die hieraus resultierenden Projektverzögerungen wurde bereits ausführlich – unter anderem im marineforum – berichtet.
Als langjähriger UN-Einsatz niedriger Intensität schien Unifil ein guter Startpunkt für die Baden-Württemberg zu sein, um sich unter weniger anspruchsvollen Bedingungen erstmalig im Einsatz zu bewähren. Hiervon konnte keine Rede mehr sein, als sich das Umfeld im Nahen Osten am 7. Oktober 2023 – und damit nur zwei Wochen vor dem Auslaufen des Schiffs aus Wilhelmshaven – mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel drastisch verschlechterte. Eine Ausweitung des Konflikts auf die Anrainerstaaten, insbesondere auf den Libanon, schien nicht mehr undenkbar. So wurden bereits wenige Tage nach dem Angriff deutsche Staatsbürger durch das Auswärtige Amt zur Ausreise aufgefordert, als der seit Jahren schwelende Schlagabtausch zwischen Hisbollah und Israel sich deutlich intensivierte.
Für viele Besatzungsangehörige wird das erste „Land in Sicht“ bei Naqoura vor der libanesischen Küste unvergesslich bleiben. In der Dunkelheit der Nacht erblickten wir erstmals Raketen des Iron Dome über der Gebirgskette in der Grenzregion zu Israel. Für einen Großteil der Besatzung war es die erste Sichtung einer militärischen Auseinandersetzung, und in den nächsten Monaten konnten die Soldaten täglich mehrfach mit bloßem Auge entsprechende Angriffe und Abwehrreaktionen beobachten.
Anstatt in einer simpleren Embargooperation langsam in den Einsatz hineinzuwachsen, lernte die Besatzung Delta unter anspruchsvolleren Bedingungen, ihrer Baden-Württemberg zu vertrauen. Zu Einsatzbeginn hatte die Besatzung das Schiff zwar bereits fast zwölf Monate betreut und betrieben, ihre Erfahrungen aber im Wesentlichen in Nord- und Ostsee bei Erprobungs- und Ausbildungsfahrten gesammelt. Vor der Küste des Libanon traf die Besatzung hingegen auf eine komplexe Luftlage mit regelmäßigen Kampfhandlungen im Landesinneren, darunter Bomben-, Raketen- und Artillerieangriffe, umfangreicher und vor allem uneindeutiger Drohnenaktivität und einem gesättigten elektromagnetischen Spektrum.
Die Bedrohungslage auf See konnte als gering bewertet werden. Als Einheit der Vereinten Nationen war die Baden-Württemberg kein Angriffsziel. Obwohl keine Bedrohung erwartet wurde, blieb das Risiko, Opfer fehlgeleiteter oder abgewehrter Angriffe zu werden. Dieses Risiko war jenseits der libanesischen Hoheitsgewässer überschaubar, stieg jedoch in unmittelbarer Nähe zum Land. Die Betrachtung der Fähigkeiten der Baden-Württemberg stand also immer im Kontext zu den Kampfhandlungen an Land und den hieraus zu erwartenden Einsatzszenarien für Einheit und Besatzung.
Führung, Aufklärung, Wirkung
Nach mehreren Monaten in diesem Umfeld ist es möglich, ein erstes Resümee über die Fähigkeiten des Waffensystems F 125 zu ziehen. Mit einer breiten Palette an Führungsmitteln, vom Sprechfunk bis hin zur Satellitenkommunikation, konnte die Baden-Württemberg wesentlich mehr bieten als der Unifil-Einsatz forderte. Das System zeigte sich äußerst flexibel konfigurierbar, sodass die Führungsfähigkeit sowohl im nationalen als auch im multinationalen Kontext jederzeit sichergestellt war. Vor dem Hintergrund der angespannten Lage vor Ort hätten weder die kurzfristige Einschiffung eines maritimen Einsatzstabs noch die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen an Bord oder die Bandbreite der Datenverbindungen als diese Führungsfähigkeit eingeschränkt.

Nur scheinbar herrscht Ruhe
im östlichen Mittelmeer, Foto: Bw
Zur Lagebildgewinnung standen der Baden-Württemberg das Multifunktionsradar TRS-4D für den Aufbau und die Überwachung von Luft- und Überwasserlage, die Kora 18 für die elektronische und zwei Multisensorplattformen 600 für die elektrooptische Aufklärung zur Verfügung. Insbesondere das Multifunktionsradar überzeugte, indem es jederzeit und unter allen Umwelteinflüssen ein zuverlässiges Luftlagebild in einem Radius mehr als 200 Kilometern bot. Von besonderer Relevanz war die Fähigkeit des TRS-4D, Artilleriegeschosse und Kleinstdrohnen aufzufassen. Hierdurch konnte die Baden-Württemberg über den Eigenschutz hinaus den UN-Truppen an Land sowohl Frühwarnung als auch Entwarnung bei Beschuss geben.
Der Lagebildaufbau geschah von der Erfassung bis hin zur Klassifizierung nahezu vollautomatisiert. Die Seewächter in der Operationszentrale mussten sich lediglich auf Qualitätskontrolle, Einschätzung der Lage und Verteilung des Lagebildes fokussieren. Da die Informationen der Sensoren jederzeit optisch durch das Brückenpersonal anhand der darauffolgenden Explosionen an Land verifiziert werden konnten, lernte das operative Personal schnell, den Sensoren zu vertrauen.
Die Möglichkeit, das gesamte Waffensystem – inklusive der Oberdeckswaffen – zentral aus der Operationszentrale zu steuern, ist eine der wesentliche Neuerungen im Vergleich zu älteren Fregattenklassen. Wo früher im Bereich der Maschinengewehre noch eine Bordwaffengruppe auf Station gerufen und anschließend koordiniert werden musste, ist jetzt eine einheitliche Feuerverteilung über alle Rohrwaffen – vom 127-Millimeter-Hauptgeschütz bis hin zu den fünf schweren Maschinengewehren – von nur einer Multifunktionskonsole aus möglich. Dies gewährleistet eine 360-Grad-Abdeckung und verkürzt die Verzögerung zwischen positiver Identifikation und erster Bekämpfungsmöglichkeit erheblich – ein zentraler Vorteil der Fregatte 125 im Bereich der Wirkungsmöglichkeiten. Zusätzlich erhöhen die lafettierten und seestabilisierten Rohrwaffen die Präzision gegenüber kleinen und agilen Seezielen wesentlich.
Als zusätzliche Komponente aus dem Bereich Wirkung war ein Bordeinsatzteam aus Eckernförde eingeschifft. Diese Soldaten ergänzte das Personal der Baden-Württemberg bei Operationen in unmittelbarer Küstennähe. Eine personelle Aufwuchsfähigkeit zu einer Bordeinsatzgruppe wäre im Bedarfsfall möglich gewesen. Vorrangig erfüllte das Bordeinsatzteam jedoch die Fähigkeitsforderung nach Boardingoperationen. In den Planungen und Übungen waren sie aber Dreh- und Angelpunkt einer möglichen schnellen Seeabholung und integraler Bestandteil der Force Protection zur See und im Hafen. Somit konnte die Baden-Württemberg auch im Bereich Unterstützung mit der Bereitstellung von taktischer Mobilität überzeugen. Im Rahmen mehrerer Personaltransfers vor der libanesischen Küste konnte die Besatzung entsprechende Verfahren regelmäßig erproben und weiter verfeinern. Immerhin gab es getreu dem Motto train as you fight wenig Grund, nicht jeden Personaltransfer als schnelle Seeabholung durchzuführen, um das Risiko in unmittelbarer Landesnähe zu minimieren.
Unter Ergänzung von Bordpersonal wäre der gleichzeitige Einsatz aller vier Buster in einer Kombination aus Sicherung des Aufnahmepunktes an Land, seeseitiger Sicherung und Transportbooten möglich gewesen. Kurze Anmarschwege zu relevanten Häfen im Mittelmeerraum hätten auch eine schnelle Einschiffung von Spezialkräften für robustere Durchsetzungsfähigkeit an Land ermöglicht. Zusätzlich bot die Einheit die Kapazität, zwei Bordhubschrauber einzuschiffen, mindestens aber als Landedeck für Hubschrauberoperationen zur Verfügung zu stehen.
Im Bereich der Eigenbeweglichkeit konnte die Besatzung – bei Nichtverfügbarkeit von Schleppern in Beirut – die Fähigkeit der Baden-Württemberg nachweisen, auch gänzlich ohne Hafendienstleistungen in einen Hafen einlaufen zu können. Hier ermöglicht das leistungsfähige Querstrahlruder Autonomie. In einem zulässigen Umfeld wäre also die Abholung auch großer Menschenmengen in kurzer Zeit möglich gewesen. Äußerst sparsame Elektromotoren ermöglichen der Fregatte zudem, auf Bunkerstopps zu verzichten und schafften damit operative Freiheit.
Besatzung im Einsatz
Angesichts der Notwendigkeit, eine dauerhafte Balance zwischen Inübunghaltung, Erprobung der bedrohungsangepassten Einsatzkonzepte und Wachsamkeit im Einsatzgebiet zu finden, entschied sich die Schiffsführung, neue Wege zur Erhöhung der Durchhaltefähigkeit zu gehen. Das verfügbare Personal wurde – solange es die Bedrohungslage zuließ – in ein Dreier-Wachsystem überführt. Hierbei entschied man sich für einen zirkadianen Rhythmus, der tägliche und vor allem gleichbleibende Ruhezeiten von mindestens sieben Stunden garantierte. Die Zeit zwischen 11 und 17 Uhr stand für besatzungsgemeinsame Ausbildungsvorhaben zur Verfügung, die restliche Zeit für Seewache, Arbeiten in Eigenregie und Schlaf.
Dabei gelang die durchhaltefähige Umstellung des Wachsystems ohne weiteren Personalzuwachs. Zwingende Voraussetzung war ein iteratives Austesten der Fähigkeiten und Limitationen der Baden-Württemberg und ein darauffolgendes Anpassen des Personalumfangs auf den Seewachstationen. Hervorragende Sensoren, funktionierende Automation und jederzeit garantierte Verteidigungsfähigkeit ermöglichten die Realisierung des Konzepts. Dennoch ging die Besatzung dabei an die Grenzen des Leistbaren, da das Dreier-Wachsystem aufgrund der geringen Besatzungsstärke nur wenige personellen Ausfälle verkraften konnte.

Bereits von See aus waren Kampfhandlungen zu erkennen, Foto: Bw
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass sich die Baden-Württemberg in ihrem ersten Einsatz voll bewährt hat. Vereinzelte Defekte waren unvermeidbar, zu erwarten und können daher unter Kinderkrankheiten des Waffensystems F 125 verbucht werden. Ausreichende Redundanzen garantierten allerdings, dass alle Fähigkeiten bereitstanden. In den Bereichen Führung, Aufklärung und Unterstützung kann die Baden-Württemberg neue Maßstäbe setzen. Ihre Rohrwaffen beherrscht sie wie keine andere Fregattenklasse der Deutschen Marine. Hier wird sie zwar durch eine reduzierte Befähigung zur Luftverteidigung eingeschränkt, kann aber mindestens einen starken Führungs- und Aufklärungsbeitrag zur Luftlage bei robustem Eigenschutz bieten.
Es zeichnet sich ab, dass die Trennschärfe zwischen Landes- und Bündnisverteidigung zur See und internationalem Krisenmanagement zunehmend schwindet. Staaten nutzen asymmetrische Mittel im Seekrieg, nichtstaatliche Akteure setzen Lenkflugkörper ein. Auch in diesem neuen Kontext wird die Fregatte 125 ihre Fähigkeiten überzeugend in einer Vielzahl maritimer Aufgaben einbringen, somit ältere Fregattenklassen entlasten und diesen eine dringend benötigte Verschnaufpause ermöglichen. Mindestens wird sie anderen Einheiten der Deutschen Marine ermöglichen, sich vollkommen auf den hochintensiven Kampf an einem anderen Ort zu konzentrieren.
Von einer konzeptionellen Überholung der Klasse 125 kann keine Rede sein. Wohl aber kann – in Anbetracht der gegenwärtigen materiellen Verfügbarkeitslage und den sicherheitspolitischen Entwicklungen im Roten Meer – eine Fähigkeitserweiterung der Klasse 125 im Bereich Luftverteidigung angestrebt werden.
Korvettenkapitän Simonas Vollmer ist Erster Offizier der Besatzung F 125 Delta.
Simonas Vollmer










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